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Die Stimme · 1931-01-22 · Heft 160 (22.1.1931) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 160 (22.1.1931)
Date
1931-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Ist. 160 — 22. Jänner 1961 Rund um die Verhandlungen Vor den Wahlen in den gesetzgebenden Kat in Palästina Die scharfe zionistische Kritik der Haltung des High Com- Siissioners hat insofeme einen Erfolg gezeitigt, als dieser geswungen war, eine offizielle Erklärung abzugeben, daß er .weder für die Herausgabe des Passfield-YVeißbuches verantwortlich zu machen wäre, noch sich gegen die Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency erklärt hätte. Trotz dieser Erklärung muß aber immer wieder betont werden, daß die judenfeindliche Tendenz des Passfield-Weißbuches zu einem guten Teil auf Sir John ChanceMors Einfluß zurückzuführen ist. Die zionistenfreundfichen Mitglieder der Labour-Partei machen daher, wie wir schon vorige Woche an gleicher Stelle erwähnten, ihren Einfluß dahin geltend, daß Sir John Chancellor und einige höhere Beamte der Palästinaverwaltung im Frühsomnrer zurücktreten. Eine solche Aenderung erscheint unausbleiblich und man kann hoffen, daß die Wahl des künftigen High Commissioners auf einen Mann fallen dürfte, der den Zionisten sympathisch gegenübersteht. Nach Wiedereröffnung des Parlaments wird sich die erste Sitzung des parlamentarischen Palästtnakomitees mit dem gegenwärtigen Stand der Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency und auf jeden Fall auch mit der von der englischen Regierung herauszugebenden Aufbauanleihe beschäftigen. Man erwartet, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit im Unterhaus eine Debatte über die Anleihe stattfinden wird. Weder die Oeffentlichkeit noch das parlamentarische Komitee sind über die näheren Vorschläge und Details der Anleihe unterrichtet. Es wird erwartet, daß sowohl Dr. Weizmann, als auch die übrigen Mitglieder der Exekutive sich gegen die bisher vorgeschlagene Anleihe stellen werden. Die Anleihe belastet nämlich zur Gänze die Steuerzahler Erez Israels, das heißt, daß de facto der Jischuw dreiviertel der Lasten der Anleihe tragen wird, während die Vorteile der Anleihe zumindest zu drei Vierteln den Arabern und nur zu einem Viertel nach den Vorschlägen des Weißbuches und nach den Aeußerungen Dr. Shiels den Juden zukommen werden. Was die Verhandlungen zwischen Regierung und Exekutive betrifft, so hat die Exekutive und insbesondere Doktor YVeizmann über deren Verlauf bisher nicht das Geringste verlauten lassen. Es ist aber zu erwarten, daß Dr. Weizmann in der eben stattfindenden A. C.-Sitzung eine Erklärung abgeben wird. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß die Vorgänge in Jerusalem die Haltung der Exekutive in den Verhandlungen mit der Regierung aufs Stärkste beeinflussen müssen. Aus Jerusalem wird nämlich gemeldet, daß die Wahlen in den Gesetzgebenden Rat im März oder April stattfinden sollen. Von den zwölf Mitgliedern werden acht Mohammedaner, zwei Christen und zwei Juden sein. Die Juden werden sich selbstverständlich an diesen* Wahlen nicht beteiligen. Es ist aber auch fraglich, ob die Araber sich an den Wahlen beteiligen werden, denn die arabische Exekutive steht noch immer auf dem Standpunkt der Rücknahme der Balfour- Deklaration, der Abschaffung des Mandates und der Einsetzung einer parlamentarisch verantwortlichen Regierung. Wenn die Araber demnach an den Wahlen keinen Teil nehmen sollten, ist alle Aussicht dafür