Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 162 (5.2.1931)
- Date
- 1931-02-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 162 — 5. Februar 1931 _ DIE STIMME Seite 5 Die Stirn me der jüdisch mmtmm in rrau Jahrgang 3, Nummer 7 Beilage der „Stimme1* Februar 1331 Wie sie geworden ist Ein Gespräch mit Ada Fischmann. Bekanntlich ist das Buch «Die arbeitende Frau in Erez Israel» von Ada Fischmann kürzlich durch die Moazath Hapoaloth in Tel-Aviv und die Wizo in London in deutscher Sprache herausgegeben worden. Aus diesem Anlasse bringen wir das interessante Gespräch über den Werdegang der Verfasserin, einer der ersten und bedeutendsten Pionierinnen von Erez Israel. Sie sitzt mir gegenüber, in ihrem einfachen, dunkelblauen Kittelkleide mit der schmalen Jemenitenstickerei, und hält die kräftigen Hände der Arbeiterin um die Lehne meines vor ihr stehenden Sessels geschlungen. Ihre grauen, durchdringend klugen Augen blicken mich aus dem gebräunten, sehr slawisch anmutenden Gesicht mit der reichen rötlich-braunen Haarkrone gutmütig und ein wenig verschmitzt an. Sie ist elastisch und jugendlich, obgleich die schwere Arbeit vieler Jahre keineswegs spurlos an ihr vorübergegangen ist. Ihre langen Zöpfe sind überaus sorgfältig und nett zum Knoten gesteckt und sie ist — bei aller Einfachheit — mit ebenso peinlicher Sorgfalt gekleidet. Etwas kleinbürgerlich Exaktes, Lehrerinnenhaftes ist an dieser so revolutionären, unabhängig denkenden und kämpfenden Arbeiterführerin. Man versteht gut, daß sie bei aller Opposition gegen das Althergebrachte es doch nie über sich gebracht hatte, das jüdische Religionsgesetz — sei es in Speisege? boten oder in der Sabbathruhe — zu überschreiten. Zäh, einfach, primitiv und mit urjtidischer Selbstverständlichkeit hält sie an all dem fest. Kann man denn anders? Sie versteht das gar nicht. Und ist es denn ein Merkmal der arbeitenden Klasse «Apikores» zu sein? Wie kommt eines zum anderen? Wir befinden uns im Londoner Wizo-Büro, jenem schmalen Kabinett der ersten Sekretärin, wo das plastische Modell der Lehrfarm Nahalal groß und glänzend von der Selten wand grüßt und wo hübsche Photos von den Werken der Wlzo die Tapeten schmücken. Es ist ein Ruhepunkt, eine Atempause zwischen zwei, schweren Sitzungen. Ada und ich sind einander bereits auf so manchem «Schlachtfelde» der Frauenarbeit freundschaftlich begegnet und kennen uns daher gut. Bald kommen wir ins Gespräch und ich frage nach ihren Kinderjahren, ihrer Jugend, ihrem Werdegang. Und Ada erzählt: Sie ist in einem großen, balbatischen Rabbinerhause unweit Kischinew als zweitjüngste von sieben Geschwistern aufgewachsen. Vier Schwestern waren da, drei Brüder. Leider — Ada seufzt — ein Bruder und eine Schwester sind in Erez Israel gestorben. Die jüngste Schwester, deren Schönheit Ada nicht genug rühmen kann, eine Schülerin von Chana Maisei aus deren Zeit im Hostel in Tel-Aviv, ist tot. — Einer ihrer Brüder ist der bekannte Misrachistenführer Raw Fischmann, Adas politischer Antipode, mit dem sie sich jedoch privat sehr gut verträgt. Kein Wunder — ist sie doch wie ein Kind im Hause des um vieles älteren aufgewachsen. — Ich frage, auf welche Weise sich ihre feministische, revolutionäre Neigung zuerst gezeigt hätte. — Ada denkt nach. Ein Kindheitserlebnis ist ihr noch in deutlicher Erinnerung. Ihr Vater, der Rabbi, war ein großer Gelehrter, Bücherfreund und Maskil. Er war der Erste in der Gegend, der «Hazefirah» hielt. Aus seinem Hause verbreitete sich die jüdische Renaissance in Bessarabien. Söhne und Freunde hatten daran teil. Aber sie durfte nicht lernen noch lesen — sie nicht, die lebhafte, achtjährige Ada, die in ihrem Kreise als große «Gewirente» galt. Sie nicht — war sie doch ein Mädchen! Und