Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 162 (5.2.1931)
- Date
- 1931-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 m stmufE ‘Nr. 162 — 5. Febrnsr 1931 70 Jahre Alliance Israelite Universelle Im Dezember 1930 hat die Alliance Israelite Universelle das 70. Jahr ihres Bestandes vollendet. Sie wurde im Jahre 1860 unter dem Eindruck der Ritualmordagitation in Damaskus und des Falles Mortara, der Entführung und Zwangstaufe eines jüdischen Kindes in Bologna, von 17 jungen Pariser Juden mit folgenden Zielen begründet: 1. überall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten, 2. denjenigen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Stütze zu sein, und 3. jede Veröffentlichung zu fördern, die geeignet Ist, dieses Resultat zu sichern. Zahlreiche Nichtjuden, darunter der jüngere Dumas und Jules $imon, förderten tatkräftig die Arbeit der Alliance. Seit dem Jahre 1920 ist der berühmte Orientalist Prof. Sylvain Levi Präsident der Alliance. Die .erste Aktion der A. I. U. wurde im Jahre 1869 zugunsten der russischen Juden, die unter der damals in Rußland und Polen herrschenden Hungersnot zu leiden hatten, durchgeführt. Nach den russischen Pogromen im Jahre 1881 wurde die Auswanderung der jüdischen Flüchtlinge nach Ucbersee organisiert, nach den Pogromen von ]903 und 1906 wurden Sammlungen eingeleitet. Eine großzügige Hllfatätlgkeit entfaltete die A. 1. U. in der Türkei, zuerst anläßlich der Feuersbrunst in Konstantinopel im Jahre 1874, dann In der Zeit nach dem russisch-türkischen Krieg im Jahre 1877, nach dem Erdbeben in Chios 1881, während der Hungersnot in Kleinasien 1882, und während des Balkankrieges im Jahre 1612. Wiederholt wurden in Rumänien und, während der Ereignisse in Casablanca und Fez 1907 und 1912, auch in Marokko Hilfsaktionen für die dortigen Juden durciigefllhrt. Im Jahre 1866 nahm die A. I. U. ihre Palästina- Arbeit auf. Charles Netter unternahm eine Studienreise nach Palästina. Auf seinen Vorschlag wurde im Jahre 1869 die Ackcrbausdiule in Mikweh Israel begründet. Bei der Friedenskonferenz in Versailles und bei den Tagungen des Völkerbundes ln Genf hat die A. 1. U. gemeinsam mit anderen jüdischen Organisationen, vor allem mit dem Joint Foreign Committee des Jewlsh Board of Deputies und der Anglo Jewish Association für die Sicherung von Mlndcrheitsrechten für die Juden ^verschiedener Länder gearbeitet. ‘Der .jüdischen Kolonisation in der Sowjetunion hat dieuA, 1. U. großes Interesse entgegengebracht. Auf ihre ^'grarjlassung unternahm der vor einigen Monaten verstorbene Professor Waldemar Haffkine eine Studienreise nach Sowjetrußland. Praktische Arbeit zur Förderung der jüdischen Kolonisation in Sowjetrußland' hat jedoch die A. I. U. nicht geleistet. Sie beschränkte sich darauf, die Arbeit der Jewish Colonisatlon Association auf diesem Gebiete zu fördern. Die größten Erfolge hat die Alliance auf dem Gebiete des Erziehungswesens erzielt. Vor allem im Orient wurde ein ausgebreitetes Schulnetz geschaffen, das den rückständigsten Teilen der Judcnheit die Errungenschaften moderner Zivilisation vermittelt. Die Alliance unterhält Schulen in Marokko, Tunis, Algier, Persien, Urlaub. Der Vorgesetzte, ein Judenhasser ärgster Sorte, schlug es ihm glatt ab. «Herr Hauptmann, ich muß nach Hause, muß zu meinem Weibe!» rief der verzweifelte Mann. Der Hauptinann griff nach seiner Reitpeitsche. «Du Hund von einem Juden, wenn ich etwas sage, so bleibt es dabei!» Und zwei-, dreimal ließ er die Peitsche niedersausen — ein blutiger Streifen zog sich über des Juden Gesicht. «Abtreten!» Am