vorhanden, daß die Partei der gemäßigten Araber, das ist die Sippe Nashashibi, mit der intransigenten Partei des Großmufti, das ist mit der Sippe der Husseini, zusammen vorgehen wird, da insbesondere der Großmufti alles Interesse hat, seine Stellung in der arabischen Exekutive durch die Wahlen in den Gesetzgebenden Rat zu befestigen. Die Wahlordnung ist natürlich noch nicht fertiggestellt, da ja überhaupt die ganze Frage noch in Schwebe ist und es von der Taktik der zionistischen Exekutive in London abhängt, ob der Gesetzgebende Rat zustandekommt. Es ist aber mit voller Deutlichkeit zu sehen, wie die zionistenfeindiichen Kreise des Kolonialarates und der Palästinaverwaltung versuchen, die Wahlen in den Gesetzgebenden Rat zu forcieren und wieder einmal die Zionisten vor ein fait accompli zu stellen. 1. r. m. Palästina trauert um Nathan Straus Jerusalem, 13. Jänner. (J. T. A.) Die Nachricht vom Tode Nathan Straus5 wurde durch die jüdische Gesundheitsorganisation Hadassah, deren freigebiger Förderer Nathan Straus war, in schwarzumränderten Plakaten der Bevölkerung Jerusalems kundgemacht. Die Bureaus der Hadassah blieben zum Zeichen der Trauer einen Tag lang geschlossen. Auch das von Nathan Straus erbaute Nathan- und Lina- Straus-Gesundheitszentrum blieb zum Zeichen der Trauer geschlossen. Chief Rabbi Kock hat durch die Jüdische Telegraphen-Agentur eine Botschaft veröffentlicht, in der er erklärt, namens des Jischuw «mit wunder Seele und wehem Herzen» dem Schmerz und der Trauer über den Hingang Nathan Straus’, dessen Herz eine «Schatzkammer von Barmherzigkeit und Güte» gewesen sei, Ausdruck geben zu wollen. Der High Commissioner Sir John Chancellor hat den Hinterbliebenen Nathan Straus5 telegraphisch sein Deiieid ausgedrückt. Der Direktor des Gesundheits- Departements der Palästina-Regierung, Colonel G. W. Heron, widmet Nathan Straus im «Palestine Bulletin» 'einen Nachruf, in dem er erklärt, auf die von Nathan Straus ins Leben gerufene Milchverteilungsorganisation sei in erster Reihe das bemerkenswerte Sinken der Kindersterberate in den Vereinigten Staaten und in ^Europa während der letzten Jahre zurückzuführen. Der Wert der durch Straus geschaffenen Gesundheits- Zentren in Jerusalem und Tel Aviv könne vom therapeutischen Standpunkt nicht hoch genug eingeschätzt i Die romanische Regiernngskampagne gegen die antisemitischen Terror-Organisationen Bukarest. (J. T. A.) Die rumänische Regierung setzt ihre Kampagne gegen die antisemitischen Terrororganisationen mit aller Energie fort. Das Unterrichtsministerium hat seinem Zirkularschreiben an die Schuldirektionen einen Erlaß an die Rektorate der Universitäten folgen lassen, in welchem diese aufgefordert werden, sämtliche Studenten, die sich innerhalb der Universität an Agitationen und Propaganda-Aktionen beteiligen, unverzüglich zu relegieren. y'An die Metropoliten und Erzbischöfe ist ein Zirkular ergangen, in dem die aktive Anteilnahme von Geistlichen an Vereinigungen, die Feindschaft, Haß und Gewaltanwendung gegenüber bestimmten Kategorien von Bürgern propagieren, als antichristlich, antisozial und antinational gebrandmarkt wird. Bei der Sichtung der in den verschiedenen terroristisch-antisemitischen Klubs und Zellen Vorgefundenen Archive und Korrespondenzen wurden sensationelle Entdeckungen gemacht. In Siebenbürgen wurden Pläne zur Bewaffnung der sogenannten «Bataillone des Kreuzes» gefunden, in dem palastartigen Parteihaus der Cuzisten in Jassy wurden Korrespondenzen und Pläne beschlagnahmt, aus denen hervorgeht, daß