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Die Stimme · 1930-12-29 · Heft 157 (29.12.1930) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 157 (29.12.1930)
Date
1930-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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L>it a i im ml Nr. 157 29. Dezember 1930 Der A. .errang der Jewish Agency Von Hazofe (Jerusalem). Die britische Regierung hat durch den Mund ihres Premiers Macdonald sowie diverser Minister und Staatssekretäre stets wieder beteuert, ihre Mandatstreue sei mit Unrecht angezweifelt und ihre ehrlichsten Absichten für das Jüdische Nationalheim in Palästina würden von den Juden und von aller Welt schnöde verkannt. Die Ankläger ihrerseits beharren dabei, die schwarze Gesinnung DowningStreets aus seinem Weißbuch nachzuweisen. Dabei betonen sie aber zu wenig, daß es sich hier nicht etwa bloß um eine momentane Entgleisung oder eine plötzliche Ausartung handelt; nein, der Stein unseres Anstoßes ist zugleich der Schlußstein zu jener Trutzburg, welche seit Jahren von der Mandatsregierung in stillgeschäftiger Planmäßigkeit gegen die Mandatsverpflichtung aufgerichtet worden ist. Hier und heute sei nur eines der englischen Gesetzeswerke besprochen, welche das uns zugefügte schwere Unrecht mit legaler Autorität zu bemänteln suchen: Die «Palestine Order of Precedence», abgedruckt in der außerordentlichen Ausgabe des palästinensischen Regierungsblattes vom 9. Mai 1930. Also ein Gesetz über die Rangordnung der hiesigen Würdenträger. Wohlgcmerkt, 13 Jahre waltete Albion im Heiligen Lande, ohne daß man diese Regelung vermißte, bis nun das Versäumte plötzlich nachgeh :lt wurde: und das gerade wenige Tage vor jenem Statement, das die Londoner Zentralregierung am 20. Mai an die Permanente Mandatskommission des Völkerbundes gerichtet und womit sie sich mit dem antijücflschen Shaw-Bericht identifiziert hat. Ja, so wichtig schien dies Ranggesetz nun, daß es mit det in der Ueberschrift hervorgehobenen Zustimmung Seiner Majestät des Königs erlassen ward. Wozu die Bemühung? Und was braucht am Rang der Würdenträger viel geregelt werden? fragt der Laie. Ergibt sich doch die Rangordnung aus dem Wesen der Dinge: Oberste Instanz über das Geschick des Landes ist der Völkerbund. Deshalb gebührt seinem Repräsentanten und solange kein ständiger Vertreter in Jerusalem residiert, gelegentlichen Emissären desselben, wie etwa jener Kommission zur Untersuchung der Klagemauerfrage, unbedingt der Vorrang. Gleich darauf kommt an zweiter Stelle als Vertreter der Mandatsmacht England der High Commissioner oder im Falle seiner — nicht seltenen — Abwesenheit sein Stellvertreter. Und an ('zitier Stelle natürlich als Vertreter des unter dem Schutze der Mandatsmacht aufzubauenden Jüdischen Nationalheims der Präsident der Jewish Agency. Ihm folgt im gleichen oder im nächsten Rang, diese Frage bleibe hier offen, der Repräsentant der arabischen Bevölkerung. Dann in weiteren Rangstufen die Konsuln und sonstigen Vertreter der souveränen, in Palästina akkreditierten Mächte. Schließlich alles übrige. Ach, Laienwitz, der solches kalkuliert, wie weit verrennst du dich? Studiere zuerst die Order of Precedence und lerne Gesetz und Recht an Hand jener Regierungsweisheit erkennen und schätzen, die als Frucht einer jahrhundertlangen, taktvollen Behandlung von Nativevölkern gereift ist. Manchen mag dies Studium zwar langweilig dünken, doch wir wollen es gnädig machen und die Feinheiten der gesetzlichen Unterteilungen hinfort beiseite lassen. Der erste Rang ist in der besprochenen Ordinance dem High Commissioner gewahrt. Ihm reihen sich an zweiter Stelle der