Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 155 (11.12.1930)
- Date
- 1930-12-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 155 — 11. Dezember 1930 DIE STIMME Sette 5 lysiert, wie an jenem traurigen Winterfreitag. Die Distanz hat nur wenig Milderung gebracht und wird sie niemals völlig bringen, so lange noch Menschen leben werden, die das Glück hatten, in sein Antlitz zu schauen, seine Stimme zu hören und seine Güte zu fühlen. All die furchtbaren Schicksalsschläge, die uns in den letzten Jahren trafen, all die tragischen Geschehnisse vermochten das Gefühl jenes unsagbaren Schmerzes nicht in den Hintergrund zu drängen. Es ist uns womöglich nur noch stärker zum Bewußtsein gekommen, wie sehr uns Z. P. Chajes, wie sehr uns gerade jetzt seine mut- und trostspendende Führerschaft fehlt. In den Tagen, da wir noch ganz vom Schmerz gebeugt waren, fanden große Männer unseres Volkes die Kraft, über Chajes zu sprechen, versuchten sie es, aus ihrer, aus unserer Trauer heraus, seine ins Ueberdlmensionale ragende Persönlichkeit zu zeichnen. Einen «Zaddik» nannte ihn Sokolow, und das schien beinahe das erlösende Wort für ihn. «Ein Mensch voll Güte und Gerechtigkeit, ein guter Mensch im Shakespeareschen Sinne.» Es kamen andere und sagten: «Ein Charakter aus Stahl und ein unschuldiges Kind zugleich.» «Stolz und anspruchlos bis zur Demut.» «Ein Großer und ein Kind unter Kindern.» Doch Chajes war mehr, viel mehr als nur das. Er war das, was ganz zu fassen wir im Grunde genommen gar nicht fähig waren; hätten wir das vermocht, es lebte ein Teil seiner Größe in uns. Diese hehre Gestalt wirkte unter uns, ohne daß wir ihr auch nur teilweise gerecht werden konnten. Nicht in dem Sinne der mangelnden Anerkennung, der unrichtigen Einschätzung seiner Persönlichkeit — wir ahnten ja immer seine Größe, und so erwuchs unsere große Verehrung und Liebe zu ihm — als vielmehr und vor allem in dem Sinne unserer eigenen Unfähigkeit, solch absolute Schönheit, in einem einzigen Menschen konzentriert, zu erfassen. Wir konnten ihm in dem Sinne nicht gerecht werden, daß wir unfähig waren, seine Schlichtheit, die grenzenlose Güte seines Wesens, seine Selbstverständlichkeit und Interessiertheit allem Lebendigen und allen Menschen gegenüber, ganz zu verstehen. Darin waren wir unverständig. So lange er lebte, haben wir ihn mit unseren Augen gesehen und wir hatten ganz vergessen, daß unser Sehnerv durch die Nähe seines Lichtes, ja eben durch die Mildheit dieses Lichtes — so paradox dies klingen mag — stark geminderte Kraft besaß. So waren wir ihm als Lebendem nie gerecht, konnten es nicht sein. Erst nach seinem Tode erlangten wir mit entsetzlicher Klarheit diese Fähigkeit. Wenn es eine historische.Wahrheit gibt, daß große Epochen auch große Menschen, Individualitäten hervorbringen, so gilt dieser Maßstab wohl auch für die meisten führenden Persönlichkeiten sowohl innerhalb als auch außerhalb des Judentums. Für Chajes, für die Größe dieser Prophetengestalt, für diese über Raum und Zeit hinausragende Persönlichkeit, gilt der absolute Maßstab. Denn Chajes war kein Produkt unserer Zeit. Er war das Idealbild, das wir uns aus unserer eigenen Vergangenheit herübergerettet und das uns — durch seine lebendige Verkörperung eben dieses Idealbildes — auch an diese unsere Vergangenheit, als an eine große, starke Wirklichkeit, die nur temporär nicht existiert, glauben ließ. Chajes war diese Wirklichkeit aus unserem Gestern, aus längst verklungenen schönen Tagen. Er zeigte uns, wie