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Die Stimme · 1930-12-11 · Heft 155 (11.12.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 155 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 dte srnnmiE Nr. 155 — 11. Dezember 1930 Zur dritten Wiederkehr von Chajes’ Todestag Große Gedenkfeier für Z. P. Chajes Montag, den 8. Dezember hat das Wiener Judentum das Andenken seines großen Führers gefeiert. Dem Rufe des Zionistischen Landeskomitces folgend, kamen jüdische Männer und Frauen zusammen, um zur dritten Wiederkehr des Todestages dem zu huldigen, der ein Jahrzehnt inmitten der Wiener Juden wirkte, und dessen Lebenswerk unvergänglich ist. Der Festsaal des Hotels «Bayrischer Hof-» war bis ans letzte Plätzchen gefüllt. Den Ordnungsdienst versahen in vorbildlicher Weise die Mitglieder des Bundes jüdischer Jungwanderer (Erez Israel), Eröffnet wurde die Gedenkfeier vom Vizepräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwenherz. Die beiden Festredner, Dr. Feuchtwang und Dr. Löwenherz, verstanden es, in packender, tiefempfundener. Weise die unvergeßliche Gestalt des großen Wiener Oberrabbiners den Versammelten ins Gedächtnis zu rufen. Wir bringen diese beiden Reden in gekürzter Form. Zum Schluß der Gedenkfeier sang der Oberkantor Margolies «El Mole Rachmim». Rode des Oberrabbiner-Stellvertreters Dr. David Feuchtwang: Drei Jahre sind vergangen, seitdem uns unser geliebter und verehrter Oberrabbiner Chajes entrissen worden ist. Die Distanz, die uns von dem Unvergeßlichen trennt, ist noch nicht so groß, daß wir ihn als nur der Geschichte angehörig betrachten könnten. Er ist wohl in die Geschichte unserer Gemeinde und in die Geschichte des jüdischen Volkes für ewige Zeiten eingegangen und sein Andenken wird erhalten bleiben. Wir haben es aber nicht nötig, seine Persönlichkeit in Ueberlebensgrrße zu zeichnen. W'er Lebensgröße hat, braucht nicht "in Ueberlebensgröße gezeichnet zu werden. Was waren die Wurzeln dieser großen Persönlichkeit? Wenn ich richtig urteile, dann fasse ich zunächst die Beschreibung dieses herrlichen Menschen in ein einziges Wort: Er war ein Genie. Man schreibt dem Judentum von seiten aller Beobachter der Weltgeschichte Genialität zu. Man sagt vom jüdischen Volke, es sei das Genie der Religion gewesen. Chajes war ein Genie der Ethik, jener großen Sittlichkeit, die man nur in wenigen menschlichen Individualitäten verkörpert findet; das Genie der Sittlichkeit der Propheten. Er sagte immer von sich: vom Mutterleibe bin ich zu dem berufen und geboren, was ich bin. Unser Chajes war wirklich vom Mutterleibe bestimmt und berufen, in dem großen Geiste zu wirken, in dem er mit uns gelebt und gewirkt hat. Er war ein jüdischer Mensch voll höchster prophetischer Sittlichkeit und Begeisterung, aus der die höchste Berufung wächst, die Berufung zum Führer, zum Lehrer, zum Helfer. Der Inhalt seines Wesens und Wissens war das Judentum. Man könnte sich einen größeren und kraftvolleren Juden nicht vorstellen. Seine Größe als Mensch und als jüdischer Mensch wirkt wie die Sonne, wie ein blühender Baum, wie eine frische Quelle: selbstverständlich. Ich sagte: er war Führer, Lehrer und Helfer. Warum sagte ich nicht, er war ein großer Rabbiner? Das ist doch paradox, daß ich das nicht sage. Es hat seinen Grund. Sein Führertum und Lehrertum und Helfertum umfaßt in einem Horizonte und Kreis so viel, daß in diesem Rahmen alles Platz und Raum hat, was nicht nur den Rabbi und den Rabbiner der Gemeinde charakterisiert, sondern auch den Führer des jüdischen Volkes kennzeichnet. Als Rabbiner dieser Gemeinde hat er seine Tätigkeit nicht a'fein auf Ort und Raum der Synagoge und der Kanzel beschränkt; er ging auch hinaus zu seinen Brüdern und Schwestern, dorthin, wo sie lebten, wo sie litten, wo er lernen und lehren wo!" \ Er war ein