Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 160 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 me summe* Nr. 160 — 22. Jänner 1931 des Kongreßtermines und die Entsendung einer Delegation nach den Vereinigten Staaten gefordert wird. Meer Oroßman und Dr. Nurok protestierten energisch gegen den Plan einer Verschiebung des Kongresses. Dr. H a n t k e bemerkte, ein Rückgang der Einkünfte des Keren Hajessod sei im abgelaufenen Jahr nur in den Vereinigten Staaten erfolgt. Kurt Blumenfeld hob die Notwendigkeit der Einigkeit im gegenwärtigen Augenblick hervor. — Es sprachen noch Twersky, Naiditsch, Goldstein, Goldbloom, Szkolnik und Remez für die Verschiebung des Kongreßtermines, während Rabbi Berlin und Dr, G o 1 d m a n n für die Abhaltung des Kongresses im Februar eintraten. Kaplansky faßte noch einmal die Gründe, die für eine Verschiebung des Kongreßtermines sprechen, zusammen. Dr. S. L e v i n machte der Opposition den Vorwurf, sie habe das Vertrauen der Massen untergraben. Nach einer Reihe von persönlichen Erklärungen wurde die Generaldebatte um 1 Uhr morgens geschlossen. Die politische Kommission des Aktions-Comitees hat am Donnerstag, den 15. Jänner, unter dem Vorsitz von Rabbiner Dr. M. Nurok eine 13stündige Sitzung abgehalten. Professor Dr. Welzmann erklärte in der Kommission, der erste Teil der Verhandlungen zwischen Jewish Agency und der englischen Regierung sei nunmehr abgeschlossen. Die Führung der Verhandlungen in ihrem zweiten Teil, der der Beratung der Immigrationsfragen und der Frage der Einsetzung einer gesetzgebenden Körperschaft in Palästina gewidmet sein werde, müsse er ablehnen. Die Kommission formulierte einen Antrag an das Plenum des Aktions-Comitees, den Termin des 17. Zionistenkongresses auf Mai 1931 zu verschieben. Bei der Sitzung des A. C. am Sonntag, den 18., kam es nach einer erregten Debatte zum Beschlüsse, den 17. Zionistenkongreß zu verschieben. Für die Versch.ebung stimmten 20, gegen die Verschiebung 11 A.-C.- Mitglieder. Die Vertreter des Misrachi erklärten hierauf, daß sie ihren Vertreter, Rabbiner Meir Berlin, von der Exekutive zurückziehen würden. Dessen Demission erscheint somit endgültig. Der Vertreter der Radikalen Zionisten, Dr. Nahum Uoldmann, erklärte, daß er Mitglied der Politischen Kommission bleiben werde, jedoch nur bis zur nächsten Sitzung der Exekutive des Weltverbandes der Radikalen Zionisten, da diese ihm aufgetragen hatte, für den Fall, daß ein Beschluß über Kföhgreßverschiebung gefaßt werden sollte, aus der Politischen Kommission auszutreten.' “k^lm Laufe der weiteren Verhandlungen wurden der von Rabbiner Nurok vorgelesene politische Bericht, wie auch der Finanzbericht angenommen. Das Aktionskomitee hat beschlossen, weitgehende Sparmaßnahmen in Angriff zu nehmen. Unter anderem wurde beschlossen, die hebräische Monatsschrift «H a o 1 a m» einzustellen und eine Delegation nach Amerika zu entsenden, die dort an der Geldkampagne für Palästina-Zwecke teilnehmen soll. Prof. W e i z m a n n kritisierte scharf die Kampfmethoden der Opposition und gab Antwort auf die Angriffe, die gegen seine Person gerichtet worden sind. Er erklärte, er wolle seine Tätigkeit fortsetzen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Parteidisziplin beachtet und die ungesunde Atmosphäre, die jetzt in der zionistischen Organisation herrscht, gereinigt werde. Sonntag Nachmittag wurde die A.-C.-Sitzung geschlossen. In den späten Abendstunden hat die Zionistische Exekutive eine Sitzung abgehalten, in der beschlossen wurde, daß der Kongreß spätestens Mitte Juni stattfinden werde. Die endgültige Festsetzung des Termins wird demnächst erfolgen. (J. T. A.) Tel Aviv vom Meer überschwemmt Große Sturmkatastrophe in Palästina London, 21. Jänner. „Exchange Telegraph“ meldet aue Jerusalem : Palästina wurde von einer schweren Sturmkatastrophe heimgesucht. Die Hafenanlagen von Haifa wurden schwer beschädigt. Die Hauptstraßen von Tel Aviv sind vom Meer überschwemmt worden. Die Orangengärten haben schwer gelitten. In der Wüste wütet ein heftiger Sandsturm, demzufolge der Eisenbahnverkehr zwischen Palästina und Aegypten fast vollständig unterbrochen wurde. Neue Alijab! Das Zionistische Bureau in Wien erhielt am 15. d. M. folgendes Telegramm aus Jerusalem: «Sadra chaluzim lavo etnza Februar. Jewish Agency.» (Organisiert Chaluzlm-Elnwanderung für