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Die Stimme · 1930-12-29 · Heft 157 (29.12.1930) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 157 (29.12.1930)
Date
1930-12-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 157 — 29. Dezember 1930 DIE STIMME Seite 11 Nr. 1 Sediniß und Wtetsdkatt Beilage der »Stimme* Dezember 1030 Zur Einführung Einem dringenden Wunsche entsprechend, läßt «Die Stimme» von nun an regelmäßig eine Beilage «Technik und Wirtschaft» erscheinen. Sie wird von berufenen Fachleuten geleitet — sachlich und doch auch dem Laien verständlich will sie die technischen und wirtschaftlichen Probleme Palästinas, aber auch diejenigen Fragen behandeln, die den Ingenieur und den Techniker in der Qaluth beschäftigen. Man kann Idealist und doch kein Phantast — man soll Realist und doch kein Pessimist sein. Wir Juden aber sind allzu leicht begeisterungsfähig und oft zu optimistisch. Und man soll nur mit dem Gegebenen und dem Möglichen rechnen — dann werden uns Enttäuschungen erspart bleiben. Darum wird unsere Beilage ihre Aufgabe nicht zuletzt darin suchen, Luftschlösser, die Laien bauen, rechtzeitig zu zerstören, um so Menschen vor Schaden zu bewahren. Die «Technik und Wirtschaft» will aber auch — Immer sachlich und ^verantwortungsvoll — Möglichkeiten für den Aufbau Palästinas aufzeigen und Wege weisen, die jenen zur Existenz verhelfen, die in Palästina nicht arbeiten können. Neben diesen in umfangreichen Aufsätzen und in Miszellen zu behandelnden Themen wird unsere Beilage in ihrem Fragekasten auch die vielen kleinen Fragen der Technik und Wirtschaft Palästinas zu beantworten bestrebt sein, die immer wieder' gestellt werden und, weil fachliches Wissen und Können voraussetzend, bisher meist unbeantwortet geblieben sind. Schließlich will sie dazu beitragen, den Zusammenschluß der zionistischen Ingenieure und Techniker, von denen in Wien allein einige hundert wirken, zu fördern; wir brauchen Fachleute zum Aufbau Palästinas, dnmit es so werde, wie wir es wünschen: ein V&lsVMftUschönes und wohnliches Heim!*) Die Redaktion. Asphalt, bituminöser Kalkstein und Erdöl in Palästina und seinen Nachbarländern Von Ing.-Chem. Rudolf Seiden, Wien. I. ln der Literatur über Asphalt .gnd andere Bitumina, ganz besonders aber in vielen Arbeiten, welche die geologischen und mineralogischen Verhältnisse der Länder des nahen Ostens behandeln, finden sich oft krasse Widersprüche; vor allem in bezug auf den Biturne;,gehalt der sogenannten «Asphaltsteine» und bezüglich des Entstehens und der fürderbaren Menge des bekannten «syrischen Asphaltes», schließlich auch infolge übertriebener Hoffnungen, die durch falsche Angaben und Ziffern erweckt werden — bezüglich der industriellen und der Exportmöglichkeiten, Widerspiuche, die mich schon 1925/23 gelegentlich meines Aufenthaltes im Orient zur Untersuchung des Asphaltes und der bituminösen Kalksteine Palästinas veranlaßten. Mich interessierte damals ganz besonders die Frage, ob und auf welche Weise diese Bitumina technisch verwertet werden können, nachdem mir nicht nur durch die Literatur, sondern auch durch die maßgebende Stelle im Gouvernement zu Jerusalem Analysenresultate bekannt geworden waren, die zu den größten Erwartungen berechtigten. Diese Erwartungen sind — um es vorweg zu nehmen — unbegründet, denn