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Die Stimme · 1931-02-05 · Heft 162 (5.2.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 162 (5.2.1931)
Date
1931-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 162 — 5. Februar 1931 5HlcrotiHcr nnd Altersschwache ©ie hribtföt* GrleiAte* tuitg unb «affrifd&uttg, Dann betfu$en 6te eine - SRabioffletin«»JtinHut. Sfcei betfauflid*, taDium^öItige »ahlofnetinXahletten tooirfen freies «reifen be§ Sluteg, machen bie aber« elaftijdj unb beugen «allablagetungen unb ben barnit jufammett^angenben aitetSerfibeinungen, »ie »enommenbett, ©d&toinbelgefübl, Äopff^metjen, flimmern bot ben «tigen, «iemnot, Obren aufen, giA» tifc^en unb rijeuntatifd)« SBefötoetben, bot. ©einige nnb lötbetlicbe «tbeilSfäbigleit totrb aufgefrifribt nnb bis ins Me «Iter erhalten. ÄGbinntoeboIi toirb amtlitb u b e r p t u f t ©enetalbebot unb «uäfunft: «hotbete »ahet, SBien, L, SßoBjeile 13. $toft>c!te.gratis nnb fronte. Bialik Ober PafSstina und Diaspora Der hebräische Dichter Chaim Nachnm Biatik, der zurzeit in London weilt, wurde in einer Massenversammlung vom neuen Präsidenten der englischen zionistischen Federation, Dr. E. M. Eder, ferner von Professor Brodetsky und Nahum Sokolow begrüßt; er hielt eine An* spräche, in der er ausfUhrte: «In Palästina herrscht ein Gefühl von großer geistiger Schaffenskraft. In den Ländern außerhalb Palästinas gibt es eine scharfe Trennungslinie zwischen Pr’vatwiftschaft und öffentlichem Gut, in Palästina aber fühlt der Arbeiter, daß er mit jeder Arbeit, die er unternimmt, am Aufbau des Landes mitarbeitet. Er arbeitet für sich, letzten Endes aber für die jüdische Gemeinschaft jüdisches Vermögen, das in der Diaspora von Juden erworben wird, geht letzten Endes meist In nichtjüdische Hände Über. Oft mußten die Juden, zum Beispiel in Spanien zur Zeit der Vertreibung, auswandern und ihre schwer erworbenen Schätze zurücklassen. Aber auch auf andere Weise vollzieht sich der Uebergang jüdischen Vermögens in nicht- . jüdische Hände, ln Deutschland sind durch interkonfessionelle Heiraten 11 Milliarden an Nichtjuden übergegangen. (Das war eine Art Kriegsentschädigung, die die Juden an Deutschland bezahlten. Die französische Kriegsentschädigung an Deutschland betrug 1871 nur 5 Milliarden.) Dasselbe ereignete sich in Rumänien, Rußland, in Amerika und anderen Ländern. Nichts kann von Juden in der Galuth dauernd erhalten werden, sie schaffen nicht für sich, sondern für die anderen. Was Juden auf den verschiedensten Gebieten erwarben, wurde nie den Juden angerechnet, sondern immer dem Lande, in dem sie lebten. In der Diaspora traten Juden auch Erbschaften nach Nichtjuden an, sie setzten fort, wo ihre nichtjüdischen Vorgänger aufgehört hatten, sie schufen aber nichts spezifisch Jüdisches. Das jüdische Volk muß aufhören, nur die Methoden und die Zivilisation anderer Völker zu kopieren. In Palästina fühlt der Jude, daß er für die jüdische Gesamtheit arbeitet. Nie zuvor hatte der Jude dieses Gefühl In der Galuth gab es eine klare Scheidung zwischen der privaten Arbeit des einzelnen Juden oder Nichtjuden und der staatlichen Wirtschaft. Jedes neue Haus in Palästina läßt die jüdischen Herzen höher schlagen; in der Diaspora läßt so etwas den Bürger kalt. In Palästina freut sich Jung und Alt, weil sich der jüdische Besitz vergrößert hat und weil dieser Besitz zum erstenmal seit 2000 Jahren nicht Gefahr läuft, in nichtjüdische Hände überzugehen. Das konnte nur Palästina bewirken. Jüdisches Schaffen und Wirken manifestiert sich in Palästina täglich und jeder Jude fühlt, daß er Mitarbeiter « ist am Aufbauwerk, ob er nun Baumeister ist, Schuster, Schlosser oder Künstler. Alle bauen Zion auf. Wer da meint, er sei schon deswegen Zionist, weil er einen Schekel kauft oder für einen Fonds spendet, geht irre. Der wahre Zionist ist nur derjenige, der in Palästina lebt und alles, auch sich selbst, für den Aufbau dieses heiligen Landes opfert.