Mitte Februar.) Dieses Telegramm, das wohl auch an alle anderen Jüdischen Zentren abgesendet worden ist, beweist, daß in der tristen finanziellen Lage der zionistischen Organisation eine Aenderung zum Guten eingetreten ist. .Wir freuen uns, feststellen zu können, daß die alljahbereiten österreichischen Chaluzim bald Gelegenheit jpabea werden, nach Erez Israel zu geben. Zu Jlafkum fofzolons siebzigstem Geburtstag Sokolow, der Hebräer Von David Rothblum An dem großen Wunder, das sich an unserer nationalen Sprache erfüllt, hat er großen Anteil. Vielleicht den größten unter den lebenden Schriftstellern unserer Zeit. Denn eT trug das geschriebene hebräische Wort in die entferntesten Winkel Polens und Rußlands. Durch Jahrzehnte war seine „Hazefirah“ das Tagblatt des jüdischen Lesers, der gezwungen wurde, seine Informationen über alles, was in der grollen Welt vorging, aus einer hebräisch geschriebenen Zeitung zu schöpfen. Zehntausende von Juden genossen auf diese Weise ihren täglichen hebräischen Unterricht. Als politischer Journalist, der jahraus, jahrein unermüdlich, geduldig, sorgfältig und liebevoll den Leitartikel seines Blattes schrieb, mußte er das unnatürliche Hebräisch seiner Zeit den realen Ereignissen anpassen, dem Worte die Phrase nehmen und ihm Sinn und praktische Deutung geben. Seine politischen Ansichten, insbesondere in bewegten Tagen, sind wörtlich unter Wiedergabe des Originaltextes in den Betpausen im Beth- Hamidrasch zitiert worden. In der Klaus, in der Jeschiwah sah man neben den alten Folianten fliegende Blätter der „Hazefirah“ auf den langgestreckten Tischen liegen oder von Hand zu Hand wandern. Der jüdische Bachur, der als gebildet gelten wollte, mußte die „Hazefirah“ lesen; wollte er es nach außenhin dokumentieren, dann ließ er einen Zipfel des hebräischen Blattes von ungefähr aus seiner Rocktasche hinausragen. Sokolow war der erste, der die hebräische Sprache im polnischen und russischen Judentum zur Mode machte. Dadurch hat ©t das große, das größte Wunder aller Zeiten vorbereitet, das sich je an eifern/ Idiom vollzogen hat. ' Nicht nur die jüdische Jugend aller Schichten brüstete sidh mit der Kenntnis der nationalen Sprache, sondern die Alten, Väter und Großväter, die nie ein profanes Buch in hebräischer Sprache gelesen hatten, imponierten sich gegenseitig mit ihren aus der „Hazefirah“ geschöpften Kenntnissen. „Was steht in der .Hazefirah4?“, das hieß in der damaligen Zeit: was gibt es Neues? „Was sagt die .Hazefirah4?“, das hatte die Deutung: wie ist das Ereignis wirklich zu werten? In Rußland erschienen zeitweise mit der „Hazefirah“ noch andere Tagesblätter: Kantors „Hajom“, Zederbaums „Hamelitz“. Aber keines dieser Blätter hat die Bedeutung der „Hazefirah44 erreicht. Sokolows Beiträge waren für den breiten Leserkreis nicht nur Bericht und Belehrung, sondern auch hebräischer Unterricht, Deswegen haben wir seine Artikel zweimal gelesen. Zunächst wegen des Inhaltes, dann wegen der Form. Oft war das, was er sagte, Nebensache, Hauptsache aber, wie er ©e sagte. Im Beth- Hamidrasch wiederholte man sich gegenseitig, wie Sokolow das oder jenes Wort, diese oder jene Phrase, ein Redezitat von Bismarck oder Metternich ins Hebräische übersetzt hat. Wir fanden immer, daß die hebräische Uebersetzung schöner und geistreicher klänge als das Original. Sein Stil war eigentlich nicht charaktervoll, nicht gemodelt und nicht geschraubt, aber von einer unerreichten Gelenkigkeit, von einem schillernden Reichtum, niemals trivial oder gezwungen, stets elementar, übersprudelnd, oft verblüffend, mitunter so berauschend, daß man | im Lesen beglückt und bewundernd innehalten mußte. Nicht selten trieb er Verschwendung, hinter der nicht Protzerei, sondern Lust am Schreiben und Können lag. Ale wollte er sagen: Habe ich das nicht schön gesagt? Ich kann‘s aber noch schöner sagen. Einem Artisten gleich, der zuerst mit drei Flaschen jongliert, es auf zehn bringt und wenn er von der Bühne schreitet, hat man das Empfinden: der muß es auch mit fünfzehn können. Diese Form war aber bei Sokolow nicht gekünstelt, wie etwa die neueste Richtung unserer übermodernen hebräischen Schriftsteller, von denen Dialik mit Recht sagt, daß sie auf dem besten Wege sind, der inhaltslosen Phrase zur Geltung zu verhelfen. Denn Sokolow schöpfte aus den reinsten und tiefsten Quellen unseres Schrifttums