Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 152 (20.11.1930)
- Date
- 1930-11-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Srtt» 2 Nachwort zu den Nationalratswahlen Es kam, wie « kommen mußte. Von 120.000 jüdischen Nationalratswählern haben 2134 ihre Stimme für die jüdische Liste abgegeben. Im V. Wiener Wahlkreis wurden 65, im VII. Wiener Wahlkreis 68 Stimmen für die jüdische Liste gezählt. Hier haben nicht einmal jene 100 Wähler, die die eingereichte Liste unterschrieben haben, für die von ihnen empfohlenen Kandidaten gestimmt. Im VI. Wiener Wahlkreis, der etwa 6500 jüdische Wähler zählt, waren die Unterschriften von 100 Wählern nicht aufzubringen und so wurde von vornherein in diesem Wahlkreis die Wahlwerbung fallen gelassen. Im Jahre 1927 hat die «Jüdische Partei» mit einem klaren und eindeutigen jüdischnationalem Minderheitsprogramm 10.845 Stimmen auf sich vereinigt. 10.845 gegen 2134! Das heißt: rund 9000 jüdischnationale Wähler haben es abgelehnt, der jüdischen Liste Gefolgschaft zu leisten, haben es abgelehnt, eine dilettantenhafte Politik mitzumachen, die aus Trotz und Widerspruchsgeist geboren, zu jenem blamablen Mißerfolg führen mußte, mit dem bisher noch immer stümperhafte Improvisationen geendet haben. Mit vollem Bewußtsein — so vernimmt man nachträglich aus der «Neuen Welt» — wurde das beschämende Resultat von jenen Männern, die die jüdische Liste in den Wahlkampf geführt haben, voraysgtsehen, mit «vollem Bewußtsein und in klarer Erkenntnis aller Konsequenzen». Fürwahr, ein neuer HCrostratos ist gekommen. Aber die Welt versteht ihn nicht, versteht nicht, daß es Sinn und Aufgabe der Politik sein soll, bewußt Niederlagen herbeizuführen. Sie versteht nur, daß Niederreissen und Zerstören, Wüten und Schimpfen abstößt und nicht anzieht. Vergeblich zu diskutieren, wo die eigene Meinung alles gilt, wo am Besserwissen jedes Argument zerschellt, wo alle anderen nicht verstehen wollen oder können, Dummköpfe oder Bösewichte sind. Wollt Ihr noch immer nicht begreifen? Politik heißtWahlen. Wahlen heißt Niederlagen. Folglich besteht Politik darin, sich eine Niederlage nach deranderen zuholen. Was sonst für -menschliches Handeln gilt, gilt natürlich für diese Art der Politik nicht. Was kümmert die Unentwegten Aussichtslosigkeit und Mißerfolg. je ärger desto besser. Wahlen sind doch nicht dazu da, um zu wählen, um mitzuentscheiden, der Stimmzettel ist doch nur ein Instrument, um zu demonstrieren. Das Wählen hebt Euch gefälligst für bessere Zeiten auf. Diesmal ging es ums Ganze. Da gibt es keine Ueberiegtmg. Wollt Ihr die jüdische Sicherheit? Geht hin und wählt die von uns in vollem Bewußtsein der kommenden blamablen Niederlage proklamierte Liste! Der Grundsatz aller jüdischen Politik: «Vertretung jüdischer Interessen durch jüdische Beauftragte» in allen Ehren. Bedeutet das aber Wahlen um jeden Preis? Gibt die Berufung auf dieses Prinzip irgendjemandem das Recht, jüdische Wähler zu bluffen, ihnen vor der. Wahl aussichtsreiche Kandidaturen vorzutäuschen und nachträglich zynisch zu erklären: «Wir haben das Resultat vorausgesehen und haben Euch dennoch in vollem Bewußtsein und in klarem Erkennen aller Konsequenzen in den Kampf geführt.» Wird durch ein solches Vorgehen nicht für alle Zukunft das Vertrauen der jüdischen Wähler in den Ernst unserer nationalen PolHik untergraben? Man komme uns nicht mit dem Einwand, daß man jüdische Wahlen auch dann machen müsse, wenn man keine Aussicht auf Erfolg hat. Gewiß. Aber man darf doch auf der anderen Seite, will man nicht die Wahlen in die öffentlichen