Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 154 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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?ette 4 Off? STIMMk Nr. 154 — 4. Dezember 1030 Palästina Feindschaften eintragen, die sowohl bei der bürgerlich eingestellten Regierung des Völkerbundstaates Oesterreich, wie auch bei der Gegenseite, die in einer anderen, für uns auch wichtigen internationalen Bewegung einen übermächtigen Einfluß ausübt, unbedingt vermieden werden müssen. Haben wir ein Recht, unserem Palästina- Werke, das gegen eine Welt von Feinden Tag für Tag aufs neue verteidigt und erobert werden muß, und der zionistischen Organisation, die diesen beispiellosen Kampf auf allen Fronten zu führen hat, Pariamentsmandate wegen auch nur den kleinsten Schaden zuzufügen? Dürfen wir die Verantwortung auf uns nehmen, daß unsere Landesorganisation durch die Selbstherabwürdigung zu einer Pa.iei und durch die TcJnahme an den politischen Kämpfen des Alltags nicht nur zu einem kleinen Häuflein zusammenschrumpft, sondern auch gefährliche innere und äußere Feindschaften unserem Palästina-Gedanken gegenüber auch nur im entferntesten hervorruft? Es wird nun behauptet, es wäre doch nützlich, wenn jüdische Repräsentanten im Parlament und im Gemeinderat Angriffe aufdiejüdischeEhre abweliren und den Kampf gegen den Antisemitismus führen könnten, auch wenn sie unsere nationalen und kulturellen Forderungen nicht durchzusetzen vermöchten. Dieser Abwehrkampf, der in gewissem Maße einer Galuthpsychologie entspringt, kann aber auf keinen Fall den alleinigen Inhalt einer nationalen Politik bilden. Wie übrigens selbst entschiedene Anhänger einer Landespolitik auf parlamentarischem Boden über diesen Kampf denken, ersieht man aus den Ausführungen des bekannten jüdisch-rumänischen Politikers A. L. Z i ssau, dem wir hier am besten das Wort überlassen: ... «Uebrigens lehrt uns zweitausendjährige Erfahrung, daß der Kampf ^egen den Antisemitismus zwecklos ist und daher nicht einmal als Teilaufgabe jüdischer Politik am Platze erscheint. Antisemitismus war zu allen Zeiten, in allen Ländern und in allen Lagern ein bequemes und stets wirksames Mittel, die Aufmerksamkeit der Massen von den wirklichen politischen Tatsachen abzulenken. . . . Die Erscheinungsformen ries Antisemitismus ändern sich zwar, wiederholen sich aber in einem durch die jeweiligen Verhältnisse bedingten Kreislauf. Alle erdenklichen Bekämpfungsmittel wurden der Reihe nach diesen verschiedenen Erscheinungsformen angepaßt. Und das Resultat? Der Antisemitismus ist nicht nur nicht verschwunden, ja nicht einmal geschwächt worden, son- . dem mächtiger denn je, weil er dem allgemeinen Bedürfnis der Menschen, Cliquen und Staaten nach Ablenkung und Auffrischung entgegenkommt. Man nenne mir ein einziges Mittel, das bisher noch nicht zur Bekämpfung des Antisemitismus angewendet wurde, und ich werde mich geschlagen geben. Bis dahin aber sei es mir gestattet, . jeden, der zur Bekämpfung des Antisemitismus, somit zur neuerlichen Anwendung jener Mittel auffordert, die hundert- und tausendmal versagt haben, entweder für einen . politischen Scharlatan oder für einen Menschen, der von einem anderen Planeten kommt, zu halten.» («Die Neue Welt» vom 21. November 1930, Nr. 166, «Ueber jüdische Politik, auch an die Adresse der österreichischen Juden»). Es ist jedenfalls nicht einzusehen, warum, dieses fruchtlosen Kampfes wegen allein, die zionistische Organisation trotz der unzweifelhaft entstehenden Schäden und Gefahren die Landespoütik nach den bisherigen Methoden weiterführen soll. Darf man von «Verzichtzionismus» und