Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 160 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. tm - 22. Jänner 1931 WB STIMME Seite ft Nach den Wahlen zur Assefath Haniwchat im Voa unserem palästinensischen Berichterstatter Jakob Singer. Rischon Lezion, 9. Jänner 1931. Nun sind auch die Wahlen zur Assefath Haniwcharlm vorüber. Ein heftiger Kampf ging ihnen voran, in dem alle Oegensätze hart aufeinanderschlugen. Das Ergebnis dieser Wahl vermittelt uns ein deutliches Bild der innerhalb des Jischuw wirkenden Kräfte, der ihn beherrschenden Stimmung. Was diesen Wahlen eine besondere Note verliehen hat, war das Bewußtsein, daß hier ein Kampf um den Zionismus gekämpft wird: im Hintergründe zeichneten sich scharf die letzten schmerzvollen eineinhalb Jahre zionistischer Qeschichte ab, die ln der satanischen Fratze des Weißbuches ihren Oipfelpunkt erreicht haben und im Vordergründe stand der nahe nächste Zionistenkongreß . . . Das Ergebnis: ein unzweideutiger Sieg der Arbeiterschaft und ein merklicher, sehr bedauerlicher Rückgang des «allgemeinen» Zionismus. Der Sieg der Arbeiterschaft ist kein Sieg über den allgemeinen Zionismus: die Arbeiterschaft hat ja ihm nie ihren eigentlichen Qegner gesehen; es ist ein Sieg, Uber den Revisionismus, der glaubte; daß jetzt die Zeit zur Zerstückelung der zionistischen Organisation gekommen wäre. Dieser Sieg wäre größer gewesen, hätte der «allgemeine» Zionismus es verstanden, sich von den Eintagsparolen der Revisionisten freizumachen. Er verstand es nicht und — hat eine Niederlage erlitten. Von 71 Vertretern entfallen vier auf die Liste der «allgemeinen» ZionistenI Es muß — auch nach den Wahlen — ein ernstes Wort zur Taktik der Revisionisten hier im Lande gesagt werden. Bekanntlich wird ihnen zum Vorwurf gemacht, sie bedienten sich faschistischer Methoden, sie wären der Faschismus, ins Jüdische, ins Zionistische übertragen. Ein schwerer Vorwurf, wenn man bedenkt, daß die zionistische Bewegung eine Freiheitsbewegung ist, in der das freie Wort und die geistige Waffe entscheiden, mit einem Worte: das Gegenteil des Faschismus, der jede Freiheit unterbindet, jeden sozialen Fortschritt hemmt und die Gewalt an die Stelle des geistigen Kampfes setzt. Und so sehr man auch wünscht, es wäre nicht so: die Analogie mit den faschistischen Bewegungen bei anderen Völkern ist unverkennbar; man sieht sich förmlich dem Revisionismus gegenüber zu dem schwersten Vorwurf gezwungen, den man einer zionistischen Gruppe überhaupt machen kann. Obendrein entbehrt der Revisionismus jeder, auch der geringsten Originalität. Einen deutliehen Beweis hierfür haben die Kämpfe vor den Wahlen abgegeben. Ein Revisionist reißt einem Kinde bei dem Umzug anläßlich des ersten Chanukkahlichtes in Tel Aviv die Fahne aus der Hand und zerreißt sie, weil sie — auf einer Schule von Arbeiterkindern gehangen hat. Eine tausendköpfige Versammlung im Tel Aviv Bet-Am wird mit Steinen bombardiert, Schmährufe werden laut, weil es eine Versammlung von Arbeitern ist, die einem sozialistischen Publizisten einen Empfang bereitet. Und so lassen sich unzählige Dinge anführen, angefangen von den Störungen bei Versammlungen, bis zu den lärmenden Umzügen durch die Kolonien und den nächtlichen Auftritten in Tel- Aviver Kaffeehäusern. Dawld Lewin, ein Vertreter der allgemeinen Zionisten, sagte in einer Versammlung, die Revisionisten wären Kinder, die nicht wüßten, was sie wollten — er, ein bekannter Pädagoge, sagte das. Er vergaß aber hinzuzufügen, daß diese Kinder denn