Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 158 (8.1.1931)
- Date
- 1931-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STiMmE Xr. 158 — 8. Jänner 1931 Metiachem Ussischkin Von Jehoschua ben A w r a h a m. Neben Ruthenberg, über den wir letzthin berichteten, wird auch Ussischkin als der Mann genannt, der künftighin den Präsidentenstuhl der zionistischen Weltorganisation einnchmen soll. Ussischkin und Keren Kajemeth sird für jeden Zionisten identische Begriffe. Unsere jüngere Generation aber weiß wenig oder nichts von Ussischkins Werdegang. Es lohnt sich daher, über diesen großen Juden zu sprechen, der sein Leben unserer Idee geweiht hat. Er wurde im Jahre 1863 in Dubrowna, Rußland, geboren, wuchs im chassidischen Milieu auf, besuchte dann russische Schulen und wurde schließlich in Moskau Ingenieur. Ungleich Ruthenberg, der erst nach langen Irrfahrten zur Betätigung im Judentum fand, sehen wir Ussischkin Anfang der achtziger Jahre in der Bilu-Bewegung, der Vorläuferin des modernen Zionismus. Achad Haam, Temkin, der Rabbiner Jakob March und Tschlenow waren seine Weggenossen. Die entsetzlichen Verhältnisse unter den Juden Rußlands lenkten die Blicke dieser jungen Juden nach Erez Israel; dorthin auszuwandern und auf geheiligter Erde das Judentum zu neuem nationalen Leben zu erwecken, war ihr Lebensziel. Auch Ussischkin wollte auswandern. Es ging darum, 450 Rubel für eine Gruppe von Auswanderern aufzubringen. Ussischkin und Tschlenow hatten kein Geld; sie versetzten ihre Uhren und erlegten den Erlös bei der Leitung ihrer Gruppe. Schließlich stellte es sich aber heraus, daß das Geld nur für sieben Auswanderer reichte; Ussischkin mußte Zurückbleiben, trotz der Tränen, die er deswegen vergoß. — Schon damals, in seinen Jünglingsjahren, offenbarte sich seine Willensstärke, die in späteren Jahren sein hervorragendstes Merkmal ist. Im Jahre 1882 sollte in Moskau eine literarische jüdische Veranstaltung mit nachfolgendem Tanz stattfinden. Das Fest fiel in die Zeit der drei Wochen vor dem 9. Ab. Als nun nach Abwicklung des literarischen Programmes der Tanz beginnen sollte, opponierte Ussischkin heftig, jedoch erfolglos. Die Jugend wollte tanzen, aber sie hatte Ussischkin unterschätzt. Als dieser sah, daß seinen Freunden das Tanzvergnügen wichtiger war als das Andenken an das nationale Unglück der Tempelzerstörung, setzte er sich kurz entschlossen auf die Tasten des Klaviers und erklärte, nur der Gewalt weichen zu wollen; er blieb Sieger, es wurde nicht getanzt. Im selben Jahre heiratete Ussischkin und besuchte zum erstenmale Palästina, mit dessen Entwicklung sein Name untrennbar verknüpft ist. Den Anteil Ussischkins an der Entwicklung des Zionismus im Rahmen eines .^.Zeitungsartikels zu beschreiben, wäre unmöglich. Man müßte die Geschichte des Zionismus schreiben. Wir wollen uns daher darauf beschränken, einige markante Episoden herauszuheben. Ussischkin traf schon im Jahre 1896 mit Herzl zusammen und nahm am ersten Kongreß und an der Gründung des Jewish Colonial Trust hervorragenden Anteil. Die Zeit des Ugandaprojektes zeigte Ussischkin in der vordersten Front der Kämpfer für Zion, der Zionei Zion, und als Herzls rein politischer Zionismus den «Charter* nicht brachte, da war Ussischkin zusammen mit Weizmann bei einer Richtung zu finden, die den «synthetischen Zionismus» predigte, das war jene Richtung, die praktische Aufbauarbeit in Palästina zur Erreichung des politischen Endzieles verlangte. Wieder zusammen mit Weizmann propagierte Ussischkin das Kulturprogramm, das seine vorläufige Erfüllung in der Hebräisierung Palästinas und in der Errichtung der hebräischen Universität in Jerusalem fand. Als sich nach dem Ende des Weltkrieges im Jahre 1919 die Ukraine von Rußland trennte, nahm Ussischkin den Präsidentenstuhl des Nationalrates der ukrainischen Juden ein. Zusammen mit Weizmann und Sokolow erschien er vor der Friedenskonferenz in Paris. Und von nun ab, da die Balfour-Deklaration ihre Erfüllung finden sollte, stand Ussischkin immer in erster Reihe der Kämpfer. Er ging hierbei immer unbeirrt seinen Weg, in der klaren Erkenntnis, daß Tempo und Ausmaß des Aufbaues nicht von Maßnahmen der englischen Regierungen, sondern von uns Juden abhängen müsse. Lloyd George hatte ja den zionistischen Führern in San Remo gesagt: «Wir haben euch nur eine Chance gegeben.» Nun, wenn wir diese Chance ausgenützt haben, dann ist es Ussischkins Verdienst, wenn wir sie schlecht ausgenützt haben, dann ist es unsere Schuld. Wenn wir heute auf einen starken Jischuw und auf bedeutende öodenreserven blicken können, dann ist es Ussischkins Verdienst. Wenn das Judentum der ganzen Welt im Kampf um die Erlösung des Bodens mit Ussischkin gegangen wäre, dann gäbe es kein Weißbuch 1930. Aber auch dieses Weißbuch hindert Ussischkin nicht daran, an seinen Ideen zähe festzuhalten und für ihre Verwirklichung seine große Persönlichkeit elnzuscizen. Emek und Haifabai sind sichtbare Wahrzeichen | seiner Erfolge, wertvoller als alle Debatten und Dekla- I rationen über die Endziele des Zionismus. Wie Ussischkin für den Nationalfonds wirbt, ist eigenartig wie der Mensch Ussischkin selbst. Er bittet nicht, er bettelt nicht, er verlangt das jüdische Geld als selbstverständliche Pflicht des einzelnen zur Erfüllung des zionistischen Ideals als einer histotischen und logischen Notwendigkeit. Als Ussischkin vor einigen Monaten in Wien eintraf, — es war zwei Tage vor Jom Kippur —, da fragte ihn ein Journalist, welche Botschaft er an die Wiener Juden auszurichten habe. Die Antwort, die uns den Menschen Ussischkin klar zeigt, lautete ungefähr: «Wenn die Wiener Juden in ihren Tempeln «Chutussl» sagen werden, sollen sie sieh auch der Sünden erinnern, die sie an Erez Israel begangen haben . . .» Derzeit weilt Ussischkin in New York. Auch dort sagte er den Juden, daß der Bodenkauf die beste Sicherung für die Entwicklung Palästinas sei und auch dort machte er keine Komplimente: er sagte: «Derzeit besitzen wir nur 6 Prozent der Bodenfläche Palästinas. Wenn die amerikanischen Juden 10 Prozent der Summe, die sic an der Börse verspielt haben, für Palästina hergeben würden, ganz Palästina würde uns gehören.» Das ist Ussischkin, wie er leibt und lebt — er ist das jüdische Gewissen. Der Konflikt zwischen Arbeitern und Kolonisten in Palästina Aus einem Gespräch mit Aron Polonsky Herr Aron Polonsky, Redakteur der Zeitschriften «Hapoel Hazair» und «Achduth Haawoda», der kürzlich in Wien wellte, hatte die Liebenswürdigkeit, uns folgende Mitteilungen über den heftigen Konflikt zwischen jüdischen Arbeitern und Kolonisten in Palästina zu machen. Wenn auch die