Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 151 (13.11.1930)
- Date
- 1930-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Stillt TWR STUfMI Kf, lftl — 18. November 1980 Kräfte and Energien, di« bedeutenden Mittel und die geeigneten Menschen nehmen? Sind wir bei unseren österreichischen Verhältnissen imstande, das alles zu leisten oder werden wir biezu jemals in der Lage sein? Ist übrigens die zionistische Organisation dazu geschaffen worden, damit sie sich mit Mieterschutz, Gewerberecht, Zollfragen, Kollektiwerträgen, Breitner-Steuern und Bundesabgaben, Fragen der Industrie und Handelspolitik Oesterreichs n. dgl. Dingen befasse? Es kann also nicht anders stein, als daß der jüdische Angestellte und Arbeiter, der ja keine andere Wahl hat, der sozialdemokratischen Gewerkschaft beitritt, der kleine Kaufmann und Gewerbetreibende bei der Sozialdemokratie und ihren Organisationen Hilfe in seinen wirtschaftlichen Nöten sucht. Man erklärt nun: gegen den Eintritt eines Zionisten in eine Gewerkschaft oder andere Berufsorganisation sei an eich nichts einzuwenden, da sie ja offiziell keinen Bestandteil einer politischen Partei bilden und angeblich nur wirtschaftliche Funktionen auszuüben haben; das sei aber etwas ganz anderes, als einer anderen politischen Partei anzugehören und nur letzteres soll verboten werden. Wir wollen davon absehen, daß der Unterschied nur «in formeller sei und daß es heute keine unpolitischen Gewerkschaften oderandere Berufsvertret ungenin Wirklichkeit gibt. Es soll auch der Umstand außer acht gelassen werden, daß in der letzten Zeit vielfach die Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei eine Voraussetzung bed der Aufnahme in gewisse „freie“ Gewerkschaften bildet. Man darf aber nicht vergessen, daß eine Berufsorganisation die Interessen ihrer Mitglieder im demokratischen Staate nur auf die Weise vertreten kann, daß sie eine ihr politisch nahestehende Partei mit der Durchsetzung ihrer Forderungen im Gesetzgebungswege betraut. Es muß daher als pol itisch und moralisch unhaltbar bezeichnet werden, wenn von Juden, die einer Gewerkschaft oder anderen Interessenorganisation angehören, verlangt wird, daß sie bei Wahlen, bei welchen ja indirekt auch über die politische Macht und Stärke der Berufsorganisation, die ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten hat, entschieden werden soll, faktisch gegen diese ihre Stimmen in die Wagschale werfen sollen. Wenn von „politischer Anständigkeit“ gesprochen wird, so muß bezweifelt werden, oh es angeht, auf diese Weise seiner Berufsvertretung in den Bücken zu fallen und seine Stimme bei Wahlen einer Partei zu versagen, von der man sonst im Wege feiner Berufsorganisation die Vertretung seiner wirtschaftlichen Interessen verlangt. Man wird nun dem sicherlich entgegenhalten: Für den Zionisten müssen eben die Abwehr von Angriffen auf die jüdische Ehre, sowie unsere nationalen und kulturellen Forderungen wichtiger sein als die Erfordernisse der Wirtschaft; ergibt sich hier eine prinzipielle Kollision, so hat der Zionist rücksichtslos auf wirtschaftliche Interessen zu verzichten! Hüten wir uns aber einen solchen, gar nicht bestehenden Gegensatz künstlich zu konstruieren, denn damit leisten wir unserem nationalen Gedanken keinen guten Dienst. Die Wirtschaft ist ein wichtiger Teil und die Grundlage des nationalen Lebens und der Kultur, sie dürfen miteinander in keinen Widerspruch geraten, wenn sie nicht mitsamt verkümmern sollen. Nationale Politik, die