Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 163 (12.2.1931)
- Date
- 1931-02-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seit« 6 DIE STIMME Nr. 163 — 12. Februar 1931 Rand m den Katif Von unserem palästinensischen Berichterstatter Jakob Singer Dezemberhimmel über Jehuda Dezember-Himmel über Jehuda: Blaßblau wechselt mit bleichem Gold und Wolkengrau mit durchsichtiger Helle — das ist der Herbst, der Herbst- Winter Erez Israels. Denn unser Land ist ein Land der jähen Uebergänge. Es wechseln Sommer und Winter, ohne uns den herben Hauch des Herbstes, den wir in Europa kannten, zu geben. Der Tag geht in den Abend über, gleichsam verwehend in ihm ohne das leise Herandämmern voll ungewisser Träume, voll trüber Hoffnungslosigkeit . . . leise und jäh sinkt der Abend herein; ein wunderbarer Wechsel von tausenden Farben, die einander ziellos jagen, und ein matter Glanz der fernen Berge — sie künden: es wird Abend. Und da es Abend wird, senken sich breite Schatten über den grauen «Kwisch» (Straße), der Tel- Aviv mit Jerusalem verbindet, und die Arbeiter der «Pardessim» (Orangengärten) kehren heim, mit den länglichen, leeren Eßkörben überm Arm. Die Tage sind kurz im Monat Tebeth. Eng aneinandergelehnt sitzen die Arbeiter auf dem Lastauto, das sie in die Kolonie fährt, denn es ist wenig Platz für die Vielen, und der kalte Hauch des Abends streicht von ferne herüber — da reißt sich ein Lied los aus trockener Kehle und noch eines und noch eines und sie singen es alle: der «Einsame» aus Rußland und Lettland, die aus den Kibbuzim, der Jude aus Yemen mit dem spärlichen Bart und den langen, glatten Seitenlocken, der «Watik», der schon sechs und acht Jahre in der Kolonie lebt, die von der dritten Alijah und die Jungen, die erst im letzten Jahre ins Land gekommen sind, die «Nüchternen» und die von überströmender. Schaffensfreude Trunkenen, die in «Ohalim» (Zelten) wohnen und in «Zrifim» (Baracken) und die in fremden Häusern sich eingemietet haben — alle singen sie es. Und man fühlt in solchen Augenblicken das große Wunder, das Wunderbare: hier haben wir einen neuen Typus des jüdischen Menschen geschaffen — den jüdischen Arbeiter, eine neue Schichte im jüdischen Volke — die Arbeiterschaft. Wir haben einen neuen J i s c h u w geschaffen. Der Katif In diesen Monaten geht der Katif vor sich, die Orangenernte. Sie setzt ein, wenn der erste Herbstregen gefallen ist, Ende Oktober, und zieht sich bis etwa Ende Februar hin. Die , Zeit der Orangenernte ist neben der Saison für Neqpflanzungen (im Früh-, jahf)-1 die wichtigste Arbeitssaison in der Kolonie, Sie beschäftigt eine große Zahl von Arbeitern. Aber darüber hinaus ist sie für die ganze palästinensiche Wirtschaft von unübertroffener Bedeutung — bestimmt sie doch in gewissem Maße die nächste Zukunft, das Ausmaß der Neupflanzung und damit der neuen Arbeitsmöglichkeiten. Die Orange ist das wichtigste Exportgut der jungen palästinensischen Wirtschaft, im wahrsten Sinne des Wortes ein «Goldapfel», wie die Orange hebräisch heißt. Es war nicht immer so. Erst nach längerem Herumexperimentieren und tastenden Versuchen hat sich die Erkenntnis von der Rentabilität der Orangenpflanzungen durchgesetzt und im Nu, könnte man sagen, — denn was sind 30 Jahre Geschichte in der Wirtschaft eines Landes? so einstreichen und, daß die armen Araber verhungern. Das kommt aber davon, wenn man mit ihnen Männer im Land herumschickt, statt einer Frau. Hätte ich den Simpson nur erwischt, würde ich ihn eines schönen Tages hergebracht haben, hierher nach Rambam-Street, und hätte ihm gesagt, was und wie. Sie sehen, Herr Simpson, möchte ich sagen: Hier haben Sie Shimon und mich und das Kind. Was