Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 163 (12.2.1931)
- Date
- 1931-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kr. 168 — 12. Februar 1931 DIE STIMME Seite $ SH / QTI-BiU.iqKtlT-Qualität— Der Geist des Hakenkreuzes Von Dr. Hugo Benedikt Vor mehr als vierzig Jahren hielt ich mich einmal in einem steirischen Gebirgsneste namens Kalwartg auf. Nie zuvor hatte diesen Ort ein jüdischer Mensch betreten. Im Dorfe lebte ein Kaufmann namens Döberl. Dieser Döberl machte alle Geschäfte des Dorfes: er vermittelte Darlehen, er verkaufte und kaufte Gründe und Häuser, er verschaffte den Bauern Düngmittel, Samen und Geräte, er verkaufte Ernten, versorgte Dienstpersonal und Versicherungen; endlich besaß er eine Trafik. Dieser Mann wurde im ganzen Dorfe «der Jud» genannt, obwohl er Arier und Christ war. Ich fragte nach einiger Zeit den Bürgermeister: «Ist denn der Döberl ein Jud?» Da lachte der Bürgermeister und sagte: «Aber, was fällt Ihnen denn ein? Ein Jud muß doch einen Buckel haben mit einem Binkel drauf, und einen langen Bart, rote Triefaugen •und Krallen an den Fingern. Er schleicht sich nachts zu den Menschen und saugt ihnen das Blut aus!» Als ich nach dieser Darstellung die Sprache wieder gefunden hatte und dem Bürgermeister erklärte, daß ich ein Jude wäre, trotzdem alle diese Schilderungen auf mich nicht paßten, wollte der Bürgermeister diese Behauptung nicht glauben, bis ich ihm dies auf Grund von Dokumenten nachwies. Dann allerdings mußte ich hinaus aus dem schönen Ort. Aber der Bürgermeister fragte mich noch immer: «Aber wo haben Sie denn den Buckel mit dem Binkel und die Krallen?» Dieser bäuerliche Geist des dümmsten Aberglaubens scheint sich auf jenen Teil der arischen Jugend Vererbt zu haben, der sich «Nationalsozialisten» nennt und bisher seine Gesinnung durch drei Tatsachen dokumentiert: Dadurch, daß sie im Knopfloch, am Aermel und in der Krawatte ein Hakenkreuzabzeichen tragen, daß sie im Chorus: «Juda verrecke!» schreien und daß sie mit vereinten Kräften jüdische Menschen verprügeln. Gegen das Abzeichen ist nichts einzuwenden. Es wäre eine Warnung, man wüßte sofort, mit wem man es zu tun hat. Aber das Abzeichen wird leider in entscheidenden Momenten abgelegt und verschwindet im Sack. Jener Mut der Ueberzeugung, mit der vom Mittelalter bis in die neueste Zeit die verachteten und als feige geschmähten Juden ihr Judentum betont haben, auch in Momenten der Lebensgefahr, scheint vom Fluidum des Hakenkreuzes nicht auszugehen, und die nächtlichen Versuche, in Bedürfnisanstalten durch Bemalung der Wände für die Partei Propaganda zu machen, sind auch keine Heldenstücke, zumal sie sich an Orten vollziehen, wo eine gesellschaftliche Störung ziemlich ausgeschlossen ist. Etwas unangenehmer ist der im Chorus vorgetragene Wunsch: «Juda verrecke!» Dieser Wunsch erinnert schon mehr an den Bürgermeister von Kaiwang. Die Leute kennen die Juden nicht, sie kennen ihre Geschichte nicht, nicht ihre kulturellen Taten, nicht ihren Leidensweg. Sie haben nur von ihren eigenen Führern gehört, daß die Juden Wucherer, Verräter, Feiglinge seien. Sie schöpfen ihr Wissen aus erwiesenen Fälschungen, wie die «Die Protokolle der Weisen von Zion», aus