Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 156 (18.12.1930)
- Date
- 1930-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seheß Dft ÄtTMfMl Kr* 186 18. Dezember 1680 futän. Süsse! und ich begannen zu weinen und »teilten uns tränenden Auges unter die Chupe. Nun sollte ich im Verlauf der Zeremonie Süsseis finger fassen und ihr den Ring anstecken. Doch ich ^oute nicht. Da gab mir der Vater eine Ohrfeige und llrohte mir mit der Rute. So mußte ich mich fügen lind faßte Siissels Finger. Ich war jedoch sehr böse darüber, daß man mich zwang, Süsseis Finger zu fccfimen. Daher kniff Ich sie tüchtig in den Arm. Sie iegann zu weinen. Dann gab Stissels Vater ihr zwei Dulden und mein Vater gab mir denselben Betrag, ilamit der Friede wiederhergestellt sei. So faßte ich ilenn Süsseis Finger und sprach die Formel zusammen mit dem Großvater, sagte «Maseltow» und beginn zu tanzen. Dann wurden Süssel und ich neben- I inander an den Tisch gesetzt und man setzte uns Und den Gästen Lebkuchen und eingemachtes Obst for. Plötzlich brach Süssel in Tränen aus. Die Mutkr fragte: «Warum weinst du, Süssel?» Süssel unter Tränen: «Ich will hinaus.» $ Sie wurde hinausgeführt Darauf ich: «Ich will auch hinaus.» Ich wurde auch hinausgeführt und dann wurden »i/ir wieder nebeneinander hingesetzt Bald aber ivurden wir schläfrig, und daher führte mich meine Schwester heim und Süssel wurde schlafen gelegt. Mein einziges Vergnügen an der ganzen Sache ivar, daß ich die ganze Woche, von Dienstag bis feonntag, nicht in den Cheder zu gehen brauchte. Am Nächsten Tag kamen die Schwiegereltern zum Mittagessen zu uus. Süssel kam mit; ihr Kopf war geschoren und sie trug einen Scheitel, der ihr bis in Jie Augen fiel. Zum Mittagessen trug die Mutter ein Huhn auf, denn die ganze Woche war in der Stadt kein Fleisch zu haben ... Nach dem Essen blieb Süssel bei uns. Ihr Schei- I gefiel mir nicht Als wir zu spielen begannen, riß cb ihr zunächst den Scheitel vom Kopf und jetzt bemerkte ich — ihr Kopf war ganz glatt geschoren. Da begann ich zu schreien: «Pfui, sie hat einen Grind!» Süssel begann vor Scham zu weinen. Mein Vater geriet in Zorn und prügelte mich vor Süsseis Augen; wabei hielt er mir meine Sünden vor: «Du Kerl, iwirst du noch einmal Süssel den Scheitel vom Kopf ireißen und sagen, daß sie einen Grind hat?» Und ich rief unter Tränen: «Nein, Vater, ich werae es nie mehr tun.» Siissels Tränen trockneten schnell, vor Freude jdärtjbci, daß ich geprügelt wurde. Dann wurde sie [nach Hause geführt. Wir aber wurden wieder böse, jsie aus Spham darüber, was ich ihr angetan, und ich [wegen der Prügel, die ich ihretwegen bekommen matte; Als wir etwa zwölf Jahre alt waren, enthüllte mir erst mein Vater das Geheimnis, daß wir Mann und Frau seien. Auch Süssel erfuhr dies von ihren Eltern und wir gründeten einen eigenen Hausstand » So-leben wir bis heute, Gott sei Dank, als Ehelleute ... Zwei Kurzgeschichten von Q. Schoffmann Raben In stiller Erwartung unseres großen Unglücks gehen wir umher. Groß wie Adler schreien die Raben am Herbsthimmel. Massen von Menschen, Menschen ohne Ende, aber das große Unglück lauert auf jeden einzelnen von ihnen. Auf dem Weg nach Hause, zu unseren wunderbaren Kindern, zittert unser Herz und bangt, daß die Frau