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Die Stimme · 1930-12-18 · Heft 156 (18.12.1930) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 156 (18.12.1930)
Date
1930-12-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Kr. 156 — 18. Dezember 1930 nm ttnnn LJirc 81 iinifii# Sftte 7 und jetzt hat steh mit den eehten führigen Enkeln der ( alte Segen wieder eingestellt. Auch der Eichwald, den . hier Jahrhunderte arabisch-türkischer Mißwirtschaft fast bis zu den Wurzeln zerstört, wird diesen jetzt durch jüdische Pflege neu entzaubert. Dafür sorgt ' nicht zuletzt der brave P. Soeben tuschelt ihm ein Araber, der beritten daherkommt, etwas ins Ohr. Da wirft sich P. auf das andere Roß und sprengt ins Dickicht. Was ist los? Stimmengewirr und klägliches Ziegengemecker wird laut. Unser Auto nach! Da steht P. inmitten eines Knäuels von Beduinen und schwär zen Ziegen, deren eine er gepackt hält. Wild sträubt sie sich gegen ihr Los, als Pfand für den entdeckten Waldfrevel zu haften. Die Wüstensöhne reden auf P. ein, der den Vorfall amtlich notiert und den Daumenabdruck des Scheichs daruntersetzt: «Sonst sagt ja der Richter wieder, ich hätte mich geirrt.» Es geht um 1 Pfund Buße. Kein Wunder, wenn das die Naturkinder erregt. Was schert sie Kultur Ziegenfutter brauchen sie... P. brummt: «Würden sie ln einem Regierungswald erwischt, kostete sie das bis zu 50 Pfund!» — Doch hier sind’s Juden. Der arabische Denunziant spielt den Vermittler. Der Scheich und nun schon sein ganzer Stamm umschmeicheln Weltz, bis er sie lächelnd pardonniert. Böse Juden! Da wir wieder in die Kolonie einlenken, versperrt die von der Weide heimströmende Herde den Weg. Man muß ihr den Vortritt lassen: 500 Stück Vieh. Eines prächtiger als das andere. «Wo noch habt Ihr das gesehen?!* ruft stolz und versöhnt der Polizist. Schon sinkt die Sonne, doch Bonfeld möchte noch nach Kfarjehuschuah hinüber, wo Ihm ein alter Freund sitzt. Im Lichtschein der auf den Aeckern lohenden Haufen von Durrakolben findet sich Aba, der Chauffeur, dahin zurecht. Herzlich empfängt uns der Freund in seiner Bretterbude, und schon brodelt’? im Samowar. Rings um den dampfenden Tee bespricht man die politische Lage: ein Hapoel Hazalrnlk, ein Revisionist und ein «5tam»-Zionist, und einigt sich auf: «Durchhalten!» Aba bekräftigt das, Indem er lustig erzählt, wie er seinen Eltern in Wolhynien entlief, um sich nach Erez durchzuschlagen. «Dawke», trotz allem... Nahalal vereinigt uns wieder mit Weitz. Heut Nacht spricht die amerikanische Arbeiterdelegation im Ort. Schon einschlummernd, höre ich von fern •liOViNt AVPTP* «J PROMPT TgUft WIEN I- FBANZ JOSEF'S Zahlung» erl etohterungeit .'jMmBsgwPH irii.u; u mmmesmarn weder* Alters und Stile«. Und zwischendurch starren dunkle Häuser, schmale Fenster uud ein trübe® Schuttwerk niedergebrannter Juden- Stätten, die noch seit den Pogromtagen an der Wiege der polnischen Wiedergeburt sieh traurig vom grauen Himmel erheben.,. Nur am Freitagabend stockt dieses gigantische Räderwerk. Pa erstrahlen tausende Flammen hinter den Fenstern und durch all dje krummen und schielen Straßen und Gäßohep »ieht ein Odern anderen, höheren Lebens. Pa werden aus Händlern und Krämern, Obstmardern, Handwerkern und Gassenjungen