Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 153 (27.11.1930)
- Date
- 1930-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 153 — 27. November 1930 Ott STIMME Seite 3 Wahlen zum polnischen Parlament Nach der Schlacht Von Dr. Nuta Brüstiger (Lemberg) »). Die Juden Im Wahlkampfe. Im Kampfe der beiden Lager des polnischen Volkes (Pilsudski-Anhänger und die Opposition) blieben die Juden passive Zuschauer. Das gleiche gilt von den anderen nationalen Minderheiten. Das pol«- pische Volk betrachtet die Machtfrage als eine rein ^nationale polnische Frage», die ohne Beteiligung der nationalen Minderheiten entschieden werden soll. Einzelne Juden — die Agudafiihrer Kirschbraun pnd Wisiicki — fanden wohl Aufnahme im Regierungsblook, aber das große nationaljüdische Läget blieb reserviert, mißtrauisch nach beiden Seiten. Das jüdische Volk hatte die Zeiten allpolnisch-bäurischet Herrschaft in frischer Erinnerung. Man wurde als feindliches Element behandelt, als «anonyme Macht» yerschrien. Man wurde wirtschaftlich verdrängt und bedrängt. Es fehlte dem jüdischen Volke die politische Atemfreiheit Deshalb begrüßte das jüdische Volk die PilsudskTsehe Mairevolution als Ankündigung einer neuen Aera. Und tatsächlich verbesserte sich in mancher Beziehung die rechtliche Lage der Juden. Man wurde als Bürger anerkannt. Die wüste Antisemitenhetze mancher Kreise „wurde niedergehalten. Ueberfälle radaulustiger Studenten wurden unterdrückt. Aber das herrschende Regime war — genau wie das frühere — weit davon entfernt, den Juden in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung die faktische Gleichstellung einzuräumen. Eine ungeheure, ungerechte Steuerlast wurde auf den jüdischen Mittelstand überwälzt. Die wirtschaftliche Depression, verstärkt durch diese Steuerlast, untergrub unzählige jüdische Existenzen. Eine Erfüllung national-politischer Forderungen war unter diesen Umständen kaum zu erwarten. Im national-jüdischen Lager herrschte keint Einigkeit über Mittel und Wege jüdischer Politik. Seit Jahr und Tag befehdeten einander die beiden politischen Richtungen: die radikale, deren Wortführer Grünbaum war, und die opportunistische der galizischen Zionisten. Die eine drängte auf konsequenten Kampf um bürgerliche und nationale Rechte, die zweite wollte sich mit gütlichen Interventionen und kleinen Errungenschaften begnügen. Nach Auflösung des Sejm und Ausschreibung der Neuwahlen versuchte man vorerst eine einheitliche jüdisch-nationale Front zu schaffen. Dem nationalen Block traten sämtliche zionistischen Parteien bei. Im Vordergrund des Interesses stand die Frage, ob in den nationalen Block auch die Aguda und aje wirtschaftlichen Kreise aufzunehmen seien. Misracln und die galizischen allgemeinen Zionisten waren dafür, Grünbaum und Hitachduth dagegen. Die Anhänger des allgemein jüdischen Blocks meinten, daß die jüdischen Mandate nur im Falle eines allgemein jüdischen Blocks zu retten seien, die Gegner verwarfen einen Block mit der Aguda und den Wirtschaftskreisen, dadieselben, national nicht verläßlich, im Sejm ins Regierungslager abschwenken würden. Es siegte der Gedanke eines national-jüdischen Blocks unter Ausschluß der Aguda und der Wirtschaftskreise. Daraufhin traten die galizischen allgemeinen Zionisten aus dem nationalen Block aus und versuchten zunächst, einen allgemein jüdischen Block in Galizien zu bilden. Der Versuch mißlang, da weder die Hitachduth noch der Misrachi in einen solchen Block eintreten wollten. Und gegen die beiden zionistischen Fraktionen konnte em solchei Block nicht gewagt werden. Die galizischen Zionisten überreichten daraufhin eine rein zionistische Liste 14 und forderten die galizische Hitachduth und den Misrachi zum Beitritt auf. Unterdes reichten die vereinigten zionistischen Parteien in Warschau die Liste 17 ein. Die zionistischen Fraktionen in Galizien, Hitachduth und Misrachi, hatten in grundsätzlicher Hinsicht ihren Willen durchgesetzt: die Aguda und die Wirtschaftskreise waren ausgeSchaitet Ein Kampf gegen eine rein zionistische Liste wäre ohne Sinn gewesen. Deshalb traten sie der Liste 14 bei und begannen gemeinsam mit den