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Die Stimme · 1930-11-27 · Heft 153 (27.11.1930) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 153 (27.11.1930)
Date
1930-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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cwrw n nnr •THfifP I/Ir 8 1» IW IW ( Nf. 153 — 27. November 1930 i!t? <!';* /j j in;; i'! I ' t »« . t :^i •!' ” ■?!’4 i;t; Iv 1 b } Der Kongreß Ist für Februar elnberufei»? Jeder Zionist erfülle seine Pf Hebt u. zahle den Schekel? Für eine jüdische Landespolitik in Oesterreich Von Dr. Georg Weiner. Es scheint ein Wagnis, nach den letzten Mißerfolgen der «Jüdischen Liste» sich weiterhin für eine jüdische Landespolitik in Oesterreich einzusetzen. Trotzdem erhebe ich, der ich niemals der Gruppe der radikalen Zionisten angehört habe, weiter meine Stimme für die Landespolitik, allerdings für eine anders geartete, als sie in den letzten Jahren praktiziert wurde.*) Folgende Prinzipien sind hiebei als geltend anzuerkennen: 1. Die Anzahl der in Wien lebenden Juden (ca. 180.000) und der jüdischen Wähler (ca. 100.000) ermöglicht eine jüdische Landespolltik auch dann, wenn man annimmt und zugibt, daß ungefähr die Hälfte der jüdischen Wähler zufolge ihrer wirtschaftlichen Lage, Beziehungen oder geistigen Einstellung mit der Österdchischen Sozialdemokratie auf Gedeih und Verderb verbunden ist 2. Keine der österreichischen Parteien ist gewillt und geeignet, jüdische Interessen zu vertreten. Dies gilt auch von der österreichischen Sozialdemokratie und von der übrigens bedeutungslosen demokratischen Partei Es steht fest, daß ca. 45.000 jüdische Wähler bei den letzten Nationalratswahien nicht nach ihrer Ueberzeugung, sondern ausschließlich nach dem Gesichtspunkt des «kleineren Uebels» ihre Stimme abgegeben haben. Die ungefähre Richtigkeit der obigen Ziffer ergibt sich aus folgender Erwägung: Bei den Wahlen vom Jahre 1923 hatten die beiden jüdischen nichtsozialistischen Gruppen ca. 44.000 Stimmen, and zwar die jüdische Wahlgemeinschaft ca. 26.000, die Demokraten ca. 18.000. — Im Jahre 1927 fielen diese Zahlen infolge des Schlagwortes «Aussichtslosigkeit» auf zusammen 26.000; nämlich 11.000 jüdische Liste und 15.000 Demokraten, am anläßlich dieser Wahl auf 8000 (2000 + 6000) herabzusinken. Schon im Jahre 1923 gab es sicher nichtsozialdemokratische Juden, welche den kleinen Parteien wegen befürchteter Stimmenzersplitterung ihre Stimme nicht gaben. Sicher ist aber, daß von den 36.000 jüdischen Wählern, die im Jahre 1930 nicht mehr jüdisch oder demokratisch stimmten (Differenz 44.000 zu 8000) mindestens 30.000 zur Sozialdemokratie, der Rest zu bürgerlichen Parteien (Einheitsliste 1927, Schoberblock 1930) abgewandert sind. Sie taten dies sicherlich nicht aus Ueberzeugung, sondern infolge des Schlagwortes der Aussichtslosigkeit und nach dem Prinzipe des «kleineren Uebels». Ich frage: Ist es weiter notwendig, daß 40—50.000 jüdische Wähler sich zu Parteien bekennen, die ihnen innerlich fremd sind, Parteien, die sowohl dem nationalen als auch dem religiösen Judentum gegnerisch gegenüberstehen, deren Wahl aber auch dem wirtschaftlichen Interesse der bürgerlichen jüdischen Wähler widerstreitet? ich verneine diese Frage auf das entschiedenste. Ein positiver Erfolg für eine bürgerlich-jüdische Liste kann in Wien erzielt werden unter zwei Bedingungen, von denen eine nicht in der Macht der Juden steht, aber sicher *> Die Frage, ob die Zionistische Organisation als 1 solche oder eine separate Organisation die Landespolitik führen soll, ist nach meiner Ansicht bei den derzeitigen Verhältnissen in der Organisation nur im Sinne der zweiten Alternative zu lösen, schon deshalb, weil es nicht angeht, daß die Zionistische Organisation