sie sehnte sich doch so sehr danach. Sie kämpfte darum, hielt sich an Vater und Brüder, hörte zu, was diese lernten und disputierten. Die Mutter spielte eine gesellschaftliche Rolle, war die Philantropin der Kehilla. Aber Ada hatte schon damals ein anderes Ideal und anderen Ehrgeiz. Arbeiten, Lernen — Lehrerin werden I . Lehrerin im Lande Israel, von dem man im Hause* I ihres Vaters die erste große Kunde vernahm. Doch man verbot es ihr. Sie wäre zu zart für diesen Beruf, hieß es; sie war auch wirklich ein schwächliches und blasses Kind. Das Lernen würde ihr schaden, meinten die Eltern und Brüder. Und überhaupt — eines Rabbi Tochter — studieren! Das galt in diesen Kreisen für undenkbar. Noch ein Moment stark feministischen Impulses lebt in Adas Erinnerung. Sie hörte, daß einem Mädchen die Mitgift zum Heiraten fehlte und fragte als altkluges Kind, ob der Bräutigam eine habe. Man lachte. Er brauche keine, er sei selbst wertvoll genug. Das empörte sie. War eine Frau weniger wert als ein Mann? Mußte die Frau immer zurückstehen, so wie sie hinter ihren Brüdern? Damals erwachte in ihr der Kämpfergeist der späteren Frauenrechtlerin. — Ada läßt sich nicht hindern. Allen Widerständen zum Trotz setzt sie ihr Studium durch. Sie will Wanderlehrerin für die Arbeiter und Arbeiterkinder von Erez Israel werden. Neunzehnjährig geht sie mit ihrem Bruder Raw Fischmann nach Palästina und besteht das Lehrerinnenexamen. Gleich darnach wird sie in der orthodoxen Schule in Petach Tikwah angesteilt. Es scheint ihr ein Kompromiß, diese Stelle, die sie nicht unter die Arbeiter bringt, anzutreten. Aber es ist die erste Chance und sie nimmt sie an. Bald entsteht ein Konflikt zwischen ihr und der Schulleitung, weil sie an einer Lehrerversammlung teilnimmt, die den Orthodoxen «trefe» erscheint. Ada verläßt ihre Stellung, was im Lande großes Aufsehen erregt. Sie empfindet es als Befreiung. Nun kommt eine Zeit der Arbeitslosigkeit, während der sie gelegentlich für Zeitungen schreibt, eine Zeit des ersten Kontaktes mit der Arbeiterschaft. Kurz darauf übernimmt sie mit einer Hilfslehrerin die Leitung der ersten Mädchenschule in Safed im nördlichen Galiläa. Damals führte noch kein Weg von Judäa dorthin; von Arabern geführt, reiten die Mädchen auf Mauleseln und beziehen ein «schreckliches» Zimmer, ohne Möbel, mit einem alten Bett und einem alten Brettersofa. Ein edler Wettstreit um das Bett entsteht zwischen den beiden Pionierinnen. Adas Genossin nimmt es schließlich an. Nur einmal kriecht Ada vor Schreck zu der Freundin unter die Decke, als — oh Entsetzen! — eines Nachts eine riesige Schlange im Zimmer auftaucht. Es gelingt ihnen, die Schlange vom Bett aus mit einem langen Stock zu töten. Aber immer wieder tauchen neue Schlangen auf und Ada ist froh, als sie ein besseres Quartier ergattern. Damals wagt sie es, als erstes Mädchen an der Lag Beomer-Feier in Meron teilzunehmen. Aber die Orthodoxie schleudert im voraus einen «Cherem» gegen die Teilnehmerin. Der Verwaltungsrat der Schule verbietet Ada die Teilnahme. Doch ihr erscheint die Freiheit und Gleichberechtigung der Frau und das dafür zu statuierende Exempel zu wichtig, um sich dadurch abhalten zu lassen. Die beiden jungen Lehrerinnen besteigen ihre Esel und reiten hin. Im Gasthaus will man sie nicht einlassen, weil sonst der «Bann» auch dieses treffen könnte. Ada setzt sich an den Tisch und erklärt: «Hier bin ich und hier .bleibe ich — wir gehen nicht — tut, was ihr wollt 1* Die . frommen Juden von Meron. flüchten entsetzt in die Zimmerwinkc! und beten — und nach drei bis vier Stunden bringt man sie bei einem Araber unter. Sie fügen sich, um die armen Wirtsleute nicht zu schädigen. Die beiden Mädchen übernachten im Eselstall des Arabers, Ada