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Die Stimme · 1930-12-29 · Heft 157 (29.12.1930) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 157 (29.12.1930)
Date
1930-12-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 157 — 39. 'Dezember 1930 Die Westjuden im gesellschaftlichen Leben Palästinas Von unserem palästinensischen Berichterstatter Jakob Singer Rischon le Zion, 10. Dezember 1930. Es ist schon viel über die Stellungnahme der Westjuden zu den aktuellen Fragen Palästinas geschrieben worden, und ich möchte nicht das wiederholen, was von anderen in diesem Zusammenhänge festgestellt worden ist. Ich will allenfalls als allgemeine Erkenntnis voraussetzen, daß der Zionismus für den Westjuden nicht etwas anderes ist, als für den Ostjuden. Der Zionismus ist heute für den Westjuden eine genau so zwingende Notwendigkeit und Lösung der allgemeinen Judenfrage, wie für den Ostjuden. Was aber über die bloße erkenntnismäßige Einstellung, über den Galuthzionismus, hinausgeht, bildet den Gegenstand einer Frage: welche Stellung nimmt der Westjude im gesellschaftlichen und politischen Leben Palästinas ein? Auch darüber ist schon vieles geschrieben worden, aber es scheint, daß man dabei viel zu sehr den deutschen Intellektuellen in Talpioth und Tel Aviv berücksichtigt hat. Und wo eine Lösung versucht wurde, war sie an diesen angepaßt. Aber mag es auch eine anvon einem Gedanken beherrscht; in welchem Maße bringt uns unser Leben unseren Zielen näher? Der Kibbuz hat aber nicht den Chaluz aus Deutschland und der Tschechoslowakei geschaffen, und der Chaluz aus Deutschland und der Tschechoslowakei kann sich nicht ohne weiteres in diesen neuen Bedingungen seines Lebens zurechtfinden. Er sieht sich einem Milieu gegen- Ubergestellt, das ihm gewissermaßen fremd ist; er wird von seinem bisherigen Leben losgerissen, ohne mit dem neuen sich verbunden zu fühlen. Der innere Zwiespalt beginnt, und dieser Zwiespalt hat kein Ende, weil das Leben immer neue Forderungen stellt. Diese Umstände haben wohl den Gedanken geschaffen, eine Konzentrierung westjtldischer Elemente an gemeinsamen Siedlungspunkten zu erstreben. So entstand die Kwuzah Chefzibah (anschließend an Beth Alpha im Emek), die deutsche und tschechoslowakische Chaluzim in sich faßt, so entstanden auch Markenhof (zwischen Gescher und Daganja Beth) und Sarid unweit von Nahalal. Zwischen diesen drei Siedlungen bestehen nicht unwesentliche Unterschiede, aber für alle drei ist das Vorherrschen der deutschen Sprache im persönlichen Umgang der einzelnen Mitglieder untereinander charakteristisch. Welche Rolle spielen diese drei Siedlungen im gesellschaftlichen Leben Palästinas, in der Kibbuz- Bewegung? Es muß gesagt werden: gar keine. Das zwar restlos tmd hingebungsvoll an der Arbeit, seine Wirtschaft zu fundieren, aber jedes rege Leben fehlt. Und Sarid? Hier allein scheint die Entwicklung gesund zu sein: die Kwuzah steht vor dem Eintritt in den Kibbuz Arzl (Rahmenverband aller Kibbuzim) des Haschomer Hazair. Diese Tatsache beweist, daß Bestreben vorhanden ist, aus der Vereinsamung herauszukommen und ein Faktor Im politischen und gesellschaftlichem Leben zu werden. Das Beispiel dieser drei Kwuzotli lehrt uns, daß der Weg, den der westeuropäische Chaluz zu gehen hat, ein anderer sein muß. In Erez Israel wollen wir nicht den deutschen, polnischen, russischen