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Die Stimme · 1931-01-08 · Heft 158 (8.1.1931) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 158 (8.1.1931)
Date
1931-01-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DTF STIMME Nr. 158 — 8. Jänner 1931 Jahrgang 2, Nummer 7 Beilage der „Stimme“ . Jänner 1931 Der Weg des jungen jüdischen Menschen Betrachtungen eines ehemaligen Jugendbündlers. Von Hermann R e i s s. Blühende, echte, im Gemeinschaftsleben des Volksganzen verwurzelte Kultur kann nur einer Gemeinschaft entsprießen und nur in einer Gemeinschaft gepflegt werden. Denn eine Gemeinschaft bedeutet Verbundenheit von Menschen gleicher Weltanschauung, gleicher Zielsetzung, speziell jüdisch gesprochen: eine Verbundenheit von Menschen, die gleich die Nöte unseres Volkes empfinden und gleichem Willen zur Ueberwindung dieser Nöte haben. Es ist eine Verbundenheit zur «Heiligung des Alltags» und heute, im Ringen zur Schaffung eines nationalen Lebens, für uns eine Verbundenheit zum gemeinschaftlichen Werden und Reifen an dieser Tat. Besteht ein derartiges Gemeinschaftsleben hier in Wien? Nein. (Denn befriedigt euch dieses Dahingleiten von Mensch zu Mensch, diese oft erdrückende, durch widriges Schicksal erzwungene Entwurzelung aus Gemeinschaftsboden, und wenn euch gar das Schicksal hold war, diese von jedem Gemeinschaftsleben unterbundene Zweisamkeit?) Ist es denn das Leben eines Juden, der den Willen zur nationalen Wiedergeburt hat, dies Leben in seiner völligen Anpassung an unsere Umgebung? Frühere Generationen hatten noch ihr iSational-religiös gebundenes Leben, ihre Feste, ihren vom Gesetz durchwirkten und geheiligten Sabbath. Wie fremd ist all das uns geworden! Wir haben vielleicht alte jüdische Inhalte und Werte ideell weiterentwickelt, aber wir haben nicht mehr das gemeinschaftlich gebundene Leben, und so stehen wir heute da wie ein einsamer Baum auf weiter Heide im Sturm; wir Die Heimat ruft Von Bianca G r o n n e r. «Ich möchte gerne wissen, was eigentlich mit Hella los ist», meinte Kommerzialrat Rosen zu seiner Frau. «Sie verlangt keine neuen Kleider, hat keine kostspieligen Wünsche, geht nicht tanzen, sondern nur immer zu diesen Uraniavorträgen — was hat das Kind?» «Sie muß irgendeinen Spleen haben», erwiderte Frau Berta — seit die Endsilbe «blüh» aus ihrem Zunamen gestrichen war, liebte sie es nicht, Deborah genannt zu werden, wie sie eigentlich hieß. — «Das Kind ist seit einiger Zeit ganz verändert. Von diesen Vorträgen kommt sie immer mit glühenden Wangen nach Hause und sperrt sich sofort in ihr Zimmer ein. Gestern habe ich eine wunderschöne Tanne gekauft. Was meinst du, hat sie gesagt? „Mutter, ich kann diese Geschmacklosigkeit nicht mehr vertragen! Wir sind doch Juden, was soll uns der Christbaum? Wenn du Weihnachten feierst, laufe ich an diesem Abend fort und komme nicht nach Hause. Und wenn du mir etwas schenkst, bekommen es die Köchin und die Mädchen. Hättest du mir zu Chanukkah etv.-as geschenkt, so hätte ich mich sehr gefreut; aber Weihnachten — ich verstehe nient, wie Juden so etwas feiern können; feiern denn die Christen Chanukkah?“ — Ich habe ihr natürlich meine Meinung gesagt. Aber sie ist vollkommen verdreht. Und wie sie zu solchen Ausdrücken kommt! Man sargt doch nicht „Juden“, sondern wenigstens „Israeliten“, wenn man schon das Unglück hat, es zu sein. Sprich doch du mit ihr!» schloß Frau Berta ihren Langen Speach. werde ich aucn tun! Ich möchte doch wissen, wer dem Mädel diese Raupen in den Kopf gesetzt hat!» giai der Kommerzialrat und schlug zur Bekräftigung »einer Worte au? den Tisch. «Aber, Maurice! Rege dich doch nicht so auf!» rief Frau Berta ihm noch nach, doch er stürzte schon aus dem Salon. «Nun, was hat’s gegeben?» fragte sie erwartungsvoll, als er nach einer Viertelstunde wiederkam. «Ich kenne mich nicht aus, es ist nichts aus ihr herauszubringen. Ich habe ihr gesagt, sie sollte den wissen um einstmaliges Gemeinschaftsleben, wissen