anfangs Februar ein Kongreß aller Antisemiten Rumäniens einberufen und die Führung der Bewegung in die Hände des Generalstabschefs der Organisation «Erzengel Michael», Corneliu Zelea Codreanu, gelegt werden sollte. In den Bukowinaer Filialen der Organisation «Erzengel Michael» wurden größere Mengen von Explosivstoffen und Waffen gefunden. Aehnliche Funde sind auch in Siebenbürgen gemacht worden. Im Zusammenhang mit der Auffindung der kompromittierenden Dokumente in den Parteilokalen der antisemitischen Organisationen und der Aufdeckung der Warenlager in der Bukowina und in Siebenbürgen wurde eine Anzahl weiterer Verhaftungen antisemitischer Führer vorgenommen. Der Justizminister hat an alle Gerichte ein Rundschreiben gesandt, in dem darauf aufmerksam gemacht wird, daß es an der Zeit sei, mit der bisherigen Praxis eines allzu milden Verfahrens gegen .. antisemitische Terroristen Schluß zu machen. X Die bisherige Aktion der Regierung hat den Beweis erbracht, daß die Terroristen beabsichtigten, ganz Rumänien zunächst durch eine Reihe von blutigen Attentaten und Pogromen in Unruhe zu versetzen, um auf den Ruinen der zusammengebrochenen Ordnung eine Diktatur mit Codreanu an der Spitze aufzurichten. König Carol für strenge Bestrafung der antisemitischterroristischen Organisationen Bukarest, 14. Jänner. (J. T. A.) König Caroi empfing den Innenminister Mihalaclie in besonderer Audienz. Der Minister informierte den König über den Gang der Untersuchung gegen die terroristisch-antisemitischen Organisationen «Erzengel Michael» und «Christliche Liga». Der König erkundigte sich eingehend nach allen Details und verlangte zum Schluß, daß die Untersuchung mit aller Energie fortgesetzt und die Schuldigen der verdienten Strafe zugeführt werden. In aller Kürze in Montreal, Kanada, findet seit einiger Zeit eine Judenboykott-Propaganda statt. Im Hinblick auf die von einer mexikanischen Zeitung betriebene Judenhetze hat der Verband den mexikanischen Handelskammern eine Erklärung veröffentlicht, in der zum Ausdruck gebracht wird, daß die mexikanischen Juden dem Staate wertvolle Dienste leisten, ein ethisches und unternehmungslustiges Element darsteiien und ausgezeichnete Bürger sind. Die englische Regierung ernannte den bekannten Zionisten Leo Simon zum Generaldirektor des Telegraphen- und Telephonwesens Großbritanniens. Der ehemalige italienische Minister Vito Finzi, der Jude war, verstarb in hohem Alter in Florenz. * Die italienische Regierung hat den Oberrabbiner von Turin, Dr. Disegni, zum Regierungskommissär der jüdischen Gemeinden in Tripolitannien ernannt * Der in Chikago tagende Deutsche-Tag-Ausschuß, die Spitzenorganisation von 300 deutschen Vereinen, hat die Vertreter der Nationalsozialisten aus seiner Mitte ausgeschlossen. * In Frankfurt wurden zwei Nationalsozialisten, die zwei jüdische Passanten überfielen und schwer verletzten, zu Je 20 Mark Geldstrafe verurteilt. (I) Der Bürgermeister der Stadt Oran in Algerien, Dr. Jules MoHe, ist plötzlich gestorben. Er war ein Antisemitenführer; seine Hetze führte im Jahre 1925 zu ernsten judenfeindlichen Ausschreitungen in Oran. Ihr und wir Für die von der englischen Regierung freigegebenen 1500 Einwanderungszertifikate sind fast keine Geldmittel vorhanden. Wir kamen ins Land, ins Land unserer Väter Und haben’s bebaut mit eigener Hand, Heut5 findet Ihr blühende, fruchtbare Stätten, Wo früher nur Sümpfe und Wüste und Sand. Wir haben mit freudigem Herzen geopfert, Geopfert Gesundheit und Leben und Kraft Und haben es selbst nicht