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Die Stimme · 1930-12-18 · Heft 156 (18.12.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 156 (18.12.1930)
Date
1930-12-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 156 — 18. D«7>€?nber 1980 PIE STfMME Sette 5 ■—.-.....-.. .—. - --..—---—‘-ir ruhte alle Arbeit in der Stadt, das ganze Rad stand still f Auch im Hafen herrschte Sabbatruhe, da die vierhundert jüdischen Hafenarbeiter, die alle schwere und grobe Arbeit besorgten, in ihren pelzverbrämten Kaftans spazieren gingen. (Kielland.) Von dieser Atmosphäre ist trotz veränderter Verhältnisse noch vieles vorzufinden. Der Zustrom der griechischen Flüchtlinge in den Nachkriegsjahren hat die Bevölkerung der Stadt bis zu einer halben Million anwachsen lassen, so daß die Juden gegenwärtig bloß 15 Prozent der Einwohnerschaft darstellen. Eine starke Bewegung zur Wanderung nach Palästina macht sich immer mehr bemerkbar. Bftt fu$ fcte tmetjäjöjiflidje ÄrcftqueHc fces 3Utbiutn3 für J>ic ^etlfuttbe mifcfatr gemacht. 2/it’ $eilfraft Stabiums Bei ollen 2Uterserfd^etnnn^ gen, tute fcüBäcitiget (Sttnüimnß, Unluft gu forstlicher uni> gcijtfegcr UrBeit, gtdjttfdjen unb tfjeimtatifdjett 50c* fdöiwrben, luurbe bon mebiginif^en Sluiorttateit Bestätigt. 9ladj einem neuen, toiffenfdBoftlid) fontroHierien SBetforljren tnetben feit Stohren roibiunt^altige SoBIetten unter bem tarnen „9t erbt off Icr in" in beit #ünbel Bracht, bt« eine öuberorBentlidj praTtifdbe SKer^obe innerer JRobiutttBeljonblunö ertnoßlidjen, Ineil bctB Stobiuntfal; in biefen SaBIetten in finnteiäj« Skijc mit betriebenen pljljfiologtidkn SRä^rfal^en berBunben ift, toelcBc bie ©troBIcntnirSuntj bc§ 9tabmm3 im £>tg<nti§mit3 Befdjlcuntßcn. Sftafoiumßcijatt <t m 111 dj fl c<jj r ft ff. <3fcnetolbet»ot nnb Hugfnnft flfootljefc Bot? et, SBien, 1. tBeg., SSbttgeile 13. SJSrofpefte gratis wrb frottfo. Avigdor Hameiri Jenisdhataftm Sie moDerne wteDUin Die alte Traditionstreue konnte nicht abgeschwächt werden. Ein Freitagabend in Saloniki ist ein eigenartiges, unvergeßliches Erlebnis. Von allen Gassen strömen Massen festlich gekleideter Männer zu den Synagogen, das Licht tausender Sabbatkerzen flammt aus offenen Fenstern und Veranden. Liebliche Ruhe breitet sich über das Judenviertel. Jetzt erschallt aus den heüerleuchteten Häusern Gesang und althebräische Hymnen klingen feierlich im Raume. Gequälte Alltagsmenschen erheben ihre Herzen zu Gott, Ewigkeitsstimmung zittert in der Luft. Es Ist ein erhebender Augenblick. —; Alles, was ich vom jüdischen Saloniki zu sehen bekam, zeugte von einer Lebenskraft, die die erschwerten Verhältnisse nicht zerstören konnten und die pädagogisch jeden Vergleich verträgt. Ich sah neuangelegte Armenquartiere mit sauberen, gutangelegten und unglaublich billigen Wohnungen, die die jüdische Gemeinde nach der Feuersbrunst des Jahres 1917 erbaute. Dies dünkt mir ein Muster rationeller und zweckmäßiger sozialer Hilfe. Aber was in erster Linie dem jüdischen Saloniki das allgemeine Interesse verleiht, ist die sephardische Frage, die hier Ihren Brennpunkt hat. Hier ist vielleicht der letzte Platz in der Welt, wo