wir gestern waren und wie wir morgen sein sollen, er zeigte uns unsere eigene Schönheit von gestern, und indem er sie so gegenwärtig verkörperte, Heß er uns das Morgen ahnen und machte uns daran glauben. So konnte einmal der Jude gewesen sein, will sagen, als Personifikation der Idee vom jüdischen Menschen. Alle Schönheit, alle Güte, alles Schöpfer rische, alle Kraft, Geist, Stolz, Würde und Liebe eines großen, alten, auf eigener Scholle lebenden, im eiger nen Lande wirkenden und schaffenden Volkes, all dies, zu einem einzigen lebendigen Gemälde zusamraengegossen, hieß — Chajes. Wenn man Chajes sah, in sein Antlitz schaute, strahlte uns dieser Stolz entgegen, fühlten .wir die Kraft, strömte uns die Liebe entgegen, ’ mit jener schlichten Natürlichkeit, wie sie nur ihm eigen. Er war nicht von dieser Zeit. Wir sind ein kleines, schwaches Geschlecht. Wir sind müde, und wo wir dies nicht sind «tüchtig». Heroisches steht tief im Kurs. Chajes hatte nicht ein Körnchen von dieser seelischen Armut. Kauft eure Geschenke im aus der Geschenke I Wien VI, Marlahlifersir. 63 Elnheltspreisablellung: 90 g, S 1.— Und dennoch lebte er unmittelbar mit dem Heute, nahm er mit brennendstem Interesse an allem teil, was von geistiger und künstlerischer Bedeutung war. Es gab kein Gebiet menschlichen Wissens, keine Bewegung künstlerischer oder wissenschaftlicher Art, die nicht sein Interesse gefunden hätte, da er nicht mit einer ans Wunderbare grenzenden Präzision und einer beispiellosen Leichtigkeit uns belehren konnte. Und dies alles immer nur mit dem einzigen Gedanken und Ziel, all das Schöne und Große der Verschönerung und Vergrößerung seines Volkes dienstbar zu machen. Dieser Gedanke füllte seine große Persönlichkeit ganz aus. Der Idee seines Volkes diente er mit jeder Faser seines Lebens. Und so war ihm jede auch noch so kleine Alltagsarbeit ungeheuer wichtig, er tat sie mit der gleichen Intensität, mit dem gleichen Ernst, mit welchem er an höhere Aufgaben herantrat. Alle waren ihm gleich heilig, gleich wichtig. Die Sorge um die Ausspeisung in den Volksküchen für die Aermsten lag ihm stets besonders am Herzen. Eine Besprechung in einer zionistischen Angelegenheit, die Teilnahme an der Ausschußsitzung einer Wohlfahrtsinstitution waren ihm nicht minder wichtig als die Erfüllung einer Repräsentationspflicht; die Abhaltung einer Vorlesung vor Schülern und Studenten lag ihm nicht weniger am Herzen, als eine Stunde wissenschaftlicher Arbeit in der Stille seiner Getehrtenstube. Kleine, seelenarme Menschen mochten manchmal, wenn auch nur zaghaft, glauben, daß für manche dieser «Kleinarbeiten» vielleicht auch andere erprobte Kräfte zur Verfügung stünden. Es mochte vielen von uns «schade» sein um den Verbrauch solcher Kräfte für etwas, was auch andere hätten tun können. Aber eben darin zeigt sich unsere Kleinheit. Denn für den Großen ist alles gleich groß. Für Chajes war jede Arbeit ein Glied in der Kette: Mensch sein, Helfer, D i e n e r a m G e i s t e, a n seinem Volke. Nur ein einziges war da, dem er mehr Aufmerksamkeit schenkte, das er vor allem anderen bevorzugte: das waren die Kinder. Diesen und der Jugend, in derer die Zukunft des Volkes sah, gehörte seine ganz große Liebe. Wenn der Wert eines Menschen, Sei räeumatildjen @imer$eit, -«■>* \uelj, <Scf)tTtetäen in ben ©elenfeti uttb ©liebem Mitten So (jaLStabletten gan$ tjerbprragenb. Slbiotut unfcfjäbtttf). ©in Sertitcf) überzeugt! — Sn aßen SCpotfjefen. — © 2.40 seine Seelengröße, in dem Grade seiner Liebe