Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 153 (27.11.1930)
- Date
- 1930-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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c>efte 4 Olt STIÜE Hr. 153 — 27. NavembK «130 t i .n M ■].' ¥, J 1 i i V I:;? •i'-t ^jf V ’iU'-i -Ari, i i'f j. :=i f ’ll p. f lü ff Die große Palästina-Debatte im englischen Parlament C3 ln der Sitzung des englischen Unterhauses am!7. November wurde das Palästina-Problem in großen Zügen aüfgerollt. Hervorragende Parteiführer und Mitglieder der Regierung nahmen das Wort. Nachstehend geben wir die Reden in ihren Hauptteilen wieder. Lloyd Georges Anklage und Mahnung Lloyd George führte im wesentlichen aus: Wir schlagen vor, heute die Angelegenheiten eines weltberühmten Landes und die Verknüpfung dieses Landes mit einer Rasse, die die Geschichte desselben unsterblich gemacht hat, zum Gegenstand einer Diskussion zu machen. Es handelt sich um ein sehr schwieriges Problem, weil es gleichzeitig zwei Rassen angeht, mit denen wir in den freundschaftlichsten Beziehungen stehen. Es ist unsere feste Ueberzeugung, daß beiden Teilen ihr Recht geschehen kann, daß jedoch das von der Regierung veröffentlichte Weißbuch tatsächlich beiden Unrecht tut Kurz zusammenfassend will ich unsere Verpfichtungen gegen dieses bedeutsame Land erläutern. Da ist vor allem unsere Deklaration, die Erklärung von Mr. Balfour, die dieser als Staatssekretär des Aeußeren der Regierung, der ich Vorstand, in Form eines Briefes abgegeben hat. Man unternahm es, falls Palästina erobert würde, in diesem Lande eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten. Bevor die Deklaration erlassen wurde, erhielt sie die Zustimmung alter verbündeten Großmächte, auch die des Präsidenten Wilson. Zwei Jahre nach dem Krieg kamen die Vertreter der alliierten Mächte in San Remo zusammen und berieten dort, wie die Deklaration in das Mandat, das unserem Lande für die Verwaltung Palästinas übergeben wurde, einzufügen sei. Das bedeutet nicht Kolonisation oder Siedlung; das bedeutet eine nationale Heimstätte. Diese Idee hat sich unser Land in einem kritischen Augenblick seiner Geschichte zu eigen gemacht. Und nun komme ich zum Weißbuch. Es wird fast allseitig als eine tatsächliche Revokation betrachtet. Nicht mir die Juden sind der gleichen Ansicht, sondern auch die Araber. Die Juden haben das Weißbuch bedauert, die Arabet freuen sich darüber. Sie haben die tiefe Ueberzeugung, daß das Weißbuch das Ende der Errichtung des Nationalhehns für die Juden in Palästina bedeutet. Das Weißbuch wurde, soweit ich im Bilde bin, veröffentlicht, ohne daß vorher irgend jemand befragt worden wäre. Man hat weder den Völkerbund betragt, noch die Mandatskommission des Völkerbundes, noch die verbündeten Mächte, mit denen zusammen wir das Mandat entworfen haben. Auch die Dominions sind nicht befragt worden. Um keine Mißdeutung aufkommen zu lassen — es ist nämlich behauptet worden, daß Beratungen mit dem Führer der Opposition und mit mir bezüglich der Frage der Palästina-Politik sattgefunden hätten —, möchte ich für mich selber erklären, daß ich bestimmt nicht befragt worden bin. Bevor dieses Weißbuch überhaupt erschienen war, hatte die Mandatskommission ihren Bericht veröffentlicht, der, um mit der Regierung selbst zu sprechen, voll war von schwerster Kritik ihrer Verwaltungstätigkeit. Man kritisiert