oder rumänischen Juden in seiner Eigenart erhalten, sondern den neuen Typus des palästinensischen Juden schaffen, der der Ausdruck aller Bestrebungen sein soll und der zu all dem, was er aus Europa mitgebracht hatte, das besonders palästinensische mitzubekommt. Es ist klar, daß eine solche Verschmelzung und gegenseitige Assimilation nicht in der Stadt, sondern nur im Kibbuz möglich ist, weil hier sowohl Arbeit, als das übrige Leben, überhaupt alles, eine Einheit bildet. Dieses Ziel am klarsten und wirksamsten erfaßt zu haben, ist das Verdienst des «Kibbuz Harne uc h a d», des größten Kibbuz im Lande (sechs eigene Wirtschaften, acht Plugoth in der Stadt und in den Jeder Jude, der für den Mau Erez iaraels ist, zahle den Schake sehnliche Zahl solcher jüdischen Intellektuellen in Erez Israel geben, nicht sie sind es, die unmittelbar von dieser Frage berührt werden. Die Menschen, die diese Frage so berührt, daß sie ihre Seele aufwühlt und ihr wichtigstes Problem ist, leben in Arbeitersiedlungen (Kwuzoth und Kibbuzim), dort, wo der neue Typus des palästinensischen Juden geboren wird. Das mag zunächst als eine Uebertreibung erscheinen, aber wer das Leben in den Kibbuzim gesehen hat, dem drängt sich diese Erkenntnis auf; dem wird auch der Unterschied zwischen dem Leben in der Stadt und im Kibbuz klar. Auch in der Stadt wird der Zionismus verwirklicht — Tel Aviv ist eine prächtige Stadt, Haifa und Jerusalem sind Zentren jüdischer Arbeit und jüdischen Schaffens — aber der einzelne lebt dort in keiner Gemeinschaft und der deutsche Jude, sowohl Intellektueller als Arbeiter, fühlt dort dieselbe Einsamkeit, die er in Europa fühlte. Und wenn auch der tatsächliche Unterschied zwischen seinen persönlichen Leben in Palästina und in der Galuth unverkennbar groß ist — sein Kind spricht das klingende, vom sonnigen Leben durchpulste Hebräisch; die Zeitung, die er täglich liest, das Fach- und Parteiorgan, sind hebräisch; in jeder öffentlichen Versammlung, an jedem Vortrags-, Theater- oder Kunstabend ertönt das einzigartig neue: Hebräisch — ist doch dieser Unterschied nicht so bedeutsam, nicht so weitgehend, wie derjenige, der im Kibbuz sich auswirkt. Im Kibbuz oder in der Kwuzah geschieht alles täglich und stünd lch nur vom Standpunkte der Idee, wird alles nur soll nicht bedeuten, daß ihre Wirtschaftslage schlecht ist — im Gegenteil, sie entwickeln sich ausgezeichnet. Aber die Kwuzah Chefzibah z. B. lebt vereinsamt, steht den lebenswichtigen Fragen Palästinas fremd und verständnislos gegenüber; ihre Mitglieder leben sich in unfruchtbaren politischen Debatten aus. Markenhof ist Gratis franko Kataloge jüdischer und hebräischer Neuaufnahmen 1931 Größtes Lager in Sprechmaschinen und Radioapparaten mit direktem Netzanschluß Alle Tonfllmschlager lagernd Musikhaus EXCELSiOR l n h a b e r : Richard Herzog I. ( Adlergasse 5 Tal. R-23-4.90 II. v Ki. Pfarrg. 