der bituminöse Kalkstein Palästinas (und Syriens) ist minderwertig; allerdings weicht er in seiner Zusammensetzung weitab von den meisten bekanntgewordenen Asphaltsteinen der Erde, und darum bleibt die Möglichkeit offen, daß man für ihn im Laufe der Zeit eine spezifische Verwendung finden wird. Ueber den Asphalt des Toten Meeres habe ich seinerzeit u. a. in der Chemikerzeitung etwas erwähnt (siehe auch «Palästina», 1927, Heft 11/12); im folgenden soll auch über ihn mehr berichtet werden. Die bereits eingangs erwähnten Widersprüche ln den Analysenrcsultaten, die uns in der Literatur der Bitumina in :r wieder begegnen, sind meines Erachtens dadurch verursacht, daß bis heute der Begriff «Bitumen» noch nicht klar und eindeutig definiert ist, weil überdies in der Fachliteratur häufig zu finden ist, «Bitumen» werde mit diesem oder jenem Lösungsmittel extrahiert, ohne daß betont wird, daß für die verschiedenen Untersuchungsstoffe verschiedene Extraktionsmittel in Anwendung zu bringen seien. So müssen Widersprüche bei Analysenangaben entstehen. W, Friese schrieb schon 1908 in seinem Buche «Die Asphalt- und Teerindustrie», daß jede einzelne Untersi'chungsmethode nur für eine bestimmte *) Artikel sind an die Redaktion der «Technik und Wirtschaft», Beilage der «Stimme», Wien, L, Kärntner- »traße 28, zu senden. (Rückporto beilegen!) Sorte von Asphalt anwendbar ist, wahrend sie für andere Sorten unbedingt zu verwerfen sei. Eben durch die unrichtige Anwendung dieser Methoden erklären sich die ganz bedeutenden Abweichungen bei Bitumenermittlungen, wie sie zutage treten, wenn man ein und dasselbe Ausgangsmaterial mehreren Untersuchungsanstalten zur Analyse Uberweist. ln den von mir ermittelten Analysenresultaten gelten nur jene organischen Stoffe als Bitumen, die in Chloroform vollkommen löslich sind. 11. Der Asphalt wird auch Judenpech, arabisch El H ou m a r oder Ayoun Houmar genannt. In den Fachkreisen bezeichnet man ihn, obwohl er fast ausschließlich aus dem Toten Meer in Palästina stammt, noch immer als Syrischen Asphalt, wohl deshalb, weil vor dem Weltkriege Palästina politisch und wirtschaftlich zu Syrien zählte. Dieser Asphalt und sein Vorkommen am Toten Meere, das Lacus Asphaltitis hieß, war schon im Altertume bekannt und geschätzt; in den Schriften von Strabo, Diodorus Siculus, Flavius Josephus, Vitruvus, PHnius, in der Bibel und im Talmud wird von ihn berichtet. Heute gilt als wichtigste Fundstätte des Asphalts Trinidad, wo man in einem 60 Hektar großen Asphaltsee durch Aushacken dieses wertvolle Produkt gewinnt, das nach einer einfachen, durch bloßes Umschmelzen bewerkstelligten Raffination in einer Menge von jährlich etwa 250.000 t (= 75 Prozent des Weltbedarfs) nach allen Eidteilen gebracht wird. Das Umschmelzen bewirkt ein Ansteigen des Bitumengehaltes von ursprünglich rund 40 Prozent, auf ziemlich konstant 56 Prozent im raffinierten Material. Der Tote Meer-Asphalt ist bedeutend reiner als der Trinidad-Asphalt; infolge des hohen Salzgehaltes dieses Seewassers1) bezw. seines dadurch bedingten hohen spezifischen Gewichtes2 *) schwimmt der Asphalt auf der Oberfläche des Sees und braucht nur abgeschöpft zu werden. Allerdings findet sich der Asphalt nur am Südende des Toten Meeres, in einer äußerst unwirtlichen, wilden und öden Gegend, in