plötzlich in sich gekehrte Menschenkinder, die ein FliigelscbJag des Heiligtums streift. Festlich gekleidete Scharen füllen die uralte Synagoge am Hauptplatz, die in den Boden zu verhaken scheint, und all die Schulen, Klaue’ und Bethäuser durohzittert ein Gemurmel und Singsang der Gebete von ewigen Gottsuchern. Doch nicht lange vermag da« Gottesvclk den kümmerlichen Alltag abzustrelfen. Bald umklammert eie wieder die Fron des Alltags und bald begrüßt sie das ajte Flend, das sieh aus allen Ständen, Budiken, Kramladen und schmutzstarrenden Häusern über die Judenstadt Lembergs ergießt... Groß ist das Polenland, doch größer noch des jüdische Elend. Eine Großmacht im Weltjudentum. Was der Krieg nicht verschlungen und zerstört hat, das zerstampft eine judenfeindliche Gesetzgebung und unsinnige Wirtschaftspolitik. So schwebt über dem Lemborger Ghetto der Würgengel eines schweren Ringens und ewiger Unsicherheit. Wie anno dazumal — vor Ausbruch des Krieges. Da war aber Lemberg noch ln unserem Regitz ... Eine Königin der Schnorrer Hoheitsvoll und voll vibrierenden Menschentums sohreitet sie durch die Judengassen Lembergs. Erwartungsvolle Blicke treffen sie an allen Ecken und Enden. Tagaus tagein jagt sie von einer Anstalt zur anderen und von Die erstell Palästina-Orangen angelangt Bestellungen für Ja'fa-Orangen. Karmel-Weine und Oel nimmt entgegen und lieiert direkt ins Haus Samuel Holpern Wien, JL, Försfcergasse 0 / Tolefon R-4( -4-12 ihr ermunterndes Wort: «Wir ln der Galuth lassen euch nicht im Stiehl* Au3 Nahalal entführen wir tags darauf eine junge Frau, die Mutterfreuden entgegensieht, sachte, sachte nach A f u I e, ins neue Krankenhaus der Arbeiterschaft. Es liegt blink und blank am Fuß des ratzekahlen «Kleinen Hermon», doch selbst schon in junggepflanzte Wäldchen eingebettet und mit einem blumenfunkelnden Lustgarten vor der Auffahrt. Wir dürfen die mit Hilfe der WIZO und der amerikanischen Aerzte erstandene Schöpfung besichtigen. Und sie ist sehenswert, das Modernste vom Modernen. Zuerst das Wirtschaftsgebäude im Hof mit Magazinen, Küche, Abwaschraum, dem Oelaß, wo man die Portionen zuteilt und auf Rollwägelchen legt, und schließlich, die Speisesäle, dies alles in glattem Zusammenhang wie auf einem rollenden Band. Und vorn die blütenweißen Krankenzimmer, gesondert für Männer, Frauen und Kinder; dazu die Baikone und Liegehallen mit Ausblick auf den neuverjüngten Emek; herzerfreuend genug, um davon allein zu gesunden. Das Schönste aber für ein nationales Herz Ist die «Einwanderungs-Abteilung», wo die Allerjtingsten vom Hebräergeschlecht nebeneinander liegen wie die warmen Wecken und auch schon — lebhaft quäkend — gegen das Weißbuch protestieren. Diese Allah können sie uns nicht sperren. Oder doch? Wer kennt die Geheimnisse britischer Politik! Als ich dem Anstaltsleiter dankend die Hand drücke, schmunzeln wir beide und wispern zugleich: «Gottlob, daß Simpson dies Spital nicht zu Gesicht bekam!» Nun noch die WIZO-BaumschuIe. Abermals Zehntausende von Setzlingen, Wo wollen die Juden das alles hinpflanzen! Weitz revidiert ln der Kanzlei die Baumllsten. Da hängt zwischen den Bildern von Oordon und Achad Haam das von Sanct Marz. Muß der .ich da unbehaglich fühlen! Ueberm Zaun ist aus weiten