28 Tal. A>41>0-24 Kolonien, drei Kibbuzim des Haschomer Hazair, mehr als 1700 Mitglieder, dreihundert Kinder). Es ist daher kein Zufall, daß gerade im Kibbuz Hameuchad der westjüdische Chaluz zum erstenmal zur Geltung gekommen ist. Denn nur in diesem Rahmen ist eine Lösung der Frage der Stellung der Westjuden im gesellschaftlichen und politischen Leben Erez Israels möglich. Diese Lösung bedeutet Konzentrierung deutscher und österreichischer Chaluzim an einem Punkte, bei gleichzeitigem Bestreben, auch Chaluzim aus anderen Ländern an diesen Ort zu bringen, um so die Synthese zu schaffen. Der Kibbuz Hameuchad hat für die westeuropäische Chaluz-Bewegung entscheidende Bedeutung. G i w’a t h B r e n n e r ist der Name des deutschen Kibbuz in Rechowoth, wo das Prinzip der Konzentrierung der Chaluzim aus Deutschland unter Hinzuziehung von Einwanderern aus einem anderen Lande (Litauen) verwirklicht wurde. Es leben hier etwa hundert deutsche Chaluzim. In Haifa ist der zweite Versuch dieser Art gemacht worden: dort wurden Chaluzim aus der Tschechoslowakei mit rumänischen im gemeinsamen Kibbuz vereint. Nun will ich — das dürfte wohl am meisten die Leser der «Stimme» interessieren — von den Wienern sprechen. Die Wiener Chaluzim sind in einer Plugah des Kibbuz Hameuchad, und zwar in Rischon le Zion, konzentriert. Es muß die in dieser Hinsicht bedeutsame Tatsache fcstgehalten werden, daß hier zum erstenmal an einem Punkte eine verhältnismäßig große Zahl von Chaluzim aus Wien konzentriert worden ist (an 25). Es ist klar, daß -"ese Er flucht der Tochter, die er liebt; er hat niemanden als sie gehabt. Eine der rührendsten Szenen und durch manchen zur Parodie herabgewürdigt; das Tragische wird zur Karikatur, Shylock verzweifelt und gleichzeitig ist er zufrieden, ja glücklich über Antonios Unfall. Eine solche Jongleurkunst kennt die Psychologie nicht, aus einem schmerzbeladenen Greise sollte man keinen Clown zur Belustigung des Publikums machen. Die beiden Gefühle, die an seiner Seele rütteln, kollidieren miteinander; die grenzenlose Verzweiflung und die blutige Rachsucht. Diese können doch nur mit verschiedener Intensität nebeneinander laufen. Nur eines kann dominierend sein, das andere muß sich unterordnen. Voran geht die Verzweiflung; sie raubt ihm das Bewußtsein und verwirrt die Sinne. All seine Hoffnungen sieht er zerstört, arm und gebrochen steht er da — ein Schiffbrüchiger, ln diesem Unglück überkommt ihn der Gedanke an das Pfund Fleisch, aber nur langsam, träge, denn kann ihm dieses Stück Fleisch die Tochter, das Vermögen wiedergeben? Vor Gericht. Shylock fürchtet sich, alle sind ihm feindlich gesinnt. Mit bebender Stimme besieht er auf seinem Klagebegehren. Seinen Standpunkt motiviert er nervös, aber nicht zynisch. Der Antrag Bassanios (statt 3000 sind hier 6000) wird aus Konsequenz, nicht aber aus Bestialität abgelehnt. Er reizt niemanden, noch verhöhnt er jemanden, er verlangt das Urteil. Sein Herz wird zu Stein — daher der Ausbruch wilder Instinkte. Kein Mensch, der denkt und fühlt, kann anders handeln. Shylock wetzt das Messer. Er soll es nervös tun, darf es nicht anders, der Text sagt es doch deutlich: «Was wetzt du so eifrig da dein Messer?» Das langsame Schleifen mit bissigem Lächeln, wie es manche Schauspieler machen,' geradezu mit Wohlbehagen, ist ein Monstrum. Die zynische Ruhe ist an diesem Orte ganz verfehlt, fast könnte man sagen, daß der Hühner- •ugcnoperaleur mit mehr Befangenheit an seine Arbeit geht. Wie oft hat denn Shylock schon Herzen geschnitten, daß ihm das so leicht fällt? Die Ansprache des jungen Juristen (Porzia), den Shylock vielleicht auch fürchtet, macht ihn ungeduldig; er hat dies alles schon in verschiedener Form und Weise gehört. Das Kompliment «ein zweiter Daniel» braucht keine Stimmung für Grazianos Frozzeln zu machen. Shylock