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Die Stimme · 1930-11-20 · Heft 152 (20.11.1930) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 152 (20.11.1930)
Date
1930-11-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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BTt 8TTMME T Aus öfter Wett N». 189 — 80. NfTwnIxf IflSO Judentum und Kriminalität' Von Df. Heinrich Proei Die ethischen Grundsätze der jüdischen Reflgtofl waren stets von günstigem Einfluß'auf die Juden. Im Ghetto des Mittelalters und dann in den Judenvierteln der Großstädte, seit der Entwicklung des Kapitalismus bis zum Weltkriege, war die Religion der wichtigste Gegenstand der jüdischen Kontemplation, der Schatz der Ueberlteferung, die Zuflucht und die einzige Hoffnung für die Zukunft. In unbeschreiblicher Not, im harten Existenzkampf mußten die Juden ums tägliche Brot ringen, immer dem blinden Haß und der Voreingenommenheit der anderen ausgesetzt. Der jüdische Hausierer, Händler und Handwerker mußte sich die größten Entbehrungen auferlegen, den Groschen vom Munde absparen. Der Familiensinn und die Enthaltsamkeit haben zum Wohlstände der Juden wesentlich beigetragen. Vom Femen Osten bis zur New Yorker East-Side kann man viele Juden finden, die durch äußerste Mühe einen Notgrosdien zusammengespart haben, ihre Kinder konnten sich durch unsäglichen Fleiß und durch außerordentliche Fähigkeiten zu einer InteTgenzstufe durchhungern. Der durchschnittliche Jude hat eich drei in seinem täglichen Gebet vorkommenden Worte: «Buße, Gebet und Wohltätigkeit» zum Lebensmotto gestellt, wobei die Arbeit und die Existenzfrage die Alltagssorgen des Juden geblieben sind. Wucherer und Betrüger sind keine spezifisch jüdischen Erscheinungen. Die Geschichte weiß von Königen zu berichten, die heimlich Geld erzeugt haben und sich al erlei Fälschungen zuschulden kommen ließen. Shyloek ist nur eine poetische Untertreibung, Ritualmord eine Erfindung, die man den Juden allerorts und aTerzeit zugeschoben hat. Nach wie vor .werden die Juden von verschiedenen Demagogen als Prügelknaben mißbraucht, Bosheit und Verleumdung haben oft den jüdischen Namen in den Kot zu zerren versucht. In der Tat ist die Majorität der Juden arbeiisliebend, gesetzestreu und friedliebend. Die Juden waren ursprünglich Landleute Und bebauten den Acker, erst nach der Zerstreuung wurden sie gezwungen, Handel zu treiben. Der Weltkrieg und die Nachkriegszeit haben an den Juden viel gesündigt. Viele Juden wurden entwurzelt, viele sind auf die schiefe Bahn des Verbrechens geraten, viele endlich dem utopistischen Radikalismus verfallen. Während der Inflation entstand der neue Typus des dem Luxus und dem Laster frönenden Juden, seine Gesichtszüge sind durch Leidenschaft und Unbescheidenheit gekennzeichnet, auch dem Spiele und dem Rauschgift Ist er ergeben. Und so kommt es, daß in der Nachkriegszeit sogar Mörder und Räuber unter den Juden zu finden sind. Diese Ausnahmen berechtigen keinesfalls, eine Waffe gegen das gesamte Judentum zu schmieden, denn Mord und Verbrechen ist dem Juden wesensfremd. * Es ist daher erklärlich, daß die. Juden einen getingen Prozentsatz von Kriminellen aufzuweisen haben- Beispielsweise waren in Oesterreich im Jahre 1925 In der Strafanstalt Stein laut amtlicher Statistik auf 903 Insassen 120 Juden in Strafhaft. Verurteilte jüdischen Glaubens werden a u $ g a n z Oesterreich nach Stein instradiert, da es,in Stein einen Rabbiner gibt, wogegen anderen österreichischen Strafanstalten kein jüdischer Seelsorger zugeteilt ist. Unter den jüdischen Häftlingen hat es wiederholt solche gegeben, die dem Justizmord zum Opfer gefallen sind. In Rußland Bei'is, im alten Oesterreich Hilsner, in Frankreich Dreyfus, in Deutschösterreich Halsmann, in Polen Steiger. Man erinnert sich1 lebhaft an den Prozeß in Tisza-Eszlar in Ungarn und an den Prozeß in Sanok, Galizien. Dort wurde ein Jude wegen Mordes an einem Kinde verurteilt; er verbrachte viele Jahre in Lemberg in Strafhaft und wurde