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Die Stimme · 1930-12-11 · Heft 155 (11.12.1930) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 155 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Bit STTMMt Mr. 155 — 11. PezemHr 1330 Quo vadis Schalom Asch? Schalom Asch wellt seit Monaten in Wien, und in diese Zeit fiel gerade die Feier seines fünfzigsten Geburtstages. Man würde nun meinen, daß ein jüdischer Dichter, dessen Aufstieg zu europäischer Berühmtheit in der jüdischen Gasse begann, gerade in den Festtagen seines Lebens das Bedürfnis haben sollte, zu seinem Volk zu kommen, um bei ihm, das ja der eigentliche und einzige Träger seiner Dichtergröße ist, Dank. Anerkennung und neue Anregungen zu suchen. Doch weit gefehlt! Asch läßt sich in Wien von aller Welt Weihrauch streuen, nur die Wiener Juden scheint er zu übersehen. Die Feier des P. E. N.-Clubs in allen Ehren, wenn sie auch einen allzu marktschreierischen Stempel der Reklame für den Zsolnay-Verlag trägt, aber wo bleibt sein Zusammenhang mit den jüdischen Massen, die doch gewiß ein Anrecht darauf haben, Ihren Dichter von Angesicht zu Angesicht zu sehen und von ihm persönlich Worte der Ermutigung zu hören? Ist das am Ende die Angstpsychose eines verwöhnten Dichters, der plötzlich vom europäischen Ruhm umstrahlt wird, oder gar ein Ausfluß des Ghettohaften, das der jüdische Dichter auch in der großen Welt nicht abzustreifen vermag? Der Dichter Asch hatte genügend oft Gelegenheit, mit den Juden Wiens in Berührung zu kommen. Da fand vor einigen Wochen eine imposante Protestkundgebung gegen das englische Weißbuch statt Asch wurde offiziell eingeladen, an die nationalbewußten Juden Wiens persönlich einige Worte zu richten. Was geschah nun? Unter allerlei Ausflüchten zog sich der Dichter aus der Affäre und begnügte sich mit der Geste eines Briefes . . . Man dachte, es könnte doch nur ein Zufall sein, es wäre doch unmöglich, daß ein jüdischer Volksdichter den unmittelbaren Kontakt mit den jüdischen Volksmassen melde. Nun bot man ihm eine zweite Gelegenheit: das Zionistische Landeskomitee, die in der Poale Zion organisierte jüdische Arbeiterschaft, die Hitachduth und einige andere jüdische Organisationen beschlossen, eine großzügige Feier zu Ehren Asch’ zu veranstalten. Man lud selbstverständlich den Dichter ein, der seine Teilnahme an dieser Feier in Aussicht stellte, diese Zusage aber bald nachher durch die Vermittlung eines Faktotums widerrief. Was ist denn geschehen? Verzichtet am Ende Schalom Asch auf die Huldigung jüdischer Massen? Genügt ihm die geschäftliche Reklame des Zsolnay-Verlages? Es ist gewiß kein Zeichen wahrer Größe, wenn man seine Herkunft zu verbergen versucht. Das jüdische Volk hob seinen Dichter zum Ruhme empor, auf dieses hat er sich stets gestützt, und aus diesem schöpft er den Inhalt seines Künstlertums. Und nun hat der Mohr seine Schuldigkeit getan 1 Wie anders handeln Blalik und Tschetaichowskl, und wie anders benimmt sich ein Thomas Mann seinem deutschen Volke gegenüber. Es scheint, daß ein großer Dichter nicht immer ein großer Mensch ist. Wenn dieses Verhalten Asch’ nur auf Einflüsterungen kleinlicher jüdischer Skribenten in Wien ziirückzuführen ist, die sich im Ruhme des Titanen zu sonnen versuchen, so ist dies um so bedauerlicher. Die jüdischen Massen haben dem Dichter Asch immer Treue bewahrt; ob aber die europäische Konjunktur eines interessanten