vielleicht um unser Wesen, sind beseelt vom Willen zur Wiedererstehung unserer Gemeinschaft, unseres Volkes. Und dieser Wille muß weitertreiben und wegweisen. Wir werden, nach alter jüdischer Tradition, neuen, frischen Wein in alte Schläuche gießen, wir müssen unsere alten Feste, unser alltägliches Leben mit jüdischen, an unsere Zeit und an uns selbst angepaßten Inhalten und Werten erfüllen und ähnliche Wege gehen, wie sie die junge, jüdische Generation in Palästina zum Teil schon gegangen ist. Ihr werdet dies wohl besonders stark empfinden, ihr Menschen, die ihr in einer vorerst vielleicht zufällig und nachher doch instinkthaft und mit vielem Inhalt zusammengebundenen jugendlichen Gemeinschaft lebtet. Ihr habt es aber leider nicht verstanden, dieses Gnadengeschenk eures Schicksals fortzuleben, mitzunehmen in euer weiteres Leben, wie unsere Brüder, die weiter den Weg zur erdhaft verbundenen Volksgemeinschaft gingen. Sollte dies hier in der Galuth nicht möglich sein? Diese Ansicht ist nicht richtig. Denn immer in Jahrhunderten jüdischer Zerstreuung entstanden größere oder kleinere Zentren jüdischen, volkshaften Lebens, die ihre Strahlen in alle Teile der Galuth entsandten. An diesen Strahlen wärmte sich überall jüdisches Leben, ähnlich wie es sich heute an den aus Palästina kommenden Strahlen wärmt. In Palästina wird die letzte Anstrengung zur Erhaltung unseres Volkes gemacht und dies in zweifachem Sinne: zur Erhaltung der rein physischen, materiellen Existenz der großen jüdischen Massen und zur Erhaltung unserer nationalen Existenz. Hier wollen wir klar und deutlich sehen; für den Osten bedeutet Palästina die Erhaltung eines Teiles unseres Volkes, seiner materiellen, physischen Existenz, für uns, für das Westjudentum, die Erhaltung unserer nationalen Existenz. Dort, wo der wirtschaftliche Druck lobens- Weihnachtsabend mit uns verbringen, dann würde ich ihr den Nerzmantel kaufen, den sie sich noch vor drei Monaten so gewünscht hat. Darauf sagte sie: „Bitte, Papa, schenk’ mir lieber das Geld!“ Ich fragte, wozu sie es brauche. „Ich möchte mir einen Garten kaufen“, hat sie gesagt. Was für einen Garten? Genügt dir unserer in Baden nicht mehr? Bist du verrückt geworden? habe ich sie gefragt. Da hat sie ganz große Augen gemacht, so verträumte, weißt du, wie früher immer, wenn sie Tango getanzt hat, und gesagt: „Nein, der Garten, den ich mir wünsche, liegt weit überm Meer — gib mir das Geld, Vater!“ Ich habe es ihr natürlich nicht gegeben. Aber ich bitte dich, Berta, geh’ noch heute mit ihr zu einem Nervenarzt. Hella muß krank sein. Ich muß jetzt ins Bureau — ruf’ mich dann an, was der Professor gesagt hat. Adieu!» Als der Kommerzialrat abends nach Hause kam, empfing ihn seine Gattin mit verweintem Gesicht. «Was war los? Warum hast du nicht angerufen?» fragte er bestürzt. «Was fehlt Hella?» «Was ihr fehlt? Sie war nicht dazu zu bewegen, den Professor aufzusuchen. Und sie sagt, sic heißt Rahel und will nicht Hella genannt werden. Weiter kann ich nichts aus ihr herausbringen. Sie muß wirklich krank sein.» «Glaubst du, daß sie vielleicht plötzlich fromm geworden ist? Ob es nicht ein Fehler ist, daß wir noch immer nicht getauft sind! Bestimmt war es ein Versäumnis. Dann wäre es nicht so weit gekommen!» «Meinst du? Dann werden wir uns sofort nach Weihnachten taufen lassen, Maurice!“ Am 24. Dezember war Hella wirklich nicht zu Hause. Heimlich verließ sie die Cottagevilla und fuhr in die Stadt. Dort kam in einer kleiner Gasse im zweiten Bezirk allabendlich eine Gruppe junger Menschen zusammen, die eine gemeinsame Sehnsucht, ein gemeinsames Streben und Ziel hatten: Palästina. Hella, die vor drei Monaten durch Zufall in diesen Kreis geraten war, und deren für alles Gute und Schöne empfängliches Herz die für sie neue Idee mit Begeisterung aufgenommen hatte, wußte, daß sie zu Hause von diesen Dingen nicht sprechen durfte. Sie kannte ihre Eitern. gefährdend wird, dort hat das Problem der Chaluziuth und