höchste Luftschiff- und der höchste Seeoffizier an (sofern sie sich gewisser militärischer Mindestchargen rühmen dürfen), an dritter Stelle der Oberstrichter und dann bis Kategorie 7 eine Serie weiterer höherer englischer Beamter, bis am 8. Platz eine ausgesuchte Gruppe geistlicher Funktionäre erscheint. Und zwar der Rais el Ulema und zugleich Präsident des Obersten Muslimitischen Rates (worin wir den von der Mandatskommission als Pogrommufti gekennzeichneten Regierungsbeamten wiedererkennen) und neben ihm, jedoch — wie die Fußnote säuberlich vermerkt — im bloß aus Höflichkeit gewährten Ehrenrang: der orthodoxe, der lateinische und der armenische Patriarch, der Anglikanerbischof und beide Oberrabbiner. Vergebens sucht man am neunten Platz neben dem Präsidenten des Muslimischen Appellgerichtes sein jüdisches Pendant. An zehnter Stelle wieder eine Serie englischer Beamter und ehrenhalber die Berufskonsuln mit dem «Custode di Terra Santp» titulierten Franziskanerprior. Dann in sorgsamer Abstufung noch viele englische Beamte, darunter am 23. Platz der Chief Immigration Officer, unser alter Freund Hyamson, vormals Chaimsohn, an dem noch unwide sprochen der von der Jewish Agency erhobene Vorwurf haftet, er habe der Shaw-Kommission durch falsche Angaben in geheimer Sitzung Waffen gegen die jüdische Einwanderung geliefert. Seinen Spuren folgt hold errötend Nashashibi, der Bürgermeister von Jerusalem, welcher alle wider ihn, von Arabern und Juden, in Zeitungen und Broschüren erhobenen Vorwürfe ärgster Korruption mit stolzer Qrazie trägt. Dann die Bürgermeister der anderen Munizipalitäten, ihrer einige 20 im Land, darunter Metropolen wie Ramallah und Beerschewa, wo die Schakale einander Gute Nacht sagen. Zur Abwechslung wiederum Mitglieder des Obersten Muslimischen Rates, dann 27., neben den Mitgliedern des Muslimischen Berufungsgerichtes — bitte, Atempause! — die Präsidenten der Jewish Agency, der Zionistischen Palästinaexekutive und des Jüdischen Nationalrates. Schließlich in neun weiteren Kategorien, bunt gemengt, der Rest der englischen Beamten über 25 Pfund Monatsgage, Lokalrichter, allerlei Muftis und Geistliche exotischer christlicher Sekten (beileibe nicht auch Rabbiner), Gyncinderäte und, nochmals ehrenhalber, die Honorarkonsuln. So schließen doch wieder Juden den Reigen. Lieber Leser, hast du bis hieher durchgehalten? Gewiß, wenn du einen Tropfen jüdischen Blutes in den Adern fühlst, wirst du jetzt ergrimmen über diese, unserem Volk in seinen Vertretern zugedachte Erniedrigung, über diese kaltblütig-hämische Provokation seitens unserer Mandats- und Schutzmacht. Wie, während wir Gutmachung des dein Jischuw durch Mord und Brand zugefügten Schadens erwarteten, während wir Genugtuung für unsere verhöhnte Ehre forderten, wird von der zum Schiedsamt berufenen Palästinaregierung uns diese neue Schmach angetan! Planmäßig? Nur Vorsicht, daß unser begreiflicher Unwille uns nicht vom Pfad der vollen und reinen Wahrheit reiße. So wisset denn Zweierlei: einmal, daß den Anstoß zu diesem Ranggesetz ein Vorfall in Haifa gegeben haben soll, wo bei einem öffentlichen Aufzug sich der Bürgermeister ungebührlich hinter den Hochkommissär drängte, und zweitens, daß das Gerippe der Rangordnung schon früher in nichtverlautbarten «Regulations» sich vorfand und schon dort nach altenglischer Schablone geordnet war. Doch beide Entschuldigungen machen die Sache vielleicht noch schlimmer. Möglich, daß dies Gesetz nicht in der direkten Absicht erfloß, uns Juden zu verletzen. Aber unmöglich konnte man an uns vorbeidenken, unmöglich übersehen, daß eine solche Einschätzung uns verletzen muß. Man dachte