Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 161 (29.1.1931)
- Date
- 1931-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite i DVE STtMML Vf. 161 — 29. Jänner 1931 Die Krone der Gemeinde Von Kultusvorsteher Viktor Bauminger. Die Geschichte jüdischer Gemeinden ist die Geschichte ihrer Rabbiner. Der Rabbiner hat der Gemeinde seinen geistigen Stempel aufgedrückt und erst in ihm und durch ihn hat das Gemeindeleben seinen höchsten und tiefsten Ausdruck gefunden. Mannheimer war Seelsorger — seine Stellung in der Gemeinde bewirkte den seelischen Ausgleich inmitten der stürmischen Wogen der jüdischen Reformationskämpfe. Durch seine ausnehmende Haltung ist unser damaliges Gemeindeleben zu einem verdienstvollen Kapitel jüdischer Geschichte geworden. Jellinek war Prediger — ein Klassiker der Kanzel. Aber geschichtlich genommen gewinnt er Bedeutung erst durch seine jüdischen Forschungen. Er hat als Erster die jüdische Wissenschaft «gemeindefähig» gemacht. In Jellinek verkörpert sich jener Abschnitt unserer Gemeindegeschichte, der im Zeichen der beginnenden Pflege der Wissenschaft des Judentums steht. Lazar Horowitz war in unserer Gemeinde der erste Trägerder Thora und ein Symbol ihrer Schönheit und Lauterkeit. Er hat die Thora und das jüdische Gesetz «gemeindefähig» gemacht und beides über alle Parteien und Gruppen, über die Differenzierung der Gemeindemitglieder nach Herkunftsland gestellt. Die Thora war ihm Sinnbild der Einigkeit unserer Gemeinde und unseres Volkes, das allen Gemeindemitgliedern, ob ungarischer oder polnischer Abstammung, gleich heilig vorschweben muß. In Lazar Horowitz verkörpert sich jener Abschnitt unserer Gemeindegeschichte, der mit der Anerkennung des konservativen Judentums und der Geltung der Thora beginnt und durch die Errichtung eines Beth-Din seinen Ausdruck findet. Güdemann war Rabbiner, der typische Rabbiner, der sich aus den verschiedenen Wandlungen des damaligen Westjudentums herauskristallisiert hat. Das war die rabbinische Zeit unserer Gemeinde, die im Auf- und Ausbau eines zentralen Rabbinates, in einer Erweiterung der Obliegenheiten unserer geistigen Oberhäupter und in einer Erfassung aller rituellen Agenden zum Ausdruck kommt. C h a j es war Führer, Wegweiser und Aufklärer, ein Beschützer der Massen, ein Volksrabbiner. Der Geschichtsschreiber wird seine Zeit in unserer Gemeinde wohl nicht anders bezeichnen können, als die Periode der historischen Besinnung und Rückkehr, als die Periode des geistigen und sozialen Aufbaues unserer Gemeinde. Dieser kurze Rückblick über die geschichtliche Entwicklung unserer Gemeinde im letzten Jahrhundert unter Führung ihrer Rabbiner ist insoferne von Bedeutung, als wir an die Frage der Besetzung der Stelle eines 'geistigen Oberhauptes herantreten und an uns Erlöst die Frage richten müssen: Was tut unserer jüdischen Gemeinde not? Das ist keine Parteitage. Wir alle müssen mit uns selbst, mit unserem jüdischen Gewissen und mit unserem jüdischen Verantwortungsgefühl zu Gericht gehen und aus dem gesamten Komplex aller Gemeindenöte das herausfinden, was uns allen gemeinsam am meisten nottut. Das ist keine Angelegenheit einer Partei. Das geht das gesamte jüdische Volk von Wien an; es ist eine Angelegenheit jedes jüdischen Menschen. Wir dürfen diese Frage nicht nur vom Standpunkte der äußeren Struktur und Organisation unserer Gemeinde behandeln, sondern sind vielmehr verpflichtet, auch mit den geschichtlichen Ergebnissen zu rechnen, die innere Entwicklung unserer Gemeinde in den letzten Jahrzehnten zu