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Die Stimme · 1931-01-22 · Heft 160 (22.1.1931) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 160 (22.1.1931)
Date
1931-01-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME .> r. i»j»» 2. .Jänner lv*.,i Dr. Aleksander Hausmann Die J. T. A. berichtet; In Lemberg verstarb hn Alter von 51 Jahren einer der angesehensten zionistischen Führer Galiziens, Adv. Dr. Aleksander Hausmann. Er war Delegierter des ersten Zionistenkongresses in Basel, später einige Jahre lang Präsident der Zionistischen Organisation Ostgaliziens. Er war auch Vizepräsident der jüdischen Gemeinde von Lemberg und Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees. Es ist ein tragisches Geschick! Wenige Monate nach dem Tode Leon Reichs ereilt uns aus Polen die Hiobsnachricht vom Ableben eines tatkräftigen, ungewöhnlich begabten Zionisten, der im blühendsten Mannesalter seiner Familie, seinen Freunden und seinem Volke entrissen wurde. Am 13. d. M. ist Dr. Aleksander Hausmann in Lemberg gestorben. Er wurde am 15. d. M. unter größten Ehren bestattet; eine vieltausendköpfige Menge Trauernder gab ihm das letzte Geleite. Hausmann ist den österreichischen Zionisten noch aus seiner Studentenzeit in bester Erinnerung. Im Herbst 1897, kurz nach dem 1. Baseler Kongreß, inskribierte er an der Wiener Universität und hospitierte bei der jüdisch-akademischen Verbindung «Ivria». Der junge, elegante Hochschüler hatte ln Basel den Delegierten der «Ivria» und durch diesen später ln Wien viele Mitglieder dieser Verbindung kennen gelernt, und obwohl diese damals noch als schlesische Landsmannschaft organisiert war, wurde Hausmann bald «Fuchs» der «Ivria». Kaum achtzehnjährig, stand er schon inmitten der zionistischen Bewegung; am deutschen Gymnasium in Lemberg war er, der Volljude, Organisator der Mittelschüler, und so war ihm das Glück beschieden, als Jüngster beim ersten Zionistenkongreß das zionistische Programm mitbeschließen zu können. Daß in ihm eine hervorragende Persönlichkeit steckte, wurde schon in seiner Studentenzeit offenbar. Seine Kommilitonen, denen er ein guter, braver Kamerad war, respektierten sein umfassendes Wissen, behr bald, wiewohl ln einem fremden Milieu, hat er meiner geistigen Fähigkeiten wegen eine führende Position in diesen Kreisen erlangt. Unvergeßlich bleibt allen Teilnehmern die Ver- »ammlung einer sozialistischen Studentengruppe, bei ier 4er damalige Reichsratsabgeordnete Daszynskl men- Vortrag über die ökonomische Lage Galiziens beit. Die große Zahl der angemeldeten Redner machte :s notwendig, die Redezeit der einzelnen auf zehn Minuten zu beschränken; unter den Diskussionsteilnehmern befand sich auch Hausmann als Oppositioneller. Der schmächtige Jüngling, der durchaus kein schwungvoller Redner war und der unter Gegnerschaft des größten Teiles der Versammelten mit Daszynski zu polemisieren hatte, erzwang sich durch die Kraft «einer Argumente, durch die ungewöhnliche Beherrschung der Materie, durch die geordnete, energische und würdige Darlegung seines Standpunktes vollste Aufmerksamkeit. Als ein ungeduldiger Versammlungsteilnehmer darauf aufmerksam machte, daß die Redezeit abgelaufen wäre, erhob sich Daszynski und beantragte, Hausmann freie Redezeit einzuräumen. Die Jüdischen Studenten dieser Zeit hatten Versammlungsroutine, doch gab es nicht viele, die mit gleicher Energie, Vornehmheit und Fülle an Kenntnissen auf solch exponierten Posten standhalten konnten. Die Erinnerung an die harmlosen Diskussionen, die in Studentenkreisen geführt wurden und an denen Hausmann führend teilnahm, ist köstlich, gleichgültig ob die ökonomische Lage der Juden des damaligen Galizien, studentische Angelegenheiten minder bedeutungsvoller Art oder im Entstehen begriffene zionistische Probleme behandelt wurden. Als Hausmann einst Uber die Semestßrferien in J seine Heimat fuhr, beschloß er, dort eine studentische I Organisation nach Wiener Muster zu gründen. Hierbei nahm er auf erkannte Vorzüge, vermeintliche oder wirkliche Fehler und auf die Besonderheit der lokalen Verhältnisse Bedacht. Mit viel Stolz sprach er dann von seiner Schöpfung, der «Emunah» in Lemberg, deren erster Präsident er war. Was Hausmann nach Beendigung seiner Studien iflr den Zionismus bedeutet hat, ist wohl bekannt. Er wurde einer der gründlichsten Kenner Palästinas, ein hervorragender und wirkungsvoller Förderer aller Bestrebungen, die auf die Besiedlung des