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Die Stimme · 1931-02-19 · Heft 164 (19.2.1931) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 164 (19.2.1931)
Date
1931-02-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. Iö4 — 19. Februar 1931 {freie zionistisehe Hiifittne Die Poale Zion und die zionistische Landesorganisation Von Samu H a 1 p e r n Zwischen bürgerlichen und proletarischen Parteien gab und gibt es immer unüberbrückbare Gegensätze. Unterschiede zwischen Lebens- und Geseiischaftsauffassung trennen die beiden Bevöikerungsschichten. Die durch die heutige wirtschaftliche Ordnung in der Gesellschaft erzwungene Teilung in verschiedene Klassen macht natürlich, trotz dessen abnormaler Lage im Völkerfeben, auch vor dem jüdischen Volke nicht Halt. Auch im jüdischen Volke müssen wir die Trennung in Bourgeoisie, Mittelklassen und Proletariat konstatieren. Bei aller Richtigkeit dieser Tatsachen muß man aber anerkennen, daß, trotz der ungeheuren Trennung, die die verschiedensten Volksschichten mit ihren verschiedensten Interessen auseinanderreißt, es doch Zeiten gibt, Zeiten der Volksnot, Zeiten der Not der gesamten Nation, die eine Zusammenfassung aller Volksteile ermöglichen und dringend erheischen. Der letzte außerordentliche Dclegiertentag der österreichischen Zionisten hat den Beschluß gefaßt, die Landespolitik aus dem Bereiche der zionistischen Organisation zu verbannen. Von niemandem wird dieser Beschluß mit solcher Freude und Genugtuung begrüßt werden, wie gerade von den Zionisten, die in ihrer sonstigen Lebensauffassung Sozialdemokraten sind. Viele Steine des Anstoßes sind mit diesem Beschluß aus dem Weg geräumt worden. Und da soll die Frage aufgeworfen werden, ob es nicht gerade jetzt die richtige Zeit wäre, sich endlich zusammenzufinden und die gemeinsame Arbeit auch gemeinsam zu leisten. Auch die Poale Zion in Wien müßte sich fragen, ob es nicht gerade jetzt, da das Palästinawerk eine große Krise durchmacht, höchste Zeit wäre, den Beschluß des Zionistenkongresses zur Bildung von territorialen Organisationen durchzuführen. Da gab es in Deutschland Zeiten der Not. Sozialdemokraten gingen in die Regierung oder unterstützten bürgerlich-demokratische Regierungen; ja, sogar die Regierung Brüning, die keineswegs das Ideal einer Regierung, und. sei es auch nur einer bürgerlichen* ist, genießt die Unterstützung der Sozialdemokraten, wenn auch nur indirekt, ln der Tschechoslowakei sitzen tschechische und deutsche Sozialdemokraten in einer bürgerlichen Regierung. Und gab es nicht auch bei uns in Oesterreich Zeiten, da Sozialdemokraten mit Bürgerlichen in einer Regierung saßen? Es waren eben Zeiten der Volksnot, Zeiten, an deren Not alle Bevölkerungsteile’ «partizipierten», Zeiten, die, bei alhsn natürlichen und immer bleibenden Gegensätzen innerhalb der einzelnen Voiksteile, ein Zusammengehen aller Gruppen auf einer wenn Telegramm aus Persien Jüdische Kinder u. Erwachsene Wiensf! ankomme 8 märz stop erscheine 5 uhr nachmittags festsaal bayrischer hof taborstrasse 30 als gast der zionist. frauengruppe leopoldstadt stop sichert schönen empfang stop bringe viel belu^tigungen mit stop königin esther auch beschränkten Grundlage ermöglichen und erforderten. Man braucht kein Freund von Koalitionen zu sein, sei es in der «höheren» Form einer Regierung oder auch nur in einer Arbeitsgemeinschaft von proletarischen Organisationen mit Bürgerlichen. Halten wir uns nur das vor Augen: das jüdische Volk und seine Renaissancebewegung, der