längst widerlegten Büchern von Rohling und Pfefferkorn. Sie plappern gedankenlos, sinnlos Schlagworte nach, etwa daß die Juden den Krieg begonnen und gleichzeitig, daß sie ihn beendet hätten, daß die Juden im Besitze des Kapitals der ganzen Welt wären, gleichzeitig aber, daß sie die kapitalistische Gesellschaftsordnung stürzen wollen, daß die Juden zwar jeder Arbeit aus dem Wege gehen, aber überall Konkurrenz machen. Wenn die Juden solche Schädlinge wären, dann wäre der Wunsch berechtigt: Juda verrecke! Nehmt euch, ihr Herren Nationalsozialisten, die Kulturgeschichte der Juden von Henne van Rhyn, Arier und Professor an der Kölner Universität, her und studiert ihre Geschichte und ihr werdet finden, daß die Geschichte der Juden verdammt viel Aehnlichkeit mit der Geschichte der Deutschen hat: beide Völker haben unendlich viel für die Welt gedacht und geschaffen und beide werden infolge künstlich geschaffener Vorurteile vielfach verkannt und nicht gewürdigt. Leset gute und objektive Werke, studiert das Judentum ohne Vorurteile und ihr werdet euch der Worte «Juda verrecke!» schämen. Ist jedoch dieses Wort nur ein Schlagwort gegen euer besseres Wissen und eure bessere Ueberzeugung, geeignet, die schlechtesten, rohesten, atavistischen Instinkte beim Mob wachzurufen, dann ist es nicht anders als mit dem französischen Worte «boche», das ist der Deutsche, der Leichen verzehrt, Brunnen vergiftet, Weiber vergewaltigt und auf Wehrlose schießt: eine Fabel, ein Märchen, eine Lüge, eine Gemeinheit. Nach dieser Auseinandersetzung kehren wir zum Hakenkreuz zurück. Der Wunsch: Juda verrecke! wird nur im Sprechchör ausgesprochen. Wenn ein einzelner Hakenkreuzler einen einzelnen Juden trifft, wirst du nie hören, daß er diesen Wunsch ausspricht. Es liegt die Befürchtung nahe, daß dieser Jude, anstatt dem Wunsche nachzukommen, allzu deutlich Beweise seines lebendigen Zustandes geben könnte. Die dritte Art ihrer Tätigkeit ist das Verprügeln wehrloser jüdischer Menschen. Auch diese Tätigkeit entwickelt sich nur unter der Voraussetzung der überwiegenden Majorität. Dann schont sie allerdings nicht die schwächsten und ältesten. Dieser Vorgang entspricht durchaus nicht jenen elementaren Begriffen von Ritterlichkeit, die speziell die studentischen und akademischen Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung haben sollten. Es ist weder ein Heldenstück, wenn 1800 arische Studenten 50 Juden aus der Aula hinausprügeln, noch ist es — und das ist die Hauptsache — ein Argument für die bessere Sache. Im Gegenteil, die Gewaltanwendung ist immer ein Beweis, daß man im Unrecht ist. Die Gewaltanwendung als Massenmittel kann auch nicht unterscheiden, da sie so ähnlich wirkt, wie der bekannte Elefant im Porzellanladen. Daher kommt es, daß die Nationalsozialisten auch keinen Unterschied zwischen Juden und Juden machen. Gedankenlos, wie sie ihr Handwerk betreiben, ziehen sie keinen Grenzstrich zwischen jenen Juden, die sich dem Deutschtum anbiedern, jenen, die sich zum Internationalismus zählen, und jenen, die der modernen jüdischen Bewe- * gung angehören. Mit der Mentalität der Kalwangschen Bauern aus dem Jahre 1890 prügeln sie alles, was sie für jüdisch halten. Es