Landes und die Erreichung des zionistischen Ideals hinzielten. Wo sachkundiger und kluger Rat gebraucht wurde, konnte man Hausmann nicht missen, der auf Kongressen, bei Parteiberatungen und immer und überall unermüdlich in Wort und Schrift seinem Volke diente. Wer ihn kannte, dem war es keine Ueberraschung, daß er wenig politische Ambitionen hatte. In zionistischen Körperschaften aber und in der Kultusgemeindc seiner Heimatstadt, in deren Leitung er einmal von Regierungswegen berufen wurde, galt sein Wort und seine Meinung, konnte sich sein vielseitiges Können, seine gediegene Arbeitskraft entfalten; selbst im Kriege, den er als Frontoffizier mitmachte, blieb er, wie überall, wohin ihn das Schicksal führte, der energische, vornehme, tatkräftige und kenntnisreiche Zionist. Nun ist er den Seinen, an denen er n it echt jüdi scher Familienliebe hing, entrissen; seine Freunde betrauern einen der Wertvollsten und sein Volk und der Zionismus haben unsagbar viel verloren. Hätte ihm ein wohlwollenderes Geschick Gesundheit beschieden, Hausmann wäre noch zu sehr Großem berufen gewesen. Es ist ein tragisches Geschick ... J o f f. Vorige Woche weilte in Wien Herr Hiliel Rogoff, Chefredakteursteüvertreter der großen New Yorker jiddischen Tageszeitung «Vorwärts» (Jewish Daily Forward), einer der bedeutendsten amerikanischen Literarkritiker und ein hervorragender Stilist. Außerdem ist Mr. Rogoff als Lektor an der Arbeiteruniversität in New York tätig. — Wir besuchten Herrn Rogoff und baten ihn, uns ein Interview über das amerikanische Judentum und sein Verhältnis zu Palästina, wie auch über andere damit im Zusammenhang stehende Themen zu erteilen. «Die jüdischen Arbeiter in Amerika sind in ihrer großen Majorität durch und durch zionistisch gesinnt. Das heißt, sie unterstützen aus allen Kräften die «Hlstadruth», die jüdisch-palästinensische Arbeiterpartei, Große Geldsummen Inventur«, Okkaslon« und Quaaitätsscliulie bis unter dien Hülben Preis Damenschuhe V abS12.50.- Herr en schuhe rahmen^enäht ab S 19.50.- Sclllltl*DOOl iaboistreße S werden in den Vereinigten Staaten für die «Histadruth» gesammelt. Die jüdische Arbeiterschaft ln Amerika hat dreierlei Organisationen; die «Unions», den sozialistischen Verband und den sogenannten Arbejterring, der eine Hilfsorganisation ist. Der sozialistische Verband ist antizionistisch — sein Einfluß und die Zahl seiner Mitglieder ist aber sehr klein; der Arbeiterring verhält sich als unpolitische Organisation in dieser Frage neutral; dagegen sind dk «Unions», in denen die überwiegende Mehrheit der jüdischen Arbeiter organisiert ist, ausgesprochen prozionistisch, und das nicht nur in der Theorie, sondern auch praktisch — sie bringen große Geldopfer für Palästinazwecke.» «Ist die wirtschaftliche Lage in dem Vereinigten Staaten tatsächlich so schlecht, wie wir hier hören? Leiden die Juden darunter in besonderem Maße?» «In Europa hat man seinerzeit dk sogenannte «Prosperity» übertrieben», antwortete Mr. Rogoff, «jetzt übertreibt man die augenblicklich in Amerika herrschende Krise. Diese ist zweifellos vorhanden, und der jüdische Mittelstand und Insbesondere der Jüdische Arbeiter befinden sich in einer bedeutend schlimmeren Lage, als vor vier bis fünf Jahren. Viele Berufe, die vor kurzem noch in jüdischen Händen waren, wurden in den letzten Jahren rationalisiert. Die Maschine verdrängt die menschliche Arbeitskraft, was sich vor allem im Schneiderberuf auswirkt, in dem die Juden hauptsächlich tätig sind. Dadurch werden unzählige Existenzen aus dem Wirtschaftsleben ausgestoßen. Die Rationalisierung des Wirtschaftslebens führt auch zur Zertrümmerung des jüdischen Kkinhandeis: die Detailgeschäfte, die sich vorwiegend ln jüdischen Händen befinden, werden in großem Maße durch die sogenannten «Chain-Stores» (Kettengeschäfte) verdrängt Die christlichen Chain-Stores dringen sogar in jüdische Viertel ein. Da dieser Rationalsierungsprozeß nach dem großen WaH-Street-Börsenkrach begann, ist es klar, daß die Krise ziemlich stark ist und daß vorläufig keine Aussicht besteht, sie zu überwinden. Nichtsdestoweniger sind die in Europa verbreiteten Nachrichten übertrieben. In Europa herrscht Elend — ln Amerika nur eine Krise. Das ist ein großer Unterschied.» «Wie ist es in Amerika um den Antisemitismus besteht?» Nathan Straus' Bestattnno New York. (J. T. A.) Dienstag, den 13. Jänner wurde Nathan Straus in der Gruft der Familie Straus in Cyprus Hills bestattet. An dem