Bodengeschenken an den KKL eine neue Siedlung;epiant. Ach, Simpsons Feldmäusen wird es schließlich jm Emek zu eng. Landlos werden sie auswandem müssen, am besten nach Transjordanien zu Emir Abdallah. Der Verkehr über den Jordan hin und her ist rür jeden — natürlich außer für uns Juden — frei. In Aln Charod essen wir zu Mittag. Wieder eine Rlesenbaumschulel Da mache ich nicht mehr mit und träume lieber an der Gideonquelle, der — von Faltern umschwärmt — ein sliberklarer Bach enteilt, einem Heim zum anderen, wo unter ihrer Leitung ein Heer von Armen verpflegt, gehegt, erzogen und bekleidet wird. In die Niederungen des jüdischen Lebens steigt Ruma Reitmaam herab, tmd sein Flehen und Jammern, Klagen und Danken heftet eich an ihre Sohritte, wo sie nur erscheint. Mit dem weichen Timbre einer Mutterstirame tröstet sie und hilft, erteilt Befehle und nimmt Meldungen entgegen, klettert über das Gerüst ihr«# im Bau befindlichen Armenhauses und überrennt alle polnischen Behörden und jüdischen Institutionen mit unermüdlichen Mahnungen, Bitten und Urgenzen- . Diese Frau von hoher Kultur und mit schönheitsstrahlendem Gesicht, in dem die feuchten Augen einer Träumerin glänzen, hat die Golgatha des jüdischen Elends in Lemberg auf eich genommen. Eine Mutter der Ausgestoßenen und Todgeweihten und eine Retterin aus allerhand Lebensnet. Was der polnische Staat nicht vermag und was jüdischer Wohlfahrtssinn versäumt, das vollbringt1 dieses nervös-vibrierende Menschenkind mit wuchtiger Energie. „Nur das Herz wird zerfressen von all dem Elend/* meint sie wehmütig in einer Ruhepause, Man erschauert förmlich ob dieses Geständnisses. Eine Königin der SchnorrerI Eine jüdische Königin, deren Opfertura mit dem Herzblut erkauft wird... Finale Den abendlichen Korso der Hauptstraße umrauscht eine flutende Menschenweile. . Lichter glitzern, Augen flimmern und Scharon entzückender Mädchen locken und frohlocken im großstädtischen Trubel. Man flirtet und promeniert. Man grüßt und tratsoht und wickelt zwischendurch seine Geschäfte ab. Das Wahlfieber ist vorbei und nun drängt sich der trübe Alltag heran und hält mit tausend Sorgen die ewig schäumende Stadt umfangen. um im Schatten eines Mflrchenhaines von Fichten. Feigen und Eukalypten zu verschwinden. Nicht Immer sah es hier so aus. Bevor die Juden kamen, nichts als Sumpf und Stank und Pest. Wahrlich «Jadaim jedej Jlzchak!» Das Auto bringt uns über die Nurisebene zum Hügel von K u m i e hinauf. Was treiben nur dort die Fellachen mit ihren Eseln und Kamelen? Sie erquicken sich am Wasserauslau! des Aquädukts, den die Zionisten eben fertiggestellt, um 5000 Dunam für intensive Wirtschaft zu bewässern, ln Kumie sind zwei neue Quartiere entstanden, um die Kolonisten von Tel Jesof und nun auch von Ain Charod aus der schwülen, krankheitsschwangeren Senke in frische Höhenluft zu entrücken. Die Häuser sind je um einen großen Hof gruppiert: massive Scheunen, langgestreckte Ställe, der Speiscsaftf, die Villen der Erwachsenen und als pifece de rCstistancc die Kinderhäuser, einige Stock hoch und mit kugelfesten Verteidigungstürmen darauf. «Wie, die Kinder schlafen nicht bei den Eltern?» rutscht es ".mir, dem reaktionären Burschuj, heraus. Verachtend mißt mich der Chaluz, der uns führt. Mehr