Lehrer seines Volkes durch sein Beisniel und durch seine Lehre, durch seine bis zur letzten Grenze geläuterte, bis zur letzten Möglichkeit geadelte Person. Seine Lehre war rein und lauter, geschöpft aus dem tiefsten Bronnen unendlichen jüdischen Wissens. Und dabei war er von einer alle Herzen gewinnenden und alle Seelen erwärmenden Schlichtheit und Einfachheit, die ja immer nur den ganz Großen eigen ist. Nur wenige Tage hat Chajes unter uns gelebt und gewirkt und von dem gewaltigen Schatze seines Könnens uns den Teil gegeben, der uns gebührt — denn er . gehört nicht nur unserer Gemeinde und unseren Juden in Wien, er gehört dem jüdischen Volke. Sein ganzes menschliches Leben war Judentum. Nicht etwas an Zeit Gebundenes, sondern etwas aus der Ewigkeit der Vergangenheit Gewachsenes und fiir die Zukunft Dauerndes. Aber nicht , nur ein Genie der Sittlichkeit, nicht nur ein Genie der Menschlichkeit, nicht nur ein Genie des jüdischen Lebens, — er war auch ein Genie der Kultur. Denn in sich aufnahm er die Kulturgüter aller gesitteten Völker der Welt, um -sie in sich zu kristallisieren, in dieses edle Judentum, das er repräsentierte. Da ergab es sich ganz von selbst, daß er. an die Spitze jener Bewegung treten mußte, die vor Jahrzehnten rvrit der Fahne «Zionismus» die jüdischen Völker der Weh, das jüdische Volk der Welt ergriffen hat. Für ihn wie für uns alle, die wir mit der Muttermilch Zion und Jeruscho lajim eingesogen haben, war es nichts Neues. Es war nur eine Erneuerung für all die Tausende, denen es vielleicht noch nicht so zum Bewußtsein gekommen war wie damals, als Herzl seinen gewaltigen Ruf in die Welt tönen ließ. Es war selbstverständlich für einen Cajes, daß Palästina Herz und Gehirn seines jüdischen Lebens bedeutete. Wie hat sein Herz hoch geschlagen, wie hat dieses große Herz begeistert sein können bis zum letzten Schlage dieses Herzens, wenn es um Heil und Wohl Erez Israels ging. Man könnte sagen: gu*. daß er das Unglück der letzten Jahre nicht erlebt hat. Es gibt solche Menschen, die so sagen; daß er die Verfolgungen unserer Brüder und Schwestern und den Tod unserer Brüder in Erez. Israel nicht erlebt hat, von der großen Enttäuschung und, sagen wir es: von der Hintergehung des jüdischen Volkes durch die Politik der letzten englischen Regierung nicht mehr erfahren. Nein, ich bin nicht dieser Ansicht. Ich sage: wir hatten ihn gebraucht in der Zeit der Verfolgungen in Erez Israel. Wir hätten ihn jetzt gebraucht, seiner! Rat und seine Weisheit, seine Kraft und seine Güte, seinen Scharfblick und seinen Ernst und seine adelige Würde hätten uns notgetan in dieser schweren Zeit, die wir erlebten und noch erleben. Chajes Gründungen zeigen die Wurzel seines jüdischen U esens. Denn er hat es gewußt: anders als an der Wurzel kann das Judentum nicht gefaßt werden und anders kann cs nicht gedeihen: Daher seine Schulen, daher jüdisches Gymnasium, daher hebräisches Pädagogium, daher jüdisches Lehrerseminar, Kurse, Lehren an allen Ecken und F.nden der ganzen Kehillah. Es hilft nichts, wenn wir Jahrzeitlichter zünden, wenn wir sein Andenken hoch und heilig feiern. Tun, was er gewollt, sein Erbe so weit wir vermögen, so weit es Zeit und Verhältnisse ertauben, so weit wir die Kraft besitzen, fortsetzen, das ist unsere Pflicht. Lasset uns sein Andenken ehren, Freunde, laßt uns an diesem dritten Jahrzeittage seiner liebend gedenken, wir wollen sein Bild vor unseren Augen halten und so jüdisch leben und wirken, wie er es gedacht, wie er es gewollt hat. Und wenn er jetzt zu euch sprechen könnte und miterlebt hätte die Ereignisse der letzten Jahre, er würde zu euch Zionisten sprechen: ich suche meine Brüder und Schwestern, a*le müßt ihr Brüder sein und alle müßt ihr Schwestern sein, denn euch einigt eines: eure Geschichte, euer Ziel, euer Leid und