Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 155 (11.12.1930)
- Date
- 1930-12-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 155 — 11. Dezember 1980 DTR STIMM! Sette 7 Die Stimme der jüdischen Frau UtolatAaft an die „Wlmo“ von (frof. 3>t. CAalm Wetxmann Art die Weltorganisation Zionistischer Frauen, London. Der Wizo kann nach zehnjähriger Tätigkeit der Dank und die Anerkennung der zionistischen Bewegung für ihre Leistung ausgesprochen werden, denn sie hat eine Lücke im Programm des Aufbaues von Erez Israel füllen geholfen. Durch ihre Tätigkeit wurde die Er- Ziehung der Frau in Palästina zu einer wertvollen Mitarbeiterin ermöglicht. Die Wizo tut gut, auf ihrem Wege konsequent fortzufahren, denn ein weites Arbeitsfeld liegt noch vor ihr. Mehr und mehr erkennt der Jischuw und die Zionistische Organisation die Nützlichkeit dieser erzieherischen Tätigkeit an, die nicht nur die Frauen Palästinas, sondern in wachsendem Maße auch die Galuth erfaßt und Zehntausende bisher unbeteiligter jüdischer Frauen organisiert hat. Dies drückt sich in den Resolutionen des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation und des Administrative Committee der Jewish Agency aus, und es ist zu hoffen, daß die Frauen für ihre speziellen Arbeitsgebiete eine entsprechende Vertretung in den offiziellen Körperschaften erringen werden. Der Wizo ist ein organisches Wachstum und kontinuierliches Ansteigen ihrer Leistungsfähigkeit für diesen wichtigen Teil des Aufbaues von Erez Israel zu wünschen/ Chaim Weizmann. Aus unseren Anfängen Von Dr. Nadja Stein (Berlin). Wir entnehmen diesen Aufsatz dem soeben erschienenen Sammelwerke «Zehn Jahre Wizo», herausgegeben von Dr. Martha Hoffmann, Wien. 1920. Langsam beginnt man, nach den furchtbaren Schlägen des Krieges den Kopf wieder zu erheben und um sich zu sehen. Es geht viel vor in der jüdischen Welt. So wahnsinnig Grauenhaftes, aber gleichzeitig so tröstlich Erhebendes, wie es das Judentum seit langem nicht erlebt hat. Von Palästina herüber klingt begeisternd die Kunde von den heldenhaften Taten der allen Schwierigkeiten trotzenden einströmenden 'Pioniere. Gruppen von Chaluzlm- und Chaluzoth kommen durch die Hafenstädte. Jedesmal, wenn ein Dampfer unter dem hinreißenden Gesang der Hatikwah eine neue Schar enthusiastischer Palästinarekruten wegträgt, erneuert sich in den Abschiedwinkenden das heilige Gelöbnis, auch ihrerseits mit ihrem ganzen Sein und Können für das Werden von Erez Israel einzustehen. Palästina gewinnt eine Leuchtkraft, die jeden Juden bezwingt. Leider sind es nicht allzu viele, die sich von ihr. ganz erfüllen lassen. Es finden sich jedoch einige Frauen, die es nicht *uhen läßt, die, teilweise schon seit den Herzl-Tagen, um die Erlösungsformel wissen. Sie gehen als Pionierinnen zu den Lauen und Gleichgültigen, sie versuchen, die Unkundigen aufzuklären, sich selbst in jüdischen und palästinensischen Problemen zu orientieren und vor allem von Anfang an auch etwas Praktisches zur Förderung des Aufbaues zu unternehmen. So begint in Rumänien, wo ich damals weilte, wie In vielen anderen Ländern, sich der Kern der Frauenorganisation zu bilden, deren Lebenszweck Erez Israel heißt. Ein wenig mitleidig müssen wir heute die naive Art belächeln, in der dieser Frauenverband an praktische Palästinaarbeit heranging. Da ich damals in erster Linie für die Pläne verantwortlich war, die wir ausheckten, gilt das «Ankreiden» vor allem mir selber. Ich