einer «rückläufigen Entwicklung» des Zionismus sprechen, wenn verlangt wird, daß dieser in eine Sackgasse führende Weg aufgegeben werde? Gibt es Zionisten, die dessenungeachtet allein oder zusammen mit Nichtzionisten diesen Abwehrkampf auf parlamentarischem Boden ausfechten wollen, so steht dem nichts im Wege. Sic dürfen sich natürlich nicht einbilden, daß dies nationale Landespolitik sei. Ebenso muß aber jedem Zionisten erlaubt sein, seine Interessen im Rahmen anderer bereits bestehender Parteien zu vertreten, s oferne ihre Tendenzen und Prinzipien mit jüdischer Ehre vereinbar sind. Die Zionistische Organisation hat jedoch den zum Zwecke der Beteiligung an den Wahlen zu den Vertretungskörperschaften des Staates und der Gemeinde etwa neu entstehenden Parteibildungen vollkommen fernz u s t e h e n, da sie sonst für deren Tätigkeit verantwortlich gemacht werden könnte. Die Befürchtung einer in diesem Fall eintretenden Doppelgeleisigkeit und Gegensätzlichkeit in der jüdischen Politik ist unbegründet, weil ja eine jüdischnationale Partei, naturgemäß zum größten Teile von Zionisten geführt und auf zionistische Wahlstimrnen angewiesen, sich hüten würde, mit der zionistischen Organisation in Konflikt zu geraten. Die Möglichkeit einer gewissen Zwiespältigkeit steht jedenfalls in keinem Verhältnis zu den Nachteilen, die unserer Organisation aus den bisherigen Methoden erwachsen sind. Soll also — wird man nun fragen — die zionistische Organisation in Oesterreich auf die Landespolitik verzichten? Verwechseln wir doch nicht nationale Politik mit Wahlen, den Inhalt und die Ziele mit den Mitteln und Methoden. Zionismus ist die Erneuerungsbewegung des jüdischen Volkes, wo immer es sich befindet und nicht allein dazu geschaffen, die jüdische Heimstätte aufzubauen. Die zionistische Organisation erhebt Anspruch darauf, d i e nationale Organisation des jüdischen Volkes zu sein; ihre Politik ist die nationale Politik der Juden. Als national kann aber nur eine Politik gelten, deren Ziel die Sicherung der nationalen Entwicklung des gesamten Volkes und nicht nur e i n e t sozialen Schichte ist. Die zionistische Organisation allein ist dazu berufen, die Juden auch in den Ländern der Diaspora politisch zu führen und sie darf sich diese Führerrolle nicht aus der Hand nehmen lassen, will sie sich nicht selbst aufgeben. Haben wir erkannt, daß in Oesterreich die bisherige Methode, die Bewerbung um Mandate zum Um und Auf unserer Landespoütik zu machen, schädlich ist, und nicht zum Ziele führt, so liegt noch kein Grund vor, unsere nationale Politik in diesem Lande ganz fallen zu lassen oder jemandem anderen auszuüefem. Wir übersehen, daß es in Oesterreich noch eine andere bedeutende nationale Minderheit, die tschechoslowakische, gibt, die sich an den politischen Wahlen ebenfalls nicht beteiligt. Hat sie deshalb darauf verzichtet, ihre nationale Eigenart und Kultur zu pflegen und ihre Minderheitsrechte geltend zu machen? Gewiß, hinter dieser Minderheit steht ein mächtiger Staat, der es in der Hand hat, bei der österreichischen Regierung die Einhaltung der seinen Konnationalen zugestandenert Minderheitsrechte zu erzwingen. Vergessen wir aber nicht, daß die nationalen Einrichtungen dieses Minderheitsvolkes in Oesterreich vorwiegend auf Selbsthilfe beruhen, daß auch hinter uns ein Siebzehn-Millionenvolk steht, und daß wir, was vielleicht ebenso wichtig, bereits i n den Kultusgemeinden öffentlich-rechtliche Institutionen besitzen, die den staatlich anerkannten Rahmen für unser nationales Eigenleben abzugeben berufen sind. Die Kultusgemeinden in wahre Volksgemeinden umgewandelt, müssen