Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 163 (12.2.1931)
- Date
- 1931-02-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 163 — 12. Februar 1931 nrp tmnrv uic o i iwiinc Sette T Jahrgang 3, Nummer 8 Beilage der „Stimme" Februar 1931 Jüdische Kultur für die jüdische Jugend! Ein gangbarer Weg Von Hermann Heiss. Wir bringen den ideenreichen Aufsatz unseres gesch. Mitarbeiters in der «Stimme der Jugend», da er vornehmlich für die Wiener Jugendbewegung bestimmt ist. Der Artikel wird aber zweifellos auch unter den älteren Gg. starken Widerhall erwecken. *r Hauptschaden, unter dem die Kulturarbeit der iNunistischen Bewegung in Wien leidet, ist die völlige Zersplitterung der Kräfte, die jeden Einsatz im kleinen Kreis verebben läßt — das Fehlen eines mächtigen Impulses für die große Bewegung, die jede kleine Kraft mitreißt und ihr Flügel verleiht. Es soll damit nicht gesagt werden, daß Kleinarbeit überflüssig wäre, doch eins gedeiht nicht ohne das andere und zum Gedeihen soll hier ein Weg gewiesen werden. Ich schlage vor: die Schaffung eines Jugendbildungsrates (Name und Einfügung in bestehende organisatorische Zusammenhänge überlasse ich den dazu Berufenen). Ziele: Zusammenfassung aller geistigen und künstlerisch wertvollen Kräfte, die an einem intensiven, jüdischen, kulturellen Leben in Wien interessiert sind und Bildungsarbeit für die jüdische Jugend leisten wollen. Es soll dem Jugendlichen auf allen Gebieten jüdischer Kultur eine gründliche und weserierfassende Bildung vermittelt werden. Diese Arbeit muß vom Geiste jüdischer Renaissance geleitet sein und namentlich den Kontakt mit dem jüdischen, kulturellen Leben in Palästina pflege... Organisatorischer Aufbau: Zu diesem Zwecke wird ein Plenum gebildet, das von jedem Jugendbunde, von jeder Jugendgruppe und Studentenvereinigung, jedem Vereine zur Pflege jüdischer geistiger oder künstlerischer Werte («Verein für jüdische Geschichte und Literatur», «Verein zur Pflege jüdischer Musik», «Jüdisches Realgymnasium», «Pädagogium», «Histadruth Iwrith») mit zwei Leuten beschickt wird. Das Plenum setzt einen Arbeitsausschuß ein, an dessen Spitze ein Leiter und ein Generalsekretär steht. (Der Leiter müßte eine geistig führende Persönlichkeit sein, die, das ganze Werk überblickend und erfassend, ihm die vorhin besprochene Zielrichtung gibt.) Die Wahl des Arbeitsausschusses erfolgt vorerst durch Entsendung des wertvollsten und tüchtigsten Menschen einer bestimmten weltanschaulich zusammengefaßten Jugendgruppe (Linkskartell, rechtsorientierte Bünde), doch sollte diese Zusammenstellung nur einstweilig sein, um dem Arbeitsausschuß, der fruchtbare Arbeit leisten soll, die notwendige Ueberparteilichkeit zu geben. Nachher sollte dieses Prinzip mehr zugunsten der Entsendung wertvoller Menschen ohne Unterschied der Weltanschauung modifiziert werden. Außerdem sind im Arbeitsausschuß alle übrigen früher erwähnten Vereine vertreten, die ihre besten Leute zur Besetzung des sie interessierenden Referates entsenden sollen. Der Arbeitsausschuß gliedert sich in mehrere Referate (zum Beispiel Referat für hebräische Sprache, Referat für jüdische Geschichte, Referat für Musikerziehung, Referat für Festkultur, Organisations- und Finanzreferat), Die einzelnen Referate stehen unter der Leitung des Referenten, der um sich einen Kreis von wertvollen Mitarbeitern sammelt. Der Leiter hat das Recht, Persönlichkeiten, die ihm geeignet erscheinen, wertvolle Arbeit zu leisten, in den Arbeitsausschuß zu kooptieren, doch müssen diese nach drei Monaten vom Ausschuß mit zwei Drittel Mehrheit angenommen werden. (Der Arbeitsausschuß soll aus maximal 9 bis 11 Personen zusammengesetzt sein.) Aufgaben und Rechte des Plenums: Das Plenum tagt halbjährlich einmal, nimmt den Bericht des Arbeitsausschusses entgegen und gibt seine Anregungen und Wünsche an diesen weiter. Beschlüsse Über