Sephardim, diese in vieler Hinsicht interessante Gruppe der Judenheit, noch eine Zeit ihre ursprüngliche Reinheit aufrechterhalten können. (Aus dem Schwedischen übertragen von Esther Mi eses.) Kinderhochzeit Von J ech e s k i e 1 K o t i k* In den autobiographischen Erinnerungen Kotiks (2 Bde.) sind lebensvolle Bilder enthalten, die einen Einblick in das jüdische Städtchen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gewähren. In gekürzter Form bringen wir ein bezeichnendes Kapitel des ersten Bandes dieser Memoiren Kotiks, der kein Berufsschriftsteller war, sondern in Warschau ein Kaffeehaus besaß. > . Plötzlich ging ein Gerücht um, es sei ein neuer Erlaß herausgelcornmen, nach dem Mädchen und Jünglinge nicht vor dem 20. Lebensjahre heiraten dürfen. Dieser Erlaß, welcher im Jahre 1842 erschien, rief in ganz Litauen und Polen das seither berühmt gewordene Heiratsfieber hervor. Wer eine Tochter oder einen Sohn von ungefähr acht Jahren hatte, machte ihnen Hochzeit. Damit die Polizei nichts davon erfahre, wurden diese Heiraten heimlich in aller Stille und ohne Zeremonien vollzogen. Die Eltern der Kinder, die miteinander verheiratet werden sollten, einigten sich rasch, der Knabe oder das Mädchen wurden in das Haus eines der Brauteltern gebracht, im Zimmer wurde ein Minjän Juden versammelt, die Trauung vorgendmmen, ein Glas Branntwein geleert, ein Stückchen Lebkuchen dazu verzehrt und — die Feier war zu Ende. Dann nahm der Vater den jugendlichen Ehemann wieder nach Hause, kaufte ihm einen Tallis, und am nächsten Tage betete der Knabe , schon im Tallis, jedoch ohne Tefilin. Der Vater des kleinen Mädchens nahm die «junge Frau» mit, schor ihr die Haare und zog ihr ein Haarband und einen Scheitel an. Die «junge Frau» und der «junge Ehemann»'hatten keine Ahnung, daß sie Mann und Frau seien . . .. In dem Jahre des Heiratsfiebers hatten in Kamenietz alle kleinen Kinder Hochzeit Es kamen ein paar jüdische Bürger am Abend zusammen und verabredeten, sich noch in derselben Nacht miteinander zu verschwägern. Und gegen 10 Uhr nachts Wurden die Kinder aus dem Schlaf geweckt: «Steh* auf und geh’ zur Chupe», sagte man den schlafenden Kindern. Eisiki der Fleischer, hat öfters — ich erinnere mich noch daran — erzählt, wie er Hochzeit gehabt hatte: Ich war damals etwa acht Jahre alt. Eines Abends lag ich auf dem Bett und schlief in meinen Kleidern. Da weckte mich die Mutter: «Eisiki, Eisiki, steh’ auf und geh’ zur Chupe!» Ich wußte nicht, was das Wort «Chupe» überhaupt bedeutete, und wollte nicht aufstehen. Da rief die Mutter den Vater, daß er mich wecke, und er schrie, wie es eben ein Vater tut: «Steh’ auf, Eisik, du wirst zur Chupe gehen.» Ich sagte: «Ich will nirgends hingehen, ich will schlafen.» ’ Darauf der Vater: «Aufstehen, sage ich!» Darauf ich: «Ich will nicht.» Der Vater riß mich zornig empor: «Steh’ auf!» Ich begann zu weinen, da nahm der Vater den Riemen und zog mir ein paar über. Das machte mich Das Lied «Jeruschalajim» ist seinerzeit im satirischen, von Awigdor Hameiri geleiteten Theater «Kumkum» mit großem Erfolg im Rahmen eines Bildes aufgeführt worden. Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man auf dem Skopusberge einen Chaluz, der ein Bündel auf der Schulter und einen langen Stock in der Hand hält Zu Füßen I des Berges — das nächtliche Bild der ewigen , Stadt. Der Chaluz steht einen Augenblick ganz I still und schweigend und dann beginnt er zu v singen. Ein Chor hinter der Bühne antwortet ihm | mit den vier letzten Zeilen jeder Strophe. Ais der j Chaluz die letzte Strophe singt, wird das Bjld Jerusalems allmählich heller, bis es in vollem Glanze erstrahlt. Auf dem Skopusberge steh’ ich, Beuge mich vor dir — Ew’ge Stadt, Jeruschalajim, Friede dir und mir! Von dir träumt ich tausend Jahre, Nur von dir, du wunderbare Ew’ge Stadt, Jeruschalajim — Wie erstrahlst du schön — Ew’ge Stadt Jeruschalajim, Du wirst aufersteh’n! Hoffnungsvoll war ich im Herzen, Als ich kam ins Land; Wollte mit den Brüdern bauen, natürlich wach und. ich stand auf mit verweinten und verschlafenen Äugen. Ich fragte: «Wohin soll ich gehen?» Der Väter antwortete: «Zur Chupe.» «Was ist das, Chupe?» fragte ich. . Darauf der Vater: «Wir werden zum Schwiegervater gehen, dort wird die Chüpe sein.» Ich verstand noch immer nicht, was der Vater meinte; die Worte «Schwiegervater» und «Chupe» waren mir ganz unverständlich und so sagte ich noch einmal: «Ich will nicht gehen». Doch der Väter nahm wieder den Riemen zur Hand und ich beschloß, lieber zu schweigen. Die Mutter wusch mich sorgfältig, zog mir den kleinen Kaftan an, knöpfte mir die Hose zu und ließ mich den Hut aufsetzen. Doch mein Hut war nicht da, dehn ich hatte ihn irgendwo beim Spiel verloren, eire ich noch schlafen gegangen war. Da begann die Episode mit dem Hut; der Vater sagte: «Wenn du nicht jetzt zur Chupe gehen würdest, so würde ich dich für den verlorenen Hut ordentlich durchprügeln.» Indessen kamen schon Boten von den Schwägerslciiten, die fragten, warum wir noch nicht dort seien. Jetzt begann ein allgemeines Suchen näch dem Hut, doch er fand sich nicht. Die Verlegenheit war groß. Was tun? Inzwischen war es Mitternacht geworden. Vater und Mutter hätten Angst, der Brautväter würde sich die Sache inzwischen überlegen, und ihre Laune wurde immer schlechter. Man überlebte: Wen sollte man aufwecken, um bei ihm einen Knabenhut bis zum nächsten Morgen zu leihen? Doch aus dem Nachdenken kam nichts heraus und es wurde sehr spät Auf alle Fälle standen die Dinge sehr schlecht, denn es war kein Hut da. Vater und Mutter waren außer sich vor Aerger, doch es'half nichts, ohne Hut kann man nicht zur Hochzeit gehen. So ging der Vater zum «Mechuten» und bat ihn, die Hochzeit auf den rjächsten Tag zu verschieben, da Mutter sich nicht wohl fühle. Der Vater blieb ziemlich lange aus, die Mutter konnte vor Ungeduld nicht stillsitzen. Endlich kam der Väter und sagte, die Hochzeit werde am nächsten Tag um zehn Uhr abends stattfinden. Am nächsten Tag kaufte man mir einen Hqt. Morgens ging ich in Vaters Kappe in den Cheder und Feinste Maßarbeit L. Brawer KttrscHnermeister Wien I. Singerstraße 27 T I« p h n R'20.3*29 mmmmmmmmmmmmmmmmmmrnMm Einig, Hand bei Hand, Doch es streiten unsre Brüder, AUer Hader wuchert wieder — Gottes Volk ist unverträglich Und geschwächt