hatte mir die Frage vorgelegt, was eine alleinstehende Frau, die in das noch unwirtliche Land einwandert, zunächst benötigen würde, und hatte mir in der Ueberlegung einer europäischen Städterin gesagt, daß dies ein wohnliches, bescheidenen Mitteln angepaßtes Heim sei, nach genossenschaftlichen Grundsätzen geleitet, in das sie nach der Berufsarbeit des Abends zurückkehren könne, um Im Kreise von Gesinnungsfreundinnen auszuruhen und neue Kraft zu finden. Für dieses herrliche Projekt traf ich auf das vollste Verständnis meiner Vereinskolleginnen, und Dank der Hilfe von Frau Selma Margueritc Margulies konnten wir auch bald beglückt den ersten Schritt zur Verwirklichung verzeichnen: Sie erstand für uns ein Grundstück von vier Dunam, am Abhang des Karmel gelegen, und mit Feuereifer be- Zionistteches Landasfromitee für Oesterreich Donnerstag, den 11. d. Mts. 8 Uhr abends, im Helme der Zionistischen Mädchen vorelnlgung Mirjam, Wien, ]., Jordangasse 7 Vortragsabend Referenten: Dr.Z. F. Finkeistein,.Reiseeindrücke ans Polen“ Dr. Chain Tartakower „Pressereferat“ gannen wir nun, Geld fürden Bau des Heimes zu sammeln. An der Zweckmäßigkeit und Vortrefflichkeit unserer Unternehmung kamen uns nicht die geringsten Zweifel. Daß wir den Bauplan mit einem bekannten palästinensischen Architekten durchberaten hatten und so über die fachgemäße Ausführung des Werkes beruhigt sein konnten, erschien uns als das wichtigste. Zum Glück wurden wir noch rechtzeitig eines Besseren belehrt Für den Sommer 192! lud uns die Wizo ein, Vertreterinnen zu einer Weltkonferenz zionistischer Frauen zu entsenden, die sie in Karlsbad anläßlich des ersten Zioni* stenkongresses der Nachkriegszeit abhalten wollte. Wir wußten schon von den von London ausgehenden Bestrebungen zur Zusammenfassung der zionistischen Frauen aller Länder, standen schon in Korrespondenz und begrüßten mit Freuden die gebotene Gelegenheit, uns mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern zu treffen und uns über unsere Arbeitssorgen auszusprechen. Daß wir ernsten, sachlichen Rat und Führung finden und durch unseren Eintritt in den Weltverband uns in unserer Arbeit umzustellen haben würden, das ahnten wir nicht. Aber die Wizo verstand ihre Aufgabe. Ueberrascht und befriedigt erfuhren wir von der großen Vorarbeit, die von den Einheruferinnen der Konferenz, fast durchwegs englischen Zionistinnen, geleistet worden war. Plastisch traten uns zum erstenmal in sachkundigen Referaten, die von Augenzeugen (u. a. Frau Edith Eder) gehalten wurden, die Lage und die wahren Bedürfnisse der Chaluzoth entgegen, und die Begegnung mit Palästinenserinnen wurde uns zum Erlebnis. Nie wird der Eindruck verwischt werden, den damals die Persönlichkeit und die Mitteilungen von Chanah Meisel-Schochat auf uns machten. Nuti erst ging es uns auf, wie sehr uns sachgemäße Orientierung gemangelt hatte, was alles an Detailkenntnissen erforderlich war, bevor man an praktische Pläne für Palästina gehen konnte, und wie sehr wir auf die Zusammenarbeit mit anderen angewiesen waren, wenn wir das uns geschenkte Vertrauen nicht enttäuschen wollten. Ein genossenschaftliches Heim für arbeitende Frauen der Stadt hatten wir errichten wollen? Aber wo gab es damals schon Städte in Palästina, in denen alleinstehende Immigrantinnen berufstätig waren? Und gar Haifa mit seiner kleinen und wirtschaftlich unentwickelten Bevölkerung kam da gewiß in letzter Linie in Frage. Doch auch wenn dies