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Die Stimme · 1930-12-29 · Heft 157 (29.12.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 157 (29.12.1930)
Date
1930-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 157 — 29. Dezember 1930 DIE STIMME Seite 5 Finchas Ruthenberg Es mehren sich die Stimmen, die verkünden, daß Ruthenberg der kommende Mann im Zionismus sei. Die große Masse in der Galuth kennt Ruthenberg nur als den Begründer der Elektrifizierung Palästinas. In Erez Israel besitzt er aber auch einen großen Anhang als Politiker und Führer. Die Eingeweihten sehen in ihm eine machtvolle Persönlichkeit, die Schwierigkeiten zu überwinden weiß. Ferdinand Corcos, der Präsident der französischen Liga für Menschenrechte, sagte zu ihm: «Eines Tages wird man Ihnen für die Elektrifizierung Palästinas danken, indem man Ihnen am Jordanufe» ein Denkmal setzen wird.» Ruthenberg antwortete: «Mir wäre es lieber, wenn die Juden mein Denkmal vergessen und statt dessen an der hierfür in Aussicht genommenen Stelle eine Fabrik bauen würden, deren Schlote immer rauchen.» — Kerenski sagte von Ruthenberg: «Hätte ich Ruthenberg gefolgt, die bolschewikische Revolution wäre mißglückt.» ln Rußland begann nämlich Ruthenbergs Karriere. Von 1904 bis 1917 war er Mitglied des Präsidiums der sozial-revolutionären Partei, die zunächst in Rußland den Parlamentarismus als Gegengewicht gegen den Zarismus schaffen wollte. Schon damals arbeitete Ruthenberg an Elektrifizierungsprojekten in Rußland, um die Industrialisierung zu fördern. Im Jahre 1905 war Ruthenberg ein leitendes Mitglied der territoristisclien Avantgarde. In diesem Jahre unterlag Rußland im japanischen Krieg und die Unzufriedenheit der Massen war bis zur Siedehitze gereift. Der Provokateur Gapou führte damals die» Volksmassen vor das Winterpalais, wo sie von Maschinengewehren dezimiert wuiden. Gapon hatte sich im letzten Moment gedrückt und war unverletzt geblieben. Er hoffte noch weiter, der Polizei Spitzeldienste zu leisten, Ruthenberg aber hatte ihn durchschaut und lockte ihn nach Finnland. Dort konstituierte sich ein Revolutionstribunal, Gapon wurde zum Tode verurteilt und gehängt. Im Jahre 1917, unter Kerenski, wurde Ruthenberg Gouverneur von Petersburg. Bald darauf kamen Lenin und Trotzkij aus der Schweiz. Ruthenberg ließ Trotzkij einsperren, Lenin entwischte ihm. Trotz der Vorstellungen Ruthen' ergs setzte Kerenski, der an eine politische Gefain nicht glaubte, Trotzkij in Freiheit. Im November wai Kerenski gestürzt und die Bolschewiken die Herren in Rußland. Die Sozialrevolutionäre wurden verhaftet und erbarmungslos, niedergemetzelt. Es gelang Ruthenberg, zu flüchten. In Italien traf er Jabotinsky. Zu dieser Zeit erst begann, der Jude in Ruthenberg zu erwachen. . Er schlug eine ihm in Amerika angebotene Stellung aus und ging über Aegypten nach Palästina. Damals machte General Bois über Anraten des Obersten Lawrence den Versuch, die jüdische Legion zu entwaffnen. Lawrence hatte bekanntlich die arabischen Stämme gegen die Türken geführt und es bestand die Gefahr, daß sich die wilden arabischen Stämme der jüdischen Kolonien in Palästina hätten bemächtigen können. Ruthenberg meuterte und hetzte zum Widerstand. Dasselbe tat Jabotinsky. Bois ließ Jabotinsky einsperren. Ruthenberg floh und verbarg sich im Libanongebiet in einer zerfallenen Kreuzfahrerburg. Sein Gefährte war ein österreichischer Artillerieleutnant namens Marek Schwarz, der aus der türkischen Armee desertiert war. Der wahre