ist ja begreiflichI Denn da sie nicht einmal Kenntnis vom Wesen und der Bedeutung der Juden im allgemeinen haben, können sie ja unmöglich die Schichtung innerhalb des jüdischen Volkes kennen. Wir Juden aber wollen nicht in diesen Fehler der Nationalsozialisten verfalle«# Wir wissen, daß es im deutschen Volke Schichtung gen gibt und daß nur der kleinste Teil dieses grbßfcnf* Volkes so ist, wie sich die Hakenkreuzler präsent tieren. Wir wissen es und hoffen es zu Ehren des deutschen Volkes. Ernste Warnungszeichen gibt die Natur durch Schwindel« gefühl, Atemnot, vorzeitige Ermüdung, Benommenheit Schlaflosigkeit, Ohrensausen usw. Diese Beschwerden zeigen zumeist den Beginn der gefährlichen Adernverkalkung an, Bekämpfen Sie diese, ehe es zu spät wird, durch Radio« s k 1 e r i n, die seit Jahren ärztlich empfohlenen, frei verkäuflichen Tabletten, welche die Blutzirkulation in den Schlag« und Pulsadern fördern, geistige und körperliche Arbeitsfähigkeit erhöhen. Radiumgehalt amtlich geprüft. Depot: Apotheke Bayer, Wien, 1. Bezirk, Wollzeile 13. Prospekte gratis und. franko. Düster über Rambam-Street Aus dem englischen «Dawar» von N. M. Rambam-Street liegt in Tel Aviv. Sie durchquert, von Allenby-Road beginnend, die volkstümliche Verkehrsader Nachlath Benjamin mit ihren Läden, «Casos»l)-Buden, Autos und Fußgängern und stößt, knapp bevor sie nach weitem Verlauf endet, auf Jaffa. Denn — kurios genug — Jaffa hat sich mit einer Ecke bis ins Zentrum der jüdischen Schwesterstadt vorgeschoben und ein paar hundert Yard links Carmel- Street hinab findet du dich im Quartier Manshieh, das so unverfälscht arabisch ist, als läge Tel Aviv mit seinen Betonhäusern und Asphaltstraßen, das geschäftige, lärmende, hastige und hochstrebende Tel Aviv, hunderte Meilen und hunderte Jahre entfernt. Rambam-Street ist nichts weniger als ein Prunkstück der Stadt und empfiehlt sich nicht durch Schönheit; den erfreulichen Eindruck ihrer drei bis vier guten Häuser, die wirklich nett inmitten sorgsam gepflegter Gärten stehen, verderben plumpe Karawansereien und beiderseits eine Reihe erbärmlicher Läden mit trübverstaubten Schaufenstern und zwischendrein unebene Sandflächen mit kargem Unkraut darauf. Auch ist Rambam-Street durch keine soziale oder ästhetische Idee verklärt, wie etwa das Arbeiterviertel Tel Nordau. Auf den ersten Blick fällt ihr Schmutz auf, und man fühlt sich irgendwie an Warschau oder Lodz erinnert, vielleicht durch ihre Schäbigkeit, das Gekreisch spielender Kinder und durch die undefinierbaren Zeichen eines Zuviel an Menschen und Zuwenig an Verdienstmöglichkeit. Nein, wirklich kein Prunkstück 1 Hier bietet Tel Aviv den am wenigsten verlockenden Anblick. Umsomehr Grund, tiefen Einblick zu halten. Düster lagert über Rambam-Street. Nicht die *1 Sodawasser. dicken grauen Wolken sind es, die aus West heranrollen. Denn auch der Städter, obschon ans Haus gefesselt, begrüßt die wirbelnden .Windstöße als regenverheißenden Segen für die junge Saat. Die Wolke, die auf Rambam-Street lastet, ist nicht dem Auge sichtbar. Doch ihr Grau spiegelt sich in den versorgten Zügen der Frauen wieder, die den Korb am Arm dem Markt in Carmel-Street zustreben, früh verblüht und gezeichnet