Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 161 (29.1.1931)
- Date
- 1931-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 161 — 29. Jänner 19S1 DIE STIMME Sette 3 Nach der A. C.-Sitzung Die an dieser Stelle schon vor einigen Wochen vorausgesagte Verschiebung des Kongresses ist nun eingetreten. Die Exekutive gab in einer Pressekonferenz als Grund für die Verschiebung an, große Teile der Organisation wären davon überzeugt, daß ein im Februar stattfindender Kongreß die Aufbringung der Gelder für das Wiederaufbauwerk in Palästina hindern würde. Neuer Zufluß von Kapital ist aber eine Lebensnotwendigkeit für den Zionismus. Zu diesem' offiziellen Grund kommt aber noch ein anderer bedeutsamer und schwerwiegender hinzu. Die offizielle Erklärung der Exekutive sagt nämlich, daß die Verhandlungen mit der Regierung noch nicht in ein Stadium gelangt seien, in dem ein endgültiges Urteil darüber gefällt werden könne. Dr. Weizmann hat in einem Kommuniquee erklärt, er lehne die Führung des zweiten Teiles der Verhandlungen mit der Regierung über die Fragen der Einwanderung und des Gesetzgebenden Rates ab und überlasse sie anderen. Aus dieser Mitteilung Dr. Weizmanns kann man schließen, die Erklärung Prof. Brodetskys, daß die Verhandlungen mit der Regierung die Gesamtfragen Palästina zum Gegenstand hätten, habe nicht bedeutet, daß die Regierung vom Passfield-Weißbuch irgendwie abgehen wolle. Die Mitteilung Dr. Weizmanns läßt nämlich nur den Schluß zu, daß es ihm nicht gelungen ist, die Regierung zu bestimmen, vom Weißbuch abzugehen und die gefährlichen Klauseln über Einwanderungsbeschränkung und Gesetzgebenden Rat abzuändern. Die wiederholte Erklärung der Exekutive, sie verhandle nicht auf Basis des Weißbuches, ist also durch diese Mitteilung Dr. Weizmanns de facto zurückgezogen worden. Die Position der Regierung scheint sich durch den Ausgang der indischen Konferenz verbessert zu haben und die öffentliche Meinung wird nur zu sehr geneigt sein, die Regierung in ihren Verhandlungen mit der Exekutive zu stützen und für die Forderungen der Juden ein taubes Ohr haben. Die Verhandlungen werden auch dadurch erschwert sein, daß das Komitee, das die Verhandlungen mit der Exekutive führt, durch die anderweitige Beschäftigung seiner Mitglieder die Verhandlungen hinausziehen wird. Gegenstand der Verhandlungen wird auch die wirtschaftliche Lage in Palästina sein. Die Weltwirtschaftskrise beginnt sich zusehends auch in Palästina auszuwirken, und die Frage einer drohenden Arbeitslosigkeit im Lande gewinnt daher an Bedeutung. Verschärft wird die Lage noch durch die Finanzkrjse der Organisation, die es ihr nicht ermöglicht, genügend große Summen bereit zu stellen, mit deren Hilfe die Wirtschaft des Jischuw einigermaßen an Widerstandskraft gewänne. Diese Ansicht wird von vielen Parlamentsmitgliedern, die an Palästina interessiert sind, geteilt. Von dieser Seite wird auch die Ansicht vertreten, daß die Zusammensetzung der zionistischen Delegation, die die Verhandlungen mit der Regierung führt, manches zu wünschen übrig läßt. Die Verhandlungsposition der Exekutive wird noch dadurch erschwert, daß es Dr. Weizmann nicht gelungen ist, den Zusammenhalt seiner Anhänger zu stärken. Im Gegenteil: der definitive Rücktritt von Lazarus Barth und Meir Berlin und die geschlossene Stellungnahme der Misrachi gegen die Verschiebung des Kongresses, denen sich auch ein allgemeiner Zionist aus Polen angeschlossen hat, haben die Position der Exekutive geschwächt. In informierten Kreisen hält man es für möglich, daß innerhalb der allgemeinen Zionisten eine Schwenkung stattfinden wird, um die gegenwärtige unklare Lage zu beenden. 