Aeußerungen des Herrn Polonsky ein trauriges Licht auf einen Teil des Jischuw werfen, halten wir es für unsere Pflicht, über die Angelegenheit nicht zur Tagesordnung überzugehen. «Das Verhältnis des jüdischen Kolonisten zum jüdischen Arbeiter in Palästina», meint Herr Polonsky, «ist seit vielen Jahren schon eines der traurigsten Kapitel im Jischuw. Die Kolonisten sabotieren die jüdische Arbeit und bevorzugen arabische Arbeitskräfte. Diese Tatsache ist beschämend. Aber darüber hinaus bedeutet sie im jetzigen Moment gerade eine otn^'fthuhe sind bekannt durch Schick, moderne Eleganz, Paßform und Qualität Die zeitgemäßen Preise bei dieser Firma sind al'gemein bekannt #dfkuft~!Dom, //., Gaborstraße 8 a Gefahr: Wir, die palästinensischen Arbeiter, sind der Ansicht, daß die Folgen dieser Einstellung des jüdischen Kolonisten zum jüdischen Arbeiter bedeutend schlimmer sein können, als die Konsequenzen des Weißbuches. Die Frage der Eroberung der Arbeitsplätze in den Kolonien durch den jüdischen Arbeiter ist heute aktueller und bedeutender, als sie es je gewesen ist. Denn es geht darum, der Mandatsregierung, die unter allerlei Ausflüchten die jüdische Einwanderung drosselt, den Beweis zu erbringen, daß im Lande keine Arbeitslosigkeit herrsche und daß Platz für neue Chaluzim sei. Die Kolonisten aber sind anderer Meinung. Sie haben immer irgendwelche Ausreden gehabt, um ihr Sabotieren der jüdischen Arbeit zu rechtfertigen. Früher behaupteten sie, daß die schwere wirtschaftliche Lage der Pflanzungen ihnen nicht erlaube, den teureren jüdischen dem billigen arabischen Arbeiter vorzuziehen. Außerdem erklärten sie bei jeder Gelegenheit im Brusttöne der Ueberzeugung, der jüdische Arbeiter sei unfähig, die Arbeit in den Pflanzungen zu verrichten. Heute wagen sie es nicht mehr, solcherlei zu behaupten. Heute weiß alle Welt, daß das nicht wahr ist, daß der Ertrag der Pflanzungen ausgezeichnet ist und daß die jüdische Arbeit qualitativ die der arabischen weit übersteigt und so die Lohndifferenz zumindest ausgleicht. Heute behaupten die Kolonisten, sie haben eine Mission (!) zu erfüllen. Das Weißbuch beschuldige die Juden, daß sie keine Araber beschäftigen, folglich müssen die Kolonisten die Autoren des Weißbuches Lügen strafen. Es klingt wie bittere Ironie, ist aber traurigste Wahrheit, ln welch großem Maße diese sonderbare Einstellung der jüdischen Kolonisten unsere Aufbautätigkeit im Lande schädigt und den Feinden des Palästinawerkes Vorschub leistet, ist für jedermann klar. Denn die brennendste Frage lautet heute: wie schaffen wir die Möglichkeit für eine neue Alijahl Können wir denn von der Mandatsregierung neue Zertifikate verlangen, wenn wir unsere bereits im Okkasion bei Schuh-Dorn Zu halben Preisen können Sie jetzt einzelne Paare in Eidechsen-Schlangenschuhen und andere, solange der Vorrat reicht, kaufen. Die besten schwedischen Marken in Gummiüberschuhen und Stiefeln, frisch, heurige Ware, in Paßform, die man bis jetzt noch gar nicht gebracht hat. Die Preise sind heuer enorm billig. Schuh-Dorn, II., Taborstraße 8a. Lande befindlichen Arbeiter nicht in den Kolonien unterbringen können? Das Prinzip der Nichtbeschäftigung jüdischer Arbeiter in den Kolonien ist also nicht nur ein Durchbruch der nationalen Front im heutigen politisch sehr gefährlichen Momente, darüber