sich einbildet, ohne wirtsohaftlicbe Basis bestehen und edeihen zu können, muß als weltremd und unnatürlich bezeichnet werden und zur Erfolglosigkeit verurteilt sein. Treiben wir nicht Mißbrauch mit großen Worten! Es handelt sich ja gar nicht darum, qb wir auf unsere kulturellnationalen Forderungen Überhaupt verzichten sollen. Einzig und allein die Frage, durch wen und w o, ob durch den zionistischen Landesverband, der ja schließlich außer der Landespolitik noch andere, wichtige Aufgaben zu erfüllen hat, und ob auf parlamentarischem Boden oder auf andere Weise unsere nationalen Wünsche vertreten werden sollen, steht zur Entscheidung. Das ist aber keine Frage des Prinzips, sondern lediglich der taktischen Zweckmäßigkeit, des Weges und der Mittel. Neben diesen Juden, die entweder lediglich aus privatem Interesse einer politischen Partei angehören oder aber, ohne bei den Sozialdemokraten organisiert zu sein, ihre Stimmen bei Wahlen für diese Partei abgeben, weil eie in ihr ihre berufliche und w^tsenaftliohe Vertretung erblicken, gibt es j; eine große Anzahl von Zionisten, die aus nuerer Ueberzeugu n £ sowohl hoi der zionistischen Organisation wie auch bei der sozialdemokratischen Partei organisiert sind bezw. sozialdemokratisch wählen. Entweder waren sie seit jeher Sozialdemokraten und haben sich später trotz ihrem assimilatorischen Milieu zum Zionismus durchgerungen, wonach sie dem Landesverbände beigetreten sind, oder aber wurden sie unter dem Eindrücke der schrecklichen Kriegserlebnisse und der Ereignisse der Nachkriegszeit zum sozialistischen Gedanken bekehrt und schlossen sich dem Sozialismus an, ohne ihren Zionismus dadurch aufzugeben. Sie sehen — mit Recht — keinen Gegensatz zwischen dem Zionismus und ihren sozialistischen Gedankengängen. Die zionistische Organisation ist für sie nicht eine politische Partei im landläufigen Sinne, sondern „der jüdische Staat im Exil“, in dem Platz ist für alle Juden, welcher Klasse und Weltanschauung sie sonst angehören mögen, soweit sie sich den zionistischen Gedanken zu eigen machen. DerZionismue ist fürsie eine Bewegung zur nationalen Erneuerung des ganzen jüdischen Volkes und nicht ein Par teiprogramm. Wiewohl sie sich ihrer politischen Ueberzeugung und ihrer sozialen Schichtung nach zum Sozialismus hingezogen fühlen, wollen sie unsere Reihen nicht verlassen, sondern sich am Kampfe aktiv beteiligen. Denken wir hierbei an die großen Scharen der Jugend, die, aus dem Osten stammend, eine jüdische Erziehung genossen haben und durch die sozialistische Welle der Nachkriegszeit in jenes Lager hineingetrieben wurden, aber ihr Judentum, das in ihnen zutiefst wurzelt, nicht aufgeben wollen. Vergessen wir auch nicht der jungen Menschen, die in tiefster Assimilation, in Unkenntnis und Verachtung des jüdischen Wesens aufgewach-ssn sind, für die der Sozialismus das einzige Ideal ihrer frühesten Jugend war, das sie aus dem ungeistigen Sumpf ihrer Umgebung als Menschen hinüberrettete und für die nachher der Zionismus zu einem erschütternden Erlebnis wurde, das ihnen ihre Selbstachtung als Juden zurückgab. Hierzu kommen noch die vielen jüdischen Sozialdemokraten, die nicht aus religiösen Motiven, sondern nur aus n a t i ohal'en Gedankengängen heraus sich zum jüdischen Volke zugehörig fühlen. In ihrer assimilatorischen und vielfach antijüdiechen Umgebung würden sie vollständig dem Judentum verloren gehen, wenn sie sich nicht auf die für sie einzig mögliche Weise jüdisch ausleben könnten, indem sie