möglich, kaufen wir natürlich von Juden — beim Verein der Marktgärtner zum Beispiel — alles übrige vom Araber. Wir zahlen hohe Mieten und Steuern für diesen elenden Laden und unsere zwei Zimmerchen. Und wir zahlen zwei Pfund monatlich für den Kindergarten und, so oft er kann, schickt Shimon seiner alten Mutter einen Pfund, damit sie nicht wirklich vor Hunger stirbt. Nun halten wir den Laden neun Stunden täglich offen — aber dort drüben steht Mahmud, ein ganz braver Kerl, gegen den ich persönlich nichts habe; der hält 18 Stunden täglich offen und das 7 Tage in der Woche. Und, ist er müde, kriecht sein Bruder vom Schläfchen unter dem Ladentisch hervor und abends übernimmt sein Onkel den Posten. Dann hat er dort zwei Neffen, die Rettig und Spinat bespritzen, bis sie aussehen wie Rubine und Smaragde, und noch einen dritten, der die Fliegen wegscheucht. Seine Früchte bringt ihm der Sohn herein, und die wieder sind fast durchaus von anderen Verwandten angebaut. Ich hab* ausgerechnet, daß nicht weniger als 17 Menschen ihren Unterhalt aus dem Geschäft ziehn und — merken Sie wohl — selten kauft er von einem Juden und nie verkauft er an einen Araber. Schauen Sie sich Mahmud und schauen Sie sich meinen Shimon an», möchte ich zu Herrn Simpson sagen: «Wer also, bitte, tut Ihnen mehr leid, sagen Sie doch!» Die Näherin: «Ich mag nicht Simpsons Mitleid und nicht seine Liebe. Wissen Sie, wie die Engländer uns behandeln? Wie eine von den sauberen Müttern, — hat die Fläche für Orangenpflanzungen sich verfünffacht. Aber der palästinensische «Goldapfel» ist noch lange nicht zur gewünschten Stabilität gekommen. Der Weltmarktpreis schwankt noch, die spanische und die kalifornische Orange wollen nicht aufhören, die qualitativ zweifellos bessere Palästina-Orange zu bedrohen. Mit besonderer Aufmerksamkeit liest man daher die kurzen, doch bedeutungsvollen Notizen und Ausweise über den Orangenversand, über die in England und anderwärts erzielten Preise; manchmal ist man besorgt, doch — wie man dann später bei näherer Betrachtung der Dinge gewahr wird — grundlos. Ein neues Lied Ein neues Lied? Nein, es ist ein altes Lied, das eine neue Melodie bekommen hat, eine einfache Melodie, froh-fröhlich, wie man sie zu «Simchath Thora» singt. (Ich bedaure, sie nicht in Musiknoten wiedergeben zu können). Aber auch die Worte sind sehr einfach, fast nichtssagend, so: «Chewrajah, chewrajah, Ma naasseh b’li awodah? Eipho, w’eipho naawod? Bassadofh —• arawim, Bakramim — beduim, Ubejakabim — bnei ha-ikarim --» (In Prosa übersetzt: «Freunde, liebe Freunde! Was soll’n wir tun — wir haben keine Arbeit. Denn auf den Feldern arbeiten Araber, in den Weinbergen Beduinen und in den Weinkeltereien Kolonistensöhne). Es ist nur eine Prosaübersetzung, aber vielleicht vermittelt sie doch denen, die die hebräischen Worte nicht verstehen, ein klein wenig von der Stimmung der jüdischen Arbeiter in den Kolonien. Katifarbeit ist da, Ernte investierten Kapitals, Frucht nach einigen Jahren Wartens. . . Und gerade diese Zeit muß (nach welch unbarmherzig starrer Logik?) zur Verurteilung ocxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx^ | Juden! § | Kaufet Palästina-Produkte!! gi Jaffa-Orangen Jaffa-Övape Fruits X fi| KarmU Weine Chedera-Honig X fi Palästina-Olivenöl (Schemen) jj[ Sj. liefert za billigen Freisen direkt ins Hans X fi! SAMUEL HflLPERN II., Förstergasse 6; Tel, R-40 4-12 0 r! Orangen-Prelse; Pakete za 15 18, 28 n. 26 St. S 6.80 f| C[ Öriginalkisten zu 50, 60, 5 n. 90 St.. . S 19.