wäscht und pflegt die Kuh des Besitzers, die sie dafür melken darf. Die Milch Ist beider Nahrung. Und sie sind zufrieden — sie haben gesiegt — sie sind die ersten Mädchen beim großen Wallfahrtsfest der Jungen und Alten in Meron. — Das trug sich vor siebzehn Jahren zu. — Der Redakteur der Zeit? schrift «Unser Leben» ist von dem tapferen Mädel so begeistert, daß er ihr einen langen Artikel widmet. Auch Ada greift wieder zur Feder und schildert die Missionsschulen des Landes. Nach den Ferien kehrt sie nicht nach Safed zurück, sondern erfüllt ihren Kindheitstraum und wird Lehrerin bei den Arbeitern der ersten Siedlungen. Zu dieser Zeit gründet Elieser Joffe die K. K. L.-Farm in Ben Schemen und Ada wird nun halbtags mit Unterricht, während der anderen Hälfte des Tages mit sonstiger Arbeit beschäftigt. Nun erst findet sie den Weg zu den Chaluzoth — es ist ihr Ucbergang zur praktischen Arbeit. Sie fühlt sich bedrückt, wenn die anderen mit der Hacke umhergehen, sie aber ihre Bücher mit sich trägt. Nach einer kurzen Uebergangszeit wird sie Arbeiterin in Petach Tikwah, in der Kwuzah mit Chana Maisei und Chajuta Bussen. Es kommt der Krieg mit allen Rückschlägen und Wechselfällen. Aber nach dem Kriege wird sie eine der Mitbcgriinderinnen der Moazath Hapoaloth und das erste weibliche Mitglied des allgemeinen Arbeiterrates von Erez Israel, ferner Mitglied des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation. Ihrem wachsenden Einfluß gelingt es, in engster Zusammenarbeit mit den anderen führenden Arbeiterinnen des Landes, die systematische Schulung der Frau für die Landarbeit durch die Mädchenfarmen (Mischke Hapoaloth) durchzusetzen; hier kommt sie nun in Kontakt mit der Weltorganisation zionistischer Frauen, den den Bestrebungen der praktischen Arbeiterinnen von Erez Israel eine helfende Hand leiht. Heute leitet Ada Fischmann insbesondere die Anlage der großen Mädchenlehrfarm bei Nes-Zionah, die die Wizo finanziert. «Das Uebrige», sagt Ada lachend, indem sie sich erhebt und auch mich veranlaßt, wieder in den Sitzungssaal einzutreten, «das Uebrige kannst du alles in meinem Buch «Die arbeitende Frau in Erez Israel» nachlesen. Die Wizo soll nur das ihre dazu tun, daß es bald auch in deutscher Sprache erscheint.» Nun, dieses Buch liegt jetzt vor uns und wir können dem weiteren Wege der kraftvollen, unerschrockenen Führerin und mit Ihr dem Siegeszuge der Frauenarbeit ln Erez Israel folgen. Dr. Martha Hofmann. Sei Biditiftiiett S?nwjen, «m ^opffefjmerjen, foiuie Bei «Scfjlaflofigfcit roitft $ogat gang boraiigtiefj. $ogabTaDIctteit löien bie f$äblic|eit ißeftaubteile im ömt unb führen eine Balbige fiinberuttg unb üoUftänöige öenciung IjerBei. — fragen Sie 3()ten 5llr$t. — 3n aüeit?lpotl;e.eu. — ißteiS S 2.40. Karin Michaelis und Dr. Alice Masaryk über den Zionismus (Aus der Festschrift «10 Jahre Wizo», herausgegeben von Dr. Martha Hoffmann.) Karin Michaelis sandte aus Thurö (Dänemark) nachstehenden Brief: «Ich kann die Weltorganisation zionistischer Frauen nur vom ganzen Herzen begrüßen! Ich habe die zionistischen Bestrebungen — wenn auch leider nur von der Entfernung — beobachtet und konstatiert, daß diejenigen Frauen in Palästina, die Kraft, Herz, Geld und Gesundheit mit Wonne dieser Sache schenken, außerordentliche Menschen sind. Sie haben meine ganze bedingungslose Bewunderung. Es ist meine Hoffnung, einmal Zeit und Mittel zu finden, um dorthin fahren zu können und mit eigenen Augen alles zu sehen; dann erst wird es mir wirklich möglich sein, Zeugnis dafür abzulegen. So viel wenigstens möchte ich sagen, daß ich alles, was mit dem Judentum zusammenhängt, stets innig geliebt habe, so wie ich es heute liebe. Ich finde es tieftraurig, in einer Zeit zu leben, in der es