schmeichelt dem jungen Richter, weil er das Ziel nahen sieht, er hört schon den Spruch, den Feldscher lehnt er ab, weil er jetzt keine Zeit hat; er will den Prozeß nicht verlängern, er will nur das Urteil . . . Vielleicht auch das Schneiden . . . doch, wird er es können? Wird er den Mut haben? Shylock zittert am ganzen Leib, «die Zeit geht hin, ich bitt’ euch, kommt zum Spruch». Jetzt hört er ihn. Die dramatische Spannung erreicht ihren Höhepunkt. Er traut seinen eigenen Ohren nicht. Die Raserei raubt ihm die Vernunft. Wenn er mit Flüchen nicht ein Herz, sondern hundert ausschneiden könnte, er würde es zweifellos tun, aber schneiden, wirklich schneiden? Hier stockt er auf einmal. Für diese Reflexion muß sich der Schauspieler etwas Zeit lassen, was auch in dem Tc .te ersichtlich ist. Es geschieht nicht blitzschnell, weil Porzia noch Zeit haben muß, mit vorbereiteter Finte den Juden aufzuhalten. Daher muß der Anlauf mächtig, aber das Messer noch weit, weit vom Leibe sein; es wird vielleicht zu Boden fallen. Shylock aber wird es ganz bestimmt aufheben und jetzt krampfhaft halten. Aus jeder Miene, jeder Bewegung und jedem Worte stürmt Raserei "und Rache, diese jagen einander und werden nur vom psychischen Moment seit Jahrhunderten in der Seele des Juden großgezogenen Furcht vor Blut, niedergehalten. Diese Reflexion unterbricht Porzia und, durch ihre Finte konsterniert, fragt Shylock, nicht mehr kalt und überlegen, als ob er nachgrübeln würde: «Ist das Gesetz?» Hier brüllt er, er ist schon beim Herzen; *die Vernunft hat ihn ja vermmeit. Hier ihn aufzuhalten ist schwer. Es wäre daher angezeigt, ihn mit Gewalt von Antonio losreißen zu müssen. Wie Shylock sich bereit erklärt, statt des Herzens bares Geld zu nehmen, verzerrt sich sein Gesichtsaus»* druck, seine Augen verblassen, sein Gemüt ist gebrochen. Mit einem Kniff wird er betrogen. Die einzige Hoffnung zerstört; nichts bleibt ihm übrig. Eine Leera tritt ein. Aus dieser Leere spricht Shylock, diese‘Situation eignet sich am wenigsten zur scherzhaften Mimik — wenn nicht das Fleisch, so Geld; hier seelisches Gleichgewicht anzunehmen, ist geschmacklos und psychologisch erlogen. Ein ökonomischer Unsinn der Schauspielkunst; Energien mühevoll zu sammeln, um sie dann auf den Misthaufen fauler Scherze zu schleudern, wäre sinnlos. Das weitere Nachgeben Shylocks ist nur die Fortsetzung der Apathie. Sein Wille, seine Kräfte verschwinden, das Herz erstarrt; das frische Erlebnis nagt I an ihm, es bohrt ein Bett für seine Tränen: «Nehmt mein Leben . . .» Er hört die Begnadigung: Taufe. Ein unartikuliertes Gebrüll stoßt er aus, das Gesicht ist verblödet, Schaudern durchzuckt seine Glieder . . ., das Herz ist getroffen; er fällt in Ohnmacht. * Shylock ist all; seit den Zeiten Shakespeares weicht er nicht von der Bühne. Im dauernden Repertoire nimmt er einen Ehrenplatz ein. Die ursprüngliche Interpretation hat sich überlebt. Auch Shylock kann der Modernisierung nicht entraten, wenn er weiter am Leben bleiben soll. Autoritäten wie Reinhardt, Antoin, Stanislawski haben die Kompetenzsphäre des Schauspielers mit großem Radius gezeichnet. Heute wird ein großer Mime eher dem Dichter etwas zu sagen haben, als umgekehrt. Man kann sogar eine gewisse Abhängigkeit des Dramaturgen vom Schauspieler bemerken. Wohl sind i

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