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Die Stimme · 1931-01-22 · Heft 160 (22.1.1931) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 160 (22.1.1931)
Date
1931-01-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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C.-Sitzung in London Kritische finanzielle Lage Sparmaßnahmen — „Haolatn“ wird eingestellt — Rabbiner Meir Berlins endgültige Demission — Weizmann kritisiert scharf die Methoden der Opposition Von Dr. Oskar Grtinbaum. Die Nachricht, daß die Exekutive derzeit kein Geld hat, um 1500 Chaiuzim nach Palästina zu schicken, offenbart den ganzen Jammer unserer Organisation. Wir Zionisten müssen endlich erkennen, daß große Teile unserer Organisation an diesem traurigen Ereignis Schuld tragen. Gewiß, die wirtschaftliche Not lastet schwer auf unserer Organisation, die auf die Opferfreudigkeit ihrer Mitglieder angewiesen ist; es liegt auch eine besondere Tragik darin, daß unser Aufbauwerk gerade in die Zeit einer schweren Wirtschaftskrise fällt, in der auch mächtige Staaten nur mit aller Mühe, durch Anziehen der Steuerschraube und durch Aufnahme großer Anleihen, das Gleichgewicht im Staatshaushalte aufrecht erhalten können, Trotzdem haben wir, insbesondere abe,r unsere Opposition, ein vollgerütteltes Maß teil an unserer heutigen Situation. Jene, die Herzl von früh bis , abends im Mpnde führen, h^ben in erster Linie Herz! verleugnet; sie haben vergessen, daß wir keine Partei im landläufigen Sinne des Wortes sind, daß wir der wandernde Staat, das Volk in Bewegung find, mit einem Ziele: Zion. Sie sind unterwegs stehen geblieben, debattierten und stritten, wie dieses Ziel beschaffen sein soll, bekämpften in gehässiger Weise alles, was nicht ihrer Meinung war, insbesondere unsere Exekutive, und sabotierten die Landesorganisationen; sie schufen damit Verwirrung in den eigenen Reihen und Mißtrauen bei unseren Feinden. Sie zertrümmerten die große Idee Herzls von der Einigung des ganzen Judentums; jede oppositionelle Gruppe errichtete einen Zaun um ihre «Lehre» — Revisionismus, Radikalismus und noch andere «Ismen». Gewiß, wir Juden sind ein Volk von starker Geistigkeit und die zionistische Bewegung steht ohne Beispiel in der Geschichte da. Meinungsverschiedenheiten sind daher selbstverständlich; nicht selbstverständlich aber ist das Gezänk um Endziele, der Fraktionismus und — bei unserer demokratischen Verfassung — der häßliche, rachsüchtige Kampf gegen die Leitung. Wir Zionisten bekämpfen die Assimilation und waren selbst im schlechtesten Sinne des Wortes politische Assimllanten. Wir haben die Politikaster unserer Wirtsvölker kopiert, haben ihnen abgeguckt, wie sie sich räuspern und wie sie spucken, und hätten doch Verschiedenes zu tun gehabt, was einigermaßen von Wichtigkeit gewesen wäre: so durch beispielgebende Opferfreudigkeit für das Aufbauwerk die jüdische nichtzionistische Welt mitzureißen und Palästina jüdisch zu machen von Dan bis Berseba. Nichts von all dem taten wir, ängstlich horchte jede «Partei» auf das Echo ihrer Enunziationen bei den anderen «Parteien», wir glaubten, großartige Politik zu machen und zeigten der Welt einen Sturm Im Wasserglas. Und die Folgen? Vielleicht der Judenstaat? Nein, das Weißbuch, Lethargie, leere Kassen und ungeheuerliche Einbußen an Ansehen in der Wett. Es beliebte der Opposition, die Dinge so zu sehen, als wäre die offizielle Leitung von den großen Zielen *** Zionismus zurückgewichen, während in Wirklichkeit bei der Leitung nur die klare Erkenntnis der kommenden Ereignisse vorlag, die vielfach