1. r. m. Das zweite Neujahrsfest Von Sem Wolf Das Neujahrsfest der Menschen ist bei uns Juden ein schwermütiger Feiertag: von Tränen durchnäßt, von Wehmut durchzittert, von Einkehr und Buße beschwert. Das Neujahrsfest der Bäume dagegen heißt: Frohsinn, Freude, Knospen und Blühen, ein heidnisches Triumphlied der wiedergeborenen Natur. Es ist noch lange kein Frühling. Auch der Vorfrühling Ist noch nicht gekommen. Und was wir am 15. Schebath feiern, ist nur seine Vorahnung. Denn hier in den nordischen Ländern, wo es schneit, wo jetzt Frost und tiefster Winter herrschen, weiß man noch nichts davon, daß bald neues Leben in der erstarrten Natur pulsieren wird; daß Bäume bald wieder im Festgewande des Frühlings prangen werden. Nur durch die irrationale Verbundenheit mit unserem fernen Lande gelang es uns zweitausend Jahre hindurch, dieses unreligiöse, anationale, jedoch erd- und heimatverbundene Fest zu erhalten. In Palästina beginnen am 15. Schebath die Bäume zu blühen, und wir feiern auch hier das Fest der Natur, das dort am Mittelmeerstrande Wirklichkeit ist. Wir feiern es ohne Gebete, ohne starre Formen, ohne Lithurgie, ohne Traditionszwang. Den frischen Hauch, der um die beiden Jordanufer weht, zaubert uns die Sehnsucht in die winterliche Zone Europas herüber. Irgend etwas Heidnisch-Junges spüren wir am Tage des Neujahrsfestes der Bäume, das zugleich einer der vielen Beweise dafür ist, wie unzertrennlich die Seele des Volkes mit der Seele des Landes vereint ist. Schwer drückt die Geschichte. Nebelgrau ist der Alltag. Ehrwürdige Folianten lasten zentnerschwer. In Weizmann geht nach Amerika London, 21. Jänner. (J. T. A.) Die Zionistische Exekutive veranstaltete am Dienstag, den 20. Jänner, unter dem Vorsitz von Nahum Sokolow eine Pressekonferenz. Sokolow gab bekannt, daß sich Prof. VVeizmann demnächst an der Spitze einer Delegation zur Verstärkung der Palästina-Kampagne nach den Vereinigten Staaten begeben werde. Es sei noch keine Entscheidung über die Frage getroffen worden, ob die Verhandlungen mit der Regierung während des Aufenthaltes Dr. Weizmanns in Amerika unterbrochen oder trotz seiner Abwesenheit fortgeführt und erst nach seiner Rückkehr abgeschlossen werden sollen. Sokolow kam sodann auf die Verschiebung des Kongreßtermins zu sprechen und erklärte, der Zionistenkongreß sei nicht Selbstzweck, sondern nur eines der Mittel zum wirklichen Zwecke, nämlich zum Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina. Große Teile der Zionistischen Organisation hätten darauf gedrängt, daß der Kongreßtermin verschoben werde, indem sie darauf hinwiesen, daß die Abhaltung des Kongresses den Palästina-Drive in Amerika schädigen würde. Ein weiterer Grund für die Aufhebung d23 ursprünglichen. Beschlusses des Aktions-Comltees, den Kongreß im Februar abzuhalten, lag darin, daß die Führer der amerikanischen Nichtzionisten erklärt hatten, es würde TELEPHON U-22-3-59 GEBRÜDER BRAININ WIEN, I. iOauernnfiarftf Sfa jj ihnen nicht möglich sein, an einer Tagung des Councils der Jewish Agency Anfang März teilzunehmen. Dr. Felix Rosenblüth erklärte, das eben bekannt gewordene, völlig unbefriedigende Ergebnis der gemeinsamen jüdischen Kampagne in Amerika während der Monate November und Dezember 1930 habe gezeigt, daß der Palästina-Drive unverzüglich in Angriff genommen werden müsse. Die Demission der misrachistischen Mitglieder der zionistischen Exekutive sei auf Meinungsverschiedenheiten in der Frage des