Romanschriftstellers lange dauern wird, ist recht fraglich. Die jüdische Oeffentlichkeit der ganzen Welt soll jedenfalls auf diese merkwürdige Handlungsweise Schalom Asch’ nachdrücklichst aufmerksam gemacht werden. Milch als Lebensretter. Bisher war es wohl bekannt, daß Milch gesundheitsfördernd ist, aber daß Milch febensrettend wirken kann, war uns unbekannt Vor kurzem ereignete sich ein interessanter Fall. Ein Familienvater erkrankte an einem schweren Leiden. Die Aerzte bemühten sich mit Arzneien vergeblich um ihn. Er magerte stark ab. Entmutigt verweigerte der Kranke jede Arznei und Nahrungsaufnahme, nur Milch trank er und siehe da, was den Arzneien nicht gelang, vollbrachte die billige Milch. Natürlich war das tiefgekühlte, dauerpasteurisierte Vollmilch der bekannten MiJchversorgungsanataJt Johann Klein in Wien, XVII., Leopold Emstgaaae 5—9, die Infolge Ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen allen Anforderungen gewachsen ist. Als wahre Wohltat muß man es ansehen, daß diese gesundheitsfördernd« Qualltätamilch in 000 Verkaufsstellen der Kleln’schen Milchversorgungsanstalt zu haben ist. GroBfleiscMtauerel SIEGM. KORNMEHL Ztwtrale »X, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u. A 16*9-34 Lieferant für Heilanstalten Abj9jluriBenlü^J23Ü2i2S!l unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kuitusgemelnde Wien Auiosutieiiunp kevlenKw IX, Barwgaaet XVUI. Wihrlnorerstrsös 97 Die Verhandlungen mit der britischen Regierung Wiederaufnahme der Beratungen zwischen Regierung und Jewish Agency L o n d o n, 2. Dezember. (J. T. A.) Die schriftliche Antwort der englischen Regierung auf die Ausführungen Dr. Welzmanns ln der zweiten Sitzung der Verstftndigungskommlsslon Ist, wie verlautet, der Jewish Agency zngegangen. Laut «Daily Herald» sollen die Beratungen zwischen den Vertretern der Regierung und der Jewish Agency am Montag wieder aufgenontmen worden sein. In zionistischen Kreisen erwartet man, daß sich die Regierung zu gewissen Konzessionen bereit zeigen werde, hält es jedoch für notwendig, daß die jüdischen Vertreter im Hinblick auf die gemachten Erfahrungen )n den Verhandlungen größte Vorsicht walten lassen und sich keineswegs mit zweideutigen Versicherungen zufrieden geben. Wa&d Lenmi über die Verhandlungen Jerusalem, 3. Dezember. (J. T. A.) Der Waad Lenmi hat ln eine/ Sitzung zu den Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency Stellung ge- Klnstleratend zugunsten der Schflleransspelsung an der Talmud-Thora-Volks- und Hauptschule, Wien, 14 Malzgasse 16 Sonntag, dem ersten Tag Chanukkah, den 14. Dezember, 8 Uhr abends im Festsaale des Hotel Continental, 14 Taborstraße 4 Erstklassige Kräfte. Sichern Sie sich rechtzeitig eine Karte von S 10*— bis 8 t*— in allen jüdischen Buchhandlungen und im Sekretariat, Wien, 14 Leopoldsgasse 27, Telephon Nr. R-4&4-94 Hilfe für die russischen Juden In einem Bulletin der Federation of Jewish Relief Organisations finden wir einen erschütternden Aufruf des Herrn Dr. D. Jocheimann, der kürzlich aus Rußland zurückgekehrt ist, wo er die Lage der Juden studiert hatte, ln dem Aufrufe heißt es u. a.: «Ein Meer des Jammers hat sich meinen Augen offenbart, ein einziger Aufschrei gellte meinen Ohren entgegen: Hilfe! Ich kann mich noch heute nicht befreien von dem drückenden Eindruck, den die leidensvollen Gestalten des russischen Judentums, diese bleichen, fahlen Gesichter, diese