Vertretungskörper und ihre Bedeutung für die Judenschaft degradieren, unverantwortlich unter großer Aufmachung Kandidaturen proklamieren im Bewußtsein, nicht einmal einen Achtungserfolg hereinzubringen, sondern sich eine Blamage zu holen, die auch dadurch nicht besser wird, daß man sie im eigenen Blatte zu einer ehrenvollen Niederlage umdeutei Nicht einmal, sondern wiederholt und nachdrücklichst hat man den Herren von der jüdischen Liste vorausgesagt, daß für die Erbringung des Beweises, daß die Judenschaft in diesem Staate eigene Interessen habe, bei dem geltenden Wahlrechte, nach den Erfahrungen früherer Wahlen, bei der mangelnden Zeit der Vorbereitung und bei der gegebenen allgemeinen politischen Lage die Möglichkeit fehle und daß ein Mißerfolg die gegenteilige Wirkung hervorrufen muß, uns aufjahrczurückwirft und zukünftige Chancen verschlechtert Es hat altes nichts genützt Sie waren keiner Erwägung zugänglich. Und jetzt, nachdem sie das Unheil gngerichtet haben, sind selbstverständlich nicht sic, Sondern diean deren schuld. Auch das haben wir voräusgesehen und vorausgesagt. In einer Unzahl von Versammlungen haben die Kandidaten der Jüdischen Liste zu den Wählern gesprochen. Ihre Aufrufe, Programme, Stimmzettel haben li keinem jüdischen Hause gefehlt Die «Neue Welt» DIE STIMME gib eine Wahlnumnw heraus. In allen Straften der jüdischen Stadtviertel Würden Werbeplakate herum* getragen. Eine Menge von Agitatoren war für die Liste tätig. Alles vergeblieht Denn man höre! Einzelne «Offizielle» Zionisten haben Ihr Mißfallen Über die Aufstellung der Kandidatur geäußert und unser Blatt hat einen Artikel gebracht, In dem äusgeführt war, daß die Konsequenzen der Kandidatur aut die demokratischen Zionisten zufUckfallen und das Landeskomitee hat veröffentlicht, daß der Landesverband der Wahlbewerbung der jüdischen Liste femestehe. Und das hat genügt, um der jüdischen Liste 9000 Wähler abspenstig zu machen. Welches Armutszeugnis, wenn das wirklich genügt hat, um v# der jüdischen Wähler umzustimmen. Und dabei Ist doch der Verband der demokratischen Zionisten dl« «stärkste Gruppe» im Wiener ZionisMüli und «hinter dem Landeskomitee steht Niemand.» * Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, daß alle diese Ausreden nur ein Manöver sind, daß es sich um den mißglückten Versuch handelt, durch lautes Schreien, durch Vorwürfe und Verratsbesehuldigungen — wer hat nach Ansicht-dieser Herren, außer ihnen, bisher noch nicht den Zionismus verraten? — die Aufmerksamkeit vom eigenen Mißerfolg abzulenken, sich als Märtyrer aufzuspielen, die den ihnen rücklings versetzten Dolchstößen 2um Opfer gefallen sind. Daß bei diesen krampfhaften Versuchen, sich aus der Affalre zu ziehen, Kaffeehaustratsch und Zuträgereien herhalten müssen, wird niemanden Wunder nehmen. Aber weder die Behauptung, daß der Präsident der Organisation, den doch auch die Wähler gesehen upd gehört haben müßten, von Bezirk zu Bezirk gezogen sei, um für die sozialdemokratische Liste zu agitieren, noch die einem anderen Mitglied des Landeskomitees in den Mund gelegten Aeußerungen, noch die angeblichen Ergebnisse angestellter Beobachtungen und Bespitzelungen, mögen sie auch ln einseitig Süf- Tiinu k Mün EafMIfes Rafliaos" (Cafdtier Leo LÖwy) Größere und kleine Klablokale 1. Bez., WipplingeratraBe 24 Tel. U 97-4-84, U 28-3-74 OOOOOOOOCXXXXiOOQOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC; genommenen Geheimprpfokolien festgelegt sein, können an der unumstößlichen Tatsache etwas ändern, daß die jüdische Liste bei unbehinderter Entfaltung