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Die Stimme · 1930-12-18 · Heft 156 (18.12.1930) · page 11

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 156 (18.12.1930)
Date
1930-12-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nf. 156 — 18. 1$3<3 Ott JTfMMB Sette 11 ZIONISTISCHE FRAÜENGRÜPPE IX Am 8t. Dezember 1930 findet um halb 11 Öhr vorm. Im Flieger-Kino, IX., Llechteuetolnetraße 37, ein# große Kinder-Chanukkah-Feler mit reichhaltigem Programm statt KARTEN SIND ERHÄLTLICH BEI Frau Gisela Blauer, IX., Pfluggaase 9/8 Frau Ella Kinkeistein, IX, Alserstr 60, Tel. B-43-9-97 Frau Klara Müller, IX., Wasagasse 21, Tel. A-14 7 24 Fiau Sabine Passweg, IX., Sehliekg- 5, Tel.A 11-1-34 Jtus öfter Welt Paradoxa in der jüdischen Geschichte (Ein Kapital aus dar von Dr. Cecü Roth In der Menorahschule in New York am 9. Juli 1930 gehaltenen Antrittsvorlesung.) Wenn ein New Yorker Jude von heute zurückversetzt werden könnte in die Stadt Alexandria, wie sie vor 19 oder 20 Jahrhunderten aussah, würde er zu seinem Erstaunen finden, daß die allgemeine Atmosphäre beinahe dieselbe war, wie heute. Alexandria hatte damals ca. 100.000 Juden, nicht so viel also, wie heute New York, aber die Juden machten auch dort ca. ein Drittel der Bevölkerung aus. Alexandria war, wie New York, eine verhältnismäßig neue Stadt, es war eine künstliche Schöpfung, eine Kolonie auf fremdem, «barbarischem» Territorium und dabei die größte Hafenstadt und das größte Kulturzentrum seiner Zeit. In dieser Zeit war die jüdische Kultur im Aussterben begriffen. Die griechische Philosophie war die Mode des Tages, die griechische Sprache die Sprache der eleganten Welt Die jüdische Literatur mußte sich dar griechischen Sprache bedienen, wollte sie in der Welt bekannt werden. Erscheinungen unserer jetzigen Zeit, wie Religionsreform, Assimilation, Jom-Kippur-Judentum und wissenschaftlicher Antisemitismus waren an der* Tagesordnung. Es gab riesige Synagogen. Ich glaube, die Vorsteher gewisser New Yorker Riesentempel wären von Neid erfüllt, hörten sie von der ßröße der Synagogen in Alexandria; diese waren so groß, daß die Tempeldiener den Betern Flaggensignale geben mußten, um anzuzeigen, wann die Gemeinde Amen zu sagen hatte. Vielleicht mußten sie das nicht wegen der Größe des Raumes, sondern aus dem Grunde tun, weil im Lärm der Konversationen der Gesang des Vorbeters unterging — so etwas soll noch heute Vorkommen! Wir wissen auch, daß es in Alexandria Juden gab, die sich ihres Judentums nur am Jom Kippurtage erinnerten, wo sie dann die Synagogen überfüllten. Die jüdischen Namen wichen griechischen Namen. Die Unkenntnis des Hebräischen war allgemein, die Bibel nur in schlechten griechischen Uebersetzungen bekannt. Die Grabsteine der damaligen Zeit wiesen höchstens ein hebräisches Wort auf — «Schalom», und wenn man heute einen modernen jüdischen Friedhof besucht, dann findet man nicht einmal mehr dieses eine hebräische Wort. Die Literatur der Juden bediente sich ausnahmslos der griechischen Sprache. Es gab Vorläufer von Grätz, Mendelssohn, Zangwill und Houston Stewart Chamberlain — Historiker und Assimilanten. Es gab Philosophen, die zu beweisen versuchten, daß das Judentum ein Vernunftglaube wäre, und Altertumsforscher, die entdeckten, daß das Judentum das Beste aus der griechischen Lage vorweggenommen hätte. Es gab Dramatiker, die biblische Themen bearbeiteten; es gab Antisemiten, die das Judentum an- ,griffen, und es gab Verteidiger des Judentums. Es würde mich nicht wundern/sollte ich erfahren, es hätte in Alexandria eine Vereinigung zur Förderung jüdischer Literatur gegeben. Die Gemeindeorganisation glich auch der heutigen. Es gab Ethnarchen, Räte und «Väter» der Synagogen. Es gab eine Frauenbewegung, die teilhaben wollte an der Verwaltung der jüdischen Gemeinde, so wie wir heute in den reformierten Gemeinden Frauenorganisationen