sich eben leichthin und verächtlich: «Und wenn schon!» Ebenso wie jetzt, da an den Fenstern des neuen Palastes für den Hochkommissär als Zierrat das Hakenkreuz angebracht wird. Der Jurist nennt das dolus eventualis und weiß, daß darauf kein geringerer Strafsatz steht als auf direkte Bosheit. Und wenn man schon die altenglische Schablone verwertet hat und z. B. die hohen Militärs vor den Oberstrichtern rangierte, also die Gewalt vor die Gerechtigkeit, habeant sibi! Doch der Beschluß darüber, an welcher Stelle dieser hierarchischen Leiter die Repräsentanz des Jüdischen Nationalheims «ehrenhalber» einzureihen sei, war doch eine durch die Eigenart Palästinas bedingte o r i g.i na 1 e Entscheidung. Und wie fiel sie aus? So, wie wenn ein Herrenvolk aus seinem randvollen Dünkel schöpft und aus seinem Verdruß darüber, daß die lästigen Juden die heilige Schablone stören. Jüdisches Volk du, präge dir wohl ein, daß dein gewissenhafter Vormund 26 Läuterungsstufen für nötig hält, bevor er dich mündig werden und aus dem Höllenpfuhl jetziger Erbärmlichkeit ins Paradies des Jüdischen Nationalheims einziehen läßt! «Was liegt nun schon daran», tröstet sich der und jener Optimist, «was die anderen von uns halten!» Wirft man uns Juden ja ohnedies Mangel an Ordnungsliebe vor; und wir hatten wirklich stets für Rangordnungen weniger Sinn als für die sittliche Weltordnung. Auch können unsere Repräsentanten von öffentlichen Veranstaltungen der Palästinaregierung getrost fernbleiben und derart wenigstens die Schaustellung der uns gesetzlich auferlegten Schmach vermeiden. — Das aber ist nicht der Kernpunkt der Frage. Die böse Absicht der Demütigung bleibt bestehen, und sie ist hier mit so plumper, handgreiflicher Brutalität ins Werk gesetzt, daß niemand, der davon erfährt, es «mißverstehen» kann. Auch der Völkerbund nicht. Wurde nun dies Gesetz von der Jewish Agency zur Kenntnis der Mandatskommission gebracht? Zwar heißt es, das Präsidium der Agency habe seinerzeit protestiert, doch das genügt keineswegs. Jetzt, wo es aufs ganze geht und wo alle Hoffnung auf eine spontane Einkehr der Mandatsmacht so gut wie versiegt ist, müßte die Agency neben dem anderen Anklagematerial: die Verantwortung jener für die wiederholten Pogrome, für den Shaw- und den Simpson-Bericht und für die darauf gestützten Weißbücher, auch diese «Ordinance of Precedence» vor den Richterstuhl des Völkerbundes bringen. Denn wenn das jüdische Volk sich den von der Mandatsmacht der Agency «ehrenhalber» zugedachten Afterrang bieten läßt, ist unser Recht auf die einer werdenden souveränen Macht gebührenden Würde moralisch verwirkt. Eine Rede Weizmanns in Oxford Ueber Einladung des Oxfordcr Unlversity Liberal Club sprach Weidmann im Clarendon Hotel über die letzten Palästinaereignisse und führte u. a. aus: «Wenn die Immigrationsländer die Einwanderung öffnen würden, wären wir Zeugen einer nichtjüdischen Auswanderung, der gegenüber die jüdische Wanderbewegung der Vorkriegszeit minimal zu nennen wäre. Die jetzige Welt kann man eintcilen in Länder, in denen die Juden nicht leben können, und in solche, in die sie nicht auswandern können. Es ist richtig, daß Palästina nicht die großen jüdischen Massen auf nehmen kann, die derzeit auswandern wollen, New York hat zirka 2 Millionen Juden, ist also beinahe ein jüdisches Heim. In Palästina gibt es nur 170.000 Juden, ln London und sonst irgendwo kommen die Juden in eine jüdische Gemeinschaft und richten dort ihr Leben schlecht und recht ein. Palästina wird vom neuen aufgebaut. Bis zum Sommer 1929 ist alles gut gegangen, aber dann erlitten wir einen argen Rückschlag. Das Leben int Lande war eine