Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 161 (29.1.1931)
- Date
- 1931-01-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nf. 161 — 29. J&fifier 1931 teures Brennmaterial Im Betrieb zu benutzen. Bituminöser Kalkstein selbst müßte als Heizstoff dienen. Auch die Möglichkeit der Verwertung der Im Kalkstein enthaltenen organischen Verbindungen durch eine Art Schwelerei wird verschiedentlich erwogen. Erwähnenswert ist, daß der technische Berater der palästinensischen Regierung vorschlägt, den bituminösen Kalkstein des Landes z u K a I k zu brennen; Der hohe Tongehalt durfte aber m. E. das Material für Luftkalk unbrauchbar machen. Eher könnte man daran denken, den bituminösen Kalkstein beim Brennen anderer Kalksteine als Heizmaterial zu verwenden und den g’elchzeitig aus ersteren erhaltenen gebrannten Kalk durch einen Teil des letzteren zu verbessern. Der bituminöse Kalkstein in Syrien und in Palästina wird durch Tagbau gewonnen. Er ist minderwertig. Es ist aber denkbar, daß man bei Anwendung von Schacht- und Stollenbauten in tieferen Schichten auf einen bitumenreicheren und damt viel hochwertigeren Stein stoßen wird. Der geologische Bau der beiden Länder festigt in mir diese Anschauung, und es wäre lohnend, bei künftigen Bohrungen ganz besonders in dieser Richtung Untersuchungen anzustellen. Auch die Frage, ob sich in tieferen Schichten jemals größere Asphaltmengen fanden, von denen ein großer Teil Infolge der dort herrschenden großen Hitze und des hohen Druckes verflüssigte und so, von dem porösen Kalkstein aufgesaugt, diesen in bituminösen Kalkstein umwandelte, wird dann aufgeklärt werden können. Wenn man bei weiteren Untersuchungen, die sich insbesondere auf tiefer liegende Schichten erstrecken müßten, einen nur um wenige Prozent bituminöseren Stein als die bisher bekannten finden wird — und diese Möglichkeit ist durchaus gegeben —, dann, aber auch nur dann, wird dieses Material ln der Handelsbilanz Palästinas und Syriens eine bedeutende Rolle spielen. Von dem bis jetzt untersuchten Stein ist das leider nie zu erwarten. Äfc Xofonien Ein neuer Siedlungspunkt bei Rechowoth. Vor kurzem hat die Gfuppe Rechowoth des «Noar Owed» (Arbeitende Jugend) ihren Siedlungsplatz bei Naaneh bezogen. Der Boden der Siedlung Hegt 20 Minuten nordwestlich von der Bahnstation und eine habe Wegstunde von Ekron. Der Boden bei Naaneh im Umfang von etwa 1200 Dunam wurde vor einem Jahr durch die P. L. D. erworben; davon gehören 260 Dunam der Siedlungsgruppe, die mit dem Aufbau ihrer Wirtschaft begonnen hat und ihre Existenz in Lohnarbeit in den benachbarten Orangerien (von Qan Hadar) findet. Die Siedlung «Ghvath Haschloschah». Die Siedlung «Gan Haschloschah» bei Petach Tikwah zählt jetzt 107 männliche und 78 weibliche Mitgieder. Die Außenarbcit ist nach wie vor eine der wichtigsten Einnahmsque'len der Wirtschaft. Der Kuhstall enthält 11 Tiere, der Geflüge’stall 700 Stück Geflügel; Gemüsebau wird auf 12 Dunam Boden betrieben. Die junge Orangerie umfaßt 42 Dunam. Die Baumschule besteht aus 80.000 Setzlingen, darunter 21.000 Orangenbäumchen. Die Konsolidierung der Keren Hajessod-Siedlungen. Das Koonisatlonsdepartement der Jewish Agency hat in den letzten Monaten mit den Siedlungen Kinereth, Magdiel, Kfar Gun, Jadjur, Daganiah A, Ben Schemen, Tel Josef, Kirjath Anawim, Daganiah B, Nachlath Jehuda, Chefzibah, Atharot, Herzlia, Gederah, Gewa, Beer Tuwia Verträge abgeschlossen, in denen die Höhe der noch für die Konsolidierung jeder Siedlung erforderlichen Anleihen festgestelt wurde. Die Bestimmungen über Selbstarbeit wurden so gefaßt, daß sie dem Farmer erlauben, fremde Arbeitskräfte zu beschäftigen, wenn dies die landwirtschaftliche