Zionismus, befihden sich in einer großen Not. Diejenigen aber, die unter der Krise des Palästinawerkes leiden, sind vor allem unter den Trägern des Palästinaufbaues, unter den jüdischen Arbeitern in Palästina zu suchen. Um so mehr Grund für die Poale Zion, mit jedem zusammenzugehen und mitzuarbeiten, der eine unsere Volkssache fördernde Arbeit zu leisten verspricht. Durch das Aufgeben der Landespolitik seitens des zionistischen Landesverbandes ist es auch für uns zionistische Sozialdemokraten möglich geworden, mit dem Landesverbände mitzuarbeiten. Unser sozialistischer Standpunkt bleibt aber auch sonst unberührt, weil wir eben in außerordentlichen Zeiten und in einer für die Renaissance unseres Volkes ganz bedeutsamen Periode leben. Der Weg ist frei und muß daher von allen Verantwortlichen gegangen werden. Kalenderreform-Konferetiz in Polen Warschau, 10. Februar (J. T.-A.). Das Handelsministerium lud die Vertreter der religiösen und wissenschaftlichen Institutionen sowie Vertreter wirtschaftlicher Organisationen zur Beratung des dem Völkerbund vorliegenden Planes einer Kalenderreform ein. Der Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde, Farbstein, erklärte, die in dem Genfer Communique, das zur Beratung vorliegt, aufgestellte Behauptung, die jüdischen Gemeinden hätten sich mit einem festen Termin des jüdischen Pessachfestes gemäß dem neuen Kalender einverstanden erklärt, sei falsch; die Abhaltung des Pessach- Radio, Grammophone, Schallplatten I Neueste Marken, auch Umtausch älterer Apparate. I Zahlungserlcichterung. Radiohaus “£ lphora*1 9 I., Döminlkanerbasiei Nr. 22, Ecke Franz-Josefs*Kal 9 Telephon Nr. R-24-4-16 Qj festes sei einzig und allein vom jüdischen Kalender abhängig. Farbstein stellte auch andere Irrtünrer im Genfer Communiqud mit Bezug auf die Stellungnahme der Juden richtig und führte aus, die Judenheit der ganzen Welt werde mit aller Energie eine Kalenderreform bekämpfen, die die Heiligkeit des jüdischen Sabbath als Ruhetag irgendwie antastet. Das wirtschaftliche Motiv darf nicht allein maßgebend sein, man müsse mit den religiös-geistigen Motiven rechnen. Die Juden haben der Welt den Wochenruhetag gegeben, man soll jetzt den Juden nicht ihren Sabbath nehmen. Der Plan der Blanko-Woche könne am besten auf folgende Weise verwirklicht werden: Festsetzung von drei Perioden zu sechs Jahren mit je einer Blanko-Woche, dann von zwei Perioden zu je fünf Jahren mit je einer Blanko-Woche. Ein palästinensischer Jurist Privatdozent in Genf Der palästinensische Jurist Dr. Nathan Feinberg, der seit einigen Jahren in Genf lebt und auf demr Gebiete des Völkerrechtes wissenschaftlich arbeitet, ist zum Privatdozenten für Völkerrecht an der juristischen Fakultät der Genfer Universität ernannt worden. Nach 15 Monaten Aufenthalt aus Palästina ausgewiesen Nach lömonatigem AuL-.uialt in Palästina wurde der 36jährige Israel Yaroschewsky wegen Nichtbesitzes einer Aufenthaltsbewilligung zu einer Geldstrafe von 20 Pfund und Landesverweisung verurteilt. Die palästinensischen Zeitungen geben die Geschichte der Einwanderung Yaroschewskys nach Palästina und seines Aufenthaltes im Lande ausführlich wieder, um die Aufmerksamkeit der Regierungskrise und der Oeffentlichkeit auf die Härten hinzulcnken, die sich 3us der buchstabengemäßen Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen durch die Einwanderungsbeamten ergeben. Yaroschewsky kam in Begleitung seiner Eltern auf Grund eines Touristenvisums im Oktober 1929 nach Magdiel zu seinem Bruder, der