von der täglichen Plage, elf Milliems Wert aus einem Piaster zu pressen*), und von der täglichen Angst, morgen werde sich auch dieser Piaster nicht zeigen; es spiegelt sich in den traurigen Augen der knochigen Mähre, die eben von ihrem Gebieter einen Extrahieb abbekam, weil Herr Adrieli auf Nr. 8 seinen Auftrag auf Fiurplatten widerrief; im schlürfenden Gang des jungen Nissim Farjeon, dessen Weib Mittag aus der Nadassah mit ihrem jungen Baby heimkommen soll, während sein Prinzipal ihm mitteilt, er brauche keinen zweiten Verkäufer mehr; in den hängenden Schultern und den lebhaften Gesten der alten Männer, die nach dem Absingen des Morgengebetes für einen kleinen Disput am Tor ihrer unscheinbaren Synagoge verweilen, jener zeitlosen Greise, deren es in Erez Israel anscheinend eine unerschöpfliche Masse gibt. Dies Grau hebt sich scharf ab von dem frischen Farbenspiel um Mahmud, der, freundlich und rundlich bei seinem prächtig arrangierten Fruchtstand postiert, die Käufer mit einem schallenden «Bui haina, bui hai...na» heranlockt. Vor dem Laden Shimons, des Grünzeughändlers, Ist ein Knäuel von Weibern versammelt, sich einen Moment jener kostbaren Zeit abstehlend, die für ihre Arbeit so wenig reicht wie das Geld für ihren Bedarf. Sie alle, sonst nach Alter und Schicksal verschieden,. fühlen die gleiche Not, Wohlbewußt, daß neue Nach- *). 1 Piaster sind 10 MiUienxst rieht schlechte Nachricht bedeutet. Sie wittern gleichsam am Boden und merken den Wolf heranschleichen,, noch bevor er ans Tor dringt. Da ist die Arztensfrau mit ihrem Grauhaar, die an der Londoner Universität einen Sohn und in Magdiel eine verheiratete Tochter, hat, stattlich und gebieterisch; da ist die nette junge Näherin, die zwei Jahre lang in Tel Mond auf Ansiedlung gewartet hat und dort für Mann und Kinder im dumpfen Keller haushielt, wohin sie damals so hoffnungsfroh, «nur auf paar Wochen» übersiedelt waren;, dann die hagere Witwe, deren Mann im Krieg an Cholera starb und sie mit vier Kindern zurückließ — nun zieht sie sie auf, indem sie fleischlose Diners für heißhungrige Vegetarier kocht, die zahlen, was sie können, wenn sie können; und Shimons Weib Hassia, die mit der rechten Hand Blumenkohl zuwiegt und mit der andern ihr dreijähriges Büblein am Aermel hält. «Wie gehts dem Kind, Hassia?», sagt jede Käuferin beim Gruß — das übliche Eröffnungsgambit eines Tal Aviver Gesprächs. — «Der Bub (drei Onzen4) wollten Sie?) ist verkühlt. Drum konnte er heut’ nicht in den Kindergarten.» Die Näherin: «Oh, der Kindergarten ist einzig für. arbeitende Mütter, nicht? (Ja, und noch gelbe Rüben). Ich habe ja auch meine Tamar dort. Tadelloses Essen kriegen sie, und die Kindergärtnerin lehrt sie so schön singen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie wir überhaupt leben könnten, wenn ich nicht immer genau wüßte, daß das Kind so gut versorgt ist. Glauben Sie nicht, daß Gefahr besteht, den Kindergarten zu schließen, oder doch? Mein Mann meint, in paar Monaten wird man alle Schulen schließen müssen.» Hassia: «Ja, und das Spassige ist dabei, daß diese Engländer, die alle unsere Aussichten mit ihren Reports ruinieren, uns noch beschuldigen, daß wir das Geld n«f •1 Paläst Gewicht _ V