unser Leben. sind bekannt durch Schick, moderne Eleganz, Paßform und QualHät Die zeitgemäßen Preise bei dieser Firma sind allgemein bekannt //., ‘Gabor sfr aße 8a i Rede des Dr. Josef Limenherz, Vizepräsidenten der israelitischen Ivultusgemoinde. Man behauptet allgemein, daß das menschliche Gedächtnis Von kurzer Lebensdauer sei. Die größten Verdienste eines Menschen, und, könnte ich sagen, gerade eines Juden, reichen nicht aus, die Mitlebendcn und die Nachkommen daran zu erinnern, daß Vergeßlichkeit nicht die größte lugend eines Menschen sei. Wir haben leider im allgemeinen und im jüdischen Leben wahrgenommen, daß die verdienstvollen Menschen, von denen man glaubt und sagt, daß sic* unersetzbar wären, bald nach ihrem Tode vergessen wurden; So ist das menschliche Leben und so könnten sich Menschen trösten, die leicht über Sentiments ihres Lehens hinwegkommen. Es ist nichts leichter, als sich eine Theorie zu schaffen, und speziell iw Wien setzt man sich so lucht über vieles hinweg, indem man Sagt: «Es geht nicht anders, so ist das Leben nun einmal.» Was Chajes für uns in Wien bedeutet, für das jüdische Wien und für die zionistische Bewegung, das hat mein sehr geehrter Vorredner in überaus eindrucksvoller .Weise Ihnen vor Augen geführt. Ich will mir mit einigen wenigen Worten an seine kulturelle Leistung erinnern, weil diese kulturelle Arbeit sein Lebensprogramm war. Denn wir wollen heute mit Ihnen und durch Sie mit allen anderen Juden in Wien nicht nur das Andenken des großen Toten ehren und nachher .Weggehen mit dern Gefühl, es ist wieder eine Jahrzeit vorbei," sondern Sie an das Lebenswerk des Oberrabhiners Chajes erinnern und Sie ermahnen, dieses Lebenswerk zu erhalten. Chajes hat viele Institutionen ins Lehen gerufen, und als ihm einmal in einer Sitzung gesagt wurde, Berlin hat große Kulturleisttingen vollbracht, hat er aufgebracht und erzürnt darauf geantwortet: «Wir in Wien bähen auf diesem Gebiete bedeutend mehr geschaffen!» Wenn er sagte «wir», wußten wir, daßnur seine Bescheidenheit diese Pluralform wählte, denn wir alle wußten: er hat diese Institutionen geschaffen und die bestehenden erhalten. Er schuf das Pädagogium zur Heranbildung jüdischer Lehrer. Heute fragt man, wozu eigentlich dieses Pädagogium da ist. Viele behaupten, wir können ja nicht so viele Lehrer brauchen, als dort Lehrer erzogen werden. Dem ist nicht so. Wien ist ein altes Kulturzentrum und das hat Chajes gewußt. Wien hat Pflichten zu erfüllen, nicht nur der eigenen Bevölkerung gegenüber, sondern weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus. Wir sind stolz darauf, daß zwei prominente Schüler Chajes’, Dr. Baron und Dr. Diesendruck, heute an den Universitäten Amerikas und Palästinas die jüdische Lehre verkünden. Sonderbarerweise erhielt ich heute, und wie mir mein verehrter Vorredner sagt, ist auch er ira Besitz dieser telegraphischen Mitteilung, folgendes Telegramm: «Herr Doktor! Sie sprechen heute über unseren Vater Chajes, kennen Sie die pekuniäre Not seiner geistigen Kinder? Schalom Absolventen des Pädagogiums.» Ich nehme an, daß dieses Telegramm nicht persönlich an mich gerichtet wurde, denn nicht darauf kommt es an, ob ich diese Not kenne oder nicht. Ich empfinde diesen Zustand gerade so peinlich, wie ioh die pekuniäre Not aller intellektuellen Kreise empfinde. Es ist schwer heute, als Lehrer durch die Welt z-u gehen. Aber es hieße nicht im Geiste Chajes’ zu wandeln, wenn wir sagen wollten, daß wir wegen der pekuniären Not die Anstalt sperren sollten. So könnten Feinde dieser geistigen Anstalt argumentieren. Wir aber wollen sie erhalten und hoffen, daß auch für diese Menschen, gerade so wie auch für andere intellektuelle Berufe, bessere Möglichkeiten entstehen werden; für diese Tage wollen wir gerüstet sein, des Wortes Binliks eingedenk: ärger