Trauergottesdienst, der im Tempel Emanu-El stattfand, nahmen viele Tausende, darunter hervorragende nichtjüdische Persönlichkeiten, teil. Die Straßen rings um den Tempel waren von einer dichten Menschenmenge erfüllt, die zur Trauerfeier nicht mehr Einlaß finden konnte. Die Trauerrede hielt Rabbiner Stephen Wise, der insbesondere die Verdienste des Verstorbenen um den Palästina-Aufbau hervorhob. «Vielleicht gibt es bei uns gewisse Andeutungen ein«? antisemitischen Bewegung», meint Mr. Rogoff. «Aber um die Wahrheit zu sagen: wenn ein Amerikaner nach Europa kommt, wenn er Deutschland, Oesterreich, Rumänien oder Polen besucht, dann sieht er erst, was Antisemitismus heißt und dann weiß er, daß man in Amerika den Antisemitismus nicht kennt. Allerdings gibt es auch bei uns Firmen, die keine Juden als Beamte anstellen (ich betone: Beamte, denn jüdische Arbeiter werden überall ohne Ausnahme aufgenommen); es gibt auch ln den Zeitungen Inserate mit dem «sympathischen» Vermerk «Christians ooly»; aber das sind vereinzelte Fälle, die lange noch nicht verdienen, eine Bewegung genannt zu werden. In manchen Universitäten herrscht eine stille Prozentnorm; man muß jedoch bedenken, daß diese Universitäten p r i v a t e Anstalten sind. In den staatlichen gibt es keinen wie immer gearteten numerus clausus. Meiner Meinung nach wird es in Amerika nk zu einem Antisemitismus in europäischem Sinne kommen. Dafür ist bei uns kein Boden vorhanden: Dk Juden spielen keine wirtschaftlich vermittelnde Rolle wie ln den Ländern, wo der Wirtschaftsantisemitismus wütet; die große Masse der amerikanischen Juden sind die Arbeiter. Dadurch ist jede Voraussetzung für einen Wirtschaftsantisemitismus von vornherein au8ge6chaltet. Die Legende von der großen Masse der jüdischen Millionäre in Amerika ist eben nur eine Legende. Nur zwei Großindustrien, und zwar Kupfer und Film, werden von Juden kontrolliert.» «Ist der Einfluß der Juden im öffentlichen Leben Amerikas, vor allem ln der Presse und in der Literatur bedeutend?» «Zweifellos. Namentlich in der Presse ist starker jüdischer Einfluß bemerkbar. Die größte amerikanische Zeitung, «New York Times», befindet sich in jüdischen Händen. Sowohl der Herausgeber wie der Chefredakteur sind Juden. In einem anderen großen Blatte, «New York World», ist ein Jude, der berühmte Leitartikler Walter Llpman, tätig. Auch m vielen anderen großen Zeitungen arbeiten viele jüdische Journalisten, Es Ist bekannt, daß Juden dk besten Reporter sind,» «In der amerikanischen Literatur sind Juden erst seit ganz kurzer Zelt tätig. Nichtsdestoweniger haben sich bereits viele von ihnen einen Namen gemacht. Vor allem muß da Ludwig L e w i s o h n genannt werden. Sein Werk «Das Erbe im Blut» erweckte übrigens auch in Deutsch'and und anderen europäischen Ländern einen starken Widerhall. Er ist ein Tendenzschriftsteller, dessen literarische Losung «Zurück zum Judentum» heißt. Eime berühmte Erzählerin ist die Edna Ferber, eine Jüdin, deren Buch «Shaw-boot» (Komödiantenschiff, übrigens einer der ersten Tonfilme) unerhörte Popularität in Amerika errungen hat. Unter den Essayisten gibt es ebenfalls sehr vjek Juden. Der berühmteste unter ihnen ist Llpman, dessen Buch «Preface to Moral» ein großer Erfolg und Tagesgespräch in ganz Amerika war. Viele Juden haben sich als begabte lyrische Dichter einen Namen erworben. Interessant Ist es auch, daß dk Mehrzahl der erfolgreichen dramatischen Dichter Amerikas Juden sind. Die großen Theater am Broadway spielen fast durchwegs Stücke jüdischer Autoren.» Nachklinge zu den August-Unruhen Jerusalem. (J. T. A.) Hunderte von arabischen Familien aus Safed ziehen mit Frauen und Kindern nach Jerusalem, um dem High Commissioner Sir John Chancellor eine Petition um Begnadigung sämtlicher wegen der Ausschreitungen im August 1929 verurteilten Araber zu überreichen. Die gegen drei von Aegypten an Palästina ausgelieferten Araber aus Hebron nach Freilassung der übrigen 17 Ausge- Ileferten wegen des Verdachtes der Teilnahme am Massaker vom August 1929 eingeleitete Untersuchung wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt „Amerika kennt keinen Antisemitismus“ Der amerikanischrjüdische Arbeiter und Palästina — Die Gründe der Wirtschaft* liehen Krise - Die luden - erfolgreiche Journalisten und Schriftsteller Ein Gespräch mit Hillei Kogoff Jeder Zionist verlangt im Kaffeehaus sein Parteiorgan „Die Stimme“

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