das ihr bisher zu- ’ stehende Monopol, jüdische Politik zu machen, dazu benützen darf, eine solche Politik zu verhindern. hervor; sie hat lederne Pumphosen an und ist mit einer Mistharke bewaffnet. Und schon ist das Rätsel gelöst: Hier haben sich meine Landsleute aus der Tschechoslowakei mit Litwaken zu einer Kwuzah vereinigt. Frob drücke ich Hand um Hand von Bekannten aus Olmütz, Prerau, Proßnitz . . . Stolz zeigen sie mir ln der Hürde die prachtvollen Beiruther und Damaszener Kühe mit vollen Eutern und mit Charakterköpfen, viel intelligenter als die europäischen Verwandten; zeigen mir die modernen Maschinen, das sauber In Würfel gepreßte Stroh und schließlich das vom Hilfsfonds aufgetürmte, kugelfeste Kinderhaus. Nur fesch die Leiter empor aufs Dachl Stapft dort nicht Weitz durchs Feld? Wohin denn? Zuni jüngst gepflanzten Masaryk-Wald. Ach, in wieviel Masken wir Juden unterkriechen müssen) Und was treibt jenes Fellachenpaar, malerisch auf der Tenne hockend, mit den schweren Sieben? Weizen worfeln sie —. Nun, bis zu meinem nächsten Besuch wird der Chaluz auch das zugelernt haben. Nazdar — Schalem! Und weiter fahren wir durch Kwuzath-Hascharon, Sarona und Nahalal auf den Haifer Kwisch zurück und dann wieder links in einen Seitenweg, der sich — holterpolter — durch einen verkümmerten alten Eichenwald hindurch und nach Schech Abrek hinaufschlängelt. Als wir halten, läuft aus einer windschiefen Baracke das Wächterpaar herbei. Urtypen des Schomer. Vor drei Jahrzehnten kam Alexander Seid aus Rußland nach Erez und mit ihm Zlporah, «die Kosakin». Seither haben sie, nimmermüd, hoch zu Roß und die Flinte geschultert, jüdisches Out beschützt. Dabei schenk e sie ihm fünf prächtige Kinder, deren Benjamin, vom First des Neubaues für die neugeplante Siedlung, uns mit der Kelle zuwinkt. Hier sollen, nach dem mißglückten Vererfülit werden wird, während die Erfüllung der anderen ausschließlich in der Macht der nichtsozialdemokratischen Judenschaft liegt: a) Aenderung des Wahlrechtes. Das Schlagwort der Aussichtslosigkeit fällt dann weg, wenn das Erfordernis der Qrundmandate beseitigt wird, so daß alle Stimmen der Wiener Wahlkreise zusammengerechnet werden. Es ist anzunehmen, daß diese Bedingung vor den nächsten Wahlen erfüllt werden wird. b) Zusammenschluß Sämtlicher nichtsozialdemokratischer Juden. Viel wichtiger ist die Erfüllung der zweiten Bedingung. Es muß gelingen, die nichtsozialdemokratischen Juden auf der Basis einer jüdischen Wahlgemeinschaft zu einigen. Dazu genügt es nicht, eine Liste als «jüdische Liste» zu bezeichnen, wenn die Oeffentlichkeit weiß, daß trotz dieser Parteibezeichnung nur die Zionisten oder wie im Jahre 1930 nur ein Teil der Zionisten hinter der Liste steht Es müssen alle maßgebenden Organisationen und Führer der Judenschaft, sowie sie in der Kultusgemeinde sitzen und über diesen Rahmen hinaus, diese Liste unterstützen. Es ist mir nicht unbekannt, daß über diese Auffassung von’jüdischer Politik zwischen Zionisten und Nichtzionisten erhebliche grundlegende Unterschiede bestehen. Trotzdem muß es gelingen, diese Differenzen zu überbrücken und das allen jüdischen Gruppen Gemeinsame hervorzukehren. Die Wahrung der Gleichberechtigung, die Bekämpfung unserer Gegner, ist uns allen gemeinsam, und wenn sich die Zionisten bei Geltendmachung der Ansprüche der jüdischen Gemeinschaft gegen Staat und Gemeinde auf den Friedensvertrag, die Nicht2ionJ$ten auf andere Gesetze (1867) und die Billigkeit stützen wollen, so ist es wohl die Hauptsache, daß die Ansprüche gestellt und mit aller Energie verfolgt werden; die Begründung tat eine Frage zweiten Ranges. Aus wähl- GroBNeischltauerel SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u, A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für