als die physische Not ist die seelische Not des jüdischen Volkes. Chajes hat ein Gymnasium ins Leben gerufen, dem die Ehre zuteil geworden ist, für ewige Zeiten mit dem Namen des Verstorbenen verbunden zu werden. Ich spreche vom Chajts-Rcalgymnasium, das heute zur Zierde des jüdischen Wien geworden ist. An Chajes’ Jahrzeittage wollen wir auch an diese Anstalt erinnern und denjenigen, die kleinlich sind, und über die Grenzen Wiens nicht hinausschauen wollen, sagen, was in Wien an geistiger Nahrung konsumiert werden kann. Dies bringe ich Ihnen in Erinnerung: die Saat Chajes’ ist aufgegangen, weit von Wien, in Amerika; die amerikanischen Juden haben cs verstanden, sein Andenken zu würdigen, sie haben Geldmittel zur Verfügung gestellt und tun das noch heute, um das Pädagogium und das Chajes-Realgymnasium zu erhalten. Wir sind uns dessen bewußt, daß die Wiener Kultusgemeindc diesen Anstalten gegenüber Pflichten hat; vielleicht wird einmal der Tag kommen, da alle sich darüber einig sein werden, daß die jüdische Gemeinde Wiens das Andenken Chajes’ am besten in der Weise ehren könnte, wenn sie sein Schulwerk in eigene Obhut brächte. Die Geldmittel der Gemeinde sind knapp, dennoch bemühen wir uns, diese Anstalten zu erhalten. Wir wollen hoffen, daß auch die jüdische Bevölkerung Wiens die Gründungen Chajes’ würdigen wird, und daß sie einig sein wird in dem Bestreben, die Anstalten der Gesamtjudcnheit zu erhalten. Chajes hat sich auch um die theologische Lehranstalt bemüht. Ohne seinen Einfluß hätte die theologische Lehranstalt nicht mehr bestehen können. Wieder sind es zwei Schüler Chajes’, denen die Ehre zuteil wurde, an zwei Tempeln Wiens zu wirken und wir wollen hoffen, daß diese Rabbiner im Pazmaaiten- und im Kluckytempel im Geiste Chajes’ wirken werden. Die Kultusgemeinde will dem Verstorbenen ein Denkmal setzen. Ein Wiener prominenter Künstler, Prof. Strnad, hat das Projekt entworfen, und weif er selbst zu Lebzeiten vom Geiste Chajes' geblendet war, wollte er diesen blendenden Geist eines großem Juden in einer glänzenden Platte wiedergehen und die Platte, die alle Sonnenstrahlen in sich aufzunehnien hat, soll zum Wahrzeichen dieses lebendigen, großen Geistes werden, der in unserer Mitte ein Jahrzehnt gewirkt hatte. Bei seiner Antrittsrede hat Chajes gesagt, er wäre nach Wien gekommen, um eine Mission zu erfüllen. Im Dienste dieser Mission ist sein Herz gebrochen, und an diesem dritten Jahrzeittage wollen wir wehmutsvoll, aber auch hoffnungsfreudig an ihn denken. Wir wollen hoffen und daran glauben, daß seine Saat neue Früchte hervorbringen wird und wollen in seinem Geiste wirken, so können wir Chajes am besten ehren. ' . . Zwi Perez Chajes Zur dritten Wiederkehr seines Todestages Von Dr. Jakob Rosenthal Wenn die Regel sonst wahr ist, daß die Zeit Wunden heile, so gilt vor allem hier ihre Ausnahme. Denn es gibt Wunden, die so tief sind, daß sie auch durch die der Zeit innewohnende Heilkraft — und mögen Jahrzehnte verstreichen — sich nicht ganz, zu schließen vermögen. Eine solche Wunde ist uns vor drei Jahren mit dem Tode Chajes’ geschlagen worden. Ist auch unserem Schmerze um ihn der bittere Stachel genommen, so ist er doch heute nicht um einen Deut geringer, als er in jenen Stunden war, da uns die unfaßbare Nachricht von seinem Tode erreichte. Im Gedenken an seinen jähen Tod sind wir genau so fassungslos, sind unsere Kräfte .ebenso paraj| Franko Kataloge jüdischer und hebräischer ) Neuaufnahmen 1931 .•* Größtes Lager in Sprechmaschinen und Radioapparaten mit direktem Netzanschluß Alle Tonfilmschlager lagernd Musikhaus EXCELSIOR ln H a b e r: |ll|fjj *?«■““ 8 Richard Herzog n IUI io. Pfarrg. as Toi. A-41-6.2« Reservieren Sie den Abend des 1. Februar 1931 für eine große Veranstaltung im

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