doch einmal groß werden und er vergaß zu sagen, was man dann mit diesen Kindern zu machen hat... Als die stärkste Partei zieht die Arbeiterpartei mit 31 Vertretern in die Assefath Haniwcharim ein. Ihre Aufgabe wird es sein, zugleich mit allen fortschrittlichen Elementen dahin zu wirken, daß die Knesseth Jisrael wirklich das Organ werden soll, das nicht nur den Jischuw repräsentiert, sondern auch wirkliche legale Vollmachten erhalte, alle Angelegenheiten des Jischuw regle, das Gesundheits- und Schulwesen übernehme, das Prinzip der jüdischen Arbeit in den Kolonien durchsetze und vor allem das schädliche Kuriensystem abschaffe, daran die heutige Knesseth Jisrael neben vielen anderen Unvollkommenheiten krankt. Bekanntlich erfolgen die Wahlen zur Knesseth auf Grund der Gemeindekurien, d. h. die Aschkenasim, die Sefarden und die Jemeniten wählen getrennt. Das brachte mit sich, daß neunzehn (!) Parteien Listen eingereicht haben. Wenn man nun bedenkt, daß kaum 50.000 Wahlberechtigte bei neunzehn Listen eine Auswahl treffen sollen, so leuchtet die Lächerlichkeit des ganzen Verfahrens und die Schädlichkeit der Inneren Zerklüftung sofort ein. Dieses Kuriensystem wird mit der Passivität der sefardischen und jemenitischen Gemeinden begründet. Diese würden angeblich Im Falle eines allgemeinen Wahlrechtes keine entsprechende Vertretung in der Assefath Haniwcharim haben. Aber die letzten Wahlen haben gezeigt, daß auch dieser Teil des Jischuw nunmehr aktiven Anteil am politischen Leben nimmt. Und jener sefardische Jude hatte recht, der statt eines Stimmzettels ein Stück Papier in das Kuvert legte, auf das er die einfachen Worte geschrieben hatte: «Fort mit der aschkenaslschen, sefardischen und jemenitischen Knesseth Jisraeil Es lebe die Knesseth iisracU» gteTdnoerdettfrefes guter a<cut/uar ourdj eine »tootoiticnnfur, oic eine ’UetDüm I nijum eri)au. ji.|t feitjagten als &itt>erung6« mrng be3 931ut*S bewirft, gegen SBerfatfung bet 33lutumb SBorbeitgungSmittel ärjtFd) erprobt unb frei berfäuf* gefä&e borbeugt rntfo biefen baburdj bie ttotWenb’ge (Sta* Ifdj. IRcrbtuntgefmlt nmtlid} überprüft. $epot mib 21u3fimfi ftpolfyefte Soqer, Wien, I., ÜDoKaeU« 13 «tofpc« gtott« unb fennt». Der Jischuw bekundete bei diesen Wahlen seine politische Reife. Hoffen wir, daß auch die Galuth die richtige Lehre aus diesen Worten ziehen und bei den Wahlen zum kommenden Kongreß den Revisionisten und ihren Zerstörungstendenzen die ihnen gebührende Antwort erteilen wird. Das ist vor allem eine sehr ernste Mahnung an die allgemeinen Zionisten. Der zionistische Arbeiter in der Galuth wird sich hoffentlich von den irreführenden Schlagworten nicht leiten lassen und seinen zionistischen Weg, der der Weg der Arbeiterschaft Erez Israels ist, konsequent zu Ende gehen. Es darf bei dem kommenden Kongreß nicht um Weizmann und die Exekutive, sondern muß um di§ brennendste aller Fragen gehen: um den Aufbau und das Weiterbauen und das Neuschaffen, um AI iah und Kolonisation. Daß es dem Jischuw darum geht, hat das Wahlergebnis zur Assefath Haniwcharim bewiesen. ... Srdc zionistische 3ribiine Politik und ihre Grenzen Man schreibt uns von besonderer Seite: Der Leitartikel der letzten Nummer Ihres gesch. Blattes wird in den Herzen aller der Sache Palästinas wirklich Ergebenen ein starkes Echo wecken, ln diesem Aufsatz erscheint tatsächlich die traurige «Diskrepanz zwischen unserem Willen und unserer Tat» ln die schärfste Beleuchtung gerückt. Die Tatsache, daß augenblicklich keine Mittel vorhanden sind, um