die Palästina-Frage ein anderes Antlitz als bei uns. Und weil bei uns dieser harte, existenzgefährdende Druck nicht besteht und weil wir in der Galuth geblieben sind, liier durch allerlei gebunden, oft mühsam mit doppelter Existenz belastet (je nachdem Westeuropäer — an einzelne Gastvölker gebunden — und Jude), mühsam um harmonische Vereinigung dieser beiden Inhalte und Scinsbedingungen ringend, darf dies alles noch nicht einen Verzicht auf echtes, uns ganz erfassendes und durchdringendes Volksleben bedeuten. Hier ist die Quelle der großen Diskontinuität eures Lebens und des großen Zusammenbruches. Viel Schuld daran trägt auch die künstliche Anziichlung eines Minderwertigkeitsgefühles, durch die — bei aller Verehrung des Prinzips der Chaluziuth — einseitige Erziehung und Ueberspitzung dieses Problems seitens der chaluzischen Jugendbiindc. Viele dieser Menschen, die, weil im Westeuropäischen verwurzelt, oder aus irgendwelchen anderen Gründen den weiteren Weg nach Erez nicht gehen können, stehen nun völlig verlassen da, mit dem erdrückenden und jämmerlichen Gefühle des Versagthabens beladen, meiden jede weitere Betätigung auf zionistischem Gebiete und schreiten erst dann zögernd wieder heran, bis ihnen ihr Berufsleben oder ihre Betätigung in anderen gesellschaftlichen Vereinigungen die ihnen lebensnotwendige Rehabilitation ihres Selbst gegeben hat. Einige sind auch selbst gedanklich darüber hinweggereift. Außerdem sind sie mit all der scharfen und negativen Kritik beladen, die das zionistische Leben hier in der Galuth und nament-' lieh in Wien mit einer Handbewegung abtut. Kurz, es' fehlt der Uebergang, die Brücke zum anderen Ufer, und wie viele erreichen es nicht mehr, vom Strome des mächtig um sie brausenden Lebens weggerissen und an andere Gefilde getrieben. Der Vater, der aus Polen stammte, war im Weltkrieg mit Mutter und ihr nach Wien geflüchtet und hier ein reicher Mann geworden. Der Mutter größter Stolz war es, daß eine Baronin und eine Freifrau ihre Bridgepartien besuchten, — wohl aus dem Grunde, weil der Baron und der Freiherr dem Vater Geld schuldeten. — Beide, Mutter und Vater, wollten von ihrem Judentum nichts wissen. Und Hella, die ohne Glauben erzogen war, wurde verwöhnt wie ein junges Prinzeßchcn. Jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Aber wie nichtig erschienen ihr jetzt all diese Dinge! Die zwanzig jungen Menschen wollten im Frühjahr eine Kwuzah gründen. Hella zergrübelte sich jetzt schon den Kopf, wie sie es anstellen sollte, mitzukommen. Die Eltern würden es ihr niemals gestatten. Aber mit mußte sie, das stand fest. Wenn es nicht im Guten ginge, so bliebe eben nichts anderes übrig, als . . . Nein, diesen Gedanken wagte sie doch nicht zu Ende zu denken! Heute war Hebräischstunde in dem kleinen Heim. Hella mußte insgeheim lachen, wenn sic daran dachte, daß zu Hause wohl eben der «heilige Abend» gefeiert und der Christbaum angezündet wurde . . . Nach der Stunde las ein junges Mädchen einen Brief vor, den sie von ihrer in Palästina lebenden Schwester erhalten hatte. Wieviel Glück, Frohsinn und Lebensmut strömte doch aus diesen Worten! — Man blieb noch eine Weile beisammen und schmiedete Zukunftspläne, dann gingen sie mit fröhlichem «Schalom» auseinander. — Es war März geworden. Hella war jetzt immer still und gedrückt. Die Eltern hatten Verdacht geschöpft und ihr endlich den Besuch der Uraniavorträge untersagt. Seither konnte sie immer nur heimlich für wenige Minuten ihre Freunde sehen, da sie streng bewacht wurde. Die Mutter wollte mit ihr nach Nizza fahren, denn Hella sah erholungsbedürftig aus. Das kam aber nur daher, weil sie sich zu Hause wirklich unglücklich fühlte. Uebermorgen sollte sie an die Riviera fahren — in drei Tagen aber wollte ihre Gruppe hinaus ins Marchfeld, sich einer Kwuzah anschließen. In drei Tagen — da saß sie wohl schon im Hotel de r Anglais. Nein, nein, das konnte sie nicht!

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