uns entgegenkommen wird, weinend . . . Diesmal zwar ist es unnötige Angst! Die Kinder spielen ruhig miteinander. Diesmal! Aber wer weiß, was morgen sein wird, übermorgen, einige Zeit später? Auf jeden Einzelnen von uns wartet sein großes Unglück. Zum Tod Verurteilte sind wir alle, zum Tod Verurteilte, deren Hinrichtung nur aus technischen Gründen verschoben ist auf unbestimmte Zeit Ski Sie fahren in die Semmeringgegend, dorthin, wo der Schnee noch fest ist Paarweise, fahren sie, jeder Bursch mit seinem Mädel. Mein Blick blieb auf einem dieser Mädchen haften und konnte sich nicht mehr von ihr losreißen. Ihr Sportanzug mit Mütze md Hose hob ihre süße Gestalt besonders hervor. Und die Augen —-graublau vernebelte Augen, wie wir sie seit unserer Kindheit tief im Herzen tragen. Sie sah mit hingebungsvollen Blicken ihren Burschen an, aber er beachtete sie kaum; sein Blick schweifte weit, weit hinaus durchs Kupeefenster bis an den Rand des Horizonts. Er war der neue Mensch, dem ein Sportausflug weit mehr ist, als alle Mädchen auf der Welt. Hier im Zug antwortete er ihr noch manchmal, aber sobald wir uns der Station Semmering näherten und er aufstand, um seine langen Bretter au$ dem Gepäcknetz zu nehmen, schien er sie, das schönste Mädel, gar nicht mehr zu sehen. Jetzt war er bereits in ganz anderen Welten. Auch sie hatte ihre Skier genommen und war ihm nachgegangen. Als sie dräussen an meinem Fenster vorbeiging, warf sie mir einen Bück zu und ihre süßen Augen sagten: «ja, ich weiß, du liebst mich, du bist noch aus der alten GroBfleischliauerel SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel, A 17-3-99 u. A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Ku'tusgemelnde Wien Autoau«l«liui*cr IX, Belasse 1s XVtll. Wftbrin^erstraBe 97 Welt Aber was aoU ich tun? Ich bin von dem Neuen schon zu sehr mitgerissen und so werde ich von ihm mitgezogen-zum Schnee, zum Schneel» (Aus dem Hebräischen übertragen von Elsa B e i s e r, Graz.) Emek und Weißbuch III. Dr. E. M. Zweig (Jerusalem). Wir fahren querfeldein, über den hier schon fadendünnen Kischon nach Kfar Baruch. So heißt das Dorf nach dem seligen Baruch Cahane aus Plösti, meinem alten Freund, dem ich vor 21 Jahren in Wien die erste große Stiftung von 100.000 Francs für den KKL abnahm. Rumänen und Kaukasier siedeln da in werktätiger Eintracht. Es sind erst 32 von 80 Familien, doch baut man schon die Schule. Weitz läßt vor einem Häuschen halten. Ein Weißbart tritt freundlich lächelnd hervor, den stämmigen Sohn zur Seite. Sie klettern aufs Trittbrett des Autos, das zum Kischon zurticklenkt. «Dies ist Herr Schmulewitz aus Reni», stellt Weitz vor, «Herrn Saragas Kaddisch». Die Witwe des so benannten Bürgers aus Berlad hat ihm nämlich durch eine reiche KKL-Spende ein doppeltes Seelengedächtnis geweiht, das dieser Alte mit Mund und Hand besorgt. Er betet den Kaddisch und hat hier den Bach entlang auf 18 Dunam einen Eukalyptushain auf Saragas Namen gepflanzt Ais Weitz rät, ein paar Bäumchen zu ersetzen, seufzt der Alte: «Die Griechen trieben es so mit ihren mißratenen Kindern.» Er bekommt einen kleinen Vorschuß und steckt ihn geringschätzig ein: «Hauptsache, die Schmulewitz haben d a s Im Heiligen Land geschaffen. Das bleibt!» «Schalom!» und weiter