notwendig geworden ist, das ffbdentum zu «beschützen». (Wann wird die Zeit kommen, wo man bei uns nicht mehr fragt: «Jude oder Nichtjude?», sondern: «Menschlich oder unmenschlich?») Wäre ich reich, so würde ich gern aus dem Anlaß Ihrer Zehnjahrfeier jedem Mitglied der Organisation das wunderbare Buch von Graf Coudenhove über Antisemitismus schenken, denn dieses Buch verdiente, von allen und jedem gelesen zu werden. Leider ist mir dies nicht möglich und so müß ich mich mit alierherzlichsten Glückwünschen und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft begnügen. Ihre aufrichtige Karin Michaelis.» Die Tochter des Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, Frau Dr. Alice Masaryk, erinnert in ihrem Brie! an die Tage, die sie anläßlich der Palästinareise do7t verbrachte. «Die Eindrücke jener Tage sind tief und dauernd. Ich glaube fest, daß aufrichtiger Enthusiasmus unü^HlKe Arbeit immer wertvolle Resultate hervorbrigen —- vielleicht nicht immer ganz diejenigen, die wir erwarten —• aber immer solche von dauerndem Wert. Welch ein Land ist doch Palästina! Wahrlich ein Treffnunkt des Fernen Ostens und des Fernen Westens. Wieviel hat es doch der Welt gegeben! Moses! Und auf dem Fundament der zehn Gebote erblühte die ewig starke Wahrheit der tätigen Liebe . . . Mit nochmaligem bestem Dank für Ihr freundliches Gedenken Alice Masaryk.» Ada Fischmann — Die arbeitende Frau in Palästina Das vor etwa einem Jahre in hebräischer Sprache erschienene, inhaltsreiche und wertvolle Buch von Ada Fischniann «Die arbeitende Frau in Erez-Israel», das überaus lebendig und dabei sehr sachlich die mehr als 25jährige Heldengeschichte der Frauenarbeit im Lande darstellt, liegt nun erweitert, mit reichem Bildermaterial und aufschlußreicher Statistik versehen, in deutscher Sprache vor. Es wurde vor kurzem vom Arbeiterinnenrate Palästinas gemeinsam mit der Weltorganisation zionistischer Frauen (WIZO) herausgegeben, nachdem die für Palästinaarbeit interessierten Kreise in aller Welt — und namentlich die Frauen — schon lange darauf gewartet hatten. Dr. A. Ruppin sagt in seiner Einleitung mit Recht: «Das Buch ist d;:s Hohe Lied von der Frau als landwirtschaftliche Pionierin in Palästina geworden, Es zeigt, wie durch Opferwilligkeit und Energie die Frau imstande war, Stein für Stein aus ihrem Weg zu räumen. Die Frau wird mit ihren Ansprüchen auf Mitarbeit heute nicht mehr als Eindringling angesehen, sondern als notwendige und wichtige Mitarbeiterin begrüßt.» — Um aber die Größe dieser Leistung ganz ermessen zu können, muß man wissen, welch unerhörte und fast unüberwindliche Schwierigkeiten der Arbeiterin Palästinas ursprünglich begegneten, da sowohl die Familien der ersten Kolonisten, als auch die männlichen Genossen der späteren Alijah sie-nicht für voll nehmen und nicht mitarbeiton lassen wollten. Unerhörte üpferwüligkeit und zielbewußter Mut gehörte dazu, wenn diese anfangs so vereinzelten, so isoliert kämpfenden Mädchen sich bis zum heutigen Stande einer mehr oder minder vollwertigen Gleichberechtigung in der Arbeit und im sozialen Ansehen durch* gerungen haben. Natürlich gibt es auch in Palästina immer noch spezifische Schwierigkeiten und besondere Probleme der arbeitenden Frau und Mutter. Aber ihre Lage, ihre Fähigkeit und ihre Ansprüche sind heute anerkannt und gewürdigt. Die Frau ist einer der entscheidenden Faktoren beim Aufbau des Landes geworden. Wie sie das aber wurde, mit welcher Selbstüberwindung und heroischen Dienstleistung, kann man aus keiner Quelle so gut erfahren, wie aus diesem Buche, das bei aller Erfülltheit des Miterlebens frei von Sentimentalität, vielmehr ernst, sachlich und exakt bis zur Wissenschaftlichkeit ist. Ein klares Bild des Wesens seiner Yerfasseihlf