die uns konzedierten 1500 Zertifikate auszunützen, während wir uns «nicht mit Almosen abspeisen lassen wollen» und «ungehemmte, großzügige Chaluzimeinwanderung» verlangen, spricht Bändel Sie zeigt uns wieder einmal, wie billig alle Proteste sind, wenn wir nicht wirklich Ernst machen und bei uns selbst beginnen. Diese in ihrer Tragweite gar nicht ernst genug zu nehmende Situation zeigt uns aber auch deutlich die Grenzen unserer Politik. Es gibt auch ein inneres Recht auf Protest, auf Kritik nach außen, auf Radikalismus — und dieses ist heute nicht mehr aus zionistischer Gesinnung allein abzuleiten. Es scheint, als hätten viele Zionisten vergessen, daß wir nicht mehr im Stadium der Proklamation, sondern der Verwirklichung stehen und daß diese auch bei der denkbar günstigsten Haltung der Mandatarmacht unsere Sache ist und bleibt. Proteste und Demonstrationen sind billig wie Brombeeren und ebenso wertlos — wenn es bloß dabei bleiben soll. Gewiß: Wir haben zu protestieren und zu fordern — aber wenn wir an sich legitime, große Forderungen nach außen stellen, ohne ein Minimum erfüllen zu können, dann besteht die Gefahr eines politischen Don-Quichotismus, mit welchem wir uns selbst erledigen würden. Daß unser Aufbauwerk hi Palästina keinen Augenblick stocken darf, daß wir gegenwärtig den kämpfenden Jischuw mit besonderem Nachdruck unterstützen müssen und daß Mittel für Palästina derzeit ein wichtiges Politikum geworden sind, ist eine Binsenwahrheit. Auch daß die schwere Wirtschaftslage ein ernstes Hindernis für unsere Arbeit bedeutet, ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache, Aber es gibt noch ein jüdisches Fünfzehnmillionenvolk, es gibt über 200.000 Juden in Wien allein! Es sind viele darunter, die Opfer bringen können und die Zeit der Not erfordert ein Notopfer, sie verlangt verstärkte Anstrengungen. Ihrem trefflichen Aufsatz wird kein Zionist, kein Palästinafreund die Zustimmung versagen 1 Aber nicht darum geht es, nicht um literarische Bewertungen. Es wäre vielmehr zu wünschen, daß jeder einzelne Leser sich frage, ob er, er allein, seine Pflicht Palästina gegenüber erfüllt hat, die sich nicht in Protesten allein erschöpfen kann. Die Erbauer des Tempels werden uns dargestellt: In der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert. Als wichtigste Ergänzung zu der heute nötigen Protesthaltung gegenüber der Passfield-Politik ist nur das wirkliche Opfer für die Palästlna-Fonde denkbar und möglich. Protest ist kein Dauerzustand, aber an Arbeit gibt es eine Fülle: Bel sich beginnen, den anderen ein Beispiel geben, sammeln, organisieren, zur Tat aufrufen. Jeder Ihrer vielen Leser möge sich fragen, ob er das Pflichtgebot seiner Opferleistung erfüllt, ob er mit seinem Gewissen im Reinen ist, ob er zu seinen regulären Leistungen die besondere Anstrengung hinzugefügt hat, auf wieviel an leichter odelr schwerer Entbehrlichem er zu verzichten willens ist, um der ringenden Volkssache zu Hilfe m kommen. * Wahlunrecht Die Schekelkampagne geht zu Ende. So richtig es ist, daß diesmal der Schekel ein Protestschekel war und so richtig es auch ist, daß ein Protest durch Schekelzahlung besser ist als ein gesprochener und geschriebener Protest, darf man doch nicht an den Mängeln der Institution des Schekels achtlos vorttbergehen. Es gibt wohl keine zweite Organisation in der ganzen WeiL auf die Außenetohende dueeh Zahlung ütiwi geringfügigen Betrages Einfluß ausliben können; es muß auch als einzig dastehend bezeichnet werden, daß die Zionistische