durch Ausnützung der bereits bestehenden, sowie der zu schaffenden Möglichkeiten zu einem Bollwerk unseres nationalen Lebens in Oesterreich ausgebaut werden. Die Geltendmachung der nach den Friedensverträgen den Juden gewährleisteten om-fdtufke sind bekannt durch Schick, moderne Eleganz, Paßform und Qualität Die zeitgemäßen Preise bei dieser Firma sind allgemein bekannt 'SdhuH-Sfrovn, U > ‘Gaborstraße 8 a bürgerlichen und nationalen Minderheitsrechte, die soziale Umschichtung durch Produktivierung der jüdischen Massen, die Pflege des nationalen Lebens und die Förderung aller jüdischen Kulturinstitutionen muß das landespolitische. Ziel unserer Bestrebungen in und durch die Kultusgemeinden sein. Selbst die Abwehr von Angriffen gegen die jüdische Ehre und der Kampf gegen den Antisemitismus kann seitens der zionistischen Organisation jedenfalls erfolgversprechender von diesem Forum aus geführt werden. Ja, noch mehr; sollen unsere kulturellen Bedürfnisse vollauf befriedigt werden, unsere Minderheitsrechte nicht auf dem Papier bleiben und unser Leben als Nation sichergestellt sein, so müssen die KuHusgemeinden zu einem Gemeindebund vereinigt, für die jüdische Minorität zum Instrument der in Oesterreich seit jeher angestrebten nationalen Autonomie werden. Konzentrieren wir alle unsere Kräfte auf dieses eine Ziel, sö ist begründete Aussicht vorhanden, daß das Wort Herzls von der Eroberung der Kultusgemeinde in Oesterreich Wirklichkeit wird. Den Kampf um Erreichung dieser Ziele kann die zionistische Organisation führen, ohne die Gefahren heraufzubeschwören, die aus der bisherigen Wahlpolitik erstanden. In diesem Kampfe werden alle nationalen Juden hinter uns stehen können, ohne Rücksicht darauf, welcher Partei oder sozialen Schichtung immer sie angehören, da ja in dieser Volksgemeinde zum Unterschiede vom Parlament und Gemeinderat keine wirtschaftlichen oder Klassenfragen entschieden werden sollen. Die sachlichen Erfolge, die unsere Mandatare in den Kultusgemeinden in Wien und in der Provinz bisher erreichten, und das stetige Anwachsen unserer Stimmen bei den Wahlen zu den jüdischen Gemeinden bilden übrigens den schlagendsten Beweis dafür, daß die jüdischen Massen uns auf diesem Wege Gefolgschaft leisten werden. Die zionistische Organisation allein wird dann, nachdem sie aufgehört hat, eine politisch einseitig eingestellte Partei zu sein,.alle Juden, die ihr Volkstum bewahren wollen, für die Aufgaben und Ziele einer nationalen Landespolitik vereinen können. Wenn gesagt wird, daß die zionistische Organisation die Arbeit für die und in der Kultusgemeinde einer zu bildenden Jüdischnationalen Partei zu über- Okkasion bei Schuh-Dorn Zu halben Preisen, können Sie jetzt einzelne P a a r e in Eidechsen-Schlangenschuhen und andere, so lange der Vorrat reicht, kaufen. Die besten. schwedischen Märken in Gummiüberschuhen und Stiefeln, frische heurige Ware, in Paßform, die man bis jetzt noch gar nicht gebracht hat. Die Pretoe sind heuer enorm billig, Srfwb. Dorn, II., Taborstraße 8a. antworten habe, sobald sie sich nicht mehr um National- und Genieinderatsmandate bewerbe, so sehen wir hierfür keinen triftigen Grund. Da die zionistische Organisation keinen Einfluß auf die Bildung der etwa neu zu gründenden politischen Gruppierungen ausüben soll, so liegt es ja im Bereiche der Möglichkeit, daß n i c h t e i n e, sondern, je nach der verschiedenen wirtschaftlichen oder sonstigen Einstellung der Zionisten, vielleicht mehrere jüdischnationale Parteien entstehen werden. Welcher Partei soll da die Kultusgemeindearbeit ausgeliefert werden? Aber auch, wenn nur eine jüdischpolitische Partei