aber überzeugt mich davon, daß man auch auf die Fasson selig werden kann, die Plejade blühender Kindlein, die im Hof wie ein Bienenschwarm an unserem Auto hängen und dessen «Papen» (ein neuhebräisches Kinderwort für Tute) malträtieren. Schon sitze ich als «Dod», als Reiseonkel, in ihrer Mitte und lasse sie fragen und erzählen. «Ich bin in Ain Charod geboren*, prahlt ein Däumling, dem zwischen Hemd und Hose das braune Bäuchlein hervorguckt. «Ich auch», eifern die anderen. «Ich auch, ich auch.» «Und ich,» trumpft Klein-Ruth auf, «ln Jeruschalajim.» Da müssen die anderen ver* : stummen. Ja, zurück nach Jerusalem! Im sinkenden Dämmer, vom Abendwind umbraust, stürmt unser Trio schweigsam, sinnend, dahin. An Zerein-Jesree! vorbei, einst Hochsitz der Könige Israels, durch Galll, durch * Schomron und das ragende Judäa nach der. ojBirah», nach der Hauptstadt des Landes, unseres .Lande s. Da, nahe meinem Heim in Talpioth, reckt sich des High Commissioners neuer Palast auf.. Sinnreich mit: dem Hakenkreuz geziert, gleißt der bleiche .Marmor, gespenstisch durchs Dunkel der Nacht. «Emek:und. Weißbuch.» Nein, sie werden uns Erez nicht mehr entreißen. Schon haben sich die Wurzeln unserer altneuen Kraft zu tief in diesen Boden ge:cnkt. Pfadf’nderbimd Zirenu Samstag, 20., und Sonntag, 21. Dezember In den Kunstspielen, l, Riemergasse Nr. 11 Chanukkak« Feier Karten bei allen Bundesmltglledern und Im K- K. L, bei Fräulein Beres. omi im uu i11"ini"i i, im imimmiFi -, Dia würgende Weltwirtschaften»« kriecht gemächlich vom Zbruez bis zur Waich««!, der Nationaliiätonhader verzisobt in heimlicher Empörung an den Grenzgebieten, der Absatz heimischer Produkte prallt an den Zoilmauern d«e Auslandts ab und an allen Ecken und Enden ächzt ea im machtvoll gärenden Polepländ. Doch Lemberg ist noch in unserem Man singt und tanzt, Kinos und Theater sind überfüllt, in den Varietes, Rare und Salon» staut sich «in« mondäne Monge und an dl® Wecheelfälligkeitej*, die das Bargeld bedrohlich verdrängen, denkt nur eine Handvoll Gerechter. Juden und Polen leben von der Hand in den Mund t— in zwei abgesonderten Welten und doch nach gemeinsamer Manier. Heut’ ist heut* und morgen ist morgen. Und an das Morgen denken die wenigsten, wenn auch diese Schicksalsfrage, wie der ewig bleierne Himmel, der über Lemberg hängt, dom Stadtbild irgendwie ihr Stigma aufdrück tf Soldaten überfluten die Straßen. Geistliche, Nonnen, allerlei kirchliche Prozessionen und patriotische Umzüge durchstreifen kreuz und quer die Stadt und dumpf brüten ukrainische Massen in einem gewaltsam erstickten Hnßgeftihl. Bo peitschen Not und soziale Gedrücktheit da« Leben von Polen, Juden und Ukrainern und spielen sie gegeneinander aus. Und unmorkUoh dröhnt das Getöse heraunahender Stürme- Vulkanisch ist dieser uralt« Erdeufleok und um diesen Vulkan kreist der Reigen einer lebenslustigen Menge ... Sind es nur Gespenster, die ein Entwurzelter in seiner Heimatstadt zu sehen vermeint? Odor ist es am Ende nur das düstere Flügalrauseben eigener Zerrissenheit, die einen* aus der Grabstätte verlorener Jugend entgegenstarrt? Einerlei, Heut’ ist heut’ und morgen ist morgen! Und heute ist Lemberg noch in. unserem Besitz...

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