Sie, weil Sie das Mandat nicht durchführen; als Antwort erklären Sie: «Sehr schön; also zerreißen wir es». Sie können es aber nicht zerreißen, denn es ist ein internationales Dokument. Dieses Weißbuch ist einseitig, voreingenommen. Seine ganze Anschauung ist dem Geist des Mandates feindselig. Es atmet Mißtrauen, ja sogar Gegnerschaft gegen die jüdische Betätigung. Die Juden werden kritisiert, weil einige von ihnen, die nur zeitweilig dorthin gekommen sind, dort blieben, weil ihnen das Land gefiel. Kein Wort verlautet über die Tausende von Arabern, die es ebenso gemacht haben. 14.000 Araber sind über die syrische Grenze unbemerkt ins Land gekommen. Die merkwürdigsten Ausführungen jedoch sind die über den jüdischen Gewerkschaftsverband, um so mehr, als sie von einer Arbeiterregierung kommen. Gerade die Organisation, der jüdische Arbeiter wird angegriffen. Artikel 2 des Mandates bestimmt, daß die Mandatsmacht die Errichtung einer jüdischen Heimstätte und die Ansiedlung von Juden auf dem Lande nicht nur dulden soll. Sie soll sie begünstigen. Wo ist diese Begünstigung? Der Bericht der Mandatskommission ist streng. Es besteht in der Wissen fie es schon 1 Schuh-Dorn bietet noch nie Dagevvesencs in Qualität und Preisen. Moderne Krokodil- und Eidechsschuhe . . , , S 39.50—S 45.— Aus ganz Krokodil u. 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Die Juden werden ermordet, daran sind sic schuld. In den Zeiten der Römer hatte Palästina eine Bevölkerung, die von verschiedenen Seiten auf zwischen drei und fünf Millionen geschätzt wird. Aus den Ausführungen eines Mitgliedes der Mandatskommission ist zu ersehen, daß man dort an die Möglichkeit einer Bevölkerung von mindestens drei Millionen in diesem Lande denkt. Als wir es übernahmen, lebten dort 700.000 oder 800.000 Menschen und etwa weitere 300.000 in Transjordanien. Seitdem haben sich die Juden um 100.000 vermehrt, ebenso die Araber. Im Laufe der letzten 25 Jahrhunderte waren die Juden das einzige Volk,' denen es gelang, etwas aus diesem reichlich steinigen Lande zu machen. Wer dort hinkommt, wird aufs tiefste beeindruckt von der Dürre und dem Schmutz dieses Landes. Jüdisches Kapital ist nach dem Friedensschluß ins Land gekommen und hat die Lage der Araber verbessert. Es ist unmöglich, Kapital in ein Land zu bringen und seine Wohltaten lediglich auf einen Teil der Bevölkerung zu beschränken. Es muß notwendigerweise das ganze Land durchströmen. Die Juden bilden 20 Prozent der Bevölkerung Palästinas, ihr Anteil an den Einkünften der Pafästina-Verwal- GEBRÜDER BRAININ WIEN, I. ßoueznmorlil?a TELEPHON U-22-3-59 tung beträgt zwischen 40 und 50 Prozent. Dadurch kam die palästinensische Regierung in die Lage, ejne' Anleihe von 4,500.000 Dollar für Aufbauzwecke atifz.uneh.men, die zu einem großen Teile den Arabern Arbeit beschaffte. Für die jüdischen Siedlungen kam sie nicht zur Verwendung. Man erzählt, die Juden benutzten ihren Reichtum, um die armen arabischen Fellachen von dem Boden ihrer Väter zu vertreiben. Das ist nicht wahr. Der größte Teil des von den Juden bewirtschafteten Bodens ist von ihnen aus dem Zustande der Verwüstung durch Urbarmachung nutzbar gemacht worden. Nahezu alles, was auf dem Gebiete des Erz.iehungswesens vou der Regierung geleistet wird, kommt den Arabern zugute. Die Juden erziehen ihre Kinder selbst. Aufforstung! Jeder weiß, was das für Palästina