zu den Kindern, zur Jugend, seinen Maßstab findet, so war er der Wertvollsten einer; er selbst pflegte übrigens bei Beurteilung von Menschen diesen Maßstab anzulegen. .' Auf ciie Frage: «Was ist Zionismus?» antwortete lins Nachum Sokolow: «Herzl ist Zionismus, Chajes ist Zionismus.» Chajes war unser Morgen, unsere Zukunft. Die Zukunft, die neu erstehen soll, wenn unser großes Sehnen in Erfüllung gegangen sein wird. Und Chajes glaubte an diese unsere Zukunft; das schönste daran war vielleicht, daß ihm dieser Glaube so jeicht fiel. Er war von diesem Glauben so ausgefüllt, daß auch Skeptiker, die in seine Nähe kamen, wenn vielleicht nicht sofort an das gleiche wie er, so vor allem an ihn und durch ihn an das Große überhaupt zu glauben begannen. Er war kein Bekehrer, kein Ueberzeuger mit Argumenten aus der begrifflichen Welt. Er selbst war dieses Argument; seine Liebe, die er mit größter Wärme auf alles Lebendige, auf jeden, dem er begegnete, ausströmeh ließ — seine Ueberzeugungsmacht. Er begeisterte und zog in seinen Bann, nicht durch hinreißende Beredsamkeit, sondern einzig und allein durch die Kraft seines Wesens, durch die Selbstverständlichkeit, Einfachheit und Schlichtheit seines Seins, durch das undefinierbare Etwas, , das seiner Persönlichkeit eigen war . und das sich uns durch ein seltsam starkes Fluidum mitteilte. ' Upd so lebt Prof. Chajes in unserer Erinnerung weiter fort. Antisemitische Unruhen in Braiia Bukarest, 3. Dezember. (J. T. A.) Die große Bukarester Tageszeitung «Dimineatza» teilt mit: Während der in Braiia abgehaltene Kongreß der christlich-rumänischen Studenten zunächst ruhig verlief, ereigneten sich nach Schluß des Kongresses in Galatz, wo sich mehrere Kongreßteilnehmer ansa'mmelten, bedenkliche Unruhen. Eine Gruppe von etwa 600 Studenten zog in Gruppen durch die Straßen, sammelte sich dann vor dem Lokal der Zionistischen Organisation, veranstaltete dort eine lärmende Kundgebung und stieß feindliche: Rufe gegen die Juden aus. Unter den jüdischen Bürgern von Galatz entstand ejne Panik, bald waren die Straßen von Passanten leer und die jüdischen Kaufleute schlossen eiligst ihre Läden. Die antisemitischen Studenten schlugen mit Steinen und Stöcken die Fensterscheiben in jüdischen Läden ein und richteten namentlich in den Läden von Großmann, ffeilparn und Brociner Verheerungen an. Der Kaufmann Bro- Das bekannte Seidenbaus Breit, I., Herrengasse 2 (Ecke Micbaelerplatz), bietet allen Gesinnungsgenossen anläßlich Chanukkab-Feier gegen Vorweisung eines Scheckeis 5 Prozent Rabatt, bei jedem Einkauf. Mengenabgabe Vorbehalten. Versäumen Sie nicht die Chanukkah-Okkasion. Autobuslinien 111, 4, 6, 9. I einer wurde auch persönlich belästigt imd bedroht, so daß er nur durch eilige Flucht schweren Mißhandlungen entgehen konnte. Nunmehr schritt die Polizei ein und verhaftete einige Studenten. Schließlich wurde die Ruhe in Galatz wieder hergestellt. Heute wiederholten sich die Studentenunruhen in Galatz und dehnten sich auf den Kongreßort Braiia selbst aus. Die Studenten schlugen einen Chauffeur, weil er sie nicht umsonst fahren wollte, mißhandelten Beamte der Schiffahrt, die wegen zu starker Belastung der Schiffe einige Studenten auf der Dnjestr-Fahrt nicht mitnehmen wollten. Der Staatsanwalt Cizer, der von antisemtischen Studenten belästigt wurde, ergriff einen der Studenten und übergab ihn dem Gerichte, wo der Fall auch gleich zur Aburteilung kam. Der Student wurde zu 1000 Lei Geldstrafe verurteilt. Am Abend versuchten die