Sa'son erfordert. Die Frage der Rückzah’ungsbedingungen der Siedlungskredite spielte naturgemäß eine große Rol'e. Eine Untersuchung der Einnahmen und Ausgaben in verschiedenen sich selbst erhaltenden Wirtschaften zeigte, daß diese Betriebe zwar einen Ueberschuß erzielen, der ihnen eine ausreichende Existenz gewährt, sie aber Im Augenblick noch nicht in der Lage slfti, außer den kommunalen Abgaben und Lasten größere Beträge für die Ti’gung der Kredite zurückzuzahlen. Die Bedingungen für die Rückzahlung der Kredite im Emck sind daher folgendermaßen festgesetzt worden: Während der ersten vier Jahre nach der Auszahlung des vollständigen Siedlungskredites werden keinerlei Zah'ungen für Amortisation oder Zinsen verlangt. Während der ersten zehn Jahre s;nd nur Zinsen in Höhe von 2 Prozent zu entrichten. Danach müssen während eines Zeitraumes von 40 Jahren Zahlungen für Kapital und Zinsen zusammen geleistet werden. Die Gesamttilgung wird also vom Zeitpunkt der Auszahlung des Siedlungskredites an 5 4 Jahre dauern. JEandmirtscfkaft Ernteaussichten. Das Landwirtschaftliche Departement veröffenficht einen optimistischen Bericht über die Ernteaussichten: Im ganzen Lande wird noch gepflügt und gesät. Die Getreide- und Futterpreise sind etwas gestiegen. Für das auf den Markt kommende Frühgemüse werden normale Preise erzielt. Die Olive nernte war schwach, dagegen hat die Banane nernte ausgezeichnete Erträge gegeben. Was die Ernte in Zitrusfrüchten anlangt, so rechnet man mit?inem Durchschnittsertrag. Im al’gemeinen wird die Produktion in diesem Jahre wegen des Hinzukommens der zum erstenmal tragenden Flächen größer sein als die des Vor* jahres. Die Orangenernte ist In vollem Schwünge. Die Marktpreise in Eng'and sind zufriedenstellend und höher ab erwartet wurde. Ganz ausgezeichnete Resultate hat die diesjährige Kohlernte aufzuweisen. Die Anbaufäche ist im Vergleich mit dem Vorjahre vergrößert worden. Vewhetkw Die Eisenbahn Haifa—Bagdad. Die Vermessungsarbeiten an der Bahnlinie Haifa—Bagdad haben nach einer Meldung der «Bagdad Times» am 19. November begonnen und werden von fünf Arbeitsgruppen ausgeführt. ’ JKisxeH en 9teie zionistische Qtibiine Industrie und 9en>etbe Eröffnung des Hotel «King David». Das neue Hotel «King David» in Jerusalem ist am 20. Dezember 1930 eröffnet worden. Das Hotel, das 200Zlmrr. er und eine Reihe von Sälen, Konferenzzimmern, Gesellschaftsräumen enthält, ist mit den modernsten Küchen- und Ketlereinrichtungen versehen. Der technische Betrieb ist durchgehend elektrifiziert und nach den modernsten europäischen Vorbildern eingerichtet.. «Die Ausstattung der Wohn- und Gesellschaftsräume ist in reichem orientalischen Geschmack gehalten, wobei antike Ornamente aus verschiedenen Stilen des Vorderen Orients Verwendung fanden. Die Gesamtkosten des Baues und der Einrichtung belaufen sich auf 250000 Pfund. Die Mittel dafür wurden durch den «Economic Board for Palestine», die «Palestine Economic Corporation» und eine ägyptische Finanzgruppe aufgebracht. Das Mobilar des Hoteis ist zum größten Teil in Palästina an gefertigt worden. Zehn Jahre jüdische Arbeiterorganisation. Im «Davar» veröffentlicht M. Nemirovsky eine statistische Uebersicht über die Entwicklung der Arbeiterorganisation im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens. Aus der Uebersicht seien nachfolgende Tabellen wiedergegeben: 1. Wachstum der Mitglieder von 1920—1 930. Jahr Zahl der Mitglieder Wachstum in % 1920 4.433 100 1922 8.394 181 1925 10.085 228 1926 15 275 345 1927 19.628 443 1928 22.538 509 1930 25.378 573 2. Verteilung der Mitglieder. Jahr Städte Kolonien Arbeitersiedl. 