geht’s — zwischen üppigen Kaktushecken an der Landwirtschaftlichen Versuchsstation der Agency vorbei und durch die Pflanzungen von Sarona — nach N a h a 1 a 1. Hier Ist das vom Hilfsfonds erstellte Gemeinschaftshaus der Größe der Siedlung gemäß erbaut worden, darin ein Saal — Sir Simpson vergaß es zu rügen — für Meetings und Theatervorstellungen. Doch wir haben nicht viel Zeit Nur ein Blick in die Baumschule der Channah Meisei. Die Mädchen klagen, daß die Fichtensetzlinge hier wie auch anderwärts im Emek mißrieten. Richtig, sie sjnd krank! Weitz meint, der Samen wäre schlecht. Ja, wird so was nicht wie ln Europa von der Regierung beigestellt? 0 nein... Unser nächstes Ziel ist der Nationalfondswald von Samunle. Flurwächter P. soll uns begleiten. Rasch schlüpft er in die PollzetunifOrm, faßt das Gewehr und gesellt sich mit seinem Söhn lein ASsaf zu uns. P. erkennt .Bonfeld. und..hält Ihm barsch - vor, daß er seinem Bruder vor fünf Jahren in Kischinew das Chaluzzertlfikat zur Aliah nicht prompt bewilligt habe. «Wie konnte ich,» sucht Bonfeld abzuwehren, «bei unserem Palästinaamt kämpften damals 2500 Bewerber um 100 Zertifikate!» S a m u n i e, das deutet auf jene Giftquelle, die bis zur Heimkehr der Juden die ganze Landschaft verpestet hat. Einst war es das gesegnete Wadi Simon I-, ILemberg noch in unserem Besitz Reiaebiider von Z. F, Finkeistein Die Heimkehr \ Wie lange iat's her, daß wir diese Stadt verließen? Ach, wie im Sturmwind verfliegen die Jahre —- und nur an den Meilensteinen bleibt man stehen, um das unrettbar Zerronnene wehmutsvoll zu überblicken... Ist. nicht das Wiedersehen der Heimatstadt ein Meilenstein im Leben eine« müden Wanderers? Wie schlaftrunken wandelt man durch die Straßen, die aus einer fernen Vergangenheit aufzudümmern scheinen, man starrt ins flutende . Brodeln der Menge und erblickt in traumhafter Wiederkehr ein Stück entschwundenen Lebens. Man sucht altbekannte Häuser und Plätze auf und blickt in die Augen von Jugendbekannten und Freunden, ale suchte man -in ihnen das Spiegelbild eigenen Leids und; eigener' Z wieepäl ti gkel t. Wie lange Ist ee her, daß man durch die Pforte de« Lemberger Bahnhofes die Heimatstadt verließ, fluchtartig — mitgeriasen von einer angsterfüllten Menge, die vor den beranoabenden Bussen in die Fremde zog? Bette, wer sich retten kann! Ahnungslos waren die Behörden, kopflos das Kommando. Lemberg noch n unserem Besitz — so hieß ee allgemein, während die Russenwelle bereits die Stadt mit Rieednfäftgen umklammert hielt. Mit dem Jammer der Ungewißheit stürzte män in den ersten Zug. Wohin? Für wie lange? Wer mochte das wissen? Die angstgepeifcschte Menge schwoll in den endlosen Zügen zur Lawine an. Und so kam man in die Fremde, au« der es kein Zurück mehr geben sollte. loh hatt’ einen Kameraden .. . Wie auf der Grabstätte der eigenen Jugend durchzieht man kreuz und quor seine jäh verlorene Heimatstadt. Da erkennt man noch das verfallene Häuschen, in dem man die ganze Pein des Cheders auskostete; dort steht noch massig und herausfordernd die Mittelschule vom „Heiligen Jur“, in der die polnischen Schulftichse einem einst die Seele mit Haß und brutalem Patriotismus durchseuchten. Und dort leuchtet noch das Fenster der Herzallerliebsten, vor dem man in