hageren, ausgehungerten Körper auf I mich ausübten und sich in mir zur Unvergeßlichkeit verankerten. Es Ist nur ein einziges Sehnen, das diese Un- 1 glücklichen erfüllt: nur irgend eine Nahrung zu bekommen, um sich soweit erhalten zu können, daß die Kräfte zum Fortvegetieren ausreichen. Und nachher — welche Arbeit, welche Beschäftigung auch immer, um einen Hoffnungsstrahl auf die weitere Existenz winken zu sehen. Denn die ökonomische Lage in Rußland hat sich namentlich in der letzten Zeit zum Schlechteren gewendet. Ein immenser Mangel an Nahrungsmitteln macht sich besonders stark fühlbar; und dort, wo doch irgend ein solches erhältlich ist, kann es lediglich durch unerschwingliche Beträge erworben werden. Hierzu kommt noch der gleichfalls grausame Mangel an Kleidungsstücken, insbesondere an Schuhwerk — und zu alledem steht der strenge russische Winter vor den Toren und droht diesen Zustand ins Unendliche zu erschweren. Am meisten werden unter diesen Qualen die «deklassierten» Juden leiden, die Verstoßenen und Unproduktiven, denn diese sind arbeit* und nahrungslos. Es gilt nun. alle Mittel anzuwenden, um Hilfe zu schaffen. Im Verlaufe der letzten zehn Jahre hat die Federation of Jewish Relief Organisations, wie ich mich persönlich davon habe überzeugen können, Großartiges zur Linderung dieser Not geleistet Aber immer größer und größer türmt sich vor uns das Leid unserer Brüder auf. und das heißt: unsere Anstrengungen dementsprechend zu vervielfachen.» Warburg für die Ansted 1 ung der Fellachen in Transjordanien Bei dem Massenmeeting der New Yorker Juden am 2. November d. J., an dem 50-000 Juden teitnahmen, sprach auch Felix M. Warburg über Transjordanien. Er führte aus, daß Transjordanien fast menschenleer aei, fruchtbaren Boden habe und den Bodenkauf durch Juden nicht zulasse, obwohl es auch von Sir John Chancellor verwaltet werde, und fuhr fort: «Wenn die Mandatsmacht meint, daß sie etwas für die Fellachen tun müsse, dann «oft sie darüber nachdenken, ob sie nicht für dasselbe Geld besseren und mehr Boden in Transjordanien erwerben kann, wo sie die «landlosen» palästinensischen Araber ansiedeln könnte. Es ist ungerecht, diese Idee der Verpflanzung der Araber nach Transjordanien nommen. Colonel Kisch erstattete einen Bericht Übet die politischen Vorfälle in London im Laufe des verflossenen Monats. Er erklärte Im Verlauf der Verhandlungen der Regierung mit der Jewish Agency, zum Zwecke der Erzielung eines Ueberelnkommens sei die Politik des Weißbuches nicht diskutiert worden. Die Nachricht, daß Felix M. Warburg dafür eingetreten sei, daß das Weißbuch zur Grundlage der Verhandlungen gemacht werde, sei unrichtig. Die Tatsache scheint paradox, daß Weizmanns politische Führung niemals so kraftvoll gewesen sei wje ln der Zelt seiner Demission. Die Jewish Agency habe im Verlaufe der Verhandlungen eingesehen, daß die Regierung nicht ln der Lage sei, ihr Dokument zurückzuziehen, versuche aber trotzdem, die Regierung von der Unvereinbarkeit der Bestimmungen des Weißbuches mit dem Mandat zu überzeugen. Kisch richtete an den Waad Leumi den Appell, sich geschlossen hinter Welzmann zu stellen, wie es dessen alter Gegner, Julian W. Mack, gefordert habe. Ueber die Tagung des Actlons-Comitees berichteten Dizengoff, Remez und Professor Mossinson. Da die erwartete Antwort der Regierung auf die Ausführungen Weizmanns in der Verständigungskonferenz bis zum Schlüsse der