dort eine Orangenpflanzung besitzt. Nach sechs Wochen wurde Yareschewsky vom Dorfrat von Ain Hai eine zweijährige Konzession für einen Gemischtwarenhatidel angeboten. Yareschewsky entschloß sich, dauernd im Lande zu bleiben, nahm das Angebot an und investierte etwa 500 Pfund in dem Geschäft. Gleichzeitig reichte er ein Gesuch um Uebernahme in den Einwanderungsstatus ein. Dem Gesuch war eine Abschrift des Vertrages mit dem Dorfrat beigefügt. Ein Einwanderungsbeamter untersuchte den Sachverhalt und hob von Yaroschewsky die Kopfsteuer von einem Pfund, der alle Einwanderer unterworfen, von der aber Touristen befreit sind, ein. Yaroschewsky konnte daher mit Recht glauben, daß die Regierung, wenigstens provisorisch, ihre Einwilligung zu seinem dauernden Aufenthalt gegeben habe. Zu seinem Erstaunen erhielt er drei Monate später die Verständigung, daß sein Gesuch abgewiesen worden sei. Er wandte sich an die zionistischen Behörden um Intervention, übergab eine Geschäftsbilanz und i andere Dokumente und führte sein Geschäft in der Ueberzeugung, daß die ihm zugekommene Verständigung auf einem Verstoß seitens der Behörden beruhe, fort. Im Mai erhielt er die Verständigung, daß ihm die Auf« enthaltsbewilligung verweigert worden sei, und daß er das Land spätestens am 9. Juni verlassen müsse. Daraufhin richtete Yaroschewsky eine Appellation an den High Commissionen Abermals wurde er aufgefordert, nachzuweisen, daß er Kapital besitze. Yaroschewsky wies nach, daß er ein Bankguthaben von 400 Pfund besaß. Hierauf erhielt er die Aufforderung, einen Bargeldvorrat von 1000 Pfund nachzuweisen. Da ihm dies nicht möglich war, wurde er verhaftet, angeklagt und zu der erwähnten Geldstrafe, sowie Landesverweisung verurteilt. Aus Briefen, die Yaroschewsky aus Polen erhalten hat, geht hervor, daß der britische Einwanderungsbeamte in Warschau dem Palästina-Amt der Zionistischen Organisation Vorwürfe gemacht hat, weil es Yaroschewsky ein Touristenvisum besorgt habe, obwohl «seine Absicht, in Palästina zu bleiben, von Anfang an feststand». Zahlreiche jüdische Touristen haben in letzter Zeit die Erlaubnis zu dauernder Niederlassung in Palästina erhalten. Wahrscheinlich wollte der Leiter des englischen Einwanderungsamtes durch die rigorose Behandlung des Falles Yaroschewsky ein abschreckendes Beispiel geben. OCXXXXXXX30GOOOCXXXXXX3000COOOOOOOOOOOOO | Jaden! fj g Kaufet Palästina-Produkte! j ij|! Jafla-Orangen Karnul Weine r!!;! Palästina Olivenöl (Schemen) >j ijji liefert zu billigen Preisen direkt ins Hans IL j[| SAMUEL HRLPERN II., FBrstergasse 6; Tel. R-40 4 12 zj X Orangen-Preise: Pakete za 15. 18, 23 n. 26 St. S 6.80 Sj iJJ i Originalkisten zu 50, 60, 15 u. 90 SL , . S 19*— f OOOOOCCXXXXXÄXRiC^XXXXXXXiOOC»OOOOOGOOL! rissen und stückweise zu mir herüberklangen. Bald hatte ich es heraus, daß die Passagiere des Schiffes jiddisch sprachen. Meine Vermutungen hatten sich bestätigt. Juden auf dem Schiff. Kinder, Jünglinge, Mädchen, Eltern und auch Greise. Und nun hatte ich die Ueberzeugung, daß diese Juden nach Palästina fuhren. Ich schwärmte . . . Wohin denn sonst konnte eine solche Menge Juden fahren? Gab es noch irgendeinen Ort auf dieser Erde, der so zu locken vermochte wie Erez Israel? Sie fahren arbeiten, aufbauen! Meine Versuche, mit den Reisenden in Verbindung zu treten, schlugen fehl. Ich beugte mich weit über das eiserne Geländer und rief sie an. Man hörte mich anscheinend nicht. Ich beschloß, eine der Gruppen, die das Schiff verließen, anzusprechen. Im letzten