nwn-Fleisch mmaMiMmauumaKmuameäkASmmmamBim unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autozusteilung Uoaienlo« IX, Bervgasse l» XV»II, Wöhringerstraße 97 taktischen Gründen haben sich schon Parteien und Gruppen zusammengefunden, die weit weniger gemeinsame Interessen haben als Juden verschiedener Richtungen. Einmal ist der Weg der «Jüdischen Wahlgemeinschaft» schon beschritten worden; der Erfolg war ziffernmäßig nicht gering, ca. 26.000 Juden wählten damals jüdisch. Leider hat man es verabsäumt, diesen Weg weiter zu gehen, leider sind die Führer und Wegbereiter Chajes und Ehrmann nicht mehr am Leben'. Aber noch jetzt und nur jetzt — längere Zeit vor den Wahlen — ist es möglich, diese Wahlgemeinschaft zu erneuern und so allein wäre es nach meiner Ueberzeugung möglich, den Wiener Juden die ihnen in den parlamentarischen Körpern gebührende Vertretung zu verschaffen, sie von dem vermeintlichen Zwange zu befreien, für Parteien zu wählen, die ihre Interessen nicht vertreten wollen und können. Teilsplitter der jüdischen Minderheit werden Erfolge nicht erzielen. such der Chassidim, nun die härter geschulten Poale Misrachi eingesetzt werden. Vorläufig zelten sie dort unten bei Kfar Jehoschuah. Seid ist wütend. Denn die hohe Politik draußen hat ihre Schmutzwelien bis hierher in den Bergwald geworfen. Schon weiß es der letzte Araber: «Die Regierung ist mit uns» und versucht, daraus Nutzen zu ziehen. Als die Juden seinerzeit dies Land vom Effendi kauften, schieden sie davon eine Parzelle aus, in der das Grufthaus eines arab'schen Dutzendheiligen steht Das Gruithaus sollte ein Gsttesmann Machmud bewachen, der sich aber 1027, als das Erdbeben sein Lehmhaus nebenan umwarf, anderwärts verzog. Noch kamen Fellachen und Beduinen von nah und fern, um hier zu tanzen, zu trinken und Hochzeit zu feiern. Denn Schech Abrek war ein lustiger Heiliger, dessen Krug nie leer ward. Jetzt plötzlich tauchte Machmud in Jerusalem auf und erhob bei der Zionistischen Exekutive bittere Klage, die Juden hätten sein Haus zerstört und das Grufthaus geschändet. Wie das? Wir fanden es, durchs leere Tor tretend, in primitiver Unberührtheit: die Wände mit mystischem Gepinsel bedeckt und den Sarg mit grellem Kattun. Doch Machmud droht mit Anzeige beim Mufti, wenn Ihm die Juden kein neues Haus bauen. Ziporah tobt: «Ja, weil er sich zu seinen zwei Weibern eine dritte beilegt, braucht er bei uns ein Weekendhaus! Dies alles war doch seit je jüdisches Land. In den Felshöhlen ringsum ruhen unsere Ahnen Grab an Grab . . .» Doch die Politik scheint Recht zu behalten. Man gräbt Im Schutt ein Fundament. Weiß Gott, kriegt der gute Machmud da, von Schech Abreks und Lord Passfielde Gnaden, ein neues Helm geschenkt! Schon dunkelt es und das Auto bringt uns nach Haifa ins Hadar Hakarmel-Hotel zur Rast, Daher müßten alle verantwortungsvollen jüdischen Führer für die Schaffung einer innerpolitischen Jewisli Agency mit aller Macht cintreten. Glossen Brandschatzungen in Rumänien straffrei Eigentlich war es ja nicht anders zu erwarten, aber im Geheimen hofften wir es doch: Rumänien wird den Beweis erbringen wollen, daß es ein Kulturstaat sei. Der traurigen Erfahrung zum Trotz hofften wir, daß den Borscha-Brandstiftcrn vom Gericht eine Strafe auferlegt werden würde, daß die Pogromisten ihre Tat würden sühnen müssen. Hunderte jüdischer Familien .sind Ihres Daches beraubt, ihr ganzes Hab und Gut ist in Flammen aufgegangen. Jüdische Männer und Frauen sind verzweifelt; jüdische Kinder leiden Hunger, weil eine auf gehetzte Bande Hulllgans . das Städtchen ln einen Trümmerhaufen verwandelt hat Sollte man da nicht glauben, daß die Täter exemplarisch bestraft werden würden? Nein, man durfte es nicht glauben, denn