Organisation in Kongreßjahren eine sprunghalte Steigerung der Mitgliederzahl aufzuweisen hat und daß in kongreßlosen Jahren ein beschämender Rückgang an Schekelzahlern Platz greift. Mit diesem System muß gebrochen werden. Es kann und wird ja die Zeit kommen, da Elemente, die uns heute noch ablehnend oder gleichgültig gegenüberstehen, Schekel in Massen zeichnen werden, uni auf die Zionistische Organisation Einfluß zu gewinnen, oder sie gar in die Hand zu bekommen. Aber auch schon jetzt ist es, wie die Erfahrungen aus der Zeit vor den? 16. Zionistenkongreß beweisen, ein unwürdiger und unerträglicher Zustand, daß die Opferwilligkeit einzelner Gruppen für die Exekutive sich nur dann mani-? testiert, wenn es gilt, die Kongreßdelegierten zu wählen, Dann finden sich reiche Parteifreunde, die Geld zur Verfügung stellen, um Schekel zu zeichnen, — da« heißt, die Schekalim werden heimlich an Parteifreund^ Verwandte und Bekannte, ja sogar an Nichtjuden verschenkt, die alle ihr Wahlrecht ausüben. Im nächsten Jahre gibt es dann keine Kongreßwahl und dann schweigt vielfach auch das zionistische Gewissen; es werden keine Schekalim bezahlt, und die Exekutive und die Landesorganisation mag selbst sehen, wie sie ihr Dasein fristet, wie sie ihre Beamten bezahlt, Propw» ganda betreibt usw. mirrrrr.T Hier tut gründliche Abkehr not, das Wahlstatut muß gründlich geändert werden, u. Wahlberechtigt zum Kongreß dürfen nur eingeschriebene Mitglieder zionistischer Fraktionen sein, die auch in kongreßlosen Jahren Schekel und Parteisteuer jeweils rechtzeitig bezahlt haben. Entschließt man sich nicht zu dieser radikal«! Aenderung, dann müssen zumindest jenen Zionisten, die ihrer Pflicht der Landesorganisation und der Exekutive gegenüber in kongreßlosen Jahren nachgekoinmen sind, in organisatorischer Hinsicht für die Kongreßwahl größere Rechte anerkannt werden, als zufälligen Schekelzahlern. Wenn man dagegen einwenden sollte, daß dam der Exekutive die Schekelzahlungen der «zufälligen» Schekelzahler verloren gehen würden, so wäre dem / durch einen jährlichen Drive für die Weltorganisation vorzubeugen. Wenn dann gewisse Gruppen, die ihr . Herz für den Schekel und die Weltorganisation, bezw. Exekutive, nur vor der Kongreßwahl entdecken, bei *■ diesem Drive keine Erfolge aufzuweisen hätten, dann wäre der durch die Demaskierung dieser Herrschaften erzielte moralische Erfolg auch nicht zu verachten. Eines ist sicher: Dieses System, das der Korruption Tür und Tor öffnet, die kleinen Landsmannschaften an die Wand drückt und daher kein richtiger Gradmesser ' für die Zusammensetzung des Aktionskomitees ist, muß radikal geändert werden. Der kommende Kongreß würde sich durch die angedeutete Aenderung des Wahlstatuts um den Frieden und die Reinheit der Zionistischen Organisation ein großes Verdienst erwerben. J. Ben Awraham. Das offizielle Resultat der Wahlen zur Assefath Haniwcharim Jerusalem, 16. Jänner. (J. T. A.) Aut Grund der offiziellen Verlautbarungen stellt sich das Endergebnis der Wahlen zur Assefath Haniwcharim folgendermaßen dar: Von den insgesamt 71 Mandaten erhält die Arbeiterpartei inkl. der sephardlschen Arbeiter 32, die Re« viskmisten inkl. der sephardlschen Revisionisten 15, Sephardim 6, Misrachi 5, Allgemeine Zionisten 4, Frauen 3, Yemenlten 3, Linke Poale Zion 1, Borochow- Llste (Rechte Poale Zion) 1 und Hascbomer Hazair 1 Mandate. Von 89.590 Wahlberechtigten sind 50.402 Personen oder 56 Prozent, darunter 41.824 Aschkenasim, 6108 Sephafdim und 1615 Yemeniten zur Wahl gegangen«