haben, die den Synagogen angegliedert sind. Es gab auch damals schon landsmannschaftiieh organisierte Bethausvereine, die miteinander rivalisierten. Es gab ein jüdisches Komitee, das Delegierte ins Ausland entsendete, wenn es galt, jüdische Rechte zu verteidigen. Muß ich noch hinzufügen, daß es schon damals Antisemiten gab, die Judenstflmmlinge waren? Man braucht nur an Tiberius Alexander zu denken, den Neffen des' großen Philo, dessen Vater Ethnarch der jüdischen Gemeinde in Alexandria war. Als Titus Jerusalem belagerte, war dieser Tiberius Alexander sein Stabschef. Philo selbst konnte nicht hebräisch. Plato war damals in Mode. So, wie tausend Jahre später die Weisen von Cordova die Bibel mit Aristoteles ln Einklang brachten und so wie unsere modernen Leuchten nachweisen, daß die Bibel auch nach dem jetzigen Stande der Wissenschaft ihren Wert behauptet hat, so bewiesen die jüdischen Philosophen ln Alexandria, daß die Bibel die Philosophie Platons vorwoggenommen, daß sie sie unterstütze, oder daß sie zumindest in keinem wesentlichen Gegensatz zu ihr stünde. Die Thora wurde allegorisch, mystisch und auf noch andere Arten ausgelegt. Die damalige Jugend meinte, es wäre nicht nötig, diese veralteten Vorschriften zu befolgen. Und die Weisen sagten damals, so wie es vielfach heute geschieht, daß, abgesehen von allen anderen Gründen, das jüdiihe Gesetz befolgt werden müsse, well es erstes Gebot wäre, die jüdische Solidarität zu erhalten. Zwei Jahrtausende sind seither vergangen und wir stehen dort, wo Philo und seine Zeitgenosse« gestanden Sind. Da« griechische Judentum Alexandriens ist verschwunden, doch Hille), sein palästinensischer Zeitgenosse, ist noch heute eine lebendige Macht im Judentum. Philo hingegen, dessen Intellekt schärfer war, der viele Bücher hinterließ, bedeutet nichts mehr für das Judentum. Der Papst spricht eine Marranin heilig Vor kurzem wurde «Die Blume aus Vaidemosa», Santa Catalina Thomas, vom Papst für «heilig» erklärt. Durch Nachforschungen, die Herr Esriel Carlebach, der Schriftleiter des «Israelitischen Familienblattes», auf den Balearen- Inseln getrieben hat, erfährt man, daß diese katholische Heilige direkt der Marranenfamilie Perez in Palma de Mallorca entstammt In Mallorca lebt die einzige spanische Marranengemeinde. Sie besteht aus den Nachkommen der im zweiten Jahrhundert hier eingewanderten und im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert gewaltsam zum Katholizismus bekehrten Juden. Die Zwangstaufe wurde von den sehr einflußreichen Jüdischen Kaufleuten der Insel zwar ln den meisten Fällen angenommen, das vermochte aber die geheime Ausübung des jüdischen Kultus bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nicht zu unterbrechen. Noch bei dessen Ausgang, 1691, wurden 37 Scheinchristen verbrannt, und noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wurde von der Kirche den Bewohnern des Ghetto von Mallorca vorgeworfen, sie seien insgeheim Juden geblieben. Damals aßen sie, zur Widerlegung des Verdachtes, wiederholt öffentlich Schweinefleisch; seither heißen sie im Volksmund «chuetas» (Schweinefldschesser). Vor etwa 50 Jahren bekannte sich der spätere Kardinal Don Jose Taronji in einer offenen Streitschrift zu seiner direkten jüdischen Abstammung und kämpfte für die Tolerierung der verfemten «chuetas» von Mallorca, Es ist also anzunehmen, daß die Bewohner des Ghetto von Palma de Mallorca, das noch fast in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten isf als einzige spanische Marranen von 1492 bjs heute an Resten jüdischer Tradition festgehalten haben, obwohl sie während der ganzen Zeit nach außen als Katholiken galten. Daß sie dies konnten, ist um so bemerkenswerter, ais sie jeden Zusammenhang mit den spanisch-festländischen und den portugiesischen Schein- Christen und Cryptojuden verloren hatten und sich unter ständiger schärfster Kontrolle