1922 5.435 1331 1628 1925 6546 1392 2147 1926 9.275 3700 2300 1927 13.569 3540 2519 1928 15.325 4250 2963 1930 16.049 6310 3019 3. Kulturelle Tätigkeit. 1923 1930 Zahl der Lesezimmer.. 115 Zahl der Siedlungen mit Lesezimmer . . . 5 65 Bücherbestand in der Zentralbibliothek . . 7081 72.647 Zahl der Schulen. . . 7 19 Zahl der Kindergärten 36 Zahl der Schüler.. 1.499 Zahl der Schulen für die arbeitende Jugend . 1 5 Zahl der gehaltenen Vorträge .... 325 *». cmwicxiung der Arbeiterbank. 1922 1929 Grundkapital 30 000 100.000 Eingezahltes Kapital. 24 000 83.000 Umsatz .. 751.677 1,661.757 Depositen .. 10.189 36.806 Bruttogewinn.. 3.815 12.200 Reingewinn 675 3.059 Hat der Kongreß das Recht, die Demission Weizmanns zu erzwingen? Von Dr. David Malz (Lemberg) Zweifelsohne hat der Kongreß die Macht, Weizmann zur Demission zu bringen. Aber ich bestreite feierlichst sein Recht zu dieser Tat. Wie wird der zionistische Kongreß gebildet? Seine Mitglieder werden von den Schekelzahlern gewählt. In der «Stimme» finde ich einen Aufsatz meines Jugendfreundes Dr. Osias Thon, in dem er die Meinung vertritt, «der Schekel sei ein Manifest eines der Millionenteilchen der nationalen Kollektivseete». Mit den Millionen Schekelzahlern hat es seine eigenen Wege. Wir haben leider noch immer nicht die erste Million erreicht. Und wie armselig und schwach ist ein solches Manifest. Ist es wirklich ein gewaltiges Bekenntnis zum Zionismus, wenn ein Jude sich dazu aufrafft, einen minimalen Betrag jährlich zu bezahlen? Es könnte doch möglich sein, daß es einem nichtzionistischen Millionär plötzlich einfällt, einige hunderttausend Schekel aufzukaufen, um diese unter den Agudisten oder Assimilanten zu verteilen. In diesem Falle hätten wir doch aus dem betreffenden Lande eine nichtzionistische Delegation. Und wenn das in einigen Ländern passieren würde, hätten wir einen Kongreß, wie Herzl ihn sich niemals vorgestellt hätte. Ist ein Zustand moralisch, in dem Menschen, die nur Schekel kaufen, das Recht haben, Delegierte zum Kongreß und dadurch die obersten Behörden unserer Organisation zu wählen? Es gibt tausende und Abertausende Arbeiter unter den Zionisten, die jahrzehntelang ihr Gut und Blut auf dem Altar des Zionismus geopfert haben, die ein tausendfaches Anrecht darauf hätten, über die von unserer Bewegung einzuschlagenden Wege zu entscheiden, jedenfalls ein größeres Recht, als diejenigen, die einige Groschen täglich für unsere Sache opfern. Nach Herzls Tod sind alle Lichter erloschen. Die Kongresse nach Herzl fristeten ihr Dasein in seinem großen Schatten. Prof. Weizmann war es, der mit starker Hand das ^ierzl’sche Erbe angetreten hat. Alles, was wir in den letzten zwölf Jahren erreicht haben, ist sein Werk: die Balfour-Deklaration, das britische Mandat, die Beschlüsse in San Remo. Wer wird den Mut haben, das Weizmann’sche Erbe zu übernehmen? Ich lasse die mir bekannten Namen Revue passieren. Niemanden finde ich. Vielleicht Grünbaum, dessen «prinzipielle» Landespolitik zu einer Katastrophe filr das polnische Judentum wurde? Wladimir Jabotinsky? Ich möchte ihn in der Exekutive haben, damit er erfahre, daß man Granit nicht mit Zähnen beißen kann, und daß wir ohne Armee, Flotte, ohne Luftschiffe und Unterseeboote keinen Krieg mit England führen können. Aber als Präsident der Exekutive ist er undenkbar. Ing. Ruthenberg ist für die E’ektrifizierung unseres Landes eine allzu wichtige und unersetzliche Persönlichkeit; es wäre nicht au wünschen, daß er dieser Arbeit entzogen und auf das schlüpfrige Londoner Pflaster gebracht werde. Dasselbe gilt mutatis mutandis für Ussischkin. Sind ernsthafte Nachfolger Weizmanns vielleicht Ing. Stricker, Kurt Blumenfeld, Goldmann oder Solowejtschik? Es bleibt als letzte Kanone