Shylock Von Dr. Eduard Hirschsprung. Nach Alex. Moissi ist der Bühnenrealismus ein billiges Mittel, mit dem man sich leicht Lorbeeren holen kann. Er sah gar schlechte Schauspieler in Gorkis Stücken, doch spielten fast alle gut. Es genügt» seiner Meinung nach hierzu schon ein Halbtalent. Ganz anders aber ist es im klassischen Repertoire. «Im großen Drama muß man wirklich etwas können». Shylock gehört wohl dorthin. Ihn haben die hervorragendsten Schauspieler in ihr Repertoire aufgenommen. Und doch werden ihm nicht alle gerecht. Shylock hat eine tiefgehende Evolution durchgemacht. Shakespeares zeitgenössische Schauspieler spielten sich zu Tode an ihm. Es war aber kein Shylock; es war ein Schakal. Daher die groteske Maske: Hexennase, rotes Haar, ein mit Warzen besätes Gesicht. Erst Ende des XVIII. Jahrhunderts entschloß sich der englische Schauspieler Kamble zu schwarzer Perücke und einer menschlicheren Maske. Seit dieser Zeit kann man auch in der psychischen Auffassung der Rolle eine Konzession an das Menschliche bemerken. — Mit Recht. Betritt denn Shylock die Bühne schon mit dem Mal des Verbrechens? Besteht denn die Absicht, Antonio zu töten, schon von Haus aus im Hirn des Juden? Shylock leiht Antonio Geld; wenn die Bezahlung ausbliebe, soll ihn ein Pfund Fleisch befriedigen. Kann man darin eine hinterhältige List, einen bösen Willen erblicken? Konnte denn Shylock, da er diese Bedingung stellte, schon im voraus die späteren Ereignisse erraten? Hat er mit Seherblicken die Zukunft durchschaut? Wem borgt er? Dem «König der Kaufleute», dem reichen Antonio, dem «einen Monat vor Verfall ein zehnfältiger Betrag zukommt»; übrigens «Antonio Ist Erst als Herbert Samuel nach Palästina kam, konnte Rulhenberg sein Versteck verlassen; er faßte den Plan, das Gefälle des Jordan und das Yarmuk für die Elektrifizierung Palästinas auszubauen. Tausende von Schwierigkeiten, in England, bei den Arabern und bei den Juden galt es zu überwinden, ln einer Zeit, da sich der High-Commissioner nur unter starker Bedeckung aus Jerusalem hinauswagte, ging Ruthenberg allein zum Yarmuk und unterhandelte dort mit einem wilden Haulen von 300 Beduinen. Er überwand auch alle finanziellen Schwierigkeiten und das Werk der Elektrifizierung ist heute auf gutem Wege. Leute, die Ruthenberg kennen, nennen ihn einen wortkargen Menschen, der sich von seinem Wege nicht abbringen läßt, aber nie bewußt Unrecht tut. Die arabische Exekutive haßt ihn, weil Ruthenberg der Meinung ist, daß die Fellachen von den ausbeuterischen Eflendis befreit werden sollen. Ob Ruthenberg der kommende Mann ist? Niemand kann das heute sagen, ebenso nicht, ob vor seiner starken Persönlichkeit jene zahlreichen Journalisten verstummen werden, die alles besser wissen, alles mit der Lauge ihres Spottes tibergießen und in den Kot zerren und damit den inneren Frieden im Zionismus stören. Sei dem wie immer, Ruthenbergs Werdegang gibt Zeugnis von der ungeheuren Werbekraft des Zionismus und ist ein lehrreiches Beispiel dafür, daß der Zionismus Raum hat für ahe Juden, mögen sie welcher politischen Ueberzeugung immer sein. Der Fall Ruthenberg zeigt uns. daß wir keinen Juden von uns stoßen dürfen, der sich zu uns bekennt und der mit uns arbeiten will. Colonel Kisch fordert zur Einigkeit auf Wie aus Jerusalem gemeldet wird, hat Colonel Kisch in der letzten Sitzung des Waad Leumi in Jerusalem einen Bericht über die politische Situation in London gegeben. Er erklärte, daß die Verhandlungen zwischen der Regierung und der Jewish