als Opfer betrachtet, Wir haben voll Mut und voll Hoffnung geschafft. Das Land, das unsere Väter ernährte, Brach lag es, verdorrt, ohne Zweck, ohne Wert, Wir haben's gedüngt und wir haben's bewässert, Da wurde, was wertlos, nun plötzlich begehrt. Und plötzlich kamen bewaffnete Horden Und überfielen uns in der Nacht, Wir kämpften wie Helden für Israels Erde, Da wurde manch* blutiges Opfer gebracht, — Doch Ihr, Ihr Juden in allen Landen, Die Ihr Euch zu Zions Fahne bekennt, Sagt uns, was habt Ihr für Zion geopfert? Die Zahl und die Höhe der Opfer uns nenntI Wir rufen Euch auf im Namen der Väter, Im Namen des Volkes, im Namen der Zelt: fetzt zeigt, daß auch Ihr ln den Qolusländern, So wie wir in Zion, zu Opfern bereit, W. EL Die thüringische Regierung legte dem Landtag den Entwurf eines Schächtverbotgesetzes vor. Die Nationalsozialisten drohen mit der Sprengung des Landtages, falls die bürgerlichen Parteien diese Gesetzesvorlage ablehnen sollten. *!' r jüdische Chemiker Dr. Herbert Levinstein aus Manch ‘;:r wurde für seine großen Verdienste auf denr Gebiete der Farbstoffchemie durch Verleihung der Medaille der Gesellschaft für chemische Industrie, eine der höchsten Auszeichnungen für wissenschaftliche Leistung in England, geehrt. * Der Direktor des Royail College of Art, der berühmte Maler Willianh Rothenstein,'ist der einzige Jude Englands, der anläßlich des diesjährigen Neujahrsfestes in den Ritterstand erhoben wurde. * Ganz Hollywood ist über die Weigerung Prof. Einsteins, für fünf Wochen einen Filmkontrakt gegen ein Honorar von 40.000 Pfund abzuschließen, verblüfft. Die Filmmagnaten vermuteten zunächst, daß Prof. Einstein ihr Anerbieten wegen zu geringer Höhe des Honorars abgelehnt habe. Einstein erklärte ihnen jedoch, er wolle nicht eine Stunde seines Studiums der Lichtgeschwindigkeit in Pasadena gegen allen Ruhm, den Hollywood zu bieten imstande sei, eintauschen. * Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Triest, Giaconro Sepilli, wurde mit dem Ofiizierskreuz der italienischen Ehrenlegon ausgezeichnet. * In der Zeit vom 13. bis 15. Jänner tagte m Kapstadt die Konferenz der südafrikanischen Zionisten. Die Konferenz faßte eine Reihe von politischen Resolutionen, in denen die Zurückziehung des Weißbuches, die Unterstellung der Verwaltung Palästinas unter das britische Außenamt und die Einstellung der Verhandlungen zwischen Jewish Agency und der britischen Regierung bis zur Zurückziehung des Weißbuches gefordert wird. * Professor Moses Gomberg von der Universität in Michigan wurde zum Präsidenten der Amerikanischen Gesellschaft für Chemie gewählt. * Bei dem in New York stattgefundenen Chanukkah-Dinner wurden 110.000 Dollar für jüdische Erziehungszwecke gespendet * In New York starb David N. Mosessohn, der Herausgeber der angesehenen jüdischen Wochenschrift «The Jewish Tribüne». Professor Karl Ballod und der Zionismus Riga. (J. T. A.) Der vor einigen Tagen im Alter von 65 Jahren verstorbene Nationalökonom Prof. Karl Ballod war ein hervorragender Kenner Palästinas und Förderer der zionistischen Bestrebungen. Prof. Ballod stand eine Zeit lang an der Spitze der Pro-Palästina- Bewegung in Deutschland. Er war wiederholt selbst in Palästina und hat das Land nach allen Richtungen hin durchforscht. Mit großem Nachdruck hat er auf Grund seiner Untersuchung die Ansicht vertreten, daß Palästina bei entsprechender Intensivierung der Landwirtschaft für eine Bevölkerung von 6 Millionen Menschen Raum bietet

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