— C> des jüdischen Arbeiters, zu Hunger und Arbeitslosigkeit führen? Ja, die Tatsachen der 'neuerlichen Konflikte im heurigen Katif bezeugen es. Warum? fragt der jüdische Arbeiter, der dem Rufe Erez Israels folgend ins Land gekommen ist. Es ist eine ernste Frage und eine ernste Mahnung, sie verleiht dem palästinensischen «Goldapfel» einen wehmütig schimmernden Glanz, der sich bedrückend auf die Stimmung des jüdischen Arbeiters in der Kolonie legt. Das Lied «Chewrajah» gibt ihr Ausdruck. Die Arbeiter singen es, wenn sie abends in geschlossener Reihe durch die breiten Gassen der Kolonie spazieren. Der Pardes Es gibt alte und junge Pardessim (Orangengärten). Die jungen, neuen Pardessim sind natürlich viel planmäßiger angelegt als die alten: breite Abstände zwischen den einzelnen Baum reihen ermöglichen dem einzelnen Baum eine weitgehende Entfaltung, ermöglichen die Anlage von schmalen Schienenwegen, die das Herausziehen der Frucht auf primitiven Tragbahren überflüssig machen. (Auch in der Plantagenwirtschaft greift immer mehr das Prinzip der Rationalisierung Platz). Einzelne Bananenbäume sind da und dort liineingeschneit. Im übrigen macht alles den Eindruck strenger Ordnung und Planmäßigkeit — Industrie. Es gibt alte Pardessim, die wie wunderbare, duftige Parks angelegt sind, hohe mächtige Dattelpalmen säumen breite Wege ein und bilden lebendige Zäune für die blühenden, in sie eingebetteten Plantagenvierecke. Alte Bäume strecken ihre weitverzweigten, von goldener Frucht schweren Aeste ln den Raum. Zwischendurch leuchten helle Zitronen und saftig grüne Mandarinen und auf schmalen Lichtungen duften violette Sträucher und gelbe Wiesenblumen ... Mit einer eigens hierfür konstruierten, federnden Schere werden die Früchte vom Baume gelöst und vorsichtig und sachte in mit Jute gefütterte Körbe gelegt, damit sie keinerlei Verwundung erleiden, dann tragen je zwei Arbeiter je vier Körbe auf einer Holzbahre in das Magazin. Sie gellen den schweren Schritt von Arbeitern, die es gewohnt sind, Lasten zu tragen. Und zuweilen halten sie für einen kurzen Augenblick inne. In diesem einen Augenblick dringt alles um sie auf ihre wachen Sinne ein: das süße Vogelgezwitscher aus den hochragenden Zypressen, das Gesumme der Bienenstöcke, die entlang den dichten. Kaktussträuchern am Rande des Pardes aufgestellt sind, der dünne Gesang der Mädchen, der «Pflückerinnen», das regelmäßige Zuschnappen der «Maktefah», der Pflückschere. Und die müden Augen, die zurückschauen, erspähen in dem Gewirr der Blätter andere Augen, viele Augen, denen sie in einem sonnigen Lächeln begegnen. Und die weißen Hönde, die nach den goldenen Aepfeln greifen — es ist wie ein Grüßen. Unsere Sinne sind wach; die Arbeit hat sie nicht abgestumpft. Das sagen die Blicke dieser Augen, das Winken dieser Hände. Es ist die Zeit des Katifs, der Orangenernte. Und der lichte Dezember-Himmel schwebt über Jehuda — das ist der Herbst. Und da es Abend wird, blinken die fernen Berge in eigenartigem Glanz. Die Arbeiter, die von der Arbeit heimkehren, stehen versonnen und schauen in diese bergige Ferne. Sie warten auf da? Auto, das sie in die Moschawah fährt . . . „Dawar“ gegen Warburg J e r u s a 1 e in. (J. T, A.) Das . Aroelterorgar. «Dawar»' erklärt, der gesamte Jischuw seit tief enttäuscht darüber, daß Felix M. Warbürg die Leitung des Joint-Drives in Amerika übernommen hat, so daß Prof. Weizmann genötigt ist, an der Spitze der zionistischen Delegation zur Verstärkung des unter Leitung von MorrisRothenberg stehenden Palästina-Drives nach Amerika zu reisen. Die zionistische Bewegung werde, falls die Dinge so weiter gehen sollten, die Frage zu klären haben, welche Vorteile sich für den Palästina- Aufbau durch die Erweiterung der Jcwish Agency ergeben haben. Bei der Erweiterung der Jewish Agency habe man nicht damit gerechnet, daß Warburg seine