aller Zeitläufte. Ihm war die Bibel nicht minder geläufig als die Mischna, die Gemara, die Toeefta, die Geonim und die ganze rabbinische Literatur des Mittelalters. Deswegen war sein Hebräisch immer originell, nie Uebersetzung; immer autochton, nie fremd; immer ganz, nie legiert. Zum Purismus seiner Zeit stand er in einem ganz besonderen Verhältnis. Er machte Konzessionen, konnte aber auch anders. Und er konnte so viel und so vielfach, biblisch und talmudisch, und wenn man gerade wollte, auch aramäisch, daß es sogar Freude bereitet hätte, wäre er immer im selben oder gleichmäßigen Gewände vor dem Publikum erschienen. Das wäre seinem Talente nicht gelegen, er gab sich aber immer so wie er war. Ich glaube, das war seine Mission. Von dem Gesichtspunkte der Erfüllung dieser Sendung aus wird ihn auch der künftige Historiker werten. Er hat die letzten zwei Jahrzehnte vorzüglich einer anderen Tätigkeit gewidmet, einer anderen Richtung unseres nationalen Lebens geweiht. Hier war er nicht schöpferisch tätig. Das war nicht seine Sendung. Es kann kein Engel zwei Funktionen haben — sagten schon unsere Vorfahren — geschweige denn ein Mensch. Als er sich der Politik zu wandte, mag vielleicht in ihm so etwas vorgegangen sein, wie in dem großen Frankfurter Heiden, der nicht den „Faust“, sondern seine Farbenlehre für die größte Tat seines Lebens hielt. Goethe war nicht zum Physiker und Sokolow nicht zum aktiven Politiker geboren. Er hat das junge, auf seine Zukunft schwörende Judentum in fürstlichen Prunksälen und königlichen Schlössern würdig vertreten. Dies aber war keinesfalls seine Mission und darin lag weder seine Größe noch seine geschichtliche Bedeutung. Wenn jedoch in den Straßen Tel-Avivs Jugend Hebräisch spricht, wenn Kindermund unter Palästinas blauem Himmel Worte in der Sprache unserer Väter erklingen läßt und die großen Sterne am Firmament Erez Israels in die stillen Kämmerlein leuchten, wo junge Mädchen hebräisch träumen, so hat an dem allen Nahum Sokolow, der siebzigjährige Jüngling, mitgeschaffen. Mitgeschaffen in so hervorragendem Maße, daß es ohne ihn vielleicht nicht so gekommen wäre, wie es gekommen ist. Als Nehemia den Wiederaufbau in die starken Hände nahm, war es ihm mehr um die Befestigung des inneren Glaubens seiner Volksgenossen als um die Befestigung der Stadtmauer um Jerusalem zu tun. Des Volkes Eigenart wollte er vor fremdem, zerstörendem Einfluß bewahren. Weise und klug und milde führte er die alten Bräuche wieder ein. Sanft und bescheiden und gottesfürcht'ig trat er auf. Als er aber die Kinder von Mischehen nicht hebräisch, sondern aschdodisch sprechen hörte, fluchte er ihnen. Er fluchte in heiligem Zorn . . . Nehemia und Nahum. Beide erkannten, daß die eigene Sprache die Seele eines Volkes ist. Jener fluchte in seinem Grimm, dieser lehrte in seiner Weisheit. Das Andenken beider wird in der jüdischen Geschichte fortleben, leuchten bis ans Ende aller Zeiten. Nahum Sokolow! Koh lechaj! Nahum Sokolows Leben Nahum Sokolow, der Präsident der Zionistischen Exekutive, wurde am 5. Schiwat 5621 (1861) in Wyszogrod bei Plock (Polen) geboren. Er widmete sich frühzeitig schriftstellerischer Tätigkeit j*jd trat 1884 in die Redaktion der Warschauer hebräischen Zeitung «Hazefirah» ein, deren Leitung er bald darauf ganz übernahm. Sokolow wurde hier der eigentliche Begründer der modernen hebräischen Journalistik. Seine glänzend geschriebenen Feuilletons und Artikel in der in europäischem Geiste redigierten «Hazefirah» vollbrachten ein großes Kulturwerk, indem sie der gerade dem Ghetto entwachsenden jüdischen Leserschaft in Osteuropa die Kenntnis Westeuropas und der Moderne vermittelten. Daneben veröffentlichte Sokolow zahlreiche Abhandlungen und Aufsätze in hebräischer, jiddischer, russischer, englischer, französischer und deutscher Sprache fast in der ganzen jüdischen Prese der Welt. Er arbeitete auch an vielen nichtjüdischen Zeitschriften in fast sämtlichen europäischen Sprachen mit. Der zionistischen Bewegung schloß sich Nahum Sokolow bald nach dem Auftreten Herzls an. Er gehörte auch bereits zu den Teilnehmern am ersten Zionistenkongreß. Nach Herzls Tode wurde er 1905 Generalsekretär der Zionistischen Organisation in Köln unter David Wolffsohns Führung und redigierte dort einige Zeit das zionistische Zentralorgan «Die Welt» sowie das von ihm begründete hebr<Uscb9