Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-12-18 · Heft 156 (18.12.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 156 (18.12.1930)
Date
1930-12-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053909--2080-3057483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Sefte 4 rot? sTm*rc Nr. 156 — 18. Dezember 1930 der späterhin sein Freund wurde. Als R, Nathan Adler im Jahre 1800 starb, hielt R. Pinchas ihm an seinem Grabe eine ergreifende Rede, die der Ausdruck der allgemeinen Stimmung war: tiefe Verehrung für den dahingeschiedenen Meister. Eine Gelegenheit, bei der R. Pinchas wiederum vor die Oeffentlichkeit treten und seine Meinung verfechten konnte, bot die deutsche Bibelübersetzung von Moses Mendelssohn. Er wandte sich nicht so sehr gegen die deutsche Ueber Setzung in ihrer Gesamtheit, wie gegen die willkürliche Auffassung eines Bibelverses (Leviticus 10. 17), die Mendelssohn auch in seiner Uebersetzung vertrat. Im Sommer 1782, am Vorabende des Neumondes Tamus, hielt R. Pinchas vor der versammelten Gemeinde eine Ermahmmgsrede, in der er mit flammenden Worten gegen die Mendelssohn-Bibel Stellung nahm und sie zu benützen verbot R. Pinchas stand immer ratend und helfend seine*- Gemeinde zur Seite. In den letzten Jahren des 18. und den ersten des 19. Jahrhunderts, in dieser für die Stadt Frankfurt so stürmischen Zeit, forderte R. Pinchas die Juden auf die städtischen Behörden nach Möglichkeit in ihrem harten Kampfe zu unterstützen und ihnen Geldmittel zur Verfügung zu stellen. So herrschte in Frankfurt das beste Einvernehmen zwischen den Behörden und der Judenheit, und für dieses gute Verhältnis gebührte besonderer Dank dem Oberrabbiner, der immer für Frieden und Eintracht sorgte In den letzten Jahren seines Lebens hatte R. Pinchas durch Krankheiten viel zu leiden. Dessenungeachtet oblag er weiter seinen Studien; seine Lage verschlimmerte sich jedoch und am 4. Tamus 5565 (1805) verschied er im Alter von 74 Jahren. Die Werke, die R. Pinchas verfaßte, zeugen von ausgezeichneter, tiefer Erkenntnis der jüdischen Lehre und von besonderer Geistesschärfe. Seine Schriften bilden vorwiegend fortlaufende Kommentare zum das Eherecht umfassenden Eben-Haeser, so zum Traktate Kethubot und Kidduschin. Dann sind uns noch 84 Rcsponsen unter dem Titel «Giwath Pinchas» erhalten geblieben, die verschiedene religiöse Fragen behandeln. Die schönste Frucht seines Thorastudiums bildet der Pentateuchkommentar «Panim Jafoth». In diesem Werke sind neben treffenden halachischen Bemerkungen zu den einzelnen Versen auch noch Glossen ugadischen Charakters enthalten, die die Thora auch vom kabbalistischen Standpunkte aus betrachten. — Rabbi Pinchas erscheint uns als ein milder, weiser und menschenfreundlicher Mann.. 33-Jahre lang wirkteer in vorbildlicher Weise in der Frankfurter Gemeinde zum Wohle seiner Mitmenschen. Er war ein wahrer, edler Jude, der als geistiger Führer unseres Volkes wohl die größte Bewunderung und Verehrung verdient. Blitzbilder aus Erez Israel •' Von Michael (Jerusalem). Ein verpaßter Beleg. . 