* . Prozeß gegen die Anstifter des Pogroms von Slobodka K o w n o, 29. Jänner. (J. T. A.) Laut amtlicher Verlautbarung wird in einigen Tagen vor dem Kreisgericht von Kowno der Prozeß gegen 17 Mitglieder der faschistischen Organisation «Eiserner Wolf», die unter der Anklage stehen, Öen Pogrom in Slobodka im August 1929 organisiert zu haben, eröffnet werden. Im Falle eines Schuidspruches droht den Angeklagten eine sechsjährige Kerkerstrafe. London Kongreßort? Prof. Dr. Weizmann soll sich in letzter Zeit dahin entschieden haben, die Kampagne in Amerika erst Im April zu unternehmen. Während seines Aufenthaltes in Amerika wird er mit den Führern der Jewish Agency die neuen Vorschläge der britischen Regierung besprechen. Da seit Mitte Dezember keinerlei offizielle Verhandlungen zwischen Regierung und Exekutive stattgefunden haben, dürften in etwa 14 Tagen dieselben neuerlich aufgenommen werden. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die Exekutive alles daran setzen wird, um mit einem halbwegs günstigen Verhandlungsergebnis nach Amerika zu kommen und auf diese Weise die Fondskampagne erfolgreich einzuleiten. Jedenfalls dürfte die Exekutive in der Lage sein, einen ausführlichen Bericht über die Verhandlungen dem Kongreß vorzulegen. Neuerdings ist der Vorschlag aufgetaucht, aus Propagandarücksichten den Kongreß in London abzuhalten. Natürlich hat die Exekutive in dieser Richtung noch keine Entscheidung gefaßt. Im Zusammenhang mit diesen Vorschlägen wird in informierten Kreisen daran gezweifelt, daß der Kongreß tatsächlich noch im Juni stattfinden werde. Die Reise Dr. Weizmanns nach Amerika dürfte auch dazu führen, die Spannung, die zwischen der derzeitigen Leitung der amerikanischen Exekutive, die ja Opposition ist, und der amerikanischen Opposition, die von dem Anhänger Dr. Weizmanns Louis Lipsky geführt wird, zu verringern, um die Kampagne wirksamer zu gestalten. Es ist jedoch zu bezweifeln, daß die Verhandlungen mit der Regierung noch vor Dr. Weizmanns Abreise nach Amerika abgeschlossen werden, da die englische Regierung jedenfalls den Erfolg der Kampagne in Amerika abwarten und ihre Stellung zu den zionistischen Abänderungsvorschlägen wohl je nach dem Erfolg oder Mißerfolg in Amerika einrichten wird. I. r. m. Eine neue parlamentarische Delegation nach Palästina Englands „Liebe zu den Fellachen“ ln Kreisen des britischen Unterhauses, die sich mit den zionistischen Fragen beschäftigen, wird der Plan erwogen, eine gemeinsame Delegation proarabischer und projüdischer Abgeordneten nach Palästina zu entsenden, um ein besseres Einverständnis zwischen Juden und Arabern herzustellen. Für die zionistische Seite sollen Mr. D. Hopkin und das jüdische Parlamentsmitglied für Dundee M. Marcus (beide Labour- Party), von proarabischer Seite Sir Wilüam Bennett und der bekannte Antizionist Colonel Howard-Bury (beide konservative) entsendet werden. Ob eine solche Delegation viel Erfolg haben wird, mag dahingestellt bleiben. Die Führer der Araber zeigen in ihm Haltung äußerste Intransigenz, die durch die jüngsten Verordnungen der Palästinaverwaltung noch mehr verstärkt wird. Wese Verordnungen muten wie ein Hohn auf das Passfield- Weißbuch an. Denn während das Weißbuch die Hauptaufgabe der Palästina-Administration in der Verbesserung der Lage der landlosen Araber sieht, wird durch die neuen Verordnungen in der rauhen Wirklichkeit das Gegenteil erreich! Diese Verordnungen, die die Schuldhaft der Fellachen ft unglaublicher Weise verschärfen, führen eine «Reform» in der Richtung durch, daß von nun an