berücksichtigen und den geistigen Ansprüchen und Erfordernissen der Juden von heute zu entsprechen. Das Judentum von gestern ist nicht das Judentumvonheuteund morgen. Jede Kehilla erfordert ihren Rabbiner, und jede Zeit erforder ihren Mann. Wir dürfen uns über die geschichtliche Entwicklung unserer Gemeinde nicht hinwegsetzen und wir können die folgerichtige geschichtliche Notwendigkeit nicht außer acht lassen. Nicht Seelsorger, nicht Prediger, auch nicht das, was man landläufig einen Rabbiner nennt, soll das zukünftige Oberhaupt unserer Gemeinde sein, sondern Führer und Helfer. Inder Ge schichte gibt es kein Zurück. Ein Oberrabbiner, der nicht ein Mann der Zeit und ein Mann des Volkes sein wird, wird den Entwicklungsprozeß unserer Gemeinde, die doch nur eine Zelle im großen Organismus des Gesamtvolkes darstellt, wohl nicht aufhalten können, den Sturm und Drang unserer erwachenden Jugend nicht meistern, aber niemals auch die Autorität und die Führerschaft in der jüdischen Gasse erlangen. Das wäre entsetzlich. Es war vielleicht ein sinnvoller Zug in manchen alten, ansonsten bürokratischen Kehilloth des Ostens, daß ein Oberrabbiner durch ein Plebiszit bestellt wurde. Die jüdische Geschichte weiß viel davon zu erzählen. Es war bestimmt weniger Demokratie als Wertung der Persönlichkeit, als Verständnis und Bedürfnis für einen volkstümlichen Zusammenhang zwischen den Gemeindemitgliedern und ihrem geistigen Oberhaupte. Trauungen vornehmen, Barmizwoth feiern und Leichen bestatten — das wird wohl jeder Rabbiner fertig bringen, aber das Volk führen und belehren, die Massen beschützen und beschirmen, der Gemeinde eine geistige Prägnanz geben und sie in der geraden geschichtlichen Entwicklungslinie weiterbringen, dem Volke einen Weg, den Weg zeigen, all das kann nur eine volkstümliche Persönlichkeit von großem Format und historischem Verantwortungsgefühl bewirken. Die Zierde jeder jüdischen Gemeinde pflegt Ihr Rabbiner zu sein. In ihm verkörperte sich der höchste Ausdruck ihrer jüdischen Schaffenskraft. Er war der Lenker ihrer Geschichte. Er selbst war ihre Geschichte. Er war die Krone der Gemeinde. In der jüdischen Geschichte hören wir selten die Namen der Präsidenten und Rosche-Hakohel. Die Namen der Rabbiner und der Bathe-Din sind hingegen mit goldenen Lettern verewigt. Das liegt in der uns historisch eigenen geistigen Einstellung, in unserer unbegrenzten Ehrfurcht vor jüdischer Gelehrsamkeit und ihren Trägern. Die Achtung vor dem jüdischen Talmid-Chacham, die unserem jüdischen Gemeinwesen von heute bedauerlicherweise beinahe völlig verloren gegangen ist und nur noch einzelnen Vorbehalten bleibt, war damals der Grundpfeiler jüdischen Lebens und jüdischen Seins. Die Thora war Gemeingut der ganzen Kehilla. Ein gelehrtes Volk konnte dem Träger der Lehre die gebotene Liebe und Achtung entgegenbringen. In seinem Buche über das Wesen des Antisemitismus meint Graf Coudenhove-Calergi, «daß die jüdischen Gemeinden nicht ihre reichsten Mitglieder am höchsten schätzen, sondern ihre Weisesten, ihre Gelehrten.» Würde er die faktischen Verhältnisse unserer Gemeinden im Westen kennen, er müßte mitunter vielleicht zu einer entgegengesetzten Meinung gelangen. Mit dem Niedergange der Thora ist auch dieser wesentliche Inhalt jüdischen Gemeinlebens verloren gegangen. Im Zeitalter des Ubef» setzten Judentums, des Ueberhandnchmens des Am- Haaraziuth ist infolgedessen der Lehrer zum Seelsorger geworden. Der Rabbiner pflegte Mittler zwischen Lehre und Volk zu sein. Die Pflege der Lehre war seine Sorge. Das