entstünde, würde sie nicht naturgemäß als politische Gegnerin anderer Parteien und der in ihnen organisierten, auch national orientierten Juden noch in viel stärkerem Maße als bisher auftreten? Ist eine solche Partei in der Lage, alle nationalen Juden zur Eroberung der Kultusgemeinde und Aufrichtung einer wahren Volksgemeinde mit Erfolg aufzurufen? Nur die zionistische Organisation als Repräsentantin des gesamten jüdischen Volkes ist befähigt, den Kampf um die Sicherung unserer nationalen Existenz durch die Volksgemeinde mit Erfolg durchzuführen. D e r Z i o n i s m u s ist n i c h t dazu da, eine Gruppe im Judentum zu bilden, sondern um alle Juden für das große Ziel der nationalen Wiedergeburt in Pa.läs t i na und in dcrGaluth zii organisieren. Vergeuden „wir nicht unsere Kräfte und Mittel wie bisher in zwecklosen und gefährlichen Bewerbungen um Parlamentsmandate, hören wir auf, uns als Partei zu gebärden. Jagen wir nicht leeren Phantomen nach, berauschen wir uns nicht an schönklingenden Worten. Haben wir den Mut, unsere bisherigen verfehlten Methoden zu revidieren. Betreiben wir endlich eine reale, aktive und nationale Landespolitik. Die Wahlen zur Repräsentanz der Berliner Jüdischen Gemeinde Koriin, 1. Dezember. (J. T. A.) Am Sonntag, den 30. November, fanden in Berlin die Wahlen zur Ropräscntaiitenversammlüng der 'Jüdischen Gemeinde und zur Landesvcrsammlung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt. Diese Wahlen begegneten in der jüdischen Ocffentlichkeit Berlins und des Reiches stärkstem Interesse. Die Wahlbeteiligung war auch eine außerordentlich starke. Die Stimmenvermehrung kam fast ausschließlich den führenden Parteien, Liberalen und Volkspartei, sowie der neuen überparteilichen Vereinigung zngiitc. Die für die einzelnen Parteien abgegebenen Stimmen können, solange offizielle Ziffern nicht vorliegen, nur auf Grund privater Zählungen mitgeteilt werden. Danach wurden abgegeben für laste 1 (Liberale Partei) rund 42.000 Stimmen, Liste 2 (Jüdische Volkspartci) rund 26.000 Stimmen), Liste 3 (Religiöse Mittelpartei) etwa 1800, Liste 4 (Konservative Partei etwa 1450, Liste 5 (Pöaie Zion) etwa. 1050, Liste 6 (Deutsche Liste) etwa 1330 Stimmen, Liste 7 (Klal Jisroel) 120 Stimmen, Liste 8 (Uebcrpartoiliche Vereinigung) etwa 2400 Stimmen, Liste 9 (Positiv- Liberale) 750 Stimmen. Die 41 Sitze in der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde (bisher waren cs 21 Sitze, und zwar 10 Liberale, 7 Volksparteiler, 1 Poal© Zion, 2 Mittelparteilcr, 1 Konservativer) verteilen sieh auf die einzelnen Parteien wie folgt: 24 L i b e r a 1 e, 14 V o 1 k s p a r t e i I e r, Religiöse Mittclpartei 1 Mandat, P o a 1 e Z i o n 1 Mandat, U eberparteiliche Vereinigung! Mandat. Die Konservative Partei (Listenf übrer Doktor Nathan Birnbaum), die seit Jahrzehnten ununterbrochen in der Jüdischen Gemeinde vertreten war, zieht nun nicht mehr in die Gemeindestuhe ein. Das konservative Element bleibt trotzdem nicht unvertreten, da seit Jahren eine Abwanderung desselben zur Volkspar toi, von deren Führern mehrere religiöskonservative Interessen verfechten, vor sieh gegangen ist. Abgesehen von der Ueberparteiliehen Vereinigung hat keine der übrigen neueingereichten Listen ein Mandat erringen können. Grofifleischltauerei SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u. A 16-9.34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für H£n-Fleisch ■awKawOTiiiiwiiiw^nwniniwriTiilinfiifeiiiiiiiiiwjigtt unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der israelitischen Kultusgemeinde Wien Xulqmttellung kostenlos IX, Bercrgasse P XVML WÖhrlngerstraße 97