Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-01-15 · Heft 159 (15.1.1931) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

19 entity mentions

Satt» 8 ME STIMME .Nr. 150 — 15. Jünnpr 1931 Aus Berend Lehmann Zu seinem 200jährigen Todestag Von Sigmund Haber In diesem Monat werden es 200 Jahre, seitdem Berend Lehmann, der Begründer des großen Bankhauses Lehmann <S Wulff, gestorben ist. Berend Lehmann, oder wie er sich mit Vorliebe genannt hat, Jisachar Ber Halevi, wurde 1661 in Haiberstamm geboren. Er gilt als der Patriarch und Bahnbrecher der deutschen Juden, der als erster die Bewilligung erhielt, sich in Sachsen aufzuhalten und Geschäfte zu betreiben. Lehmann hat als erster Jude die Erlaubnis erhalten, ein Bankhaus in Dresden zu errichten und war auch der erste und einzige Jude, der als Hausbesitzer im Dresdner Grundbuch eingetragen wurde. Lehmann war der erste Hoffaktor, der neben seinem Stammhaus in Dresden auch Filialen in Dessau, Hannover und Wien begründete. Zu seinen Kommittenten zählte er alle regierenden Fürsten, die in seinem Hause verkehrten. Er gilt als der erste Jude, in dessen «judenhaus» der sächsische Kurprinz samt Gemahlin verkehrten. In Blankenburg bei Halberstadt schuf er das erste Warenhaus, das er den «Judenhof» nannte und in dem er alle möglichen Warengattungen aufstapelte und verkaufte. Lehmann gilt somit auch in dieser Beziehung als der Schöpfer des Warenhausgedankens, der heute so große Formen angenommen hat und fast ausschließlich noch immer in jüdischen Händen liegt. Diese seine privilegierte Position nützte Lehmann oft zugunsten bedrängter Juden aus. Er war der Mäzen aller Talmudforscher jener Zeit und galt als Abnehmer von je 200 Exemplaren aller seinerzeit in hebräischer Sprache erscheinenden Druckschriften. Als er im Jahre 1718 in Jeßnitz eine Druckerei kaufte, richtete er dort die erste Druckerei mit hebräischen Typen in Deutschland ein und war gleichzeitig der Verleger aller talmudisch-vvissenschaftlichen Werke, die zu jener Zeit fast ausschließlich dort erschienen. Grundsätzlich lehnte er jedwede Bezahlung für den Druck hebräischer Werke ab. In seiner Druckerei erschien damals die erste gut ausgestattete Ausgabe des Talmuds, die er .uif eigene Kosten drucken und verbreiten ließ. In Halberstadt schuf er die erste Forschungsstätte, die Klause», die noch heute als die Halberstädtische Jesclmva Weltruf besitzt. In seinem Geburtsort begründete er auch die erste Synagoge, für die er ein imposantes Haus baute. Damit legte er den Grundstein zum Bau aller erst nachher entstandenen Synagogen, die zumeist mit seiner finanziellen Beteiligung entstanden. So z. B. hat er fast zur (jähze die Synagoge in Berlin gebaut, und auch Halle und Magdeburg verdanken ihm nicht nur die Organisation der J&cfengemeinden, sondern auch die Entstehung der Gotteshäuser. Bernd Lehmann gilt somit auch als der Vater der «Israelitischen Kultusgemeinden» in Deutschland. Auch die zweite Berliner Synagoge wurde von Lehmann gebaut. Als sein Sekretär und Vertrauter fungierte der bekannte Talmudgelehrte Alexander Süssie Süßkind, der noch heute Weltruf besitzt und der ihm seine Forschungsmöglichkeit verdankt. Lehmann war der einzige Jude, der die Erlaubnis erhielt, in Leipzig während der Messe ein offenes Gewölbe zu mieten. Bekanntlicli mußten die Juden ihre Waren in den Höfen feilbieten, um nicht den christlichen Kaufleuten Konkurrenz zu machen. Seine Geldgeschäfte machte er, wie bereits erwähnt, mit fast allen regierenden Fürsten. Der Geschichtsforscher Köitsch behauptet, daß August die polnische Krone vor allem mit Hilfe Berend Lehmanns erlangt hat. Er verschaffte ihm eine Anleihe von 10 Millionen Gulden und reiste im Gefolge Augusts als sein Schatzmeister nach Polen. Nach der Entthronung Augusts «verhandelte» er mit polnischen Edelleuten zu