Judentum kennt keine Seelsorger. Es kennt nur Führer, Lehrer, Meister der Lehre. Nicht einmal die Chassidim haben Seelsorger, sondern Zr.ddiVi;:. Gerechte, Heilige, die nur Führer, Wegweiser und Helfer sind. Die rabbinische Autorität zu restaurieren, die Achtung vor dem jüdischen Talmid-Chacham wieder aufzurichten, die Liebe und das Vertrauen zur Thora wieder zu erwecken, das ist die vornehmste Pflicht einer Gemeinde, wenn sie tatsächlich jüdische Arbeit zu verrichten hat. Das Rabbinat pflegte die Krone der Gemeinde zu sein. Nur ein Oberrabbiner, der getragen ist vom Vertrauen der breiten Massen, erfüllt von einem großen historischen Verantwortungsgefühl und geläutert durch die Heiligkeit eines wahren Thoralebens, ist geeignet, das Volk zu führen und zu belehren, es zu beschirmen und zu befürsorgen, aber auch ehrerbietige Achtung für Thora und jüdisches Wesen abzuringen. Nur derjenige, der selbst daran glaubt, was er anderen glauben zu machen berufen ist, kann und darf lehren und führen. Ein Oberrabbiner soll die Krone der Gemeinde sein. Jüdische Vorsteher, setzet der jüdischen Gemeinde ihre jüdische Krone auft Beschlüsse der VI. Tagung des A. C. Die politische Kommission Das Aktionskomitee erneuert den im November 1930 gefaßten Beschluß über die Bildung einer speziellen politischen Kommission und beschließt, zu dieser Kommission auch einen Vertreter der Zionistischen Organisation Polens zu ziehen. Das Aktionskomitee richtet an die Zionistische Organisation in Polen, ebenso wie an den Waad LeumI und an die Zionistische Organisation für Amerika die Aufforderung, Ihre Vertreter in dieser Kommission schleunigst zu ernennen und sie nach London zu entsenden. Barths und Berlins Demission nicht zur Kenntnis genommen Das Aktionskomitee nimmt die Erklärung der Herren Rabbi M. Berlin und Lazarus Barth, daß sie auf Grund des Beschlusses des Misrachl auf ihre Sitze in der Exekutive verzichten, nicht zur Kenntnis und fordert sie auf, ihre Aemter weiter zu behalten. Außerordentliche Finanzaktion Die Wirtschaftskrise, die die ganze Welt ergriffen liat und unter der die Juden überall, namentlich auch die der Vereinigten Staaten von Amerika, leiden, macht die Aufbringung der notwendigen Gelder für Palästina außerordentlich schwer. Die Notwendigkeit, alle Kräfte auf die Arbeit für die Fonde in den Wintermonaten, welche über den Erfolg entscheiden, zu konzentrieren und der Arbeit möglichst viel Zelt zu widmen, macht es notwendig, den für den Februar einberufenen Kongreß bis spätestens zum 15. Juni 1931 zu verschieben. Das Aktionskomitee richtet an die Zionisten aller Länder und an alle Komitees des Keren Hajessod den dringenden Appell, die Arbeit für den Keren Hajessod zu verstärken und so der Palästinaexekutive zu ermöglichen, in diesem schweren Jahr trotz der wirtschaftlichen Weltkrise die Arbeit in Palästina durchzuführen. Das Aktionskomitee beschließt, eine starke, außerordentliche Delegation nach den Vereinigten Staaten zu entsenden. Erspamisraaßnalimen Das Aktionskomitee ernennt je eine Kommission in Palästina und in London, die zusammen mit der Exekutive der Zionistischen Organisation und, wenn die Exekutive der Jewish Agency damit einverstanden ist, auch mit dieser über grundlegende Ersparnisse in den allgemeinen und administrativen Ausgaben in allen von der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency unmittelbar geführten oder durch sie subventionierten Arbeiten und Institutionen beraten soll. In die Kommissionen werden für London die Herren Simon Marks, Dr. A. Silberschein