Arbeitskraft nur dem Joint widmen und Weizmann gleichzeitig die Last der politischen und die der finanziellen Arbeit für den Palästina-Aufbau zu tragen haben werde. die ihrem Baby einen Zummel in den Mund stecken. Wenn es merkt, daß nichts daran zu essen ist, nimmt sie ihm den Zummel weg und das Baby heult; dann gibt sie ihm den Zummel mit einer großen Geste zurück und das Baby ist so dankbar und saugt weiter, bis das Ganze von vorne beginnt.» Die Doktorsfrau: «Sie haben ganz recht, daß man sich nicht darum kümmern soll, was die Gojim von uns meinen, Wissen wir denn nicht alle, daß sie uns fürchten, wenn wir reich sind, und uns verachten, wenn wir arm sind; daß sie uns hassen, wenn wir anders sind als sie, und daß sie uns noch mehr hassen, wenn wir ihnen gleichen? Es steckt ihnen von jung auf in den Knochen, und wenn auch ihre Besten dagegen ankämpfen. Instinkt bleibt Instinkt. Nein, alles liegt an uns Juden. Wenn s 1 e zu uns stehn, werden wirs überleben, lassen sie uns aber im Stich, dann sind wir verloren. Schaue ich um mich und sehe, was in den 22 Jahren, die ich hier im Land bin, geschaffen wurde, und denke ich daran, daß — Gott behüte — die Schulen und Kindergärten und Spitäler und Fabriken und Läden und Farmen alle geschlossen werden müßten, weil es an Hoffnung fehlt — merkt Euch das, nicht an Geld, nein Hoffnung, um das alles in Gang zu halten, dann könnte ich verrückt werden. Ich —» Die Witwe: «Man soll sich nicht aufregen. Weinen hilft nichts. Laßt mich Euch was erzählen, von der alten Frau auf Nr. 16, die Sonntag gestorben ist. Sie war aus Kaminitz Podolsk, wie mein Seliger, und kannte ihn, als er noch ein Kind war. Am Wahltag4) «Wen wollen Sie denn wählen, Tante Gittel?», frage ich. — «Eben darüber wollte Ich Ihren Rat!» sagt *) Die Wahl zur «Knesset Jiarael», Gesamtvertretung der Judenschaft Palästinas. bat sie mich, ich solle sie hinbegleiten.» sie und nimmt mich beim Arm. «Jedenfalls stimme ich für die Juden l» — Ich versuche ihr zu erklären, daß es lauter Juden sind. — «Lauter Juden, wirklich! Ich will sie alle wählen!» ruft sie voll Freude. — Da kommt ein Bursch vorbei, reicht ihr die Liste der Revisionisten und erzählt, sie meinen, Jabotinsky würde die Sache besser machen als die jetzige Verwaltung. — «Ja,» meint sie unwillig, «die Verwaltung muß geändert werden. Schau nur, wie sie die Juden hindern, ins Land zu kommen und wie sie die Pogrome zugelassen haben.» — Ich verzweifle schon, daß sie sich je zurechtfinden wird, als eine Bekannte von ihr des Weges kommt und sie für die Frauenliste bearbeitet. — «Frauen — natürlich!» antwortet sie stolz. «Stellt Euch nur vor — eine Königin in Jerusalem!» — Aber sie verkühlte sich, die arme Tante Gittel und ein paar Tage später ließ sie mich holen. — «Ich sterbe, Sarah’,» sagte sie. «Willst Du mir die Augen zudrücken und mir die letzte Ehre erweisen? Sag’ mir nur noch, daß es mit Erez Israel gut steht», — ,Es steht gut, Tante Gittel.’ — «Gibst Du mir Dein Ehrenwort?» — Ich gab es. Am Morgen darauf starb sie . . . Nein, keine Erbsen heute. Sie sind mir zu teuer. Schalom, Schalom Euch allen!» Hiermit wandte sie sich nach Carmel-Street und verschwand im Gewirr der Hausfrauen, der stimmgewaltigen Verkäufer von Rosinenkuchen und Töpferware, von Hühnern, Bananen und Hausschuhen, der Araberweiber, die im Sand bei ihren mitten in Petersilie und Spinat schlummernden Kleinen hocken, der mißachteten Maulesel, die nach einem verstreuten Kohlblatt schnuppern und hinter dem allen der stattliche Mahmud, der nach Tel Aviv hinüberlächelt von Rambam-Street aus, benannt nach jenem Großen in Israel, der den «Führer der Irrenden» schrieb. (Uebersetzt von Dr. Zweig).«;