nächsten Tage war Baruch verschwunden. «Der verfluchte Jude!» brüllte der Hauptmann, als ihm die Meldung erstattet wurde. «Das Schwein ist desertiert! Sofort an seine Gemeinde schreiben! Da will ich einmal ein Exempel statuieren 1» Am gleichen Tage, da Baruch desertierte, lag Felgele allein, stöhnend in ihren Wehen, in dem kleinen Häuschen am Ende des Dorfes. Der Russe kam, die Dorfbewohner waren geflüchtet und hatten die hilflose Frau in der allgemeinen Aufregung vergessen. Die Männer, die da eindrangen und das verlassene Dorf durchsuchten, waren keine Menschen mehr, sondern wilde Tiere. Sie kamen auch zu dem Häuschen am Rande des Waldes, aus dem sie Stöhnen und ein leises Wimmern, wie von einem jungen Kätzchen, hörten. Sie waren Tiere. Und als sie nach kurzer Zeit die Hütte verließen, gab es darin keine Menschen mehr, sondern nur ein verblutendes, zuckendes Stück Fleisch, das einmal eine Frau gewesen war, und auf einem großen KUchenmesser aufgespießt eine winzige Kindesleiche.. So fand Baruch sein Haus vor, als er einen Tag später hinkam, Hände und Gesicht vom Domengestrüpp, durch das er sich hatte durchschlagen müssen, zerrissen.., Baruch wurde nicht wahnsinnig. Er begrub, was sein gewesen war, und kehrte zurück zu seiner Kompagnie, um sich zu stellen. Zwei Tage später wurde der Deserteur standrechtlich erschossen. » Tripolis, Mesopotamien, Palästina, Syrien, Rhodos, Griechenland und Bulgarien. Ferner bestehen zwei orientalische Normalschulen (für Knaben und Mädchen) In Paris und Versailles. Die Fachschulen ln Jerusalem und die Ackerbauschule in Mikweh Israel haben 150 Schüler. Die Gesamtzahl aller Schüler der Alliance- Schulen übersteigt 40.000. Ueber die Tätigkeit der Alliance Im letzten Jahre gibt der der letzten Jahreskonferenz des Zentralkomitees unterbreitete Rechenschaftsbericht Aufschluß. Einleitend nimmt dieser Bericht zum Weißbuch Steilung. Die Politik des Weißbuches entspreche nicht der Tradition Englands. Sodann wird Im Bericht nachstehende Betrachtung an die jüngste politische Entwicklung in Deutschland geknüpft: Wir können nicht stillschweigend die drohende Gefahr übergehen, die der Wahlsieg der Hitler-Partei für die Juden Deutschlands darstellt. Die gesamte Judenheit erschauerte Uber diese Rückkehr zur Plünderung und Barbarei; sie vertraut jedoch darauf, daß die Weisheit der deutschen Regierung für die Au frech terhaltung der Ordnung und die Wahrung der Rächte, die die Verfassung allen Bürgern gewährleistet, Sorge tragen wird. Zur Arbeit der Alliance in der Berichtsperiode übergehend, erwülint der Bericht die materielle Förderung des Londoner Hilfskomitees für die ukrainischen Juden, und gibt sodann eine Darstellung der palästinensischen Unruhen im Augusl 1020 und der Hilfsmaßnahmen, die zur Linderung der durch diese Ereignisse ln Palästina entstandenen Not erforderlich wurden. Zum Zwecke der Förderung jüdisch-wissenschaftlicher und kultureller Bestrebungen in Polen wurden dem Jiddisch-Wissenschaftliche// Institut in Wilna und dem unter der Leitung des Oberrabbiners Dr. Schorr stehenden Institut für jüdische Wissenschaft in Warschau hohe Subventionen gewährt. Dem englischen Konsul in Aden wurde die Summe von 100 Pfund für die in tiefstem Elend lebenden yemenltlschen Juden zur Verfügung gestellt. In Frankreich selbst hat der ununterbrochene Zustrom zahlreicher Ostjuden, die sich vor allem nach Paris wenden, die Gründung einer Reihe von Institutionen notwendig gemacht, mit deren Hilfe die Einordnung dieser Einwanderer in ihr neues Milieu erleichtert und beschleunigt werden soll. Besonderes