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Die Stimme · 1931-01-15 · Heft 159 (15.1.1931) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 159 (15.1.1931)
Date
1931-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 189 — 15. Jänner 1931 DIE STIMME Sette 9 Die Stimme der jüdischen Frau fatirgaiig 3, Nummer 6 Beilage der „Stimme** Jänner 1931 i<r riTnraiga anuiti—rr~ rnmimm mnimmmmmsmassrnrnumm Mädchenerziehung Von Marie P o i I a k. Wir bringen einen Auszug aus einem Vortrag, den Frau Marie Pollak über Einladung der Organisation zionistischer F:rauen Oesterreichs kürzlich gehalten hat. ...Wir sehen einerseits viele Mütter durch außerhnusiche Berufsarbeit daran gehindert, ihr Kind zu leiten und ru führen; anderseits beobachten wir vielfach, daß der naiirliche Egoismus der Mutter, die noch ihr eigenes Lehen ge- | nießen will, der Anlaß ist, daß der Gegensatz zwischen Müttern und Töchtern heute Schürfer ist als ehedem. Daß Väter heutzutage ihre Kinder leiten können, ist eine seltene Ausnahme, da Berufsarbeit und Daseinskampf den Mann gewöhnlich völlig absorbieren. Ein spezifisch jüdisches Moment ist es, daß verliebte Eltern ihren Kindern kritiklos gegenüberstehen. Es mutet traurig an, wenn jüdische Mütter mit größter Naivität immer wieder betonen, daß ihre Töchter bestimmt j niemals auf Abwege geraten würden, während Außenstehende | schon längst wissen, wie sehr sie gefährdet sind; eine andere j Kategorie jüdischer Eltern glaubt, die Töchter vor allen Lockungen zu bewahren, indem sie sie genau kontrollieren ind von der Gesellschaft abschlicßen. Unseren lieben Müttern, Re diese Praxis der Erziehung goutieren, sei warm empfohlen, nachzudenken und aufrichtig zu bekennen, ob ilne eigene Erziehung ohne Bewegungsfreiheit inr Kreise der engeren und ■reiteren Familie ihnen wirklich jene Befriedigung und Freutlgkeit gegeben hat, die sie für ihre Kinder wünschen. Auch beobachten wir, daß manche Eitern, um nicht in den Verdacht des Altinoc’ischseins zu geraten, ihren Töchtern oft gewähren, was für sie keineswegs von Nutzen ist. Gewähren- , :assen aus Schwäche ist unbedingt schädlich und zeitigt Hem- :nungsIosigkeit, die vielen Jugendlichen schon verhängnisvoll j geworden ist. — Wenn wir die Klagen vieler Eltern über j Pietätlosigkeit, Mangel an Ehrfurcht und Rücksicht der | Jungen den Aeiteren gegenüber hören, so müssen wir diese Tatsache aus der Praxis bestätigen. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich hier um die Jahre der Pubertätszeit und den l.oslösungsprozeß. Sicher erleben die Eltern daoei schmerziche Erfahrungen und Enttäuschungen. Aber sic haben deshalb keine Veranlassung, an unserer Jugend zu verzweifeln. Der Erzieher müßte seine Aufgabe mit der des Gärtners ver- Tleichen, der beobachtend abwartet und stützt, wo es das vVachstum bedingt, aber das Reifen nicht durch rohes Eingreifen hemmt Trotzdem soll die Jugend nicht sich selbst überlassen i-eiben. Namentlich dem jungen Mädchen soll, ohne es dadurch zur Aufgabe seiner Persönlichkeit zu zwingen, klar gemacht werden, daß eiserne Selbsterziehung notwendig ist, :im ihr die seelische und moralische Stärke gegen die Anfechtungen des Lebens zu geben. Insbesondere in unseren jütischen Kreisen können wir bemerken, daß das junge Mädhen meist nur eine Rücksicht kennt, die auf sich selbst und hr Wohlbefinden, und daß diesem Verlangen seitens der Eltern gerne Rechnung getragen wird. Junge Menschen glauben in ihrem starken Ichbewußtsein keiner Bindung zu bedürfen