so mancher grimmig-kalten Winternacht mit fiebernden Schläfen lustwandelte... Wo sind die Menschen, die man hei Kriegsausbruch hier zurückließ? Wie viele hielten den aufstrebenden Lebensweg durch? Wie viele starben am Wege? Wie viele verkrochen sich in die Mauslöcher des trüben Alltags und wie viele vermochten die himmelstürmenden Träume der Jugend in das schöpferische Aufbauwerk eines ganzen Volkes hinüberzuleiten? In der Heimat, in der Heimat, da glbt's ein Wiedersehn! Gibt‘s für einen ewigen Wanderer überhaupt eine Heimat? Nach langen, hangen Jahren voll Pein, Bittende und Kämpfen kehren wir für eine Weile in unsere Heimatstadt zurück, und fremd, kalt und unbekannt grinst sie uns entgegen — mit einem Leben wildfremder Menschen und fremder Kultur. Vor Jahren trug man da« Heim in die Fremde hinaus — jetzt schlägt einem das Fremde in der Heimatstadt entgegen. Ein Judenechickeal... Das Lemberger Ghetto Bleierne Nebelschwaden schweben über der Stadt. Die Autos und Fuhrwerke rattern Uber die holperigen Fahrwege, an den Straßenbahnen hängt ein Knäuel hastiger Menschen und die klebrige Kotmasse des Pflasters durchdringt einen förmlich mit einem Schauer von Nässe und Kälte. Imposante Gebäude werden von verfallenen Buden abgelöst, die großstädtische Hauptstraße mündet in eine Flucht kleiner, verwahrloster Gäßohen, und den protzigen Luxus von Menschen, Palästen und Auslagen umgibt eine unübersehbare Schar von Bettlern, ßtraßenhändl-ern, Halbweitdämchen und Berserkern dunkelster Sorte. Les extrömes se touchent. Eine östliche Metropole mit westlichem Anstrich. Polnische Kultur, umrahmt von Besten österreichischer Gemütlichkeit Ein Einfallstor Rußlands und eine Pforte Europas. Und eine Judenstadt obendrein — nach Warschau die größte im selbständigen Polen. Die ganze Stadt durohzittert förmlich der heiße Atem jüdischer Intelligenz und jüdischen Unternehmungsgeistes und schräg hinter dem massigen Bau des polnischen Nationaltheaters staut »ich das Leben in den Vierteln jüdischen Massenelends. In einem unübersehbaren Gewirr von Straßen, Gäßohen und Plätzen breiten sioh hier die dichten Sied Jungen der Juden aus, die an das einstige Ghetto gemahnen, wenn auch das eigentliche Ghetto Lembergs ln einem ganz anderen Stadtteil gelegen war. Ein ewiges Hasten und Jagen — ein unaufhörlicher Jahrmarkt, der mit Sohrelen, Rufen, Fluchen und Fellbieten schäumt und brodelt. Chaotisch, ungeordnet und elementar sprudelt hier noch jüdische Eigenart vergangener Jahrhunderte. Au« dem überspannten Tempo der jiddischen Sprache wird kaum ein polnischer Brocken herausgehört, das Sammelsurium eigenartiger jüdischer Typen wird nur durch die Bauern der Lemberger Vorstädte unterbrochen. Wie Ebbe und Flut ergießt sich hier von Montag bis Freitag der Handel mit allerlei Weltprodukten, uro mit den ersten Sahbatllohtern wie mit einem Buck plötzlich zu verstummen. Ein schäumendes Gewirr von Krämern, Händlern, Straßenjungen, Obstverkäuferinnen und herumlungernden Mädchen. Uoberall Kramladen, Verkaufsbuden, Stände, die unter freiem Himmel alle Straßen, Plätze und winkeligen Passagen verrammeln. Durch ein Kotmeer waten die Kttufor und im Schmutz stecken die Händler, öchmutzverkrustete Hände, ungepflegte Gesichter und primitive Gewänder jad-