seinen Gunsten. Dann verschaffte er ihm eine neue bedeutende Anleihe und leistete ihm, wie die damaligen hohen Steilen feststellen, «bedeutende Dienste». Die geschäftlichen Transaktionen Lehmanns mit den regierenden Fürsten waren später ungemein verlustbringend. Moritz von Sachsen blieb ihm nach seinem mißglückten Ausflug nach Kurland 20.000 Taler schuldig, der polnische König Stanislaus zahlte ihm 100.000 Taler nicht zurück und der Fürst Sapieha blieb auch eiinen namhaften Betrag schuldig, weshalb Lehmann langsam seine Filialen liquidieren mußte. Weitere geschäftliche Verluste brachten es dazu, daß Lehmann auch sein Warenhaus auflöste und im Jahre 1727 Bankrott anzusagen gezwungen war. In ärmlichen Verhältnissen ist er dann in Halberstamm im Dezember 1730 gestorben. Palästina-Orangen in Wien Eine der besten Möglichkeiten, die wirtschaftliche Lage Palästinas zu heben, ist die Förderung des Absatzes von Produkten Erez Israels. Am raschesten hat sich bisher die Parole: Kaufet die Produkte Palästinas bei der Palästina-Urange durchgesetzt, die infolge ihrer hervorragenden Qualität und Güte in kurzer /.eit den Weltmarkt erobert hat. Um es jedem Gesinnungsgenossen zu ermöglichen, die Orangen zu billigen Preisen direkt ins Haus zugestellt zu erhalten, hat das Zionistische Landeskomitee mit Herrn S. Halpern, IL, Förstergasse 6, Tel. R 40-4-12, ein diesbezügliches Uebereinkommen getroffen. Wir ersuchen alle Gesinnungsgenossen, Orangen direkt bei Herrn Halpern zu bestellen und sich selbst von der Güte dieser alle anderen Sorten weit übertreffenden Orange zu überzeugen Inventur-OkHasio.’i. Qualitätsschuhe bis unter dem halben Preis. Damenschuhe ab S 12.50, Herrenschuhe, rahmengenäht, ab S 19.50 bei Schuh-Dom, IL, Taborstraße 8. Welt JGdlsche Nobelpreisträger Bekanntlich wurde vor kurzem Dr. Karl Landsteiner der Nobelpreis verliehen. Wäre Dr. Landsteiner in Wien geblieben, er hätte es gewiß nicht erreicht, eine ordentliche Professur zu erlangen. Bei uns in Wien entscheidet bei Besetzung von Kliniken und anderen Ordinariaten nicht die wissenschaftliche Befähigung, sondern die «rassenretne» arische Abstammung und die Zugehörigkeit zum katholischen C. V. So mußte auch Dr. Landsteiner auswandern, um sich ein Betätigungsfeld zu suchen. Es ist mm interessant, daß sich unter den Nobelpreisträgern ungewöhnlich viele Juden und Nachkommen von Juden befinden, und zwar: Tobias Michael Carl Asser, 1838—1913, Heiland, Friedenspreis 1911; Adolf von Bayer (Mutter Jüdin), 1835—1917, Deutschland, Chemiepreis 1905; Robert Barany, 1876, Oesterreich-Ungarn, Medizinpreis 1914; Henri Bergson, t859, Frankreich. Literaturpreis 1927; Nils Bohr (Mutter Jüdin), 1885, Holland, Physikpreis 1922; Paul Ehrlich, 1854—1915, Deutschland, Medizinpreis 1908; Albert Einstein, 1879, Deutschland, Physikpreis 1921; James Frank, 1882, Deutschland, Physikpreis 1925; Alfred H. Fried, 1864—1921, Oesterreich, Friedenspreis 1911; Fritz Haber (getauft), Deutschland, Chemiepreis 1918; Gustav Hertz, 1887, Deutschland, Physilcpreis 1925; Paul Heyse (Mutter Jüdin), 1830—1914, Deutschland, Literaturpreis 1910; Karl Landspiner, 186 \ Ctslerieich, Medizupreis 1030; Gabriel Lippmann, 1845—1921, Frankreich, Pnysikpreis 1908; Elie Mentschikoff (Mutter Jüdin), 1841—1916, Rußland, Medizinpreis 1908; Otto Meyerhoff, 1884, Deutschland, Medizinpreis 1922; Albert A. Michelson, 1852, Amerika, Physikpreis 1907; Otto Wallach, 1847—1920, Deutschland, Cnemiepreis 1919; Richard Willstatter, 1872, Deutschland, Chemiepreis 1915. Eine Jüdische Armee von 30 000 Mann im )(!ll. 3ahrhund«rt In der Zeitschrift «Sulamith» findet sich der folgende Bericht: «Der Kaiser rAdolph* von Nassau führte gegen das Ende des 13. Jahrhunderts in einem Kriege gegen Frankreich an 30.000 Juden bei seiner Armee.» Cuspinianus aber, ein Chronikschreiber jener