Zeit lahmgelegt, man begann mit Untersuchungen, es gab Debatten, Diskussionen und Kommissionen. Alle Mikroskope und Teleskope der Welt waren auf die Juden in Palästina gerichtet. Der Höhepunkt war das letzte Weißbuch. Wir haben die Konklusionen des Weißbuches abgelehnt, sowohl bezüglich der vorhandenen Landfläche als auch der Arbeitslosenfrage, ln letzterer Beziehung wurde das Prinzip fcstgelegt, daß eine Einwanderung nur dann stattfinden könne, wenn es unter Juden und Arabern keine Arbeitslosigkeit gebe. Wenn jüdische Einwanderer vom Wirtschaftsleben nicht absorbiert werden können, tragen wir Juden die Verantwortung und die Kosten. Irgendeine jüdische Arbeitslosigkeit hat also nichts mit der allgemeinen wirtschaftlichen Lage des Landes zu tun. Es wäre daher ungerecht, das Ausmaß der jüdischen Einwanderung von der arabischen Arbeitslosigkeit abhängig zu machen. Es kann auch arabische Arbeitslosigkeit ohne jüdische Einwanderung geben. Die arabische Lage würde sich verschlechtern, wenn die jüdische Einwanderung aufhören würde, denn es käme dann kein Kapital mehr ins Land. Wir geben zu, daß unser Aufbauwerk auch mit Nachteilen für die Araber verbunden ist. Unser Nationalheim kann nur aufgebaut wtfrden, wenn die arabische Position nicht geschädigt wird. Wo aber Fortschritt sein soll, muß sich notwendigerweise eine wirtschaftliche Veränderung ergeben. Ich stelle nicht in;Abrede, daß einzelne Araber Nachteile haben können, aber die arabische'Gemeinschaft als solche machte in den letzten zehn Jahren enorme Fortschritte und die Lebenshaltung der Araber auf dem Lande hat sich sehr gehoben. Es sind daher nicht wirtschaftliche Interessen, welche die Araber und die englischen Gesetzgeber in Atem halten. Man sagt, wir würden die Araber an die Wand drücken, wenn wir Weiterarbeiten wie bisher. Dem ist aber nicht so. Es gibt Araber, die da sagen, wir seien Fremde, obwohl wir in Palästina kraft unseres guten Rechtes und nicht nur geduldet sind. Die britische Regierung hat ihr Gewicht in die arabische Waagschale geworfen, indem sie versucht, unser Recht zu schmälern. Unsere gegenwärtige Situation ist die, daß wir das Weißbuch nicht akzeptieren und es niemals akzeptieren werden. Wir werden alles, was in unserer Macht liegt, unternehmen, daß es in Palästina nicht Gesetzeskraft erlangt. Wir sind ein altes Volk und haben Gegnerschaft in allen ihren Formen erlebt. Wir haben Weißbücher gelesen, weit ärgere als das vorliegende, und haben alle überlebt. Trotz allem ist Palästina ein lebendiger Organismus. Ich sehne mich nach dem Tage, an dem Palästina als normales Land gelten wird, wie ein anderes Land. Ich weiß nicht, ob Sie ihn erleben werden — ich werde ihn nicht erleben. Wenn aber dieser Tag einmal kommen wird, wird in Palästina ein Leben erblühen, das beständig mitarbeiten wird am Fortschritt der Menschheit.» Die mohammedanische Propatastinakonferenss vertagt London, 24. Dezember. (J. T. A.) Die mohammedanische Propalästinakonferenz, die am 22. Dezember unter dem Vorsitz von Aga Khan in London hätte eröffnet werden sollen, wurde vorläufig auf Ende Jänner 1931 vertagt. In jüdischen Kreisen hat man dieser Konferenz, die als Gegengewicht zu den Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency gedacht war, mit großer Spannung entgegengesohen. Kxxxxxnooaoaoooooooaocccccc'- ~?oooooocsc TnHi der ZiOBisfee im Gafö „Altes Rathaus“ (Cafdtier Leo Löwy) Größer» und klein« Klublokal« 1« Bez., Wipplingerstraße 24 Tel. U 27-4*84, U 26*2*74 OOBBOOOOOOOOOOOOPOOOOOOOCXWOOOOOOOOPPO oaoaoaoaoioaoioioaoaoipio | Eisen & Hönigsber jj o "iko Feinwurstu. 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