durchzuftthrende Arbeiten sind bei Mehrheitsbeschluß, bei Wahlen in den Arbeitsausschuß mit swei Drittel Mehrheit gültig, ln besonderen Pillen kann der Arbeitsausschuß mit einfacher Mehrheit die Zusammenberufung des Plenums beschließen. Am Beginn jedes Jahres muß der Arbeitsausschuß dem Plenum ein ausführlichst ausgearbeitetes Arbeitsprogramm für das laufende Jahr vorlegen, dem das Plenum zuzustimmen hat und über dessen Durchführung der Arbeitsausschuß und der Leitere insbesondere dem Plenum verantwortlich ist. (Sollte sich die Zusammenarbeit von Jugend- und Studentenvereinigungen und wissenschaftlichen und künstlerischen Vereinen und den übrigen hier genannten Körperschaften als ungünstig erweisen, so müßte man folgende Gliederung vornehmen: Jugend und Studentenvereinigungen müßten im Plenum, die übrigen genannten Körperschaften in einem wissenschaftlichen, künstlerischen Beirat zusammengefaßt werden, der den Arbeitsausschuß nach dem früher schon erwähnten Modus beschickt. Im übrigen müßte ein auf Erfahrung gut fundierter, organisatorischer Schlüssel ausgearbeitet werden, der ein fruchtbares Zusammenarbeiten zwischen diesen zwei Körperschaften ermöglicht.) Programm für die nächsten Arbeiten. Der Mangel an in jüdischen, zionistischen Fragen gründlich und wissenschaftlich geschulten jugendlichen Kräften ist sehr groß. Dem soll durch Schaffung von Referentensemlnaren abgeholfen werden, in denen den daran Interessierten unter Leitung von bewährten Fachleuten auf ihren Interessengebieten eine gründliche, wissenschaftliche Durchbildung ‘ermöglicht werden soll (Seminar für Palästinar-Geogräphie, -Geschichte und -Wirtschaft, Seminar . für jüdische Geschichte, Geschichte des Zionismus, englische Kolonialpolitik, Seminar für Araberfrage und arabische Kultur. Hier sollte den Menschen, die nach Palästina gehen, tiefes Verständnis für arabisches Volkstum und Kultur ermöglicht werden. Hier könnte man versuchen, eine der schwersten Krankheiten des Zionismus zu heilen.) Der Arbeitsausschuß müßte die Bildungsarbeit in den einzelnen Jugend- und Studentenvereinigungen überblicken und sie aufs tatkräftigste stützen und fördern. Dies könnte zum Beispiel durch Abverlangen eines jährlichen Berichtes über geleistete Bildungsarbeit ermöglicht werden; die einzelnen Referenten des Arbeitsausschusses bearbeiten diese Berichte und senden bei Zustimmung des Leiters ihre Wünsche und Anregungen an die betreffende Vereinigung zurück. Hier sollte durch Vermittlung von geeigneten Leuten — die einzelnen Vereinigungen haben oft keine Uebersicht darüber — das Niveau der Bildungsarbeit gehoben werden. Die Aufgabe müßte statutenmäßig verankert werden. Veranstaltung von Diskussionsabenden: Es soll unter streng sachlicher, objektiver Leitung den jugendlichen Vertretern der einzelnen weltanschaulichen Richtungen im Zionismus Gelegenheit geboten werden, in freier Diskussion ihre Ansichten vorzutragen und sich mit denen des Gegners auseinanderzusetzen; natürlich müßten diese Diskussionen in streng sachlichem, den Gefühlen des Gegners gegenüber pietätvollem Tone gehalten werden. Alle Diskussionsteilnehmer müßten vom Geiste der Suche nach der Wahrheit beseelt sein. Diese Diskussionen können für alle nutzbringend sein: 1. durch Festigung der eigenen Anschauung, 2. durch Gewinn einer sachlichen, geistigen Einstellung dem Gegner gegenüber und 3. Werbemöglichkeit. Referat für hebräische Sprache: engste Zusammenarbeit mit der «Histadruth Iwrith». Gemeinsame Veranstaltungen, Herausgabe einer Zeitschrift in deutscher Sprache, in welcher jüdische, künstlerische oder wissenschaftliche Werke oder sonstige Werke, die Probleme des Judentums berühren, verfaßt in hebräischer, jiddischer oder auch einer anderen Sprache, der Jugend nähergebracht werden. Im besonderen sollte hier der Versuch gemacht werden, Coupon 11 o Jugend-!?)Atfseftd&c M_: .