und Robert Solomon, für Palästina die Herren Elljahu Berligne, Elieser Karlan und Daniel Slrkis gewählt Das Aktionskomitee nimmt den Beschluß der Exekutive der Jewish Agency über die von ihr beschlossenen Gehaltsreduzierungen zur Kenntnis und spricht den Wunsch aus, daß die Exekutive die Frage der Ausdehnung der Kürzungen auf alle Kategorien der Gehaltsempfänger, darunter auch solcher, mit denen feste Verträge vorliegen, prüfen und diese Kürzungen durchführen soll. Der Gesamtbetrag der Kürzungen soll nicht weniger als ein Sechstel der an Gehältern zu zahlenden Gesamtsumme ausmachen. Dos Aktionskomitee empfiehlt der Exekutive, den Beschluß des 15. Kongresses über maximale Gehälter durchzttffihrei&t Die Kürzungen sollen in London binnen zwei Wochen und in Palästina binnen eines Monats vorgenommen werden. Das Aktionskomitee empfiehlt der Exekutive, für den nächsten Kongreß Vorschläge auf Verkleinerung des Aktionskomitees und der Exekutive vorzubereiten. Organisation In Anbetracht der außerordentlich schweren finanziellen Lage beschließt das Aktionskomitee, den früheren Beschluß, betreffend Abhaltung des 17. Kongresses im Februar 1931, aufzuheben und beauftragt die Exekutive, nach Durchführung einer großen Finanzaktion den Kongreß spätestens Mitte Juni 1931 an einem von ihr zu bestimmenden Orte einzuberufen. Das Aktionskomitee fordert unbedingt, daß sämtliche Schekelgclder sofort an die Exekutive abgefühirt werden. . Das Aktionskomitee spricht allen Teilen der Zionistischen Organisation, die sich um die erfolgreich^ Durchführung der Schekelaktion verdient gemacht haben, seine Anerkennung aus und fordert sie auf, die Schekelaktion fortzusetzen, mit dem Ziel, bis zum Kongreß die bisherige Schekelzahl auf eine Million zu erhöhen und auf diese Weise die Grundlagen der zionistischen Arbeit zu befestigen. Stormkatastrop he in Palästina Jerusalem, 23. Jänner. (J. T. A.) Die Sturmkatastrophe, von der Palästina in den letzten Tagen helmgesucht wurde, hat im ganzen Lande schwere Schäden verursacht. Etwa 15 bis 20 Prozent der Orangenernte sind vernichtet. In Haifa wurden einzelne am Meeresufer gelegene Eisenbahndämme vollkommen unterspült und die Geleise zerstört Der neu errichtete Wellenbrecher im Hafen von Haifa wurde stark beschädigt. Ein Angestellter des Haifaer Hospitals fand durch Berührung einer vom Sturm zerrissenen Hochspannungsleitung den Tod. Im Hafen von Jaffa sind 30 Ausladeboote gesunken. Die Springflut überschwemmte die Kais und drang ln zahlreiche Gebäude ein. Auch die Allenby-Straße in Tel-Aviv war überschwemmt, die elektrische Beleuchtung unterbrochen. Auf dem Tiberiassee kenterte ein von fünf Chaluzim besetztes Boot. Zwei Insassen sind ertrunken, die übrigen konnten schwimmend das Ufer erreichen. Der Orkan wütete auch in anderen Ktist ^gebieten des Mittelmeeres und hat u. a. im jüdischen V iertel von Tripolis großen Schaden angerichtet. Durch herabstürzende Trümmer eines vom Sturme abgerissenen Daches wurden zwei Juden getötet, einer schwer verletzt. Chaluz-Einwanderung nach Palästina im Februar Jerusalem, 23. Jänner. (J. T. A.) Die Exekutiv« der Jewish Agency gibt bekannt, daß im Monat Februar 291 Chaluzlni die Einwanderung nach Palästina bewilligt werden wird. Diese Chaluzim werden sich den in den Kolonien bestehenden Arbeitergruppen an« schließen. Außerdem werden 180 Einreiseerlaubnisse für Personen, für deren Unterhalt seitens ihrer in Palästina lebenden Verwandten garantiert wird, sowie 75 Zertifikate für Chaluzim aus Sowjetrußland ausgegeben werden.