anders gewesen wäre, unser Grundstück lag viel zu sehr außerhalb der Stadt, um für den beabsichtigten Zweck verwendet werden zu können. Wir wußten es nicht, daß die jungen Mädchen vor allem darauf angewiesen waren, die praktische Ausbildung nachzuholen: ihre haus- und landwirtschaftliche Schulung. Ein modernes hauswirtschaftliches Schulheim und eine Mädchenlehrfarm, diese beiden Dinge schilderte uns Chanah Melset-Schochat mit strömender Beredsamkeit als die wichtigster!, die wir als organisierte Zionistinnen aus der Fülle der sich stellenden Aufgaben in Angriff zu nehmen hätten* wenn wir an den Fundamenten des Aufbaues mitmauern wollten. Während wir zuhörten, rückten wir Punkt für Punkt von unserem uns lieb gewordenen eigenen Projekt ab, stimmten für das uns vorgesohlagene Programm der Wizo und versprachen, unser Kontingent für das Zustandekommen der praktischen Entwürfe zu übernehmen, da wir. die Durchführung der angenommenen Arbeitspläne bei der gewählten Exekutive in den besten Händen wußten. Als wir die historische Tagung von Karlsbad verließen, erfüllte uns ebenso wie unsere Schwesterorganisationen die Genugtuung, aus unfruchtbarer Isolierung befreit worden zu sein und von nun ab sachkundiger, kluger Wie sie zum Zionismus fanden Von Bianca Gronner. Neulich traf ich sie wieder, die von mir schwärmerisch verehrte Frau, als sie für wenige Tage in Wien wellte. Ich habe Frau Dlta einst, es ist schon viele Jahre her, kennengelernt, als ich mich vorübergehend in der Provinzstadt, in der sie lebt, aufhielt. Es war damals eine harte Zelt für mich; ich war allein und hilflos und fühlte mich grenzenlos einsam und verlassen In der fremden Stadt mit dem starken antisemitischen Einschlag, unter dem ich so viel zu leiden hatte. In solch einer kleinen Stadt guckt einer in des anderen Kochtopf, weiß einer um des anderen Angelegenheiten. So kannte ich Frau Dlta auch schon dem Namen nach, ehe ich ihr begegnet war, denn sie spielt eine Rolle In dem Nest, in dem sie lebt. Ich hatte es dort nur mit Nichtjuden zu tun, dazu meist mit solchen, die dem Judentum durchaus feindlich gesinnt waren; um so mehr wurde meine Neugier, nein, mein Interesse erregt, als ich über Frau Dlta, die Jüdin, von dieser Seite nur Gutes und Schönes hörte. Eines Tages suchte sie mich auf. Sie hätte erfahren, sagte sie, daß ich einen Menschen brauchte; sie wäre Jüdin und somit meine Schwester — ob sie mir helfen könne? Sie Ist sehr gut zu mir gewesen, ich war ihr dankbar und habe späterhin nie ganz den Kontakt mit ihr verloren. Frau Dlta hat etwas Eigentümliches, Seltsames an sich. Sie ist jung. Gut, es kommt oft vor, daß ein Mensch innerlich jung bleibt, und das ist etwas sehr Schönes. Allein bei Ihr kommt noch etwas anderes hinzu: sie ist es auch äußerlich. Sie hat erwachsene ‘ Kinder; doch niemand, der nicht weiß, wer sie ist, wird anders von ihr sprechen, als «das junge Mädchen», oder «jenes Fräulein, das dort sitzt». Das konnte ich schon oft bemerken. Einmal sah man mich irgendwo j mit ihr, und am nächsten Tage wurde ich gefragt: «Wer war denn das junge Mädchen, mit dem ich Sie gestern gesehen habe?» Ein andermal suchte sie mich auf und traf mich nicht zu Hause an. Als ich helmkam, richtete man mir aus: «Ein Fräulein hat Sie besucht.» Sie strömt ein Fluidum von Jugend aus, und ein Gespräch mit ihr bringt Erfrischung und Freude. Aber ich wollte Frau Dita eigentlich nicht beschreiben, sondern sie nur ein wenig