es trat das Gegenteil ein; das rumänische Gericht hat alle Angeklagten freigesprochen. Freispruch infolge €Mangels an Beweisen». Nur einer wurde bestraft; dem Haupträdelsführer, dem Hetzer und antisemitischen Agitator Danila wurde eine Geldstrafe auf erlegt. Er wird einige Tausend Lei zahlen müssen. Er wirds zahlen (oder auch nicht) und sich dabei Ins Fäustchen lachen. Und mit ihm werden das alle anderen Cuzisten tun. Denn sie werden mit Recht denken: einen Pappenstiel kostet es uns, wenn wir Millionen von Werten vernichtenl Einen Pappenstiel als Strafe für das Vernichten einer ganzen jüdischen Stadt/ Billiges Vergnügen! Danila und die Herren Cuzisten werden sich ins Fäustchen lachen. Jüdische Frauen und Kinder werden weinen, wie sie weinten, weil sie Hunger leiden. Aber das rumänische Gericht hat «seine Pflicht getan». «Mangel an Beweisen» nennt man das. Numerus clausus für — Helden ln Budapest hat eine Parlamentsdebatte stattgefanden, die interessante Einzelheiten zum Vorschein brachte: der ungarische Heldenorden nimmt keine jüdischen Mitglieder auf. Dies hat ein Redner festgestellt. Kurz darauf hielt der antisemitische Honvedminister Gömbös in Keczkemet eine Rede, in der er den rässenschützlerischen Standpunkt des Heldenordens vertrat. Worauf in Budapest wieder eine Parlamentsdebatte abgehalten wurde, in deren Verlaufe Ministerpräsident Graf Bethlen den Interpellanten eine doppelzüngige Antwort erteilte. So geschehen ein Jahrzehnt nach der Revolution, in Ungarn 1930. Was bedeutet das? Das bedeutet: ungarische Juden dürfen für ihr magyarisches Vaterland kämpfen. Es wird ihnen gnädigst ertaubt, ln Kriegszeiten auf den Schlachtfeldern der ungarischen Ehre sich zu Krüppeln verunstalten zu lassen. Aber mag auch ihre Brust mit Tapferkeitsmedaillen geziert sein, mögen ihnen auch beide Beine oder das Augenlicht fehlen — in den Heldenorden aufgenommen werden können sie dennoch nicht. Von den Herren Gömbös et consortes war nichts anderes zu erwarten. Von rassenschtitzlerlschen Mördern darf man nicht erhoffen, daß sie Juden eine Gleichberechtigung in der Ehre einräumen. Aber die ungarischen Juden haben wieder einmal am eigenen Leibe verspürt, was für ein Abgrund sich zwischen ihrem Übertriebenen Patriotismus und der niederträchtigen Handlungsweise der «reinen Magyaren» dehnt. Sie haben es nochmals erfahren, wie unnütz ihre mauschelartigen Schmeicheleien sind. Wo es nur geht, wann es nur geht, bekommen sie einen Fußtritt. Ein numerus clausus für sie ist nicht nur an den Hochschulen — auch beim <Heldenorden% eingeführt. S. Wenn man in Xrems spazieren äeM In unserer Redaktion erschien ein Kremser Gesinnungsgenosse, der dortige Nationalfondskommissär, Herr Arthur Neuner, und berichtete uns Folgendes: «Montag, den 17. November abends ging ich spazieren und wurde am Korso von einem Hakenkreuzler grundlos angerempelt Er behauptete, ich hätte Ihn gestoßen, was aber nicht der Fall war, ging sofort auf mich los, schlug mir mit Fäusten ins Gesicht und verletzte mir beide Augen. Dabei erließ er sich in Beschimpfungen, wie «Saujud, Lausbub» usw. Infolge der Verletzungen mußte ich zwei Tage liegen. Nachher fuhr ich nach Wien, um hier einen Augenspezialisten zu konsultieren. Der Radaubruder heißt Kart Scheibenpflug und ist organisierter Nationalsozialist. Ich habe gegen ihn die Strafanzeige erstattet. Zu bemerken ist noch, daß keiner der Passanten es wagte, mir zu helfen, obzwar in allen das Vorgehen des Hakenkreuzes Empörung hervorrief.» Meschulam Wenkert ln Wien — Arthur Neuner in Krems. Hahnenschwanz und Hakenkreuz In brutaler Offensive gogen friedliche jüdische Passanten. Lustig geht es jetzt in der Österreichischen Republik zul i

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