und das Recht zu haben, nur an sich tmd die Befriedigung ihrer Wünsche zu denken. Hier muß '•ine Führung einsetzen, um die Jugend von der Notwendigkeit der Bindung an Familie, Volk und Menschheit zu überzeugen. Reden und Ermahnungen sind jedoch kein geeignetes Erziehungsmittel; ein wirksames Erziehungsmoment ist nur das gelebte Beispiel. Der junge Mensch soll in der Familie eir. Leben in Wahr heit und Harmonie sehen. Ein besonderer Erz'ehungsfaktor ist fernerhin die Förderung der Neigung der Jugendlichen, sich mit Gleichaltrigen und ähm'ch Strebenden zu vereinigen. Die modernen Erziehungssysteme empfehlen msbesondere Gemeinschaften Gleichgeschlechtlicher, in denen die Mädchen einander ohne Scheu ihre Erlebnisse vermitteln können, Gemeinschaften, die ihr Seibstbewußtsein und ihren Mut stärken, Protestregungen ausgleichen. In unserer Zeit macht sich das Anschwellen der Assimilation besonders stark bemerkbar. Daher ist es wichtig, unseren Mädchen jüdische Mädchengemeinschaften zu geben, die möglichst weite Kreier umfassen Mein Innlgstgeliebtei Gatte Juda Sina Kanner Ist Freitag, den 2. d. M., nach kurzem schweren Leiden Im 53. Lebensjahre sanft verschieden, Die Beerdigung hat am 5. d. M. stattgefunden. Erna Kanner. soilen, um nut ihren Ideen auch fernstehende junge Menschen zu durchdringen und fiir die Arbeit am Volke zu gewinnen, ln der Phase, in der unsere Mädchen höheren Idealen zugänglich sind, nehmen sie jüdische Werte in sich auf und fühlen sich als Glieder eines Volksganzcn. Immer wieder machen wir die Erfahrung, daß in solchen Gemeinschaften ganz fernstehende und unsoziale Mädchen allmählich das Bedürfnis bekommen, durch tatkräftige Hilfeleistung mitzuarbeiten. Eine Beobachtung können wir immer wieder machen, die ein wenig paradox erscheint. Das ist die Gewinnung junger Mädchen, die aus orthodoxen Häusern kommen, für die Volksidee. Hier ist die Entwicklung viel langwieriger, die Protesteinstellung gegen die Eltern und das Judentum viel heftiger. Diese Mädchen werden meist durch die Autorität der Eltern gezwungen, an den alten Formen festzuhalten, ohne dem Wesen der Dinge näher gekommen zu sein. In den seltensten Fällen wissen sie wirklich etwas vom |udentum; die strengen Formen empfinden sie bloß als beschwerenden Ballast, der sie in ihrer Bewegungsfreiheit hemmt. Es ist schwer, diese Mädchen wieder zu gewinnen und ihnen im neuen Gewände die alten Inhalte zn bieten. Eltern, die aufrichtig wünschen, die junge Generation dem Judentum zu erhalten, sollten hier wohl manchmal ein Auge zudrUcken. Wir können die Erfahrung sammeln, daß Eltern meist Zweckverbänden eher zugänglich sind, als Ideengemeinschaften. Die ersteren, wie Sportvereine. Sprachvereine und ähnliche, dienen lediglich dem Zusammenschluß zur gemeinsamen Ausübung eines Zweckes, ohne sonstige Bindung. Daß die Eltern die ideellen Verbände ablehnen, ist wohl damit zu begründen, daß der Zusammenschluß junger Menschen auf Basis der Erziehung zur Arbeit an einer Idee die Bindung vertieft und in seelische Regionen eingreift. Dennoch müssen Eltern sich darüber klar werden, welch ein erzieherischer Wert in dieser Art Gemeinschaft liegt. Wir hören häufig, daß junge Menschen sich vereinsamt fühlen, weil sie zu scheu sind, sich ihren Angehörigen zu erschließen. Manche Selbstmorde Jugendlicher haben hierin ihren Grund gehabt. Die ideelle Gemeinschaft weckt das Bedürfnis zu gedanklicher Auseinandersetzung und persönlicher Aussprache, die allein schon von ungeheurem Werte