Agency nicht auf Basis des Weißbuches geführt würden. Seiner Meinung nach sei Df. Weizmanns politische Führung niemals so stark gewesen, wie seit seinem Rücktritt von der Präsidentschaft der Jewish Agency. Die Einladung der Regierung an die Jewish Agency zur Wiedereröffnung der Verhandlungen kam hauptsächlich als Folge des Eindruckes, den der von Lord Hailsham und Sir John Simon Unterzeichnete Brief an die «Times», in der Oeffentlichkeit gemacht hat. Während der Verhandlungen hat die Jewish Alle im Radio und Tonfilm zur Aufführung gelangenden Musikwerke sind sowohl in Noten, wie auch auf Schallplatten stets sofort erhältlich im Musikhaus Leo Tublin (Musik-Union) I. Jasomirgottstr. 6 (Steohanspl.) Tei. v 26-o-s* Große Ar »wähl in }üdischen u. hebräischen Pxatten, Radio- und Grammophon- Apparate aller Weltmarken in allen Preislagen. Zahlungserleichterungen bis 20 Monatsraten. Verzeichnisse gerne kostenlos überall hin. Auf zu den sonnigen Winterfreuden nach AROSA 1800 M U. M. SCHWEIZ HÖCHSTER GEBIRGSKURORT UNO SPORTPLATZ I. RANGES Pension STRENG*1) Inh. B. Levln, Tel. 207 Zimmer mit Privatbalkons für Sonnen* und Liegekuren. Erstkl. Verpflegung. Mässlge Preise. r .rnwziicu Agency von der Regierung die Erklärung erhalten, daß diese nicht in der Lage sei, das Weißbuch zurückzuziehen. Nichtsdestoweniger mache die Regierung Anstrengungen, das neue Weißbuch mit dem Mandat in Einklang zu bringen. In dieser Versammlung des Waad Leumi erklärten die Vertreter der allgemeinen Zionisten, des Misrachi und der Kolonisten, daß sie gegen Verhandlungen mit der Regierung seien, solange das Weißbuch in Kraft bleibe. Die Vertreter der Arbeiterparteien forderten den Präsidenten des Waad Leumi auf, nach London zu fahren, um an den Verhandlungen teilzunehmen, was Ruthenberg auch versprochen hat. Die Revisionisten haben zum Zeichen des Protestes gegen die Verhandlungen mit der Regierung, die Sitzung verlassen. Die Wirtschaftskrise In den Vereinigten Staaten und die Juden Zur Schließung der Bank of the United States erfahren wir, daß diese die jüdische Bevölkerung von New York äußerst schwer getroffen hat. Die Komittenten dieser Bank waren hauptsächlich Juden und auch die Leitung dieser Bank lag in jüdischen Händen. Die Bank hatte 59 Filialen und 400.000 Einleger. Sie wurde im Jahre 1930 von Josef Marcus gegründet. Ihr Zusammenbruch bedeutet eine weitere Verschlechterung der Lage der Juden in Amerika., Pie Bankkrise überwunden New York. (J. T. A.) Wie das Staaisamt für Bankwesen mitteilt, steht die Wiedereröffnung der Bank of the United States unmittelbar bevor. Die Depotbiicher der Depositare der Bank of the United States wurden von anderen Banken mit 50 bis 75 Prozent belehnt, was viel dazu beitrug, die Panikstimmung unter der vorwiegend jüdischen Klientel der Bank zu beseitigen. Zwischen Wittenberg und Rom Unter diesem Titel veröffentlichte kürzlich Professor Willi Hellspach von der Universität in Heidelberg ein Buch. Der Autor stellt darin die Forderung auf, das Alte Testament aus der christlichen Religion elimieren. Nur die Psalmen und die Propheten sollten verbleiben. Die Schöpfungsgeschichte und der Sündenfall werden von Hellspach als «gefährlich und unmoralisch» bezeichnet. vermögend», zwar «gibt es Wasserdiebe und Wasserratten» aber «bei alledem ist er vermögend». Shylock kann schlecht sein, aber dumm ist er nicht. Daher ist die Annahme ausgeschlossen, daß alle Schiffe Antonlos, die auf den Meeren verstreut sind, plötzlich wie auf Kommando untergehen. Nehmen