Augenblick schreckte ich davor zurück. — An diesem. Tage kam ich nicht nach Hause. Ich vergaß alles. Meine Sinne waren gefangen von dem Schiff und den Juden, die nach Palästina fuhren. Ach, wie glücklich mußten sie dort sein! Als es Nacht ward und die Lichter entzündet wurden, erstrahlte das Schiff, aber die Gespräche stockten. Ruhe herrschte nun auf dem Schiff. Ich ging langsam heim. Ueber mir funkelten die Sterne, leuchtete der bleiche Mond. Juden auf Fahrt! Geht die Hoffnung in Erfüllung, für die wir leben, kämpfen und sterben? Sterne strahlen und verlöschen, wenn es Morgen wird. Aber Hoffnung, durch ßlut genährte Hoffnung, ist ewig. Und Ewigkeit ist Erfüllung. — Am nächsten Morgen — es war knapp nach zehn Uhr -— hatte ich Glück. Ich stand wieder an meinem gewöhnlichen Platz, als man mich in jiddischer Sprache anrief. Der Optimismus dieser Stimme verblüffte mich. Es war ein junger Mann vom Schiff, der mir bereits aufgefallen war. Mittelgroß, schwarz, mit eckigen Zügen un.d feurigen Augen. Der magere Körper stak in hellen Beinkleidern und einem offenen Hemd, das er unter einer buntfarbigen Wollweste trug. «Woher wissen Sie, daß ich jiddisch spreche?» fragte ich. «Ach was», meinte er, «ich habe überall Juden getroffen». Dieses «Ueberall» klang so überlegen, daß ich es stillschweigend akzeptierte. Aber er fuhr fort: «In Polen, in Rumänien, in Litauen . . .» Ich mußte lachen. «Ist das überall?» Seelenruhig, aus vollster Ueberzeugung, antwortete er: «Ja». Wirklich, in diesem einen Worte lag die Seele des Juden, sein unversiegbarer Glaube an sich selbst, an die Zukunft, an die ganze Welt — vitalste Kraft einer zähen Rasse. Nachdem wir ein paar Worte gewechselt — er wollte wissen, wie man. in die Judengegend komme — stellte ich ihm die Frage, die in mir brannte und die mich in diesen Tagen alles andere hatte vergessen lassen: «Wohin fahrt ihr?» «Nach Südafrika. Bei Johannisburg . . . Dreihundert Juden sind wir.» «Also nach Südafrika . . .» Warum schmerzte es mich nicht? Warum ward ich auf einmal so gleichgültig, daß ich die Kälte fühlte, die mein Genick überzog? Warum? Warum? Warum? In mir zersprang etwas, das ganz und gläubig gewesen. «Warum schaut Ihr mich so an?» fragte der junge. Mann wieder. Ich sagte es ihm. All meine Gedanken vertraute ich ihm an. Er lachte — etwas traurig, wie es mir schien. «Nach Palästina? Nein. Warum wir nicht wollen? Wer behauptet das? Es geht nicht. Wir müssen nach Südafrika.» Von Bord rief man ihn an. Ehe er sich verabschiedete, sagte er nachdenklich ein paar Worte; es schien mir, als hätte nicht er sie gesagt, sondern das Judentum der ganzen Welt. «Tröste dich! Die jüdische Wanderung ist noch nicht zu Ende.» Nachmittags war ich furchtbar müde und schlief. Abends irrte ich durch die Straßen und wagte nicht, an den Hafen heranzugehen. Freitag, am frühen Morgen, lief ich hin. Das deutsche Schiff war fort An seiner Stelle lag ein «Engländer». Gelbe, flinke Boys sprangen hin und her. Der Hafen war in Aufruhr. Schiffe heulten, Menschen schrien, Kräne waren in Betrieb, Kinder, Autos, Pferde eilten. Alles lebte und lärmte. Ein unerbittlicher Himmel überdeckte das Getümmel, das steinerne Gewirr der Straßen und den schillernden Fluß, der seinen Weg zog. Draußen fährt ein deutsches Schiff. Bald wendet es die Spitze südwärts, gegen Afrika. Der scharfe Bug schneidet die Gewässer. Auf dem Verdeck schreitet hoffnungsvoll das jüdische Volk. Aber sein Weg ist noch nicht beendet

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