durch unsere Schuld bedingt waren. Wir haben die Chance der Balfour-Deklaration nicht ausgenützt, wir gaben nicht Erez Israel, was Erez Israels Ist. Wen gibt es unter uns, der nicht reuig bekennen müßte, er hätte mehr für Palästina tun können? Wer sieht heute nicht ein, daß die vielgeschmähten nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency, z. B. Warburg, viel dazu beigetragen haben, die Organisation im letzten Jahre finanziell und moralisch Uber Wasser zu halten? Sind die Nichtzionisten in unserem Kampfe gegen die englische Regierung nicht mit uns durch dick und dünn gegangen? Hat es nicht die Opposition gegen die Mittwoch, den 14. Jänner, wurde in London die außerordentliche Tagung des Z.onlsJschen Aktions- Comitees eröffnet, ln Vertretung des Präsidenten des Akttons-Comitees Leo Motzkin, der sicit, wie bereits gemeldet, vor einigen Wochen auf ärztlichen Rat zu eiuem Kuraufenthalt nach Nizza begeben mußte, führte der Präsident der jüdischen Geme.nde Warschau, H. Farbstein, den Vorsitz. Die amerikanischen Mitg.ieder des Aküons-Gomitees sowie die der Fuderadon Misrachi und den Allgemeinen Zionisten ang.hö.enden Aktions-Cpmitcc-Mitgiieder ^8 Palästina, sind, zur Tagung röcht erschienen. , In seiner hebräischen Eröffnungsanspsache gab H. Farbstein der Hoffnung Ausdruck, daß die Beratungen des Akt Jons-Comitees zu fruchtbaren Ergebnissen führen werden und beantragte die Absendung eines Schreibens an den erkrankten Präsidenten des A. C., Leo Motzkin, in dem ihm das A. C. baldige Wiederherstellung wünscht Sem Nachruf auf Loid Melchetl wurde von der Versammlung stehend angehört Präsident Farbstein gedachte souann der anderen Verluste, die die Organisation und das jüdische Vota in letzter Zeit insbesondere durch den Tod von Nathan Straus, erlitten haben und ertedte, nachdem die Sitzung für vertraulich erklärt worden war, das Wort dem Präsidenten der Zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow. Sokolow erklärte in seiner Ansprache, es müßten außerordentliche Mittel zur Rettung der Bewegung aus ihrer kritischen finanziellen Lage angewandt \v-r..e<i. Man könne nicht zu den Methoden zionistischer Arbe.t vor Erlassung der Balfour-Deklaration zurüCAkeh.en. Das zionistische Ideal habe heute konkrete Formen angenommen, es sei untrennbar mit der PaläsLna- Aroeit verknüpft Die Grundlagen des Pal^stlnawerkes, ErzieLuiigsweseu und ivoiomsation, dürfen nicht erschüttert werden. Das Gewissen des jüdischen Volkes müsse aufgerütteit, alle seine potentiellen Energien zur Rettung der Lage freigemacht werden. Wenn das jüdische Voik erkennen werde, was auf dem Spiele steht, werde es auf den Ruf Zions, dem es seine Träume, seine Hoffnungen, seine Tränen und seine Lieder ge¬ Jewish Agency zu verantworten, daß diese nicht schon zur Zeit der amerikanischen Prosperity, gegründet wurde und daß uns dadurch viele Millionen Dollars für den Aufbau verloren gingen? Doch genug der Vorwürfe gegen die «Allgemeinen» Zionisten — ein unglücklicher Ausdruck, als wären die anderen «besondere» Zionisten — und gegen die Opposition, Was soll geschehen? Kein Zweifel, ein Revisionismus ist notwendig, aber nicht im Sinne Jabotinskys. Die «Allgemeinen» und die Opposition müssen ihre Stellung zueinander revidieren und sich zu gemeinsamer produktiver Arbeit finden, zur Stärkung der inneren Organisation und zu gemeinsamer Arbeit im nichtzionistischen Teile des Judentums. Das wird nur möglich sein durch Zurückstellung persönlicher Ambitionen, durch die Zurückstellung noch so ehrlich gemeinter Programme und durch die Erkenntnis