5?r Simpson war höchst gewissenhaft. In seinem Bericht befaßte er sich nicht nur mit dem armen Fellachen, um ihn vor der jüdischen Zudringlichkeit zu schützen. Nein, sein Herz war allen Arabern aufgetan, die unter der lästigen Einwanderung so sehr leiden. So gibt er mitfühlend die Klage wieder, in Tel-Aviv, «der Vorstadt Jaffas», hätten die jüdischen Aerzte aus Europa sich so vermehrt, daß ihre arabischen Kollegen in Jaffa arbeitslos wären. «Denn das arabische Publikum hat keine Aversion, Juden zu konsultieren.» Anscheinend hat das Colonial Office diesen Wink übersehen, denn es wurde nur die Einwanderung jüdischer Arbeiter gesperrt und nicht auch die jüdischer Aerzte und anderer Intellektueller. Aber vielleicht kommt das noch nach. Merkwürdig nur, daß jene starke arabische Aversion, die Shaw und Simpson uns Juden so ankreiden, gerade bei den jüdischen Aerzten versagt. Starb da neulich Ehren-Muftis bester Freund und Pogromgehilfe, Scheich Shawadee aus Gaza. Er hatte sich eine Blutvergiftung zugezogen, und als das Ding schon schlimm stand, holte man den Arzt herbei, natürlich einen Konnationalen. Da winkte der Kranke zornig ab. Auch von Briten, Deutschen und sonstigen Christen wollte er nichts wissen. Er ließ sich den weiten Weg nach Jerusalem führen, ausgerechnet ins Spital Schaare Chesed, das ein bekannt-orthodoxer Jude leitet, gab sich dort vertrau ensvoll dem Messer des jüdischen Chirurgen und ließ sich, als schließlich die Transfusion nötig wurde, von einem dritten Juden Blut spenden. Leider kam all diese Hilfe zu spät. Der Fall passierte erst nach Simpsons ruhmreichem Abschied aus Erez. Schade, schade; was hätte er daraus gemacht! Schuster und Schlosser. Den Schustern geht’s schlecht, seitdem Bata, der Großfabrikant aus Zlin in Mähren, Palästina entdeckt hat. Seine Rieseninserate locken, seine Warenhäuser offerieren schöne und billige Ware, und das neugierige Publikum beißt an. Da scharten sich die Schuster, natürlich zuerst in initiativen Tel-Aviv, zur Abwehr zusammen und demonstrierten in öffentlichem Umzug für ihr täglich Brot und für heimische Erzeugung: «Tozereth Haarez». Prompt griff die Behörde ein, arretierte und strafte. Denn, was sich heute gegen den Stiefel aus der Tschechoslowakei kehrt, trifft morgen den heiligen Egoismus Großbritanniens: den Baumwollstmmpf aus Manchester, den Traktor aus Sheffield, Worcester-Sauce und Waterman-Tintc. Sir Simpson hat ja ohnedies in seinem allumfassenden fachmännischen Gutachten die palästinensische Industrie abgelghnt. Den Schustern geht’s gut, seitdem im Vorjalu das bewährte Schauspiel «Judenpogrom» zum drittenmal unter englischer Regie, mit verbesserter Besetzung. mit durch- und erschlagendem Erfolg aufgefiihrt wurde. Die guten Araber waren noch von der Türkenzeit her gewohnt, Ihre Fenster zu vergittern, teils zum Schutz nach innen, damit ihre Weiber sicher im Harem hocken bleiben, teils zum Schutz nach außen gegen Räuber und ähnliche landesübliche, damals noch apatriotische Unternehmungen Seither haben auch die Juden zugelernt. Wer es vom Mund absparen kann, schafft sich jetzt statt eines Grammophons oder sonstigen Kulturballastes eine moderne Befestigung an: dicke Eisen voi illen Fenstern und Luken, kugelfeste Panzer ah der Haustiirc und beim Dacheinstieg, auch wohl Geheimschlösser und Stahlkammern, um Gut und Blut zu bergen. Und auch die englischer» Mandatare, herzensfroh — ihre hadernden Schützlinge: Araber und Juden doch schon in einem Punkt, in der Ueberzeugung von der allgemeinen Unsicherheit, geeint zu sehen, tun desgleichen. Denn wer kann wissen, wen die tolle Meute schließlich anspringt! So starrt auch der neue Palast des High Commissioners schön und fest von eisernem