bedeutet. Warum ist Palästina eine so dürre Wüste? Weil die Türken die Bäume abgeholzt haben. Die Folge davon war, daß der verwitterte Boden von dem Hügellande fortgeschwemnit wurde. Die Juden aber haben der Regierung Millionen von Setzlingen geliefert, die sie in Stand setzten, gleichfalls Bäume zu pflanzen. Die Juden bringen Intelligenz und Scharfsinn für die Regeneration Palästinas ins Land. Ich wünschte, das gleiche wäre anderswo möglich. Bei der Betrachtung der Frage, ob Boden für die Araber vorhanden ist, möchte ich feststetlen, daß man Transjordanien nie in Betracht gezogen hat, obwohl es zum Mandatsgebiet gehört, ln Transjordanlen ist ebenso viel anbaufähiger Boden vorhanden, wie im gesamten übrigen Palästina. Es gehört zum Mandat, ist aber aus der nationalen Heimstätte für die Juden ausgeschlossen worden. Dieses Land muß entsprechend erschtossen werden. Als die Juden tri jenem Lande lebten, hinterließen sie ihre Spuren in der Geschichte. Sie besitzen noch immer die gleichen Anlagen, und unter Bedingungen, die diese ihre Anlagen durch ihren Patriotismus für das Land ihrer Herkunft verstärken, werden sie wiederum imstande sein, der Menschheit Dienste zu leisten. Wir haben geglaubt, daß ihnen diese Möglichkeit gewährt werden müsse. Wenn wir in Palästina versagen, so wird unser Versagen allen Nationen der Welt sichtbar sein. Wenn wir Erfolg haben, so wird dies das Vet trauen in die Fähigkeit Englands, ein Reich zu regieren, wieder lierstellcn. Die Antwort der Regierung Shiels Rede Iin Jahre 1922 wurde der großbritannischen Regierung ein Mandat erteilt, unter welchem Palästina seither verwaltet wird. Das Mandat enthält auch die Balfour-Deklaration von 1917. Nun haben die Araber von Anfang an dem Mandat widersprochen. Auf der anderen Seite hat eine große Menge von Juden in der ganzen Welt das Mandat als die Erfüllung der Träume von Jahrhunderten begrüßt Nicht alle Juden sind jedoch Zionisten, und namentlich in England und Amerika gibt es eine Anzahl, die gleichgültig oder gegnerisch einem politischen Judentum, das seinen Ausdruck in dem Nationalheim in Palästina findet, gegenüberstehen. Unter den Zionisten gibt es gleichfalls eine beträchtliche — kräftige und laute — Gruppe, welche niemals die Einschränkungen des Mandats oder des Wesens des Nationalheimes akzeptiert hat und welche nicht ein jüdisches Nationalheim in Palästina, sondern einen jüdischen Staat Palästina erstreben. Die gegenwärtige Regierung hatte kurz nach ihrem Amtsantritt sich mit den tragischen Ereignissen vom August des letzten Jahres zu beschäftigen. Eine Kommission von drei Mitgliedern dieses Hauses mit Sir Walter Shaw als Vorsitzenden wurde ernannt, um Untersuchungen anzustellen. Die Shaw-Kommission legte besonderen Nachdruck auf die Gefahr, daß als Ergebnis der Boden- und Kolonisatiönspolitik der Zionisten eine Klasse landloser Araber bestehe. & _ . •Gleichzeitig mit diesem Bericht wurde ein Weißbuch veröffentlicht, das die Richtlinien der Politik der Regierung angibt. Die Hauptlinie der Von Lloyd George geübten Kritik geht dahin, daß das Weißbuch ein Abweichen vom Mandat bedeutet, und eine Reihe angesehener Staatsmänner, die ebenso wie Lloyd George mit der Entstehung des Mandats verbunden sind, haben Beunruhigung geäußert. Ich erkläre mit altem Emst, daß irgend ein Abweichen vom Mandat niemals in unserer Absicht gelegen hat und ich