aller ihrer agitatorischen Kräfte eine vernichtende Niederlage, für die es kein Gleichnis gibt, erlitten hat. Wenn die Stimmen in der Leopoldstadt diesmal weniger betragen haben, als. vor. 19 Jahren, Im Jahre 1911, wo der jüdischen Wählerschaft der gleiche Kandidat präsentiert wurde, so sagt dies alles. Sollen wir noch darüber sprechen, mit welchen ungewöhnlichen Methoden diese jüdische Liste gearbeitet hat, davon, daß sie außer ihrem Listenführer alle übrigen Kandidaten, die ihre Liste zierten, der jüdischen Oeffentlichkeit verschwieg, daß sie In die Welt hinausposaunte, eine Reihe von Organisationen stünde hinter ihr und daß man, als der Wahlaufruf erschien, mit Erstaunen las, daß nur die Kandidaten selbst, einige persönliche Freunde, Schwäger und Schwägerinnen, Verwandte und sonstigen Haushalte die Kandidaten zur Wahl empfehlen. Wir hätten uns nicht mit dieser Gründlichkeit, mit dem mißglückten politischen Experiment der demokratischen Zionisten beschäftigt, wenn es Ihnen nicht gefallen hätte, anstatt ihre «ehrenvolle Niederlage» ehestens in Vergessenheit geraten zu fassen, sich noch darauf zu berufen, daß sie der zionistischen Sache mit ihrer Kandidatur einen Dienst erwiesen haben. In dieses Kapitel der Beweisführung gehört auch die seltsame Behauptung, daß mit dieser Trutzkandidatur altes eher beabsichtigt war, als ein Bruch der Disziplin. Dieser Diszlpllnbruch begann allerdings nicht erst bet Aufstellung der Liste, sondern schon früher, als der Führer der Demokraten rundweg« erklärte, der Parteirat könne beschließen, was er wolle, er und seine Freunde hatten sich durch die Beschlüsse der Organisation nicht für gebunden. Wer so über Organisation denkt, hat allerdings nicht das richtige Ürtelt und das richtige Empfinden für einen Bruch der Disziplin. Und zum Schluß: Erfolge oder Mißerfolge bei Wahlen ziehen notwendigerweise Konsequenzen hach sich. Werden nun auch die demokfatischen Zionisten die richtigen Konsequenzen ziehen? Die schicken, gut passenden Dora-Schuhe verleihen Ihrem Aeuftereti e'nen .wohlgefälligen Anblick. Die aus feinstem Materia hergeitellten, sparten Herbstmodetle «tw füllen durch Ihten vorzüglichen Sitz die höchstin Ansprüche modischer Elegant. Die s i t gern 8 ß e n, niedrigen Preise bei dieser Firma sind stadtbekannt. Schuh-Dora, OL, Taborstraße 8. _ r Vf. 152 — 2Q,Novom?>Orl9SQ Man will nns beschwichtigen... London. (J. T. A.) Das Bureau der Jewiäh Agency für Palästina hat «nt 11. November «in Kommunique herausgegeben, in dem erklärt wird, daß die Bewilligung von ungefähr 1500 Zertifikaten für 41« Einwanderung jüdischer Arbeiter nach Palästina die durch das Weißbuch geschaffene Lage in keiner Weiie ändere. Die Bewilligung der Zertifikate könne nur als augenblicklicher Notbehelf zur Beschwichtigung der Erregung unter den Juden angesehen werden. DleRavislonisten für die Nichtannahme der Zertifikate Jerusalem. (J. T. A.) Die revisionistische Zeitung „Doar Hayom“ schlägt vor, die bewilligten 13Ö0 Einwandererzertifikate zum Zeichen der Entschlossenheit des jüdischen Volkes, den Kampf gegen das Weißbuch bis zu seiner Zurückziehung und bis zu einer radikalen Aenderung von Politik und Verwaltung in Palästina fortzusetzen, der englischen Regierung wieder zur Verfügung 2u stellen. Das Arbeiterblatt „Dawar“ bezeichnet die Bewilligung der 1500 Zertifikate als „Nedawa“ (milde Gab«); die In keiner Weise das jammervolle Schauspiel ändere, das die englische Regierung biete, Indem sie sich der Verantwortung für die Verletzung des Mandates zu entziehen sucht und gleichzeitig fortfahrt, zu