Kongreßtermins zurückzuführen. Der Misrachi hätte darauf bestanden, daß der Kongreß im Februar abgehalten und daß die Palästina-Kampagne erst nach se ner Beendigung eröffnet werden soll. D«e misrachis tischen Mitglieder der Exekutive hätten vorläufig noch keine Entscheidung darüber getroffen, ob sie weiter in der Zionistischen Exekutive verbleiben würden oder nicht. Josef Sprinzak legte die Grundzüge eines Planes dar, der die Aufbringung von einer Million Pfund für Kolonisationsarbelt in Palästina im Laufe dieses Jahres vorsieht. Nach dem Plan soll ein Jüdischer Verband zur Förderung der Palästina-Kolonisation mit einer Million Mitglieder geschaffen werden, von denen jedes einen Beitrag von einem Pfund leistet. Dadurch würden einerseits die notwendigen Mittel für eine Kolonisationsarbeit großen Maßstabes beschafft und anderseits Ae jüdischen Massen Im Interesse des Palästina-Aufbaues mobilisiert werden. Sprinzak erklärte, die palästinensische Arbeiterschaft habe diesen Plan, von dessen Verwirklichung sie sich außerordentlich viel verspreche* mit großer Begeisterung aufgenommen. Das Bureau des XVH, Zionistenkon« gresses stellt seine Tätigkeit ein Auf Grund des Beschlusses der Sitzung des Aktionskomitees in London über die Verschiebung des Kongresses, hat das Bureau des XVH. Zionistenkongresses seine Tätigkeit in Karsbad eingestetlt. Zuschriften an das liquidierende Bureau sind zu richten an Dr. Franz Kahn, Mor. Ostrava, Hviezdosla* vova 29 (C. S. R.); Telegrammadresse: Zioni* büro, Mor. Ostrava; Telephon 36-63. Die Post, die an die alte Adresse eingeschickt wurde, wird ordnungsgemäß nach M.-Ostrau weitergeleitet und von dort aus erledigt werden. Protestkundgebung der internationalen Liga gegen den Antisemitismus in Paris Paris, 21. Jänner. (J. T. A.) Die französische Abteilung der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus veranstaltete eine Protestkundgebung gegen den Internationalen Antisemitismus, an der weit über 4000 Personen teilnahmen. Den Vorsitz führte der bekannte Schriftsteller Bernard Lecache. Ansprachen hielten der ehemalige Ministerpräsident Edouard Herriot, die Deputierten Frossard und Marc Sangnier, der Schriftsteller Henri Barbusse, der Geistliche Vergäre als Vertreter der französischen Protestanten, der deutsche Schriftsteller Walther Mehring und, im Namen der französischen Juden, Grand Rabbin Israel Levi. Der Ehrenpräsident der Liga, Albert Einstein, sandte aus Amerika telegraphisch einen Gruß an die Versammlung, der mit großem Jubel aufgenommen wurde. Sämtliche Redner verdammten auf das Schärfste den Versuch des internationalen Antisemitismus, die Völker gegeneinander und alle gegen das Judentum zu hetzen. In Thüringen das Schächtverbotsgesetz angenommen Weimar, 21. Jänner. (J. T. A.) Der Gesetzgebungsausschuß des Thüringischen Landtages nahm heute das Schächtverbotsgesetz in zweiter Lesung an. Rabbi Berlin beteiligt sieh am Misrachi-Drive in Amerika London, 21. Jänner. (J. T. A.) Am 20.. Jänner hat der Misrachi-Fiihrer Rabbi Meir Berlin-an Bord der «Majestic»rjdjjp Reise nadh den Vereinigten Staaten angetreten, um dort an der Palästina-Kampagne des Misrachi teilzunehmen. OOOOOOOOCOOOCOOOOGOCOaCGOOOCXXXXXXXXSOO | Jaden! | | Kaufet Palästina-Produkte! i 8 Jaffa-Orangen •Jaffa-Giape Fruits X 0 Karmel Weine Cfcedera-Honig 'S1 ö Palästina Olivenöl (Schemen) X q liefert zu billigen Freisen direkt ins Hans jii[ 8 $flMUEL MLPERN II., Förstergasse 6; Tel. R-40-4-12 |S| 8 Orangen-Preise: Pakete zu 15. 18, 28 u. 26 St. S 6.80 X Q Originalkisteu zu 50, 60, 75 u. 90 St. . . S 19.