Gitterwerk. Den Schustern gehfs schlecht und den Schlossern gut im Heil’gen Land. Ausgleichende Gerechtigkeit! Saloniki, das Zentrum der Sephardim Von Dr. Markus E h r e n p r e i s, Oberrabbiner in Stockholm. Saloniki —: schon den Naimen umgab durch Jahrhunderte innerhalb des Judentums ein Schimmer von Poesie. Das ehrwürdige Alter der jüdischen Gemeinde und ihre einzigartige Traditionstreüe machte sie zu einer Art Jerusalem des Exils, dessen Glanz lange Zeit hindurch nicht, verblich. Berühmt, war die Frömmigkeit wie die Gastfreundschaft dieser Gemeinde, die viele jüdische Flüchtlinge aus der ganzen jüdischen Diaspora anzog. Aber erst durch die Masseneinwanderung der sephardischen Juden aus der liberischen Halbinsel gegen Ende des 15. Jahrhunderts gewann diese Gemeinde ihre dominierende Stellung. Es versammelten sich in Saloniki gelehrte Rabbiner, Dichter und Großkaufleute; die ältesten hebräischen Buchdruckereien und Bibliotheken entstanden; und die spanisch-jüdische Kultur fand da eine gesicherte Pflegestätte. Die Salonikier Gemeinde betrachtete sich seither als das Zentrum der Sephardim, und der portugiesische jüdische Dichter Samuel Usque bezeichnet Saloniki damals als «Eine Mutter in Israel». Sultan Bajesid II., der den Vertriebenen die Einwanderung gestattet hatte, meinte: «Ferdinand der Katholische machte sein Land arm, um mein Land zu bereichern.» Saloniki ward das Zentrum einer wiedergeborenen jüdischen Tradition. So entfranko Kataloge jüdischer und hebräischer |j Neuaufnahmen 1931 1 Größtes Lager in Sprechmaschinen und | Radioapparaten mit direktem Netzanschluß Alle Tonfllmschlager lagernd Musikhaus I EXCELSIOR . n h . b e r, UfJfH * Richaid Herzog liiLII 11., pi«r«. a« * Tel. A*4MI'24 stand .etwas Einzigartiges: eine ausgeprägt jüdische Stadt in der Diaspora mit jüdischer Bevölkert mgsmajorität, mit einem in vollster Freiheit gepflegten Leben in jüdischer Tradition, das unberührt blieb vom Wechsel der Generationen. Nach dem zweiten Balkankriege sprach man von einer Umwandlung Salonikis in eine internationale jüdische Freisiadt unter dem Schutze der Mächte. Reisende erzählten mit Bewunderung vom Eigenleben der jüdischen Gemeinschaft in Saloniki. So bericht! t der norwegische Dichter Alexander L. Kielland: «Der Anblick dieser Abkömmlinge der alten Juden erklärte mir Josephus’ Geschichte, die ich halb mißtrauisch im Winter gelesen habe, ln den Juden . in Saloniki erkennt man wieder die ungezährnte Kraft, von welcher JosephUs erzählt: das Heldenvolk, das härteste, das die Römer zu besiegen hatten . . . Niemals habe ich sympathischere Mäntler gesehen als diese Juden in Saloniki, die am Sabbath-Morgen ift den Gassen oder außerhalb der Mauern spazieren, und niemals einen feineren Ausdruck in Gesichtern. Es lag darin Wohlwollen, mit Würde gepaart. Wäre ich Jude und wohnte im Norden Europas, ich würde jedes Jahr nach Saloniki reisen •vie in ein Bad. Ich würde meine Stämmesverwandtei. äufsuchen, ich zöge den zobelverbrämten Kaftan an und die hellen Unterkleider und die Freude über des auserwühlten Volkes Schönheit, soweit sie bewahrt werden und sich entwickeln konnte, würde meine Beine strecken und meinen Rücken aufrichten.» («Mennesker and Dyr, 1891.) Ais ich gegen Ende 1925 einige Tage in Saloniki weilte, erlebte ich etwas von der Stimmung, der Kielland 'beredten Ausdruck verlieh. Will man den Anblick der Stadt