der Kirche befanden und befinden. Um deren Mißtrauen zu zerstreuen, übten und üben sie sämtlich das Handwerk von Kreuzschmieden aus und sind noch heute die einzigen Madonnenbildner der Insel. Sie hüten auch jetzt noch das Geheimnis ihrer jüdischen Tradition, weil seine Preisgabe sie dem geschäftlichen Boykott aussetzen würde. Um jede Spur des Zusammenhangs mit Juden zu verwischen,, tun sie sich im Dienste der katholischen Kirche ganz besonders hervor und lassen im allgemeinen zumindest eines. ihrer Kinder eine geistliche Laufbahn ergreifen. So sind Führer der ultrareaktionären katholischen Partei Spaniens direkt aus der Judengasse von Mallorca hervorgegangen, und so erklärt es sich, daß die mit einem Rest jüdischer Ueberlieferungen erzogene Santa Catalina Thomas zur katholischen Heiligen erklärt werden konnte. Diese in Mallorca gewahrten Rudimente jüdischer Ueberlieferung sind allerdings so spärlich, daß kaum von mehr als von der Konservierung weniger unverstandener Gebräuche und Gebete die Rede sein kann. Wesentlicher für die Exklusivität der Marranen von Mallorca erscheint schon die Tatsache, daß sie niemals sich durch Ehen mit der Umgebung vermischt haben. Durch die jahrhundertej lange Inzucht aber hat nicht nur das Aeußere ihres Typus gelitten, sondern sie sind auf ganz wenige Familien — etwa vier — zusammengeschmolzen. Ihre Seelenzahl ist in letzter Zeit auch dadurch bedeutend vermindert worden, daß alle, die nur irgendwie Hierzu materiell in der Lage waren, ausgewandert sind. Haute versuchen zwei der ältesten Bürger diese« Ghetto, mit den portugiesischen Marranen in Verbindung zu kommen und «Ich deren Rückkehrbewegung anzuschließen. Aber auch da« müssen sie aus Anget vor dem Boykott der Bevölkerung geheim halten, wie denn überhaupt ihr ganzes Gebaren deutlich den Stempel der Furcht vor Entdeckung trägt. Selbst Juden gegenüber lassen sie sich nur mit Mühe dazu bewegen, ihre an sich zweifelhafte Zugehörigkeit zum Judentum zuzugeben. Dies «Geheimnis» selbst ist aber fast das einzige, was sie an Jüdischem gewahrt haben, ln letzter Zeit haben sie wieder Mut gefaßt, Pessach und Jom- Kippur zu feiern, aber die verstümmelten Zeremonien werden nur von wenigen Sätzen, die als mündlich überlieferte hebräische Gebete erkenntlich sind, begleitet. Im übrigen füllen sie die Gebetsstunden mit der Erzählung von Märtyrersagen. Ueberreste aus der Zeit der Inquisation haben sich nur wenige erhalten. So u. a. vor allem die Sabbathkerze oder Oellampe, die in einem Tonkrug, der leicht ganz zu verdecken ist, versteckt wird. Mit dem Anwachsen der jüdischen Siedlung in dem nur 12 Stunden entfernten Barcelona scheint die Möglichkeit zu einer Zurückfülirung der «chuetas» zu den Juden gegeben. War Columbus Jude? Wir brachten über diese Frage interessante Daten in der «Stimme» Nr. 147 vom 16. Oktober 1930. In der letzten Zeit beschäftigt die Frage nach der Volkszugehörigkeit des großen Entdeckers in starkem Maße die Historiker, ln der Zeitschrift «The Ainerican Hebrew» vom 10. Oktober 1930 bringt Celso Salva eine kritische Besprechung der bisherigen Forschungen. Bekanntlich behauptete Columbus in seinem Testament, er sei in Genua geboren worden. Sein Sohn Fernando schrieb aber in der Biographie über seinen Vater: «Das Leben des Admirals» Folgendes: «Weise Männer werden höher geachtet, wenn sie aus großen Städten kommen.. * Mein Vater war darauf bedacht, seine Herkunft geheirazuhalten.» Es ist anzunehmen, daß Columbus seine jüdische Herkunft verbergen wollte. Auffallend ist jedenfalls, daß er mit führendere spanischen und portugiesischen Marranen bekannt war und von ihnen gefördert wurde, z. B. von- Diego de Deza, dem Bischof von Salamancä, von Luis de Santangel, dem Kanzler des königlichen Hauses von Arragon etc. Von den Zeitgenossen hat nun niemand behauptet, Columbus sei Jude. Das ist nicht verwunderlich, denn die