Zeit, der uns dieses Faktum aufbewahrt hat, fügt hinzu: «nicht weil er in ihre Tapferkeit ein besonderes Vertrauen setzte, sondern daß sie, im Vordertreffen aufgestellt, den ersten Angriff des Feindes auffangen möchten.» Eine grausame, unmenschliche Absicht! — Hätte man sie als treue, mannhafte Verteidiger des Vaterlandes aufgestellt, warum sollten sie nicht ebenso tapfer gefochten haben, wie die christlichen Streiter? Kommandierte doch ein Jude, Salomon Ben Jocharin, im Jahre 1190 die Armee in Portugal als oberster Feldherr ebenso glücklich wie rühmlich. Verteidigten doch die Juden im sechsten Jahrhundert Großes hebräisches Konzert in Wien Das große Konzert jüdischer Musik, das wir demnächst in Wien zu hören bekommen werden, wird das erste in dieser Art sein. Wie wir erfahren, wird man an diesem Abend Werke von zwölf jüdischen Komponisten zu hören bekommen, und zwar von Josef Achron, Ernst Bloch, Prof. Juliusz Wolfsohn, Joe Engel, Lazar Ssaminski, Alexander Krein, Rosowski, Michael Gnessin, Mißner, Jacobsohn und Israel Brandmann. Brandmann wird seine sinfonische Tondichtung «Hechaluz» selbst dirigieren; das Wiener Sinfonieorchester wird unter der Leitung von Prof. Martin Spörr das Werk «Chassidinr» von Rosowski spielen; der jüdische Gesangsverein unter der Leitung des Herrn Rothmüller zwei Lieder von Engel und zwei von Ssaminski singen; Kammersänger Hans Duhan wird in hebräischer Sprache einige der schönsten Lieder Engels, Gnessins und Jacobsohns bringen, desgleichen die bestbekannte Sängerin Hanna Schwarz; Prof. Gottesmann wird den «Nigun» von Bloch und die «Hebräische Rhapsodie» von Ssaminski spielen; schließlich wird Prof. Wolfsohn seine wunderbare «Hebräische Suite» für Klavier mit Orchester vortragen. Das erste Orchesterkonzert jüdischer Musik überhaupt fand in der vorjährigen Saison in Krakau statt. Es wurde von der dortigen jüdischen MusikgeseJischaft, an deren Spitze der bekannte jüdische Musikkritiker Henryk Apte steht, veranstaltet. Außer der obenerwähnten Tondichtung von Rosowski und der Wolfohnschen Suite wurde das Violinkonzert von Josef Achron (vom jungen Oeiger Schenker ausgezeichnet gespielt), aufgeführt. Dieses Konzert war für die gesamte musikalische Welt Krakaus eine Sensation, Die Komponisten, deren Werke beim hebräischen Konzert in Wien aufgeführt werden sollen, sind in allen Weltdie Stadt Neapel tapfer und ehrenvoll gegen die wiederholten Angriffe (! •.- ei,Siaruh .i sie doch den Christen zur Vertreibung der Räuber aus Böhmen herzhaft bei und erhielten zur Belohnung iiirer Tapferkeit eine Synagoge zu Prag. Vieler Beispiele aus der neueren Geschichte nicht zu gedenken, die von der Tapferkeit und Klugheit der Juden im Kriege Zeugnis yoen. Uebrigens erzählt auch Dietrich in seiner Schrift; «De iure et statu Judaeorum in republica Christiauorunu auf Grund einer alten Chronik, daß zu Ende des 13. Jahrhunderts 30.000 Juden bei der französischen Armee, unter Philipp dem Schönen, gedient hätten. Wahrscheinlich hat der Chronikschreiher dieselbe Begebenheit verwechselt und Adolph von Nassau mit dem gleichzeitigen Philipp dem Schönen verwechselt. Zu dieser «Sulamitln-Motiz bemerkt L. Hofowitz im «Schild»; «Alan könnte die Nachricht für ein Märchen halten, stände sie nicht in einer so ernsthaften und gediegenen Zeitung, Jahrgang 11, B. 1, S. 293, wo auch die Quellen angegeben sind. Der namhafte Historiker Scheppler fügt in seiner Arbeit über «Die Aufhebung des Leibzolles», S. 96, noch hinzu, «der Kaiser wollte seiner Armee durch die Juden eine größere Ausdehnung geben und das Zentrum seiner Truppen decken». Uebcr diese Mitteilung dürften Fachleute weitere Aufklärung bringen. Uns drängt sich nur die Frage auf: Woher kamen die 30.