hoffe, zeigen zu können, daß diese Kritik auf völligem Mißverstehen beruht. Zunächst möchte ich noch ein Wort über das Mandat selbst sagen. Wir haben wiederholt betont, daß wir das Mandat voll ausführen wollen. Palästina ist aber ein kleines Land. Die Gesamtfläche seines anbaufähigen Bodens wird auf 6,544.000 Ditnam geschätzt. Einer der Gründe, die es notwendig machen, in diesem Moment eine Uebersicht aufzustelten, liegt in der von Lloyd George erwähnten Diskrepanz zwischen der früheren von der Palästinaregierung angenommenen Bodenschätzung und der Schätzung Simpsons. Es bleibt freilich noch die große Fläche von Berseba, die bei all den Berechnungen außer Betracht blieb. Die Möglichkeit, dort Wasser zu finden, wird jetzt erforscht, die von dem1 Vorredner angeregten Bohrungen sind bereits im Gange. Das Weißbuch kündigt ein Landentwicklungsprojekt an, und ich bin jetzt in der Lage, diesbezüglich einige weitere Informationen zu geben. Unter Berücksichtigung aller Elemente des Problems ist die Regierung zu dem Schlüsse gekommen, daß die Erreichung des gesteckten Zieles eine Ausgabe von nicht mehr als 2,500.000 Pfund erforderlich macht. Ein großer Teil davon wird für produktive Arbeiten ausgegeben werden, nämlich Bewässerung und andere der Erhöhung der allgemeinen Produktivität des Landes dienende Projekte. Dadurch würde die Ansiediung von etwa 10.000 Familien möglich werden. In Anbetracht der gegenwärtigen Finanzlage Palästinas ist der einzige Weg, eine Summe von dieser Größe zu beschaffen, der einer Anleihe unter Garantie der englischen Regierung. Wir haben die Absicht, nach Weihnachten einen die notwendige Garantie für die Aufbringung dieser Anleihe zu gelten. Das Projekt soll in erster Linie für diejenigen landlosen Araber sorgen, die beweisen können, daß sie infolge des Ueberganges von Boden in jüdische Hände besitzlos geworden sind; der Rest wird für jüdische und arabische Ansiedlung verfügbar sein. Man hat behauptet, es sollten Regulierungen eingeftihrt werden, die neue Hindernisse dem Kommen von mehr Juden nach Palästina in den Weg Jegen. Die Politik des Weißbuches von 1922 war, daß Immigration nach Palästina irn Einklang mit der wirtschaftlichen Fassungskraft des Landes stehen soll. Feiner hat der Zusammenhang zwischen Einwanderung und arabischer Arbeitslosigkeit Anstoß erregt. Man sagt, kein Jude softe nach Palästina gelassen werden, solange ein einziger Araber arbeitslos ist. Das Weißbuch sagt, daß die Fähigkeit des Landes, neue Immigranten aufzunehmen, unter Berücksichtigung der Lage Palästinas als Ganzen in bezug auf Arbeitslosigkeit beurteilt werden muß. Das bedeutet nicht, daß solange irgenwelche Araber arbeitslos sind, keine Juden hereingelassen werden. Wir erkennen auch voll an, daß eine Menge jüdischen Kapitals in Unternehmungen investiert wird, um für Juden Beschäftigung zu schaffen, und daß es andernfalls überhaupt nicht investiert werden würde. Man hat unterstellt, daß die Arbeiterregierung den Zielen und Zwecken der jüdischen Arbeiterorganisation ohne Sympothie gegenüberstehe. Das würde bedeuten, daß die Arbeiterregierung ihren Grundsätzen untreu ist, was sicherlich niemand annehmen kann. Ich bin den meisten der Mitglieder der Exekutive dieser Arbeiterorganisation in London und auch in Palästina be- Protestiert gegen den Angriff auf den Keren Kajemeth durch außerordentl. Spenden bei der Büchsenleerung