hinaus ist sie eine mittelbare, aber kräftige Unterstützung der im Weißbuch beinhalteten Tendenzen. Der Konflikt in Nes Ziona, über den die zionistische Oeffentlichkeit durch die J. T. A. in ungenügender und unrichtiger Weise informiert wurde, ist mehr als ein gewöhnlicher Lohnkonflikt. Wir befürchten, daß die Kolonisten in anderen Kolonien dem «hehren» Beispiel der Kolonisten aus Nas Ziona folgen werden. Die Konsequenzen wären unabsehbar. Diese traurige Lage erfährt noch eine Verschärfung dadurch, daß die Regierung keine Neigung zeigt, bei den jetzt von ihr in Angriff genommenen öffentlichen Arbeiten jüdische Arbeiter zu beschäftigen. Wie soll da Platz für neue Einwanderer geschaffen werden? Auf welcher Grundlage soll man da Zertifikate verlangen? Alle Versuche, den Kolonisten die Autorität des Waad Leumi und der Jewish Agency aufzuzwingen, blieben erfolglos. Sie anerkennen nicht die Kompetenz dieser führenden Körperschaften und lassen sich von ihrem egoistischen antinationalen Standpunkt nicht um Haaresbreite abbringen. Bemerkenswert ist, daß vor ungefähr zwei Jahren eine Gruppe von Kolonisten eine «Organisation der nationalen Landwirte» geschaffen hak Diese Organisation verfolgt und verwirklicht das Prinzip der jüdischen Arbeit. In einer öffentlichen Mitteilung hat sie seinerzeit kundgegeben, daß die jüdische Arbeit die ökonomische Lage der Pflanzungen trotz der höheren Löhne keinesfalls gefährde. Gerade das Gegenteil sei wahr. Leider ist in dieser Organisation nur eine kleine Minderheit der Kolonisten vertreten. Bemerkenswert ist auch, daß sie sich national nennt, was a contrario zu schließen erlaubt, daß die anderen Kolonisten, anational oder antinational sind. Und das sind sie wirklich. Die Arbeiterschaft Palästinas leidet unter der tragischen Wirklichkeit, die man in folgenden Worten kurz zusammenfassen könnte: das Schwarzbuch der Kolonisten ist schlimmer als das Weißbuch Englands.» «Es ist an der Zeit», setzt Herr Polonsky fort, «der zionistischen Oeffentlichkeit außerhalb Palästinas, die über diese Probleme wenig oder schlecht Informiert ist, einmal klar und ohne Beschönigung die wirkliche Lage darzustellen. Ansonsten aber herrscht im Lande keine Depression. Die Stimmung unter der Arbeiterschaft ist gut. Wir haben immer von Hoffnungen gelebt; von Hoffnungen leben wir auch heute. Und jedes noch so kleine Ereignis, das einen Lichtstrahl für uns bedeutet, richtet den Mut in uns wieder auf. So die Vorbereitung der Ansiedlung der tausend Familien, der Wiederaufbau der Kolonien Chulda und Ber Tuwia, das Anwachsen der jüdischen Vororte in Jerusalem, Safed und Haifa (Folge der Augustunruhen) usw. Wir haben schon öfter schlimme Zeiten durchgehalten; wir werden auch jetzt durchhalten.» Wird Storrs High Commissioner tür Palästina? Jerusalem, 2. Jänner. (J. T. A.) In Jerusalem ist das Gerücht verbreitet, daß der ehemalige Gouverneur von Jerusalem und jetzige Gouverneur von Cypern, Sir Ronald Storrs, als Nachfolger von Sir John Chancellor zum High Commissioner von Palästina ernannt werden wird. Sir John Chancellor dürfte im kommenden Sommer seinen palästinensischen Posten nach drei* jähriger Amtsdauer verlassen. Juden! Stärket den Keren Kafemetli durdi Sammlungen bei floctiaselten, Britli Mlluti, Bor ivilzwoth und anderen FomftilentelerllctiKelten«