ist. Ferner erzieht die Gemeinschaft zur Selbstbeherrschung. Wir alle kennen die unbeherrschten Reden und Bewegungen Jugendlicher. Die Abwehr, die diese Art in der Gemeinschaft hervorruft, beeinflußt den jungen Menschen nachhaltig in dem Wunsche, diese Art abzulegen. Der größere oder geringere Grad von Beherrschung, über die ein Mensch verfügt, bestimmt seine Einstellung zum Leben und seine Fähigkeit, sich mit den Schwierigkeiten des Lebens auseinanderzusetzen. In unserem Falle kommt noch etwas hinzu: das besondere jüdische Moment. Die dynamische Kraft unserer Gemeinschaft ist die Ueberzeugung vom hohen ethischen Wert des Judentums. Unsere jungen Menschen werden sich dieses Besitzes bewußt und erhalten Selbstsicherheit und Selbstachtung, was bei der Bildung des Charakters von besonderer Bedeutung ist. Unsere Gemeinschaft hält trotz der modernen Geistesrichtung, die sie beherrscht, am jüdischen ideal fest. Zum Schlüsse meines heutigen Referates möchte hfr; Ihnen einen Ausschnitt aus einem jüngst gehörten Vertrag Emil Klägers, der sich viel mit der Psychologie der Jugend befaßt, geben. o^nuri Emil Kläger holt aus einem Meer von Gesichtern der Großstadt zwei Mädchentypen hervor, die er als charakteristische Profile unserer Zeit bezeichnet. Er nennt sie Madeion — das Mädchen von gestern und ehegestern mit sehr guter Bildung, im Auftreten Dame, das Mädchen, das in Sehnsucht auf das große Erlebnis wartet, auf die große Liebe. Sie ist kein 'Mauerblümchen, wird immer wieder engagiert, aber immer wieder auf ihren Platz zurückgeführt. Sie ist eine zärtliche Kameradin und braucht den Mann, um ihre UeberftiHe von Liebe, Güte und Hilfsbereitschaft zu verausgaben. Sie Glücke! von Hameln, das Weib Von Otto Abele s.*) Zehn Männer kamen ihr nicht an Tatkraft, Erwerbstüchtigkeit, an praktischem Lebenssinn und an Klugheit gleich. Aber sie war kein Mannsbild in Weiberröcken, kein Haustyrann, hatte keine Haare auf den Zähnen. Sie blieb, gottlob, zeitlebens — ein Weib. Mit allen anmutigen Schwächen der Eitelkeit. Sie war ein wenig abergläubisch, sie übertrieb mitunter ein wenig, sie seufzte gelegentlich ohne Not und sie hatte Freude am Plaudern um des Plauderns willen. «In großen Nöten und in schwerem Herzeleid» setzt sich die Witwe hin, ihre Denkwürdigkeiten zu Papier zu bringen. Aber deshalb kann sie doch nicht vergessen, was ihr damals, als sie noch eine blutjunge Frau war, passiert ist. Sie reiste mit ihrem Gatten Chajim durch sehr gefährliches Gebiet. Die Unsicherheit war groß; es hatte nicht nur jeder Fuhrmann Angst, daß man ihm die Pferde stehle, sondern auch unser Chajim Glückei, daß man seiner Frau zu nahe treten, ihr unerlaubt schön tun könnte. Er beschwor sie also, ihre hübschen Reisckleider abzulegen und sich in alte, zerschlissene Lumpen zu hüllen. Nun reiste aber auch der Hamburger Klausrabbiner mit, der ein Erzschalk war und eine gar spitze Zunge hatte. ♦Mein Reb Chajim», fragte er* «warum verkleidet ihr eure rrau so scheußlich?» Reb Glückei klärte ihn ahnungslos über die Beweggründe auf. Man dürfe doch nicht die Aufmerksamkeit der Kriegsleute auf die stattliche Frau lenken, die in ihren guten Kleidern besonders anziehend aussehe. •) Der Dr. Max Präger-VerIag, Wien, stellt uns diesen Abschnitt aus dem Buche: «Zehn Jüdinnen, Berichte und Sittenbild er aus dem Leben jüdischer Frauen» von Otto Abeies zum Vorabdrucke zur Verfügung, Das Werk erscheint demnächst Aber der Ktausrabbiner tand, daß solche Maskierung durchaus überflüssig wäre, denn