Sitzung nicht eingetroffen war, wurde einstimmig beschlossen, daß der Präsident des Waad Leumi, Pinchas Ruthenberg, sich nach London begeben solle, um so bald als möglich an den Verhandlungen der Jewish Agency und der englischen Regierung teilzunehmen. Ruthenberg zeigte sich nur mit Widerstreben und unter der Voraussetzung, daß die Antwort der Regierung günstig ausfällt und die amerikanischen Delegierten, Prof. Frankfurter und Flexner, ebenfalls nach London kommen, hierzu bereit. Die Stellungnahme der Mitglieder des Waad Leumi zur Verständigungskonferenz war geteilt. Während die allgemeinen Zionisten, der Misrachi und die Vertreter der Kolonisten sich gegen Verhandlungen aussprachen, solange das Weißbuch in Kraft sei, setzten sich die Vertreter der Arbeiterpartei nachdrücklich für die Entsendung Ruthenbergs ein. Nach der Erklärung Ruthenbergs, daß er bereit sei, nach London zu fahren, verließen die Vertreter der Revisionisten demonstrativ die Sitzung. als Vertreibung zu bezeichnen, denn Transjordanien ist ein arabisches Land, von Palästina nur durch den Jordan getrennt. Die Halsstarrigkeit, mit der man das leere Land östlich des Jordans übersieht, ist unsinnig.» Die ahnungslosen Amerikaner Io New York gibt es bereits einen deutschen Hakenkreuzterverein. «The Jewish Tribüne» macht sich darüber lustig, erzählt, daß die Hitlerianer in einem Keller hausen. IBier trinken und deutsche Lieder singen. «Sie sollen nur singen», sagt der Redakteur, und er meint, die Hitlerianer würden mit ihren Haßgesängen schon aufhören, wenn sie das amerikanische Wesen erst begriffen haben würden. Es zeigt sich immer mehr, daß die amerikanischen Juden noch in der Ideologie unserer «Israeliten» aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts befangen sind, die da meinten, durch Stiftungen für alle möglichen Zwecke «ohne Unterschied der Konfession» für das Judentum etwas geleistet zu haben, was sie dazu berechtigt, sich von aktiver jüdischer Betätigung zurückzuziehen. Die Sturmzeichen mehren sich im «freien Amerika» und die amerikanischen Juden werden gut daran tun, auf der Hut zu sein. Einstein auf der Fahrt nach Amerika Bedeutsame Aeußentngen des Gelehrten Antwerpen« 4. Dezember. (J. T. A.) Professor Albe*' Einstein, der «ich nach Pasadena, Kalifornien, begibt, um am Mount Wilson-Observatorium Forschungen anzustellen und an der Technischen Hochschule dort Vorlesungen zu halten, empfing an Bord des Dampfen «Belgenland» den Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur und äußerte sich ihm gegenüber über eine Reihe aktuell-jüdischer Fragen. Die heutigen heftigen Formern des Antisemitismus iu Deutschland, sagte Einstein, sind eine Folge der verschärften Wirtschaftsnot. In normalen Zeiten hält sich der Antisemitismus innerhalb der Grenzen, die ihm durch ein wohlgeordnetes Staatswesen gezogen sind. Augenblicklich aber bedeutet der Antisemitismus eine ernste Gefahr. Er wird wieder mildere Formen annehmen, wenn die wirtschaftliche Lage sich gebessert haben wird. Palästinas Ein- und Auswanderung Im Oktober. Im Laufe des Monats Oktober sind 217 Juden, 136 Christen und 19 Mohammedaner nach Palästina eingewandert Die Einwanderungsgesuche von 23 Personen wurden abgewiesen. 101 Juden, 123 Christen und 25 Mohammedaner haben im Oktober Palästina verlassen. Sichert euch das Wahlrecht zum Kongreß, kaufet den Schekel!

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