- die Jugend Wiens, die größtenteils des Hebräischen nicht mächtig ist, mit der neuhebräischen Kultur bekannt zu machen, damit endlich der uns immer mehr untergrabenden Assimilation ein wirksamer Riegel vorgeschoben werde. Alle Persönlichkeiten des jüdischen kulturellen Lebens, die hier in Wien ihren Aufenthalt nehmen, sollen in großen öffentlichen Veranstaltungen in deutscher Sprache zur Jugend sprechen, auch sonst sollte« durch Rezitation in deutscher Sprache ihre Werke der Jugend näher gebracht werden. Allgemeine Prüfung in hebräischer Sprache. Diese Prüfung sollte öffentlich von einer Kommission abgehalten werden, die aus Mitgliedern der Histadruth, des Lehrkörpers des jüdischen Realgymnasiums, Pädagogiums oder anderen in Betracht kommenden Persönlichkeiten des öffentlichen jüdischen Lebens zusammengesetzt ist. Zur Erlangung des Diploms und eines Abzeichens, das die Inschrift «Iwri »trägt, müßten folgende Bedingungen erfüllt werden: Freier Vortrag und Kommentar einer selbstgewählten Steile aus der Bibel; allgemeine Kenntnis der Bibel; schriftlicher hebräischer Aufsatz; allgemeine Uebersicht über jüdische Literaturgeschichte bis zu Beginn der neuhebräischen Literatur; freier Vortrag über ein selbstgewähltes Werk oder einen Dichter der neuhebräischen Literatur. (Dies alles natürlich in hebräischer Sprache.) Referat f ü r Mu s i k e r Ziehung: Förderung und Verbreitung jüdischer Musikkultur in Wien. Gründung eines jüdischen Orchesters zur Aufführung jüdischer Musik oder Werke jüdischer Musiker. Gründung von Chören, Veranstaltung von Singabenden, Pflege des jiddischen und hebräischen Volksliedes. Zusammenarbeit mit dem Referat für Festkultur bei Veranstaltungen. Referat für Festkultur: Veranstaltung von vorerst zeitweiligen, nachher wöchentlichen «Oneg Sabbath», die der Jugend jüdische Kunst auf hohem künstlerischen Niveau vermitteln sollen. Gründung von Sprechchören, Dilettantentheatern, Aufführung von Revuen, Feiern von nationalen Festen in zeitgemäßer Form. Theaterreferat: Ausgabe von ermäßigten Karten, für,die Aufführungen der «Wilnaer Truppe». Fühlungnahme mit der Leitung des Theaters zwecks Anpassung. des Repertoires an jugendliche Besucher. Hier, könnte auch der Versuch der Schaffung einer Theatergemeinde und eines dreisprachigen Theaters (in hebräischer, jiddischer und deutscher Sprache) gemacht werden. Natürlich sind all dies nur Ansätze; das Arbeitsfeld ist so groß, daß es sich für den Moment fast gar nicht überblicken läßt. Wird dies Werk seinen Meister finden, die Führerpersönlichkeit, die ihm den großen Schwung verleiht und es zur Tat werden läßt, so wird Wien ei« zionistisches, ein jüdisches Zentrum werden. Führertag des Techeleth- Lawan in Chocen Unter Anwesenheit von etwa 50 Delegierten aller Kreist fand am 1. und 2. Februar in Chocen der FUhrertag des Techeleth-Lawan statt. In den letzten Jahren seiner Entwicklung setzte sich im Bunde die Erkenntnis durch, daß das konkrete' Erziehungsziel einer zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung nur Chaluziuth sein kann. Die Konsequenz dieser Anschauung und der revolutionierende Einfluß palästinensischer Wirklichkeit auf die jüdische Jugend führte die Gründung des Kibbuz Techeleth-Lawan herbei. Durch die Alijah des Kibbuz Techeleth-Lawan wurde der Gedanke der palästinensischen Kibbuz- und Arbeiterbewegung lebendig. Die Einordnung des Kibbuz in Palästina mußte den Bund mit den übrigen Kreisen der chaluzischen Jugend in Verbindung bringen, ganz besonders mit den Gruppen, deren politisch-ideologische Einstellung dem Bunde entsprach. Den Techeleth-Lawan bedauert die Spaltung innerhalb der Kibbuz» und Arbeiterbewegung Palästinas, die sich darin ausdrückt daß einzelne kibbuzistische Kreise sich der Vereinigten An beiterpartei noch nicht angeschiossen haben und selbständig« * Politik betreiben; auch die wirtwhaftädj-prganjaatoriady ,v v