der Binsenwahrheit, daß man erst die Mauern baut und dann den Dachstuhl und nicht umgekehrt. Wird das jüdische Haus in Palästina festgefügt dastehen, dann, meine Herren Prinzipienreiter in allen weiht habe, antworten. Man müsse eine starke Delegation nach Amerika entsenden. Die Judenheit der Vereinigten Staaten, die für den Aufbau Palästinas bisher so große Opfer gebracht hat, werde dieses Werk in einer so kritischen Situation sicher nicht im Stiche lassen. Das A. C. müsse alle Meinungsverschiedenheiten beiseite lassen und unverzüglich zur Tat schreiten. Dr. Weizmann gab einen kurzen Ueberbllck über die politische Entwicklung seit der letzten Aktions-Comitee-Tagung. Er skizzierte den bisuert^en . Verlauf der noch unabgeschlossenen Verhandlungen ^zwischen jewish Ageficy und englischer Regierung und erklärte sich bereit, Fragen über Einzelheiten innerhalb der Politischen Kommission zu beantworten. — Der Bericht Dr. Welzmanns wurde von Dr. Nahum Goldmann ergänzt, worauf Dr. Werner Senator einen Bericht über die finanzielle Lage in Palästina erstattete, Nach Erledigung einiger geschäftsordnungsmäßiger Fragen wurde die Generaldebatte eröffnet Sie wurde von A. Harzfeld eröffnet, der sich mit Nachdruck für eine Verstärkung uer /tnsiedlung von Arbeitern in Palästina einsetzte und gegen die Abhaltung des Kongresses im Februar auSüp.ach. Simon Marks erklärte, es müsse mit der Lage, wie sie von Dr. Senator dargesteüt worden sei, gerechnet werden. Es wäre nötig, zahlreiche Sparmaßnahmen zu treffen und in den nächsten Monaten ade Energien auf das Aufbringen von Geldmitteln zu konzentrieren. her sei auch er gegen die Abhaltung des Kongresses im Februar. Abg. uriinbaum w.es darauf h,n, daß die gesamte zionistische Welt mit Spannung auf den Kongreß warte und sehr enttäuscht wäre, falls er verschoben werden sollte. Es sei die Unklarheit der politischen Situation, die zu der jetzigen Geldknappheit geführt habe. — Das Mitglied der exekutive, i.arry S a c n e r, wies auf die von Dr. Senator aufgezeigte ernste Lage hin, nüt der das A. C. zu rechnen habe. Wenn das Aktions-Comitee eine neue Exekutive wünsche, so kötuie eine sotclie auch ohne Kongreß noch auf dieser Tagung eingesetzt werden. Dr. H e x t e r verlas ein Telegramm der amerikanischen Zionisten, in dem die Verschiebung SBBBBBBBBBBfgl"■IWggBBBBBBBSUJ., .. H-iffi-i,.' 1 1 "HWI Lagern, ist eure Zeit gekommen! Erkennen wir doch unsere Lage! Noch ist es Zeit, Versäumtes nacli biholen, Herzls Idee zu verwirklichen. Wer erkennt nt &t schaudernd, daß unsere Zeit jener Zeit gleicht, der Zerstörung des zweiten Tempels unmittelbar v<wausging? Die Römer standen im Lande und in und um Jerusalem zerfleischten sich in blutigen Kämpfen- Männer, die erfüllt waren von glühender nationaler Begeisterung, die Zelotenführer Simon bar Giora, Jochanan von Glskala und Eleasar ben Simon und ihre Scharen. Sieht es jetzt bei uns anders aus, wenn wir uns auch mit anderen Waffen bekämpfen? Wollen wir den dritten Tempel zerstören, bevor er noch der Welt sichtbar wird? Noch ist es Zeit zur Einkehr und Selbstbesinnung, kehren wir zurück zu Herzl, zur Einigkeit! Marschieren wir geeint, denn getrennt werden wir geschlagen! Nützen wir die letzte Chance de* Judentums, die im Zionismus liegt, sonst wird der Fluch der Geschichte auf unserer Generation lasten. Noch leben wir, noch haben wir Freunde in der ganzen Welt, noch können wir, wenn auch unter schwierigeren Bedingungen, Zion aufbauen, aber zögern wir nicht: Es schlägt die zwölfte Stunde.

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