einzigen, die etwas vom jüdischen Glauben des Columbus wußten, waren die Marranen, und die hatten allen Anlaß, zu schweigen. Der erste jüdische Autor, der Über Columbus schrieb, war Abraham Farrisol, Autor des Buches «Iggereth Orhot Olam», das 1524, also 18 Jahre nach dem Tode des Columbus, erschien, aber nur Geschichten über die Wunder der neuen Welt enthält. Interessant ist folgende Tatsache: Als Columbus seine zweite Reise antrat, begleitete ihn der päpstliche Delegat Boyle mit einer Anzahl von Priestern, die als Missionäre bei den Indianern wirken sollten. Auf hoher See kam es nun zwischen Columbus und den Geistlichen zu einem Streit, Columbus fügte sich nicht der kirchlichen Autorität des Delegaten, verweigerte ihm und den Geistlichen die Herausgabe von Lebensmitteln und zwang sie zur Rückkehr nach Spanien. Als er selbst zurückkehrte, tat er zwar Buße; es ist aber anzunehmen, daß Columbus, wäre er von Geburt an Katholik gewesen, es nicht gewagt hätte, mit der katholischen Geistlichkeit anzubinden. Interessant ist auch die mystische Unterschrift deü Columbus, die folgendermaßen aussah; '• Christobal Colon S . . S A S XYM Professor Moses Bensabat Amzalak, Portugal, der vom Judentum des Columbus überzeugt Ist, gibt, 1.927 folgende i Deutung: Die drd S bedeuten Santos, Santos, Santos, also , Heilig, Heilig, Heilig,— den Beginn des Gebetes Kadosch, , Kadosch, Kadoscft. Das A ist der Anfangsbuchstabe des , Wortes Adonai, fjt'ie Buchstaben XYM ergeben nach einer; Transskription das Sch’ma (X—-Sch, M—m, Y—a). Interessant ist weiter, daß Columbus nie das Wort Jesus j gebrauchte, sonderii nur das Wort Gott. In einem Briefe vom; 7. Juni 1499 Schrieb er: «Ich bin von aller Welt verlassen, ■ die Indianer und die aufrührerischen Christen überfielen j mich, ich kam in solche Not, daß ich alles zurücklassen : mußte, um mein Leben zu retten. Ich stach auf einem kleinen j Schiffchen in die See, Aber unser Gott rettete mich und : sagte: ,Du Mann von schwachem Glauben, fürchte dich ( nicht, ich bin mit dir. Und er zerstreute meine j Feinde und erfüllte, was er versprochen hatte.» Dieser Brief j spricht stark dafür, daß Columbus Jude war. Noch mehr j geht das aus einem Briefe an die Erzieherin des Prinzen Juan hervor:;' «Per weise König David war zuerst ein Schäfer und wurde dann König von Jerusalem und ich bin ein Diener desselben Gottes, der mich zu großer Würde emporhob.5> Nur ein Jude konnte so schreiben. Eindeutig wird die Frage nach der Herkunft des Columbus kaum zu lösen sein. Er wollte zu seinen Lebzeiten über seine Herkunft nicht sprechen, auch seine Freunde hüllten sich in Stillschweigen^ denn die unerbittliche Inquisition wachte. Gin Jude Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften Italien hätte bis 1922 eine große Zahl von wissenschaftlichen Instituten, aber keine Akademie der Wissenschaften. Diese wurde erst 1922 von Mussolini gegründet. Er erregte nun Aufsehen, daß Mussolini bisher keinen einzigen Juden unter ihre Mitglieder aufnahm. In Italien leben zwar unter zirka 40,000.000 Italienern nur etwa 50.000 , Juden, unter diesen aber sehr viele Wissenschaftler, so der Senator Vito Volterra, Universitätsprofessor in Rom, der vielfach als der größte lebende Mathematiker nach Einstein bezeichnet wird; an der gleichen Universität wirken die jüdischen Mathematiker Professor Levi-Civita und Professor Frederico Enriques, in Turin Prof. Guido Fubini und In Bologna Prof. Saivatore Pincherle. Keiner von ihnen wurde Mitglied der Reale Accademia d'ltalia, was mit dem Titel Eccelenza, einem Jahresgehalt von 36.000 Lire und einer Pension verbunden ist. Ein Interviewer des «American Hebrew» befragte hierüber den Sekretär der Akademie, Antonio Bruers, der meinte, der Grund sei vielleicht darin zu suchen, daß so viele Juden Sozialisten gewesen wärest^ /

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