beteuern, daß sie an den Bestimmungen des Mandats festhalte. „Dawar“ warnt vor den möglichen Folgen endlos wiederholter Erläuterungen seitens der Regierung, die im arabischen und im jüdischen Lager nur Erregung Hervorrufen. Das Zögern der Regierung,' eine entschlossene Erklärung heraussugeben, in dpr die Araber davor gewarnt werden, ihre Zuflucht zur. Gewalt zu nehmen, grenze an politische Verbrechen. Die Verantwortung für etwaige Unruhen treffe die Regierungen in London und Jerusalem. „Haarez“ befaßt sich mit dem Beschluss« des Aktionskomitees, der Exekutive bis zum Kongreß eine politische Kommission, in der auch die Opposition vertreten ist, beizugeben, und erklärt, die Situation würde es erfordern, daß die Exekutive durch Heranziehung der verantwortlichen Führer der Opposition verstärkt werde, aber Jabotinsky bestehe darauf, nur einer rein revisionistischen Exekutive beizutreten. Wenn die Revisionisten glauben, sich fernhalten zu müssen, mögen sie es tun. „Haarez“ spricht sich ferner energisch ge* gen die Rückgabe der 1500 Einwandererzertifikate aus. Wir werden, schreibt das Blatt, diese Zertifikate ebensowenig ausliefern, wie wir im Kriegsfall das in unserem Besitz befindliche Land ausliefern würden. Wir setzen die Einwanderung und das Aufbauwerk fort) kämpfen aber weiter gegen diejenigen, die die Befriedigung unserer rechtlichen Ansprüche durch Gnadengaben ersetzen möchten. Auf die 1500 neuen Einwanderer warte die Arbeit heute ebenso wie seinerzeit auf die 2350, deren Zertifikate im Mai suspendiert wurden. Die Araber eröffnen ihre politische Kampagne London, 14. November. (J. T. A.) Die politische Kampagne der Araber hat am 14. November mit einer , Versammlung eingesetzt, an der zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten der englischen Gesellschaft, viele Lords und eine Abteilung von Faschisten in schwarzen Hemden teilnahmen. Als Redner traten u. a. Lord Islington, Mohammed All, einer der Teilnehmer an der indischen Round-Table-Konferenz und der Sekretär der palästinensisch-arabischen Exekutive Jamal Hussein! auf. Lord Islington schlug eine Resolution vor, ln der gefordert wird, daß der Artikel 22 des Völkerbundvertrages auf Palästina Anwendung finden soll. Er drückte sein Bedauern darüber aus, daß Araber von ihrem Boden vertrieben werden und erklärte, er sei zwar nicht Gegner der Niederlassung einer den Vorkriegsverhältnissen entsprechenden geringen Zahl von Juden in Palästina, bekämpfe aber eine Einwanderung großen Maßstabes, durch die der Jewish Agency ein größerer Einfluß auf die Verwaltung Palästinas eingeräumt würde als dem Völkerbund, der Mandatskommission, der englischen Regierung und der Palästina-Regierung zusammen. Das Mitglied der indischen Round-Table-Konferenz, Mohammed AU, schloß sich den Ausführungen Lord!s- Hngtons an und warf die Frage auf, ob England sich die mohammedanische Welt, . die den vierten Teil der Menschheit darstellt, zur Feindin machen wolle. Mohammed Ali berichtete sodann über eine Unterredung, die er tags zuvor mit Lord Passfleld hatte. Als dieser erklärte, er werde am Weißbuch festhalten, es werde jedoch eine erläuternde Erklärung zum Weißbuch veröffentlicht werden, habe Mohammed Ali Lord Passfleld ersucht, er möge dahin wirken, daß bei dieser Gelegenheit nicht der ganze Inhalt des Weißbuches fortinterpretiert werde. Es fiel auf, daß an der Versammlung zahlreiche Mitglieder des Unter- und Oberhauses, die stets eine antizionlitlsche Politik betrieben und jede Gelegenheit ergriffen haben, gegen den Zionismus Stellung zu nehmen, nicht teilnahmen.