vom Streit... Ew’ge Stadt, Jeruschalajim, Schenk! uns Einigkeit! Heute bist du nicht geschüttet. Um dich Feindes Chor — Doch ein Tor blieb noch verschlossen; Des Messias Tor. Deine Söhne wollen leben, Tores Schlüssel sollst mir geben — k. Ew’ge Stadt, Jeruschalajim, t ich beschwöre dich, Schenk3 mir Freiheit, schenk3 mir Gnade Und erleuchte mich! Jeder kehrt zu dir in Liebe, Den da riefest: cKomml» Von des Skopusberges Spitze Grüß’ ich dich «Schalom/» Sei gesegnet, heuf und immer, Königstadt der Heiligtümer! j jeruschalajim, hier wird sprießen Unsrer Arbeit Saat — Jeruschalajim, fühlst du’s noch nicht, Daß Messias naht? j (Aus dem Hebräischen übertragen von Sem Wolf) erzählte meinen Kollegen, daß der Vater midi tos Chupe mitnehmen wollte, daß ich aber nicht gehen konnte, da ich keinen Hut hatte. Heute aber würde ich einen Hut bekommen und zur Chupe gehen. Da sagte Bainusch, das Söhnchen des Spenglers: «Ich bin schon gestern bei der Chupe gewesen. Es war sehr lustig; man hat mir einen schönen Ring aut den Finger gezogen; und mein Vater hat mit mir einen Segensspruch gesagt und dann hat man getanzt und Lebkuchen gegessen und Semmel mit Hering und das war sehr fein.» Als ich aus dem Cheder kam, setzte mir die Mutter sofort den neuen Hut auf. Ich fragte die Mutter: «Wann werde idi schon. zur Chupe gehen?» Die Mutter antwortete: «Schlaf nur nicht em, wie gestern, du warst ja nicht zu erwecken.» Darauf ich: «Heute werde ich bestimmt nicht vor der Chupe schlafen.» Doch um neun Uhr abends schlief ich wieder ein und man hatte Mühe, mich aufzuwecken. Ich ging mit Vater und Mutter zur Chupe. Als wir ins Zimmer der künftigen Schwiegereltern traten, sah ich dort Süssel, ein kleines Mädchen, mit dem ich mich vor acht Tagen am Sabbat» im Hause ihres Onkels geprügelt hatte, Seither war ich mit ihr böse. Dann wurde die Chupe aufgestellt. Man führte mich unter den Trauhimmel und nach einer Weile wurde auch Süssel hingeführt und neben mich hingestellt. Ich lief stracks fort und sagte: »Ich will nicht mit Süssel unter der Chupe stehen, ich bin mit ihr bös!» Die Mutter entgegnete; «Aber, Eisiki, das Ist doch deine Braut!» Darauf ich: «Ich will Süssel nicht zur Braut, gib mir eine andere Braut!» Und ich wollte um keinen Preis mit Süssel unter 4er Chupe stehen. Da legte sich der Vater ins Mittel und begann in seiner Art zornig auf mich einzureden, doch ich wollte auf keinen Fall mittun. Da sagte der Vater: «Ich lasse den Riemen von daheim holen und werde dich ordentlich ledern, wenn du nicht unter der Chupe stehen willst! Gebt mir doch ein paar Ruten, damit ich dem Herrn Bräutigam zeige, was sich gehört.» Nun begann Süssel: «Fein, fein, das ist dafür, weil er mich neulich bei den Haaren gerissen hat; und ich werde mit ihm nicht unter der Chupe stehen.» Nun begann das gleiche Spiel mit der Braut! Erst redete ihr ihre Mutter zu, dann drohte ihr ihr Vater mit dem Riemen. So verging ein gutes Stück Zeit, und die «Brautleute» wollten sich um keinen Preis unter die Chupe stellen. Die Gäste wollten schon fortgehen. Da brachte inan einen Besen und zog daraus einige

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