welcher mit BeduinenüberfäUen zu rechnen ist; überdies aber — und dies ist am unangenehmsten — veigehen oft Wochen, ohne daß man auf treibenden Asphalt stößt. Allen diesen Gefahren und Unannehmlichkeiten könnte man begegnen, wenn sich die Ausbeute lohnen würde. Leider ist sie aber so unbedeutend, daß sich eine Aenderung der gegenwärtigen Aufbrlngungs- und Handelsgepflogenheiten nicht bezahlt machen würde. Ziffernmäßig läßt sich die jährlich am Toten Meere gewinnbare Asphaltmenge nicht angeben, zumal sie sehr schwankt. Manche schätzen sie auf nur zwei Tonnen, und wenn auch diese Zahl zu niedrig gegriffen sein dürfte — einzelne Asphaltklumpen wiegen manchmal mehr —, so erkennt man doch sofort, daß sie, verglichen mit dem Weltverb rauch, verschwindend klein ist. Die am Toten Meere schwimmenden Asphaltklumpcn werden meist von den vorbeiziehenden Beduinen aufgefischt und dann gegen verschiedene Waren vertauscht. Ein Teil des Asphaltes kommt auf diesem primitiven Handelswege bis nach Syrien, wo sich gelegentlich ein Händler darauf verlegt, ihn kleinweise aufzukaufen; sobald er eine größere Menge beisammen hat, wird sie als «Syrischer Asphalt» nach Europa verschifft. Prof. B 1 a n c k e n h o r n nimmt an, daß längs des Toten Meer-Beetes eine Spalte mit reinem Asphalt vorhanden sei; eine Lagerstätte mit einigen tausend Tonnen Asphalt — Blanckenhorn schätzt sie auf 40001 — findet sich im Wadi el Muhauwat, westlich vom Dsc.hebel Usdum (Salzberg). Der dolomitische Kalkstein dieses Wadi ist stark durchsetzt von Asphalt; das heiße Quellwasser, das von hier aus ins nahe Tote Meer fließt, führt halbflüssigen Asphalt mil sich. Auch andere kleine Gewässer bringen ihn — •*) An der Oberfläche 23.49 Prozent, in 300 m Tiefe 27.81 Prozent. 3) Im Norden 1.02, im Süden 1.158, im Mittel 1.118. Kollegen! Jüdische Ingenieure u. Techniker! Abonniert „Die Stimme“! Inseriert in der Beilage Technik u.WirtschaftI Ihr helft damit, diese Beilage auszugestalten! ganz ähnlich wie beim Asphaitvorkommen am Bermudezsee in Venezuela — geschmolzen ins Meer, wo er alsbald erhärtet und an der Wasseroberfläche dem Südufer zutreibt. Asphalt wurde auch unterhalb von Masada (Es Sebbe) am West- und in der Nähe der Atnonschlucht (Seil el Modschib) am Ostufer des Toten Meeres gefunden. Der Tote Meer-Asphalt scheint mir ein Beweis für die Richtigkeit der vielfach ausgesprochenen Vermutung zu sein, daß sich in Palästina Erdöl finden wird — allerdings in großen Tiefen — einige Forscher sprechen von 300 bis 500 m — und wahrscheinlich in nicht bedeutenden Mengen. Jedenfalls liegt Palästina in der Petroleumzone Mesopotamien—Aegypten; in dieser hat man — im Suezgolf — schon vor dem Kriege in 420 bis 545 m Tiefe jährlich 125.000 t Erdöl erbohrt. Vor dem Kriege besaß die «Syrian Exploration Comp.» Schurfrechte im Wadi e 1 A r a b, am Westufer des Toten M e e r e s, im J a b b o k t a 1 e, bei B u k e a in der Umgebung von Safed und bei El M a k a r i m im Jarmuktale; hier wurden bis zu 160 m Tiefe Bohrungen ausgeführt, ohne daß man auf Erdöl gestoßen wäre, was allerdings zu keinem endgültigen Urteil berechtigt. Einen Teil ihrer Schurfrechte hat die genannte Gesellschaft im Jahre 1913 an die «Standard Oil Comp.» verkauft, die knapp vor Kriegsbeginn etwa 35 km östlich vom Südufer des Toten Meeres, bei K o l n u b, auf Erdöl bohrte. 