endlich dank den Erhebungen eines Gendarmorlebeamten von dem delegierten Kreisgerichte in Przemysl freigesprochen. Allmählich kehren die Juden zur Scholle zurück. In ihrer historischen Heimat entstehen ganze Städte, Sied’ungen und Kolonien, die den Besucher 6taunen machen. Selbst die größten Feinde des Judentums können nicht leugnen, daß der Fleiß der jüdischen Arbeiter einen felsigen Boden In fruchtbare Erde verwandelt hat, daß Disziplin und Moral das große Aufbauwerk In Palästina am besten kennzeichnen. Ein bekannter deutscher Dichter hat vor kurzer Zeit öffentlich festgestellt, daß die Leistuhgen der Juden in Tel-Avfv und in anderen Städten Palästinas gigantisch sind. Diese Feststellunghat Ihm den Groll der Träger des verstümmelten Kreuzes eingetragen; Im neuen Oesterreich hat ein Politiker in den letzten Jahren die Juden als ein destruktives Element bezeichnet, also eine Pauschalverdächtigung ausgesprochen. Aus der Geschichte Oesterreichs ist es bekannt, daß die Juden d|e Avantgarde des Deutschtums im Osten waren. Diebe Tatsache hat der oberwähnte Politiker vergessen, such kann das Judentum für einzelne nicht verantwortlich gemacht werden. Psychologisch und psychoana'ytlsch Ist der destruktive Charakter bestimmt keine Eigenschaft des Judentums; es wird zwar zugegeben, daß die Juden durch lange Verfolgungen, durch Erniedrigungen und Gewaltakte gezwungen wurden, eine unnatürliche Lebensweise zu führen, doch ist es vielen gelungen, in den liberalen und toleranten Ländern einen vollwertigen Lebensstandard zu erreichen und zum Vorteile der Weltkultur beizutragen. Es wer und ist Wille des Judentums, dem Verstände und der. Gerechtigkeit tu dienen. Den Pionieren des modernen Judentums bleibt es Vorbehalten, das Verhältnis zwischen Judentum und Kriminalität auf das Mindestmaß herabzusetzen. Die historische Menorah In letzter Zeit lebt wieder in Italien eine Legende auf, wonach die Menorah, die Titus nach der Zerstörung des Tempels nach Ronf brachte, noch vorhanden sei, aber an einer unbekannten Stelle im Schlamm Mes Tiberbettes verborgen liege. Aus den Berichten ÜÖmlscher Geschichtsschreiber und aus den Reliefs des Titusbogens ln Rom ergibt sich ohne Zweifel, daß die Menorah im Triumphzuge, der Titus zu Ehren in Rom veranstaltet .wurde, als besonderes Beutestück zu sehen war Die Menorah wurde dann mit den anderen Beutestücken im Tempel der Friedensgöttin in Rom aufbewahrt. Ueber ihr ferneres Schicksal gibt es nur Legenden. Eine von ihnen berichtet uns, daß die Menorah nach der Eroberung und Plünderung Roms durch König Geuserlch zusammen mit anderen Beutestücken aus dem Feldzuge des Titus nach Jerusalem gebracht wurde und dort in jüdischen Besitz gelangte. Eine andere Legende hingegen berichtet, das Schiff, das die Menorah von Rom hach Jerusalem bringen sollte, sei in einen Sturm geraten und uritergegangen. Wieder eine andere Legende, die im Mittelalter entstand, erzählt uns, Juden hätten die Menorah aus dem Tempel der Göttin des Friedens gestohlen. Dann sej dir Menorah von den Juden im Tiberbette eingegraben worden, damit sie nicht den Römern wieder in die Hände falle und, so lange versteckt bleibe, bis es wieder möglich sei, sie nach, Jerusalem zu bringen. Diese Legende, die jetzt wieder auflebt, war auch unter Papst Benedikt XIV. in der zweiter Hälfte des 18. Jahrhunderts Gegenstand lebhafter Erörterungen. Die jüdische Gemeinde in Rom beschloß nämlich, beim Papst um die Erlaubnis anzusuchen, Grabungen nach der Menorah durchzuführen. Die jüdische Gemeinde erklärte sich auch bereit, die Grabungen auf eigene Kosten vorzunehmen, wenn ihr an allen Funden das Eigentumsrecht zugesichert würde. Die päpstliche Regierung erklärte sich mit den Grabungen einverstanden, jedoch nur unter der Bedingung, daß alle hierbei gemachten Funde dem Papste gehören sollten. Damit waren wieder die Juden nicht einverstanden, die, Grabungen unterblieben und die Legende von der Menorah am Grunde des Tibers geriet in Vergessenheit. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte jedoch die Legende wieder auf und mit ihr die Idee, im Tiberbette Ausgrabungen durchzuführen, um die Menorah 2u finden. Imr Jahre 1818 bildete sich'eine Gesellschaft, die-mit den-Grabungen beginnen wo lte. Im Jahre 1830 lag endlich ein Arbeitsplan vor. Die Arbeiten wurden aber nicht begonnen und die Proponenten verloren ihr Geld. Im Jahre 1885 tauchte die Idee neuerdings auf. Ein gewisser Annibale Nuvoli schrieb eine Broschüre, um die Idee; nach der Menorah Im Titfer zu suchen, zu popularisieren. Auch diesmal wurde nichts aus dem Projekt- Es bleibt abzuwarten, ob sich Kapitalisten finden werden, die nach der historischen Menorah graben lassen wollen. (Nach einem Bericht aus «The Jewish Guardian».) Der Messianismus unter den Marranen Es ist bekannt, daß noch nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 und dem gleichen Schicksal, welches fünf Jahre später die Juden in Portugal traf, eine ganze Reihe von Juden in beiden Ländern verblieb, da sie das Christentum angenommen hatten. Die meisten von ihnen hielten jedoch heimlich am Judentum fest. Gegen diese Marranen oder Scheinchristen richtete sich im ganzen 16. Jahrhundert der heilige -Eifer der Inquisition, der sich vor.a jem dadurch erklärt, daß die Marranen, welche in Spanien und Portugal geblieben waren, großes Vermögen besaßen und ihre Verfolgung wegen des Verbrechens der heimlichen Ausübung des jüdischen Kultus der Kirche und ihrem stillen Tei haber, dem König von Spanien, stets. reiche Einkünfte aus dem konfiszierten Vermögen der «Verbrecher» sicherte. Es ist bekannt, daß die Marranen in Rom große Mühe darauf verwendeten, daß der Papst die nach der Judenvertreibung bevorstehende Einführung der Inquisition in Portugal verbiete, ihre Bemühungen waren jedoch vergeblich, die Inquisition wurde ln Portugal eingeführt und ebenso grausam gehandhabt wie in Spanien. Es ist nun bemerkenswert, daß zu dieser Zeit unter den Marranen in Spanien und Portugal die Messias-Sehnsucht ebenso stark war wie unter den Juden. $ie führte dazu, daß unter , den Marranen in Spanien und Portugal Messlase auftauchien, welche sich als Bringer der Erlösung ausgaben. Zwei von ihnen sind besonders berühmt geworden. Der eine war ein marranischer Schuster aus Portugal, Ludwig Diaz, der sich als djrekt vom Hinmmel ’ entsendeter Messias bezeichnet« und merkwürdigerweise unter den Marranen bald sehr großen Anhang gewann. Die Zahl seiner Anhänger vermehrte sich In Spanien und Portugal von Tag zu Tag; unter ihnen befanden sich einflußreiche Persönlichkeiten der damaligen Zeit, wie zum Beispiel der Marranensprößling Don Francesco Mendez, Leibarzt des Kardinals Don Alfonso von Portugal. Mendez, der schon als Chrjft geboren war, trat im Alter von 37 Jahren heimlich zum Judentum Über und nahm selbst an sich die Beschneidung vor. Da das Judentum der Marranen heimlich war, konnte natürlich aufch die MesBlasbewegungnur eine heimliche sein, wesha'b wenig Einzelheiten Ober sie bekannt sind. Der Messias Dta2 und eine große Zahl seiner Anhänger fielen schließlich der Inquisition zum Opfer. Dasselbe Schicksal ereilte den zweiten Marranen-Messias, der eine seht geheimnisvolle Rolle spielte. Es war der (durch Max Brods Roman bekannt gewordene) orientalische Jude David Reubeni, der angab, aus königlichem Geblüte zu stammen und von den zehn Stämmen als Sendbote und Künder der Erlösung nach Spanien und Portugal gesandt worden zu sein. Auch er sammelte viele Adepten um sich und seine Bewegung fand durch die Inquisition ein blutiges Ende. Der Badchen Der Badchen war der gewerbsmäßige Spaßmacher. Er unterhielt die Gäste bei den Hochzeiten durch Anekdoten und Rätsel, sprach in Improvisierten Versen und hielt Reden an das Brautpaar. Seine Ansprachen waren reichlich mit Bibel- und Talmudzitaten und mit kabbalistischen Kombinationen über die Buchstaben ausgeschmückt, aus denen sich die Namen des Brautpaares zusammensetzten. Seine Verse hinkten oft und seine Späße waren nicht