die Frau ölückel würde auch in ihren besten Kleidern keinem in die Augen stechen. Es könnte ihr bestimmt nichts passieren. «.Mein Mann hat sich sehr darüber geärgert, daß Reb Meier solchen Scherz getrieben», versicherte Glückei. Aber sie selbst hat es getragen die ganzen Jahre, ein Menschenleben lang hat sie es nicht vergessen und es richtig in ihre Memoiren aufgenommen, daß der kecke Klausrabbiner sich damals ein so geringschätziges Urteil über ihre Reize erlaubte . . . Häufig verbreitet sich unsere Olückel über die verwickeltsten Geschäfte. Man hat alle Mühe, ihr durch das Labyrinth von Handels-, Kredit-, Wechsel-, Kompagniegeschäften und Schiedsgerichtsaffären zu folgen. Plötzlich aber — uns ist’s recht so — bricht sie die sachlich trockene Darlegung kommerzieller Transaktionen ab, um nach Weiberart über das wichtigste Amt der Frauen, das Kinderkriegen, sich gemächlich zu verbreiten. Da fällt ihr, zum Exempel, recht unvermittelt ein, wie sie einmal im neunten Monat war und sich leider Jen Genuß von Vollreifen, lockenden Mispeln versagte, die feilgeboten wurden. Das hatte böse Folgen, denn der Säugling, der alsbald das Licht der Welt erblickte, war am ganzen Körper mit Flecken besät, die so gefärbt waren, wie jene leider nicht genossenen Mispeln. Aber die treffliche Hebamme, der sich die Glücke! anvertraute, wußte unverzüglich guten Rat. Sic ließ von jenen Mispeln bringen, gab dem Kinde ein wenig von der Frucht ins MUndchen — und siehe da, im Nu waren die Flecken verschwunden. Ich weiß nicht, ob es rätlich ist, in ähnlichen Fällen dem Beispiel zu folgen, das die Glückei hier anführt — rohes Obst soll fiir Neugeborene keine zweckmäßige Nahrung sein; aber es hat mich ergötzt, die Lenkerin der Geschicke einer weitverzweigten Familie so weiblich töricht plaudern zu hören, und mit Vergnügen füge ich den Ratschlag bei, den sie aus diesem Anlaß gibt: «Ihr seht, liebe Kinder, daß es nicht bloße Torheit ist mit Weibergelüsten. Wenn junge Weiber, die guter Hoffnung sind, Früchte oder sonst etwas Eßbares sehen und nur irgend ein Verlangen darnach haben, sollen sie sogleich davon essen.» *** Ob sie wohl eine schöne Frau war? — Mehr als schön war sie bestimmt, nämlich anmutig. Denn, wie ihre Memoiren zeigen, hat sie sich bis in das Greisenalter jugendliche Frische, jungmädchenhaften Charme bewahrt. Ich sehe sie in ihrer Brautkammer 2u Hameln. Es bangte ihr dort nach ihrem geliebten Mamburg. Aber neben ihrer Kammer war das Zimmer ihres Schwiegervaters, von dem sie dreißig Jahre später schreibt: «Wenn er des Morgens um drei Uhr aufgestanden ist und dicht an meiner Schlafkarnmer in seinem Schuirock gesessen und gebrummt (Talmud gelernt) hat, dann habe ich Hamburg vergessen!» — Andere Zeiten, andere Freuden jüdischer Töchter. Damals wurde ein eben erblühendes Mädchen von Heimatssehnsucht und Einsamkeit befreit und zu heller Begeisterung entzündet, weil im Nebenzimmer — um drei Uhr früh — ein frommer Mann Talmud lernte . . . Ein Weib war sie, ein schwaches Weib; das Schicksal der alternden Frau erfüllte sich an ihr und sit litt sehr. Die große, die kluge Glücket Heß sien zu eine* zweiten Ehe überreden und die Fünfzigerin hat, weiß Gott, nicht gut daran getan: «Ich Sünderin hätte nicht wieder einen Mann nehmen, sondern nur meine Tochter Mirjam verheiraten und tun sollen, was sich für eine gute, fromme jüdische Frau geziemt: Alle Nichtigkeiten dieser Welt verlassen und nach Erez Israel gehen.»

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