vorstellen. Neulich war sie also in Wien und wir trafen uns in einem Kaffeehaus. Wir sprachen miteinander über alles mögliche, insbesondere über die Probleme des Judentums. In einer plötzlichen Gedankenverbindung fragte ich sie: «Wie kommt es eigentlich, daß Sie Zionistin sind?» «Ich beantworte eine Frage nicht gerne durch eine Gegenfrage», erwiderte sie, «in diesem Falle aber muß ich es tun. Wie kommt es, daß es Juden gibt, die keine Zionisten sind?» «Ich habe meine Frage natürlich ungeschickt gestellt», meinte ich, «ich wollte wissen, wie Sie zum Zionismus kamen. Zionismus Ist doch schließlich eine Weltanschauung, die einem nicht angefiogen kommt, zu der man sich durchringen muß». «Da haben Sie recht. Es war eigentlich eine seltsame Sache darum. Ich habe meine Jugend in einer kleinen Stadt verbracht, wo wir ausgeschlossen waren von der Gemeinde der anderen. Aus diesem Grunde wußte ich, daß ich Jüdin bin. Sonst — mein Gott, wir sind ohne den rechten Glauben aufgewachsen zu Hause. Ja, man hat zu Jom-Kippur gefastet und zu Pessach Mazzoth gegessen. Aber das war auch alles. Und selbst das tat man nur aus Pietät und ohne etwas dabei zu denken, als daß es unnütze Zeremonien wären. Ich muß gestehen, daß mir mein Judentum meist nur dann zum Bewußtsein kam, wenn ich mich seiner schämte. Wie beneidete ich die anderen! Wie brennend gern | hätte ich zu ihnen gehört 1 Eines Tages kam mir durch irgendeinen Zufall ein Buch in die Hand, — „Altneuland“ hieß es. Ich sah es nicht an, weil es mich nicht interessierte. An diesem Tage spürte ich wieder einmal so recht «die Schmach, eine Jüdin zu sein», als zu einem Ball der Honoratioren wir Juden nicht eingeladen wurden. Abends war ich zu Hause, ging frühzeitig zu Bett, konnte aber nicht einschlafen. Ich war ein junges Ding, Sie müssen verstehen, was das für mich bedeutet hat, dieser Ball, zu dem ich nicht gehen durfte. Ich wollte auf andere Ge-j danken kommen, meinen „Schmerz“ vergessen* Ais ich nach irgendeinem Buche suchte, kam mir wieder „Altneuland“ ln die Hand. Ich .blätterte darin, : plötzlich interessierte mich der Stoff und ich legte das Buch nicht aus der Hand, ehe ich es beendet hatte. Meine Eindrücke kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich war einfach eine andere geworden. Ich weiß nicht, ob ich es ein Erlebnis nennen kann — ein Erlebnis muß doch etwas Neues, Fremdartiges sein —, ich aber hatte das Gefühl, als wären all diese Dinge, über die ich, durch dieses Buch angeregt, zum ersten Male in meinem Leben nachdachte, einfache klare Selbstverständlichkeiten, die keinerlei Erklärung oder Erläuterung bedurften. Ich wunderte mich nur darüber, daß ich das alles nicht schon längst gewußt hatte—Am nächsten Morgen bin ich als Zionistin aufgewacht, und seither habe ich mich redlich bemüht, für unsere Sache zu kämpfen. Das ist alles.» «Und Ihre Geschwister? Konnten Sie sie bald überzeugen?» fragte ich Frau Dlta. «Oh nein, das war nicht so einfach. Am schwersten war meine älteste Schwester zu gewinnen, diese, die jetzt in Palästina lebt. Elly ist blond, hat blaue Augen und sieht durchaus arisch aus. Sie war die einzige von uns, die unter dem Antisemitismus nicht zu leiden hatte. Sie hat auch mit den anderen verkehrt und es kaum zu fühlen bekommen, daß sie Jüdin Ist. Die meisten i haben es vielleicht gar nicht gewußt. „Ich bin Oenter- -"■ —,1,1 ,, 11 lhh””1 „ ■" 1 .■■ rr.rrr7—■:■■■y —1 ■■m im», Schttizi das Aufbauwerk, Häuf ei den Sckekel?