die Verhängung der Schuldhaft für die Nichtzahlung jeder einzelnen Rate einer Schuld zulässig ist, während früher für die Schuld nur eine einmalige Haft erlaubt war. Es ist den Einflüssen der Effendis, denen die Masse der Araber blind Gefolgschaft leistet, gelungen, eine wirkliche Reform des Schuldhaftgesetzes hintanzuhalten. Der ursprüngliche Plan der Verwaltung ging dahin, die Kosten der Schuldhaft dem Gläubiger aufzuerlegen, was eine Erleichterung für die Fellachen bedeutet hätte. An einem derartigen Verhalten der Palästinaadministration werden noch so viele Delegationen nichts ändern, solange nicht dem Beamtenklüngel das Handwerk gelegt wird, der sich nicht scheut, dem AufbauwiMen der Zionisten mit dem Hinweis auf die Gefährdung der Fellachen die größten Hindernisse in den Weg zu legen, während er auf der anderen Seite Verordnungen erläßt, die das wirtschaftliche Dasein eben dieser Fellachen aufs schwerste bedroht. Präsident Hoover schreibt jiddisch Warschau. (J. T. A.) ln der letzten Sitzung des Warschauer Stadtrats, in der das Schulbudget behandelt wurde, polemisierte der Geistliche Wyrembowski gegen die jüdischen Anträge auf Unterstützung des jüdischen Schulwesens und führte aus, die Polen dürfen in ihrem Lande keine andere Kultur als die polnische dulden. Stadtrat Btixbäum (Poäle Zion) führte demgegenüber ins Treffen, daß eine Kultur sich um so duldsamer gegen andere Kulturen V zeigt, je stärker sie ist. Es sei kein Zeichen von Kultur, wenn jüdische Kinder keine Schulen haben, weil der Staat nicht für sie sorgen will. In Amerika habe er, Buxbaum, in allen Stadtbibliotheken große jiddische Abteilungen vorgefunden. Er sei in der Lage, den Stadträten ein Dokument der Regierung der Vereinigten Staaten vorzuzeigen, das jiddisch abgefaßt und vom Präsidenten Hoöver mit hebräischjiddischen Lettern unterzeichnet ist. Buxbaum wies eine Photographie dieses Dokumentes vor, die unter den Stadträten Sensation erregte. Der Deserteur Von Bianca Gronner. Am Anfang des Sommers hatte Baruch Löw mit seiner Feigele unter der Chupe gestanden. Sechs glückliche Monate waren seither verstrichen —- glücklich allerdings nur für Baruch und Feigele; denn draußen in der Welt herrschte Aufruhr und Wirrnis. Es wütete der Weltkrieg; die Erde erzitterte unter dem Donner der Kanonen und trank gierig das Blut von Millionen ihrer Söhne. In den großen Städten weinten Frauen und Mütter um ihre Männer und Söhne. Hier in dem kleinen polnischen Weiler merkte man wenig von all dem Grauenhaften, das in der Welt vorging. Nur wenn einer der ihren eingezogen wurde, erinnerten sie sich daran, daß draußen der Krieg entbrannt war. Sie machten Pakete mit Lebensmitteln zurecht, um sie ihren Leuten zu schicken; denn sie hatten davon läuten gehört, daß die Soldaten «trefenes» Essen bekämen. Einmal in der Woche kam der Postbote ins Dörfchen, brachte graue Feldpostbriefe und nahm die Pakete mit. Baruch Löw war noch nicht eingezogen worden; er verstand selbst nicht, wie das kam, doch war er glücklich darüber. Seine Feigele erwartete ein Kind. Nur das wollte er noch sehen, dann mochten sie ihn nehmen, wenn es sein mußte — nur erst sein Kind im Arm halten... Aber eines Tages kam der Briefbote doch in sein Häuschen, das letzte des Ortes: «Da, Baruch, jetzt seid Ihr an der Reihe», sagte er und warf einen bedauernden Blick auf Feigele, die mit weit aufgerissenen Augen und verzerrten Gesichtszügen dastand, die Hände gegen die Brust gepreßt, und ihn anstarrte. «Verliert den Mut nicht, Feigele, er wird schon gesund wiederkommen. Oder vielleicht hat er gar einen Herzfehler, wie Reb Joels Jüngster, und sie nehmen ihn gar nicht!» Damit ging er. Und Feigele warf sich auf das Bett und weinte, weinte... Binnen 14 Tagen, also spätestens am 28. Dezember, habe sich Baruch Löw bei der Assentierungsstelle zu melden, stand in dem Brief; «am 28. Dezember» und «vielleicht wird er gar nicht genommen» waren hinfort die beiden Pole, um die Feigeles Gedanken kreisten. Sie war still und schwermütig und hatte jetzt immer vom Weinen gerötete Augen. Barucfy kränkte sich darüber, weil er meinte, es könnte dem Kinde schaden, und er versuchte immer wieder, sie zu trösten, aufzuheitern und ihr Mut einzuflößen. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Je näher der 28. Dezember rückte, desto angstvoller und verzweifelter wurde sie. Und in rasendem Tempo verstrich die Galgenfrist. Am 27. Dezember nahm Baruch sein Bündel auf die Schulter und machte sich schweren Herzens auf den Weg. Feigele ging mit ihm. Reb Joel wollte die ' Beiden mit seinem Schlitten bis zur nächsten Bahnstation, die 12 Kilometer entfernt lag, bringen und die Frau dann zurückführen. Schwer schlugen die Hufe der Pferde auf der ■ vereisten, holperigen Straße auf. Die Beiden saßen Hand in Hand, eng aneinandergeschmiegt unter der niedrigen Plache. Ganz still waren sie. Hin und wieder wandte sich Reb Joel um und sprach ein paar ermunternde Worte zu ihnen, aber er gab es bald auf, da er keine Antwort erhielt. «Nur noch eine Viertelstunde — vierzehn, vielleicht nur dreizehn Minuten...», dachte Baruch und j preßte sein Weib immer fester an sich. «Reb Joel, fahrt 1 nicht so rasch!» rief er ihm zu. Der aber wandte sich um und brummte: «Dann kämet Ihr ja zu spät, ich muß rasch fahren!» und ließ seine Peitsche knallen. Plötzlich schluchzte Feigele wild auf und war gar nicht wieder zu beruhigen. Baruch küßte und streichelte sie, doch es wollte nicht helfen. Und dann waren sie am Bahnhof angelangt. «Beeilt Euch, Baruch!» — mahnte Reb jpel. Aber den Beiden, die den ganzen Weg über geschwiegen hatten, fielen auf einmal tausend wichtige Dinge ein, die sie einander noch zu sagen batten. «Wenn sie mich nehmen und ich jetzt nicht zurückkomme, vergiß nicht, nächsten Mittwoch das Jahrzeitlicht ■für, meinen Vater ahzuzünden, Feigele...» «Wirst.Du mir jede Woche schreiben?» —- «Vergiß das Mastkalb nicht.;. und schone Dich — und wenn’s ein Bub wird, so nenne ihn Rüben nach meinem Vater.’..» Feigele hing an seinem Halse; er löste sanft seine Arme von ihrem Nacken und stieg in den Zug, der kurz darauf zu schnauben’ anhob und sich langsam in Bewegung setzte. Und Reb Joel fing die arme Frau auf, als sie ohnmächtig zusammensank. — Baruch hatte keinen Herzfehler — sie nahmen ihn. Und schon nach kurzer Zeit kam er an die Front. Durch einen merkwürdigen Zufall war er der einzige Jude in seiner Kompagnie und als solcher dem Haß, Spott und Hohn seiner Kameraden ausgesetzt. Bald mußte er sich daran gewöhnen, «trefene» Kost zu genießen, wollte er nicht Hungers sterben. Von den Paketen, die ihm seine Feigele schickte, bekam er nichts in die Hände. ‘ Fast vier Monate war er nun schon fort von zu Hause; er hatte die Feuertaufe bestanden und sich so tapfer gezeigt, daß er in der Achtung seiner Kameraden zu steigen begann. Einen von ihnen hatte er einmal aus dem Kugelregen geholt, den Verwundeten auf den Rücken genommen und in den Schützenghaben getragen, weil dieser, ein gutmütiger Mensch, ihm einst gegen die anderen beigestanden war, als diese den Juden verhöhnten. Baruch, hatte sich schon, mit seinem Los abgefunden, wäre nur nicht die Angst um sein Weib gewesen. Seit vier Wochen hatte er nichts von ihr gehört; das Kin.d war vielleicht schon da, und er wußte nichts! Bange Unruhe zermürbte ihn. Da kam es ihm eines Tages zu Ohren,, daß der Russe durch das Dorf g'zogen war, in dem die Seinen lebten. Er meldete sich beim Hauptmann und tot «0

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