(XX) als Feldsoldntcn ausgebildeten Juden in jener Zeit?» Ein Buch über die Sintflut In einem kürzlich erschienenen Buche «The Floöd» von Harold Peake wird die biblische Erzählung über die Sintflut auf Grund historischer und geologischer Untersuchungen und auf Grund der letzten Ausgrabungen im Ur der Chaldäer und in Kisch kritisch untersucht. Der Autor meint, die biblische Sintflut sei identisch mit einer durch die Flüsse Tigris und Euphrat verursachten großen Ueberschwernmung Mesopotamiens, die ungefähr 4200 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung stattgefunden habe. l/oikszählunj vor 3000 Jahren Vor 30u(J Jahren wurde die erste Volkszählung vörgenommen. Denn im «Buche der Könige», Kapitel XXIV, heißt es: «Der König (David) sprach zu Joab, dem Obersten über sein Kriegsheer: Ziehe durch alle Stämme Israels von Dan bis Beerseba und zähle das Volk, damit ich ihre Zahl wissen möge. Und als sie das ganze Land durchzogen, kamen sie nach 9 Monaten und 20 Tagen wiederum zurück nach Jerusalem. Also gab Joab dem König die aufgezeichnete Zahl des Volkes. Und es fanden sich in Israel 800.000 starke Männer, die das Schwert auszogen und von Juda 500 000 streitbare Männer.» Allerdings fand diese Volkszählung nicht die Zustimmung des friedlichen Propheten Gad, welcher dem König die Strafe hierfür voraussagte. Die Pest raffte kurz hernach viele Tausende hinweg. Bin Neffe Heinrich Heines als Bettler gestorben Prag, 10. Jänner. (J. T. A.) Im Dörfchen Schcwetin bei Trebon wurde die Leiche eines etwa 80jährigen Mannes gefunden, die man a's die eines Landstreichers feststellte, der aus Deutschland über die Grenze nach Böhmen zu kommen pflegte. Es verlautet, daß auf eine Anfrage der tschechoslowakischen Behörden die Dresdener Polizei mitteilte, daß es sich um den 78jährigen Karl Hans Heine, einen direkten Neffen Heinrich Heines, handle. (Bis jetzt wurden keinerlei Nachrichten über einen Neffen Heinrich Heines, der Karl Hans Heine geheißen hat bekannt. Die Red.) , teilen zerstreut. Bloch wirkt als Professor des Konservato- 1 riums in Cincinnati, Achron und Ssaminski leben in New York, Rosowski und Gnessin in Palästina, wo auch der unvergeßliche Joe Engel gestorben ist. Krein und Millner leben in Sowjetrußland; der jüngste Komponist, Israel Brandmann, hat vor einigen Jahren die Staatsakademie absolviert und in den Konzerten des Vereines für jüdische Musiik in Wien wurden sein Streichquartett und einige Lieder mit großem Erfolge aufgeführt. Professor Juliusz Wolfsohn unseren Lesern vorzustellen, wäre eine müßige Sache, da jeder Wiener Musikfreund, ob Jude oder Nichtjude, ihn kennt, und er auch im Auslande rühmlächst bekannt ist. Das Wiener hebräische Konzert wird ein künstlerisches Ereignis ersten Ranges sein. Repertoire der Wllnaer Truppe Dienstag, den 13., «Tag und Nacht», Tragödie in drei Akten von Ans-ki; Mittwoch, den 14., «Der Schatz», Komödie in drei Akten von D. Pinski; Donnerstag, den 15., zum lettzen Male: «Der Teufel lacht», Tragikomödie io drei Akten von Sofja Belaja; Freitag, den 16., Uraufführung: «Des Schmieds Töchter», Komödie in 3 Akten von Perez Hirschbein. Die WMnaer Truppe bringt am 16. ds. die Uraufführung der dreiaktigen Komödie «Des Schmieds Töchter» von Perez Hirschbein. Es ist die letzte Uraufführung, die die Wilnaer vor Antritt ihrer großen Tournee bringen, die sie nach Frankreich, Italien und Spanien führen wird. Arien- und Liederabend. Konzertsänger J. S e g a 1 - Rosenbach (Tenor) singt Samstag, den 14. Februar 1931, i/28 Uhr abends, im Konzertsaale des Industriehauses, 1., Sclnvarzenbergplatz, hebräische, jiddische, italienische und deutsche Lieder und Arien. Vollkommen neues Progiamm. «Habimah» kehrt nach Palästina zurück. Die «Habimah», die soeben ein erfolgreiches Gastspiel in London absolviert hat, kehrt noch im Laufe dieses Monats nach Palästina zurück. atler Itteraiur/Kumsi/¥Saeoier

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.