— < M > tote Formeln ist unser Leben eingezwängt, und wenn wir diese sprengen, verlieren wir den Zusammenhang mit den Geschlechtern, die waren, und der Volkseinheit, die ewig bleibt. Daher müssen wir demjenigen dankbar sein, der uns dieses echte Volksfest schuf und frische Luft in unsere stickigen Stuben brachte! So lange wir ein Fest wie Rosch Haschana Leilanoth feiern können, sind wir jung, primitiv und unverdorben. Wie rührend die manchmal unbewußte Sehnsucht des Volkes nach der Heimat ist, beweist uns die einfache Tatsache, daß an diesem Tage Palästinafrüchte verzehrt werden. Es ist kein Schmaus — irgend etwas Weihevolles liegt darin. Dort in unserem Lande wuchs die Orange auf — mit ihrem Saft saugen wir die Glut der Palästinasonne, das Aroma der Palästinaerde, die geahnte Schönheit des Landes ein. Aus dieser unbewußten Handlung eine bewußte Tat zu machen, wäre eines Volkes würdig, das seine besten Kräfte der Renaissance widmet. In Palästina entsteht neues jüdisches Leben: jüdische Orangengärten, jüdische Plantagen bilden paradiesische Oasen in einer Landschaft, die von Fremden verödet worden ist. Jüdische Arbeit, jüdisches Kapital, jüdische Hände und jüdischer Schweiß haben aus dem verwüsteten Boden Wunder an landwirtschaftlicher Kultur hervorgebracht. Für uns, die in allen Ländern der Welt zerstreuten Juden, sind die Produkte der jüdischen Erde ein geliebtes Exotikum. Daß sie aber nur ein Exotikum sind, ist — beschämend. Ein Volk, das real denkt, muß sich den wirtschaftlichen Notwendigkeiten des 20. Jahrhunderts anzupassen verstehen. Romantische Sehnsucht Ist nur dann produktiv, wenn sie mit Wirklichke'.tssinn und dem Ausnützen der gegebenen Möglichkeiten gepaart wird. Deshalb soll eine Frucht, die aus Palästina kommt, für uns kein feierlich-festliches Symbol, sondern Alltagssache sein. Jedes gesund denkende Volk unterstützt die eigene Produktion, denn es weiß: davon hängt in großem Maße sein Aufstieg und seine bessere Zukunft ab. Wie steht es mit dem jüdischen Volk, dessen bester Teil begriffen ist, in Palästina einen geschlossenen wirtschaftlichen Organismus zu schaffen? Ist bei uns die Parole: «Unterstützet die jüdisch-palästinensische Produktion» in einem Selbstachtung gebietenden Maße verwirklicht worden? Das zweite Neujahrsfest, das Neujahrsfest der Bäume, ist nicht wie Rosch Haschanah von Tränen durchnäßt und von Wehmut durchzittert. Aber Einkehr täte not. Dieser Tag, an dem wir den aufblühenden Frühling Palästinas feiern, soll uns nicht nur eine Sentimentalität, sondern auch eine Aufforderung sein: er soll das nationale und in wahrem Sinne dieses Wortes patriotische Gewissen in uns aufrütteln. Doch genug der Gedanken und Reflexionen. Lassen wir lieber Bilder vor uns erstehen, die farbenfroh in unserer Erinnerung leben. Noch wenige Wochen, und große Flächen unseres Landes werden weißen Schneefeldern gleichen: das werden Mandelplantagen sein, deren Blüten schneeweiß sind und bei einem Fremden, der sie zum ersten Mal von der Ferne sieht, den Eindruck von Schnee hervorrufen. Noch wenige Wochen, und ein berauschender Duft wird in ganz Judäa aus den Kolonien weit über die Straßen strömen und auch in die Städte eindringen: das ist das Werk der Orangenbäume, die bald blühen werden. Der Frühling, der berückend schöne, von Meeresbrise liebkoste, an Buntheit wildwachsender Blumen überreiche palästinensische Frühling kommt mit leisen, raschen Schritten, Seinen ersten Kuß drückt er auf die Bäume am Chamischa assar bischwath. Ja, das ist anders als der herbstliche Tischri-^i