der Oberrichter Brandeis. Seine Gruppe hat acht Jahre lang geschmollt und sich außerhalb unserer Organisation gestellt. Nun ist sie zurückgekehrt lind zwar unter Triumphgesängen, aber nach verläßlichen Berichten hat die Brandeisgruppe bei der Sammlung für unsere Fonds versagt. Es ist traurig, aber ich sehe keinen zweiten Weizmann. Und bei dieser Gelegenheit eine Anregung: Wenn es von mir abhängig wäre, würde ich eine ganz andere Zusammensetzung des Kongresses wünschen, als diejenige, die er bisher hatte und die aus ihm nur einen Diskussionsabend machte. Vor a'Jein müßte die Delegation aus Palästina ohne Rücksicht auf ihre numerische Stärke das entscheidende Wort haoen. Denn die Zionisten, die in Erez Israel leben, haben den Zionismus verwirklicht, während wir in der Gaiuth vom Zionismus nur reden lind schreiben. Neben dieser Palästinadelegation könnten Vertreter der Wissenschaft, der Technik, der Wirtschaft und Religion ihre Delegierten entsenden. Wenn es sein muß, könnte der vierte Teil der Delegierten von Schekelzahlern gewählt werden. Wenn ich die Ehre hätte, Mitglied des Kongresses zu sein, würde ich im Gefühle einer großen Verantwortung den Antrag stellen, die langsame Liquidierung der zionistischen Organisation in die Wege zu leiten. Diesen Antrag würde ich fo'gendermaßen begründen: keine Partei ist ewig, das jüdische Volk hingegen ist es. Die Emanzipation war nötig, um den in der Lethargie begriffenen nationalen Willen wieder in uns zu erwecken, um eine brennende Sonne am finsteren Horizonte der Gaiuth erstrahlen zu lassen, um unser Valk zu heroischen Anstrengungen anzufeuern und um schüeß’ich die völkerrecht’iche Anerkennung unserer Ansprüche auf das Land unserer Väter zu erringen. Hiermit aber wäre die Aufgabe des Zionismus beendigt. Nun sind auf unserem Wege ungeheure Schwierigkeiten aufgetaucht. Die zionistische Organisation, die in eine Unmenge von Fraktionen und sonstigen Splittern zerfallen ist, kann diese Schwierigkeiten nicht aus eigenen Kräften überwinden. Aus dieser Erwägung heraus f«t die Jewish Agency gebildet worden. Die Kooperation hat gewissermaßen versagt, da die Nichtzionisten sich an der Aufbringung der Geldsummen nicht genügend beteiligt haben. Aber sie wird noch mehr versagen, da die wirtschaftliche Lage der amerikanischen Juden sich von Tag zu Tag verschlimmert. Um die Arbeit weiterhin erfo'greich führen zu können, bleibt uns nur ’in Appell an die einzige Realität, die wir besitzen: an das ganze jüdische Volk. Die Schaffung eines eigenen Staates verlangt die Anstrengung aller Kräfte des jüdischen Volkes zu einer gigantischen Leistung. Es gibt keinen Juden, vielleicht mit Ausnahme der Kommunisten und Bundisten, dem der Wiederaufbau Erez Israels nicht ein elementares Herzensbedürfnis wäre. Meiner Meinung nach wäre daher die Einoerufung eines aüjüdischen Weltkongresses auf der Plattform des wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbaues Palästinas die erste Aufgabe des jüdischen Volkes. Es ist möglich, daß dieser al’jüdische Kongreß unsere zionistische Organisation, die bis jetzt das Schiff des jüdischen Volkes mit sicherer Hand steuerte, mit der Leitung der Agenden betrauen wird. Dann werden wir eben die wirkliche Jewish Agency haben, die von der Autorität des ganzen indischen Volkes getragen wird, und die als solche im Konzert der Völker eine viel gewichtigere Stimme haben wird, als die jetzige Agency. Es ist aber auch möglich, daß dieser alliüdische Kongreß aus sich heraus eine andere Leitung wählen wird. Dann müssen wir eben als Partei in Schönheit zu sterben verstehen und unsere Kräfte der neuen Organisation zun Heile unseres Volkes opfermutig zur Verfügung steifen •«w4