genießen, ist es am besten, sich außerhalb ihrer Mauern ein Plätzchen zu suchen; auf einem Fahrzeug draußen, im Meerbusen, erhält man einen herrlichen Rundblick über Salonikis pittoreskes, terrassenförmiges Panorama mit dem schneebedeckten Olymp im Hintergrund. Aber innerhalb der Mauern sieht man zunächst nur die altorientalische Stadt aus Abdul- Hamids Zeit mit den engen, krummen Gassen, den halbverfallenen Häusern, den kleinen türkischen Cafes, daneben moderne Warenhäuser mit dem gewohnten orientalischen Lärm und Wirrwarr. Inmitten dieser halbverfallenen und halbniedergebrannten Ruinenhaufen wächst mit erstaunlicher Schnelligkeit eine neue Stadt empor, mit breiten Boulevards, Kanalisation,, elektrischer Straßenbeleuchtung und mit einer durch den Bevölkerungswedhsel der letzten Jahre nahezu verdoppelten Einwohnerzahl. Diese unharmonische Mischung von Alt und Neu wirkt beunruhigend und ermüdend. Das jüdische Saloniki dagegen schenkt .düm Besucher erbauliche, 'eindrucksvolle Stunden. Es hat zwar viel von. seinen? alten. Glanze verloren. Wiederholte Kriege und vernichtende .Feuersbrünste haben an seinem Lebensnerv gezehrt. Doch jetzt steht es. kraftvoll und lebensstark, würdig der. großen Vergangenheit, auf die es züfückblickt. Man weiß wenig vom Schicksal dieser Siedlung aus dem ersten Jahrtausend gew. Zeitrechnung. Im Jahre 1170 fand der jüdische Weltreisende Benjamin von T Jdela in. Saloniki 500 Einwohner, die sich mit allerlei Handwerk beschäftigten, sie hatten ihren eigenen Vorsteher, der von der Regierung entlohnt wurde. Im 12. und!3. Jahrhundert gesellten sich zu der ursprünglichen Stammbevölkerung bedeutende Flüchtlingsgruppen aus Deutschland, Frankreich und Italien, die eigene Synagogen gründeten, benann* nach der Heimat der betreffenden Gruppe. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden die Juden mit der übrigen nichtiiiohämmedatiisclien Bevölkerung gleichgestellt. Das 15. und 16. Jahrhundert waren das goldene Zeitalter des jüdischen Saloniki. Tausende jüdischer Scheinchristen, sogenannte Marrannen aus Portugal, Spanien und Italien, suchten im freien Saloniki-Zuflucht, wo sie zu ihrem alten Glauben zurückkehrten. Sie brachten Bildung und Reichtum mit und gaben Impulse zu einem intellektuellen Aufschwünge. Rabbinische Studien b'ühten in den berühmten Hochschulen Salonikis. Die Rabbiner besaßen Macht und Autorität, sie hielten die Gemeinde in Zucht und Ordnung. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts fand Sabbatai Ze\yi, der sich als Messias ausgab, in den kabbalistischen Kreisen der Salonikier Gemeinde Tausende begeisterter Anhänger, deren Nachkommen eine Sekte von Kryptojuden bilden, die ln Saloniki leben und Dönmeh (Apostaten) genannt werden. Einige unter den Führern der jungtürkischen Bewegung, wie der Großvezir Taalat Pascha und der Finanzminister Dschawid Bey, gehörten dieser Sekte; an. Bis zum Weltkrieg konnte das jüdische Saloniki1 dank seiner numerischen Ueberlegenheit (85.000 Juden unter einer Gesamtbevölkerung von 135.000)! seine Sonderstellung aufröchterhälten. So konnte hier, mitten im türkischen Imperium, eine jüdische Atmosphäre geschaffen werden, die deni gesamten Stadtleben ihr Gepräge verlieh. An Sabbaten und Feiertagen- Reservieren Sie den Abend des t. Februar 193t für eine große Veranstaltung irrt Konzerthaussaale

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.