immer sehr fein. So kam es, daß man mit der Zeit unter einem Badchen einen groben Spaßmacher verstand. Mit Eliakum Zunser (1845r—1913), dem größten Barden der jiddischen Sprache im 19. Jahrhundert, begann eine Rangerhöhung des Badchen. Er wurde aus einem Späßemacher und Dichterling ein Mitglied der literarischen Welt, wiewohl ein geringes. Israel Zangwül .schildert uns solch einen Badchen in seinem Werke «Kinder des GhettO». ... _ * - Der „Sobn des Löwen von Juda* Dieser Tage wurde der bisherige Regent Ras Tafari zum Kaiser von Abessinien gekrönt Kaiser Tafari hält sich für einen Nachkommen von König Salomp und der Königin von Saba und führt, wie alle bisherigen Kaiser von Abessinien, den Titel: «Sohn des Löwen von Juda*. Der Name des Kaisers setzt sich aus drei hebräischen Worten zusammen: Rösch (Haupt), Taf (Kind), Ari (Löwe). 1924 besuchte Ras Tafari Palästina. Damals wies er in einem Schreiben an das palästinensische Oberrabbinat auf die Verwandtschaft zwischen den Juden und den Abessiniern hin und betonte die freundschaftlichen Gefühle seines Volkes für die Juden Palästinas. Er erinnerte daran, daß die Abessinier des Glaubens sind, daß sie von der Königin von Saba und dem König Salomo abstammen. In dem Brief erklärte er, er wolle den Falaschas (den schwarzen Juden Abessiniens) Schutz und Förderung angedeihen lassen. Als im September 1929 die Palästina-Unruhen vor der Versammlung des Völkerbundes zur Sprache kamen, gab der Vertreter Abessiniens im Völkerbund, Lidy Andargue, seiner Sympathie für das verwandte jüdische Volk in Palästina Ausdruck und -wies darauf hin, daß die Abessinier glauben, direkte Abkömmlinge des Königs Salomo zu sein. Kaiser Ras Tafari Spendete vor kurzem eine größere Summe für den Pro-Falascha-Fonds. Rabbiner Israel Goldstein, der Vorsitzende des amerikanischen Ptd-Falaschakomitees, sandte dem neuen König als Zeichen des Dankes für sein Wohlwollen gegenüber den Falaschas die Statue eines in Gold ausgeführten Löwen. Die Könige von Abessinien führen bekanntlich den Titel König von Juda; Ein biblischer Felsen Der Felsen, aus dem Moses Wasser schlug, befindet sich nach der arabischen Ueberlieferung in Wadi Fairan. Der Felsen heißt heute Hesy el Khattatin. Um diesen Felsen sind große Haufen von Kieselsteinen aufgeschichtet. Das geht auf eine arabische Legende zurück, die folgendes erzählt: Als die Kinder Israels ihren Durst gestillt hatten und sich niedersetzten, vergnügten sie sich damit, Steine um den Felsen aufzuschichten. Daraus ergab sich die Gewohnheit, daß die Araber, um Moses sich geneigt zu machen oder um für einen kranken Freund zu bitten, eijien Stein in dessen Namen hinlegen, was als heilbringend angesehen wird, Prüfungen am «Tom-Kippur-Tage an der Havai d-Uni versität Die jährlichen schriftlichen Prüfungen an der amerikanischen Havard-Universität fielen heuer auf, dein Jom-Kippur- Täg. Trotz Bemühung der jüdischen Studenten war eine Verschiebung des Prüfungstermines nicht zu erreichen, so daß die jüdischen Studenten Gefahr liefen, ein Jahr zu verlieren. Der Prüfungstermin war schon im Frühjahre angesetzt worden und sowohl das Sekretariat der Universität als auch die jüdischen Studenten kamen zu spät darauf, daß der Prüfungstag mit Jom-Kippur zusammenfiel. Es wurde nun, da die Universität den Termin nicht verschieben wollte, der Ausweg gefunden, daß die jüdischen Studenten, die absolut nicht schreiben wollten, die Antwort auf die P/Üfungsfrägen nichtjüdischen Studenten diktierten. Sine hundertneunzehnjühilge Jüdin ln Lodz verstarb im* Alter von 119 Jahren Frau Scheindel Hirschkorn. Sie ernährte sich ihr Leben lang vom Hausierhandel, war bis zu ihrem Tode körperlich rüstig und konnte ohne Brille lesen. An ihrer Bestattung nahmen fünf Generationen ihrer Nachkommenschaft teil. Juden, spendet anläßlioh der neuesten Büohsenleerung reichlich für den äderen Kafemetfh Der Keren Kajemeth garantiert die Zukunft des jüdischen Palästinas. v

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