Augenmerk wurde auch im vergangenen Jahre dem . Schul werk de/ Alliance zugewendet. Der Delegierte der A. I. U. in Marokko, M. Semach, hat die Alliance-Schulen in Syrien, Palästina, Mesopotamien und Persien inspiziert und in seinem Bericht dem Zentralkomitee eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet. In Syrien erfreut sich das Schulwerk der Alliance der Förderung de« Hochkommissariats, In Palästina läßt die Mandalsregierung der Alliance völlig freie Hand beim Ausbau ihres Schulnelzes, das von der Regierung ebenso subventioniert wird, wie die übrigen 1 Schulen des Landes. In Persien trägt die jüdische Bevölkerung selbst in steigendem Maße zu den Kosten des Schulbetriebes bei. ln Marokko wurden ln bisher fast unzugänglichen Gegenden neue Schulen errichtet, die alten Schulen zum großen Teil in neuen, geräumigen Lokalen untergebracht. In Erwägung gezogen ist die Errichtung einer großen Schule in Haifa. (J. T. A.) Abschaffung der Beschränkungen gegen die Juden in Polen Warschau. (J. T. A.) Der polnische Sejm behandelte in seiner Sitzung vom 27. Jänner das Gesetzprojekt betreffend Abschaffung der noch aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Bcs-h änkungen gegen die jüdische Bevölkerung. Saal und Gale/.en waren voll besetzt. Der Referent der juridischen Kommission, Deputierter Jeszke, beuntragte die Annahme des Regierungsentwurfes und die Ablehnung der Verbesserungsvorschläge des jüdischen Klubs. Es handle sich, sagte er, um ein Gesetzprojekt zur Verwirklichung jener Bestimmung der Verfassung der polnischen Republik, die die Gleichheit allec Bürger vor dem Gesetz zum Inhalt hat Deputierter Dr. Sonimersteln, der Sprecher des jüdischen Klubs, gab einen UeberbUck über die bisherigen Bemühungen zur Abschaffung der geschlichen Beschränkungen gegen die Juden. Der jüdische Klub erhebt die Forderung, daß in dem neuen Geietzprojekt unzweideutig ausgesprochen werden soll, daß alle jene Verordnungen und Vorschriften, die sich auf dte er* wähnten Beschränkungen stützen, null und nichtig sind. Es handelt sich hier nicht nu/ um die Erfüllung einer konstitutionellen Pflicht gegenüber der jüdischen Bsvölkerung, sondern auch um die Ehre des polnischen Staates, für den es ein Makel ist, daß alte zaristische und (aus der Zelt der deutschen Okkupation) kaiserliche Gesetze noch in der heutlgon Republik ln Geltung seien. In der darauffolgenden Aussprache forderte der Nationaldemokrat Jaszwinsky die Rückvcrwelsung des Gesetzes an den Ausschuß. Der Geistliche Czau (Regierungspartei) begrüßte das Projekt, das nicht nur die Beschränkungen gegen die Juden, sondern auch diejenigen gegen die katholische Kirche aulkebt. Der jüdische Deputierte der Regierungspartei, Minzberg, dankte der Regierung dafür, daß sie das Projekt dem Sejm unterbreitet hat. Bei der Abstimmung wird das Regierungsprojekt mit großer Mehrheit angenommen. Die Verbesserungsvorschläge des jüdischen Klubs werden abgelehnt. Angenommen wird nur der Verbcsserungsvorschlag, der die Gleichberechtigung der hebräischen und der jiddischen Sprache Im öffentlichen Leben ausspricht. Verhandlungen zwischen dem jüdischen Sejmk.ub und dem polnischen Ministerpräsidenten Warschau, 30. Jänner (J. T. A.) Der polnische Ministerpräsident, Herr Slavek, empfing den Vorsitzenden des Jüdischen Parlamentsklubs Abg. Rabbiner Dr. Thon und das Mitglied des Klubs Abg. Dr. Rosmarin. Dr. Thon entwickelte in einem längeren gesprochenen Exposee die jüdische Frage in Polen in ihrem vollen Umfange und wies auf alle Nöte und dringendsten Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung in Polen auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiete hin. Der Premier, Herr Slavek, ging auf die Darlegungen Dr. Thons in einer ausführlichen Ansprache ein und skizzierte den Standpunkt der Regierung zu den von Dr. Thon berührten Fragen. Er stellte mit Genugtuung fest, daß sich in der polnischen wie in der jüdischen Gesellschaft die Stimmung für die Schaffung verbesserter gegenseitiger Beziehungen so weit entwickelt habe, daß es nun möglich geworden sei, an eine allmähliche Erledigung der jüdischen Postulate heranzutreten. Das Gespräch zwischen dem Premier und den jüdischen Deputierten dauerte Uber eine Stunde und trug einen freundschaftlichen Charakter. Die Beratung wird in der kommenden Woche fortgesetzt werden. Tagung der Hauptliga für das arbeitende Palästina in Benin Eine Million Juden soll für die neue kolonisatorlscni Tätigkeit der Jewish Agency neu erfaßt werde» Berlin. (J. T. A.) Am Sonntag, den 25. Jänner, fand in Berlin unter Vorsitz von D. Ben Gurion-Palästina eine außerordentliche Plenarsitzung des Hauptrates der Welttiga für das arbeitende Palästina statt. Der Generalsekretär M. Neustadt erstattete einen Bericht über die Entwicklung der Ligenarbeit nach dem ersten Weltkongreß. J. Sprlnzak begründete seinen Vorschlag, eine Aktion zur Erfassung einer Million Juden als Träger der Jewish Agency mit einem einheitlichen, allgemein erschwinglichen Betrag für neue kolonisatorische Tätigkeit in Palästina außerhalb der normalen Keren Hajessod-Beiträgc einzuleiten. Der Hauptrat der Welttiga hat nach einer allseitigen Behandlung dieser Frage einmütig ihre große Bedeutung anerkannt und beschlossen, die gesamte Kraft der Ligen in allen Ländern in den Dienst der mit einem derartigen Plan verbundenen Arbeit zu stellen, sobald man an die Verwirklichung dieses Planes heran treten wird. Der Ertrag dieser Aktion soll der Jewish Agency und dem Keren Hajessod für Ausgaben außerhalb des Budgets, für neue Kolonisation, zugeführt werden Im allgemeinen war die Sitzung von der Erkenntnis durchdrungen, daß nunmehr ein radikaler Umschwung in der zionistischen Arbeit eintreten müsse. Der Zionismus muß von der Defensive in die Offensive übergehen, und das konkrete Palästina-Werk muß in den Vordergrund der zionistischen Arbeit gestellt werden. Felix M. Warburgs Aufruf zum Driva des Joint New York, 27. Jänner. (J. T. A.) Der Präsident des Joint Distribution Committee, Herr Felix M. Warburg, kündigt in einem Rundschreiben, das an mehrere hundert führende jüdische Persönlichkeiten in ganz Amerika ergangen ist, die Einleitung eines Drives für die Zwecke des Hilfs- und Aufbauwerkes des Joint Distribution Committee in Osteuropa an. Zumr Leiter des Drives wurde der Rabbiner der New Yorker Centrai-Synagoge, Jona B. Wise, bestimmt. Die Juden Osteuropas, erklärt Warburg in seinem Rundschreiben, leben unter so beklagenswerten Verhältnissen, daß die Fortführung des Hilfswerkes für sie eine unabweisbare Notwendigkeit darsteüt. Eröffnung der Palästinensisch-polnischen Immigrationsbaftfc Jerusalem. (J. T. A.) In Tel-Aviv wurde die Palästinensisch-polnische Immigrationsbank eröffnet. Für Stammkapital der Bank haben die polnische Regierung 10.000 Pfund, die jüdische Gemeinde Warschau 1200 Pfund, die jüdische Gemeinde Lodz 500 Pfund und eine Reihe von Handelsfirmen in Polen größere Beträge gezeichnet. Das eingezahlte Kapital der Bank beträgt 10.000 Pfund und soll auf 100.000 Pfund erhöht werden. Dem Verwaltungsrat gehört der polnische Handelsattaches in Palästina, der früher« Abgeordnete Dr. Hausner, an.