allgemeinen Zionisten den Wahlkampf. Das Ergebnis. Der unparteiische Regierungsblock errang einen überwältigenden Sieg. Es fielen ihm von 444 Mandaten rund 250 zu. Die Linksparteien erlitten eine schwere Niederlage. Sie büßten mehr als die Hälfte-ihrer Mandate ein. Die größte Widerstandskraft wies die allpolnische Partei N. D. aus. Sie vermochte ihren Besitzstand fast zu verdoppeln und stieg von 37 auf 64 Mandate. Die Weißrussen, die im letzten Sejm 18 *) Der Verfasser hat als Vertreter der Hitachduth im Wahlkreis Tarnopol kandidiert, wurde jedoch durch einen unerhörten Terror um sein Mandat gebracht (Anm. d. Red.). Vertreter hatten, gingen leer aus. Die Ukrainer ver«* Joren 10 Mandate. Die Deutschen vermochten von 19 nur 5 Mandate zu retten. DieJuden, die im letzten Sejm 13 Vertreter hatten, brachten nur 7 durch, und zwar 3 Zionisten in Ostgalizien, Dr. Thon in Krakau, Grünbaum und Rosenblatt in Kongreßpolen und überdies einen Aguda Vertreter in Warschau. Die Kommunisten mußten von den 7 Mandaten 2 abgeben. 5 Parteilose kamen nicht mehr durch/ Dieser Sieg des Regjerungslagers rückt in ein anderes Licht, wenn man die Umstände in Erwägung zieht, unter welchen die Wahlen stättfanden und das Ergebnis der Wahlen territorial und ethnisch betrachtet. Da muß folgendes festgestellt werden: durch Annullierung von Wahllisten infolge angeblicher Formfehler büßten die Linksparteien 62 Mandate ein, von denen der überwiegende Teil dem Regierungslager zufiel. Im rein polnischen Westen, den Provinzen Posen, Schlesien und Pommern, setzten sich die Allpolen siegreich durch. Dem Regierungsbloek fielen fast alle Mandate in den Randprovinzen zu, mithin die Mandate der nationalen Minderheiten. Geschwächt zieht die jüdische Vertretung in den Sejm ein. In Galizien ließ man drei Zionisten und Dr. Thon passieren. In Kongreßpolen vermochten sich zwei radikale Zionisten durchzusetzen. Wird eine solche Vertretung mehr als repräsentativen Charakter be¬ Sei Siemen djmenen, Äopff^tnerjen, tfjeu* matifcfjen unb gtdjtifdjen ©tfjmeräcn föirft % o g a t 90113 bor3ügIi4 Baut notarieller Sßeftätigung anerfemten über 6000 Siebte, barunter biele bebeutenbe gjrofefforen, bte fjerborragenbe SSirfung beS % 0 g a 1. fragen (Sie Sljrett 81 Qt. — aÜen Slpotfjefen — Sßretä © 240. sitzen? Wird sie, zum großen Teil opportunistisch eingestellt, die Kraft besitzen, dem mächtigen Regierung s b 1 0 c k R e c h t e f ü r d i e j ü d i s c h e n Volksmassen abzutrotzen? Darüber wird die nächste Zukunft Aufschluß geben. Jüdische Abgeordnete im neuen Sejm Von unserem Warschauer Berichterstatter Dr. Arnold Fried mann. Warschau, im November. Das polnische Judentum und insbesondere sein zionistischer Teil darf trotz Mandatsverlusten mit Stolz und Genugtuung das Wahlergebnis begrüßen und in ihm einen Triumph des zionistischen Gedankens erblicken. Namentlich ist auf Seite des galiztschen Judentums, dem es gelungen ist, die prominentesten Parlamentarier in den neuen Sejm zu entsenden, ein gewaltiger Stimmenzuwachs zu registrieren. Im Lemberger Wahlkreis allein wurden um fast 5000 Stimmen mehr auf die zionistische Liste als bei den Wahlen im Jahre 1928 abgegeben. Unter den schwierigsten Verhältnissen und unter dem Drucke eines rücksichtslosen Wahlterrors bedeuten die 32.000 zionistischen Stimmen, die als reines Bekenntnis zur zionistischen Sache gewertet werden müssen, einen gewaltigen Sieg unserer Idee. Wenn auch das zweite jüdische Mandat in Lemberg bei dei nachträglichen Stimmenzählung verlorengegangen ist, bleibt den galizischen Juden doch das stolze Bewußtsein, daß keine Gewalt imstande ist, den aufrechten jüdischen Wähler von der Ausübung seiner Wahlpflicht im Sinne der' zionistischen Ideologie abzubringen. Die Juden gingen diesmal ziemlich unvorbereitet in den Wahlkampf. Alle Versuche, eine jüdische Einheitsfront in ganz Polen zu schaffen, scheiterten an der unbeugsamen Hartnäckigkeit der Warschaus» Parteileitung. Im letzten Moment konnte noch die drohende Schande zweier gegnerischen zionistischen Listen in Polen beseitigt werden. Das traurige Resultat dieser Taktik ist, daß die große jüdische Massensiedlung außerhalb Galiziens nur zwei zionistische Mandate erringen konnte, während das kleinere, aber besser organisierte galizische Judentum im neuen Sejm über vier Mandate verfügt. Unter diesen Um- -;-W Szunia Passweg Josef Nierenstein Zahnarrt Wien Antwerpen empfehlen sich als Verlobte Direkte Linie I {Triest-Jaffa Haifa mit den vorzfigl. Salonschiffen Adria“, „Carnare“ b. „Celio“ j de» i JPahrtdauer bloß 4*/, Tage Pchrprelss I. Kl. £22.