Studenten in Braiia, jüdische Läden zu demolieren. Sie begannen zunächst ihr Werk in der Strada Regala, aber bevor sie noch größere Zerstörungen anrichten konnten, schritt die Polizei energisch ein und konnte dem Zerstörungswerk Halt gebieten. Weihnachten der Tahakregie 13 Die Tabakregic bringt zu Weihnachten vor allem fiir jene Zigarrenraucher, welche die verwöhntesten Ansprüche stellen, eine neuartige Einführung. Bei sechs neuen Zigarrensorten. werden neben der laufenden Erzeugung noch ausgesuchte Zigarren — „Auslese“ — kn Tarife geführt, die um einige Groschen teurer sind. Die „Auslese“-Zigarren führen den gleichen Namen und haben die gleiche Qualität und gleiche Fasson wie die laufende Ware, präsentieren sich jedoch auffallend schön durch das in Farbe, Glanz, Struktur und Spannfähigkeit besonders sorgfältig ausgewählte Deckblatt. Diese Neuerung wurde auch bei den schon im Tarife befindlichen Begalia-Media-Zigarren eingeführt. Die „Auslese“-Zigarren werden nur in beschränkter Menge erzeugt und bis auf weiteres nur in den TabakspeziaMtätengeschäften ausgegeben. Oie. Sorten Regalia Favorita, Operas espezial und Regalitas werden in den Ausverkauf gesetzt. An Stelle der bereits aus verkauftem Aromaticos tritt, ihr an Qualität gleich, die Tivoli (42 g, Auslese 50 g), ein sehr leichter Havanna- Java-Typ. Die Regalia Favorita wird ersetzt durch die in Qualität ebenfalls gleiche, jedoch vergrößerte und modern fassonierte Herz- Dame, ein sehr feiner Havannatyp (48 g, Auslese 56 g). Den. Liebhabern gehaltvollerer Sorten dient die Tabakregie mit drei neuen Zigarren des kräftigen Havanna-Brasil-Typs, der bisher im Tarife nicht vertreten war: die Ravag (46 g, Auslese 54 g) a.n Stelle der Regalita© (Havanna typ), die Rosenburg (48 g, Auslese 56 g) an Stelle der Operas especial (Havamnatyp), beide in der charakteristischen Form ihrer. Vorgänger, doch erheblich größer, und die Kobenzl (34 g, Auslese 40 g), der einst sehr beliebten Prensados in Fasson, Größe und Qualität gleich, ein Gegenstück zum leichten Havannatyp der Regalia Media. Den Virginierrauchern bringt die Tabakregie unter dem Namen „Nobel-Virginier*4 ein© neue Virginierzigarre (24 g, Auslese 28 g) als Ersatz für die einst nur wenigen begünstigtem Rauchern erreichbare Kaiservirginier, in QuaKtät, Machart und Eleganz der Aufmachung ihr aber weit überlegen; als Mundstück wird Trinkhalmstroh verwendet, das Strohhalmende ist beim Mundstück rot gefärbt, die Form ist gerade, das Deckblatt hat schönen Glanz. Für die Liebhaber hochfeiner, gehaltvoller und würziger Zigaretten bringt die Tabakregie — neben der herben Heliane — zwei neu aparte Sorten, die prickelnde Belvedere zu 14 g und die süße Gloriette zu 12 g, beide Sorten mit Echtgoldbelag, verpackt in Kappenschachteln zu 25 Stück. Die bisherigen Sorten, Coronas und Sphynx werden ausverkauft. Eine ^willkommene Weihnachtsgabe sind auch die neuen Musterkollektionen: 17 Stück Luxuszigarren, Gold-Moire- Karton.14.— 13 M Spezialzigarren, Grau-Rosa- Gold-Karton . „ 7.50 1-1 * Zigarren des allgemeinen Taxdfes, grauer Karton . . H 5,50 42 „ Luxuszigaretten, gelber Karton.>> 5.50 56 v Luxus- und Spezialzigaretten, graublauer Karton . . „ 3.70 60 „ Spezialzigaretten und Zigaretten des allgemeinen Tarifes, roter Karton . . . „ 5.— Neuheiten für die Schnupfer sind die; hochfeinen Schnupftabake: Spezialrape mit mildetu Harzgeruch, Facon d‘Espagne mit Rosengeruch und Rape Area preta mit Veilclienaroma, alle in modernen Packungen aus farbigen Aluminiumfolien.