wir gleichwohl an, daß Shylock im Stande ist, auf allen Wassern Sturm zu erregen, die Schiffe untergehen zu lassen; trotzdem wird er nicht annehmen, daß solch ein von allen geliebter und geschätzter Mann wie Antonio nicht bei einem feiner Freunde 3000 Dukaten auftreiben könne, um sich vom Tode zu befreien. Und wenn ihm dies nicht gelingen sollte? Wenn die Freunde wider Erwarten versagten? Dann würde Shylock die Exekution vollziehen. Nach ihrer Vollbringung könnte er sich erst recht nirgends zeigen. Antonio würde wohl ins Grab sinken, aber aus diesem Grabe würden hundert Rächer erstehen. Der Reichtum Antonios, die geringe Summe, Antonios Freunde, sein Einfluß, Konsequenzen der Vollstreckung, dies alles verbietet Shylock, auch nur einen Augenblick daran zu denken, das Herz auszuschneiden. Nein, hundertmal nein; ln dem Moment, da Shylock das Geld herleiht, kann er keinesfalls den merkwürdigen Umschwung, die fast unmögliche Entwicklung der Ereignisse, voraussehen. Daher ist es unrichtig, wenn der Schauspieler schon a priori ln die Eventualbedingung Shylocks einen Mordversuch hineininterpretieren will. Welch ein Staatsanwalt! Daher ist es auch ungerechtfertigt, wenn der Schauspieler durch höhnisches Lächeln oder naive Gesten diesen Passus unterstreicht. An dieser Stelle darf er den Schluß nicht verraten. Auf die Klausel darf er kein besonderes Schwergewicht hängen; dieser Passus Ist wohl von Bedeutung, doch erst vor dem Gerichte. Daher ist es fast unbegreiflich, daß diese Klausel vom Schauspieler schon im ersten Akt so nachdrucksvoll behandelt wird. Shylock hat doch den «Kaufmann von Venedig» nicht gelesen, den Schluß kennt er ja nicht. Es ist ein bloßer Scherz, der vielleicht durch Shylocks Ironie wie Verbrechen klingt. Je mehr Schrecken in ihm liegt, desto unschuldiger der Scherz. Dies würde er auch bleiben, wenn nichts dazwischen käme. Unter dem Drucke der tückischen Ereignisse aber wächst er zu einer furchtbaren Forderung aus. ln keinem Falle kann man die Klausel anders verstehen, als Antonio, Bassanio, der Notar und andere sie verstanden haben. Wenn eine reservatio mentalis oder auch nur der Schatten einer List in dem Vertrage läge, würde Antonio nie den Juden loben «wackrer Jude! Der Hebräer wird noch ein Christ, er wendet sich zur Güte», Bassanio würde ihn nicht zum Schmaus einladen, der Notar würde nie einen Kontrakt contra bonos mores unterzeichnen. Alle wären dumm, alle blind; nur der eine Shylock so unfehlbar vorausblickend? Ein Scherz also, nichts als ein Scherz. — Doch: er will schneiden! Gut, aber was geschieht nach Abschluß des Vertrages? Die Freunde desselben Mannes, dem er soeben einen Dienst erwiesen, rauben ihm seine einzige Tochter, sie stehlen ihm sein Vermögen, seine Juwelen, die teuersten Andenken und kommen noch obendrein, ihn zu reizen, sich über sein Unglück lustig zu machen. III. Akt, 1. Szene: Shylock beichtet. Aus dieser Beichte strömt Kraft aus. Zuerst ist es ein tränenreiches Klagen, das dann in rasende Wut übergeht, um endlich im Wunsch nach Rache zu münden. «Wenn ein Christ einen Juden beleidigt...» usw., ruft er schäumend, — hier liegt ein blutiger Schmerz, keine Logik des Krämers, Alte Gespenster erlittener Qualen, Schmähungen, Beleidigungen treten blutigrot vor sein Antlitz; jietzt ist keine Zeit für ruhiges Abwägen; Raserei und Verzweiflung stürmen hervor. Tubal bringt eine Hiobskunde; Shylocks Wut, mit seiner Verzweiflung gepaart, raubt ihm die Simie. 31

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