-.-; £ 15.-- III. KL £ 6.— ink). Bett und VrrpflM'nng II. Kl, iBSküRffe: Uojfd Trlesfino» Wies,Kärofßomng 6 '7*/i WUHII ständen ist die Verwirklichung der Unifizierung der zionistischen Organisationen in Polen wiederum auf Jahre hinausgeschoben. Von den gewählten jüdischen Vertretern sind alle ausnahmslos mit dem parlamentarischen Getriebe wohlvertraut. An ihrer Spitze marschiert der bewährte Kämpfer um jüdische Rechte, Jizchak G r ü n b a u in. Die Schärfe seiner Kampfesweise bringt es aber mit sich, daß unsere Feinde grundlos das Märchen verbreiten können, die unter Grünbaums Einfluß stehenden Zionisten verhielten sich dem polnischen Staate gegenüber illoyal. Dies ist eine Auffassung, die, an sich grundfalsch, dennoch antisemitischen Umtrieben als Nährboden dient.: Tom jüdisch-politischen Standpunkt aus Hat die Grünbaumsche Taktik in der konsequenten Ablehnung eines Blocks mit der Aguda dazu geführt, daß die jüdischen Stimmen, namentlich in Kongreßpolen und in den Randgebieten, zersplittert wurden/ und daß der Agudaführer Rabbiner L e w i n aus Rzeszow in Warschau das zweite jüdische Mandat erkämpfen konnte. Da lediglich der Erfolg im politischen Leben ausschlaggebend ist, dürfte das Prestige Grünbaums im neuen Sejm bedeutend herabgemtrtdert werden. Mit gesteigerter Autorität werden hingegen die galizischen Zionisten unter Führung des Krakaue* Rabbiners Dr. Thon das Sejmgebäude in der Wiejskagasse betreten. Dr. Thon, der über ein profundes jüdisches Wissen verfügt, hat es immer veistanden, sich auch unter den Nichtjuden eine acntunggebietende Stellung zu verschaffen. An zweiter Stelle marschiert der bedeutendste jüdische Wirtschaftler in Polen, der jetzige Stryjer Abgeordnete und ehemalige Senator Dr. Rottenstreich. Während diese beiden Mandatare von der Wissenschaft ausgehend den jüdischen Massen in Polen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht dienen, sind der Lemberger Abgeordnete Dr. Sommerstein, wie auch der Stanislauer Dr. Rosmarin in erster Reihe Juristen. Dr. Sommerstein wird in polnischen juridischen Kreisen als Autor zahlreicher Gesetzesentwürfe geschätzt und hat sich große Verdienste um die Schaffung einer einheitlichen Gesetzgebung im ganzen Lande erworben. Ein lauterer und unbeugsamer Charakter und gediegene Menschenkenntnis, zeichnen diesen Volksmann aus. Dr. Rosmarin hat sich große Verdienste um die Ausgestaltung der polnischen zionistischen Presse erworben. Die Lembergei «Chwila», die unter seinem Einflüsse steht, ist zweifellos das bestredigierte und meistgelesene jüdischpolnische Tagblatt, und vielleicht ist es in erster Reihe der «Chwila» zu verdanken, daß die jüdische Wahlkampagne bei den letzten Wahlen mit einem so großen Erfolge endete. Erwähnenswert, ist noch, daß Dr. Rosmarin über ausgezeichnete Beziehungen; zu Regierungskrisen verfügt. Alles in allem muß gesagt werden, daß in de« neuen Sejm eine wirkliche Auslese des polnischen Judentums Einzug hält. Die Wahlbewegung hat zur Zeit interner Zwistigkeiten im zionistischen Lager in Polen eingesetzt. Dazu kam noch die Depression, die nach der Veröffentlichung des englischen Weißbuches schwer auf dem polnischen Judentum lastete. Die Kraft der zionistischen Idee hat aber, über beide Hindernisse hinweg, zu einer merklichen Entspannung und zu einen* erfreulichen Wahlergebnis geführt. Möge das leuchtende Beispiel der Pflichterfüllung durch die galizischen Juden den Prozeß der Konsolidierung des polnischen Judentums beschleunigen. Die Hegemonie der Zionisten in der jüdischen Gasse ist, allen Störungsversuchen von rechts und links zum Trotz, erhalten geblieben. Der unleugbare Stimmenzuwachs gewährt einen erfreulichen Ausblick in die 74ikunlt.