1917 haben die Deutschen bei K a t r a n i an der Hedschassbahn, 45 km westfleh von. Toten Meere, bis 120 km ohne Erfolg Bohrungen aus^eführt. Trotz dieser negativen Ergebnisse ist die Möglichkeit, in größeren Tiefen in dem ganzen Cteoiete auf Erdöl zu stoßen, nicht von der Hand zu weisen und Geh. Bergrat Dr. Rau ge bestätigt dies insbesondere für die diluvialen Schichtenn des Jordangrabens.8) In diesem Zusammenhänge möchte ich daran erinnern, daß nach der gegenwärtig im Vordergründe der geltenden Anschauungen stehenden Hypothese von Engler-Höfer Asphalt als Oxydations-, Polymerisationsbezw. Verdunstungsprodukt des Erdöls anzusprechen ist und zugleich einer Ueberlegung Ausdruck geben, die vielleicht als ein weiterer Beweis für diese Hypothese gelten kann: Das Tote Meer war in früheren Epochen zweifellos, wie alle anderen Gewässer, belebt, erst durch das stetige Ansteigen seines Salzgehaltes starben in ihm die Fische und alle übrigen Lebewesen ab; ihre Körper gingen in Faulschlamm (Sapropei), später in Erdöl, schließlich in Asphalt über. Weil das Gebiet des Toten Meeres immer nur schwachen Pflanzenwuchs gezeigt haben dürfte, sind rn. E. gerade die sich hier findenden Bitumina als ein Beweis für die Unrichtigkeit jener Hypothesen anzuselien, welche die Bildung dieser Kohlenwasserstoffe von abgestorbenen Pflanzen herleiten. Zu bedenken wäie auch die Möglichkeit, daß gerade am Toten Meere, einem der heißesten und bekanntlich dem tiefstgelegenen Punkte der Erdoberfläche,4 5) der Uebergang von Erdöl in Asphalt rascher als anderswo vor sich ging unü vielleicht auch darum nicht damit zu rechnen sein wird, daß sich größere Erdölmengen in dieser Gegend finden werden. * Die in früheren Zeiten ausgesprochene Ansicht, daß der Asphalt des Toten Meeres durch vulkanische Eruption an die Erdoberfläche gelangt ist, wird heute nur sehr vereinzelt anerkannt; ich halte sie für sehr unwahrscheinlich, obwohl sie erst kürzlich von Schrötter in seinem Buche“) als Tatsache hingesteilt wird. Gegen diese Anschauung spricht vor allem, daß das Ufergestein des Toten Meeres der Kreideforniation angehört; die vulkanische Katastrophe, die zur Bildung des Jordantales führte, muß schon lange vor der Asphaltbezw. Erdölbildung eingetrete.n sein. Die Beobachtung, daß nach Erdbeben Asphalt in größeren Klumpen am Toten Meere schwimmt, ist noch kein unbedingter Beweis dafür, daß sich am Meeresgrund« große Asphaltmengen finden, wie seit dem Altertum vitulaui angenommen wird. Sie müßten jedenfalls von kaum vorstellbar großen Quantitäten ausgeschiedener Salze überdeckt sein, wenn sie — spezifisch leichter als das Meerwasser — am Aufsteigen verhindert werden können. Die gemachte Beobachtung dürfte vielleicht damit zu erklären sein, daß die den Asphalt zuführenden Quellen diesen beim Auftreten von Erdbeben in größeren Mengen von seinen Lagerstätten aus mitbringen. Der Asphalt vom Toten Meere kann technisch als reines Bitumen angesprochen werden. Der niedrigste ven mir festgestellte Bitumengehalt betrug *) In einem Aufsatz Uber «Die Asphaitvorkommen ln Palästina und Syrien», 1927. 4) Das Tote Meer liegt etwa 400 m unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres. 5) Schrötter; .«Das Tote Meer», 1924. 4

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