im zionistischen Landesverbände tätig sind. Alle diese Juden, die jungen und die alten, haben in der zionistischen Organisation ihre seelische und geistige Heimat gefunden, in die sie trotz aller Alltagssorgen und wirtschaftlichen Kämpfe ihr Judentum hintibergerettet haben, das sie sich nicht nehmen lassen wollen. Wer hat das Recht, diese Zionisten ihresAnteilesamnationalenLeben und der einzigen Möglichkeitdes jüdischen Erlebens zu berauben! Dürfen wir — auch eines Nationalrate- oder Gemeinderatsmandates wegen — diese Juden von uns, wie Aussätzige, stoßen und vielleicht den einzigen Faden zerschneiden, der sie mit unserem Volke verbindet? Können wir mit ruhigem Gewissen auf uns die Verantwortung nehmen, Hunderte und vielleicht Tausende von Mensohen, die doch aus der Zugehörigkeit zu uns keine Vorteile haben, sondern sich eher persönliche Opfer auferlegen, aus unserer Organisation auezusohließen und sie so dem Zionismus vollständig zu entfremden? Wie soll übrigens festgestellt werden, wer Mitglied e'ner anderen politischen Organisation sei, oder ihr „politische Dienste“ leiste? Wie kann beim herrschenden geheimen Wahlrecht ermittelt werden, ob ein Zionist sozialdemokratisch gestimmt hat. Es ist leicht vorauezueehen, daß die wertvollen Menschen, die sich mutig und offen zu ihrer Gesinnung bekennen, ausgeschlossen werden, während die Feigen und Hinterhältigen heim I andesverbande verbleiben würden. Oder soll vielleicht eine geheime „Gesinnungskontrollkommission“ geschaffen und Angeberei und Spitzeltum gezüchtet werden? Man sage auch nicht, solche Sozialdemokraten, dio zionistisch organisiert sein wollen, mögen doch zur P o a 1 e Z i o n gehen, die ihnen ja ohne weiteres offenetehtl Seit wann ist es unsere Aufgabe, dieser, wenn auch zionistischen Partei, die derzeit außerhalb des Landesverbandes steht, Werbedienste zu leisten? Pehr viele sozialistische Zionisten lehnen ee übrigens ab, der Poale Zion beizutreten, weil sie entweder Überhaupt gegen den Fraktionismus und die Parteiungen in der zionistischen Organisation sind, oder ffiit verschiedenen Programmpunkten dieser Partei, z. B. mit ihrer Stellungnahme in der jüdischen Sprachenfrage, nicht einverstanden sind, ödei* aber für sien in ihr keine genügende Arbeitemögliohkeit für den Zionismus sehen. Der einzige praktische Erfolg einer solchen zwangsweisen „Abkommandierung“ wäre, daß diese Zionisten vom Landesverband ausgeschlossen, der Poale Zion nicht bei treten und verärgert außerhalb der zionistischen Organisation bleiben würden, um früher oder später dem Zionismus verloren zu gehen. Da überdies, zumindest theoretisch, die Möglichkeit besteht, daß auch die Poale Zion dem Landesverband bei treten, was ja vom zionistischen Standpunkt sehr erwünscht wäre, so ist das auch keine Lösung. Sollen eie vielleicht eine neue „freie zionistische Vereinigung“ gründen, die seinerzeit so heftig bekämpft wurde? Wie verhält ee sich mit den Juden in der Provinz? Müssen auch dort zionistische Kandidaturen aufgestellt werden, obwohl dies nichts anderes als eine augenscheinliche Entwertungderjüdischen Stimmen bedeutet? Oder müssen die Juden, was auf dasselbe herauskommt, immer Wahlenthaltung üben? Wäre das nicht mit einer Selbstdegradierung und politischen Entmannung des jüdischen Staatsbürgers gleichbedeutend? Oder soll ihnen doch erlaubt sein, einer nicht antisemitischen Partei anzugehören, oder für sie zu stimmen, wodurch zwei Klassen von Zionisten entstehen würden? Der Einwand, daß es unmöglich sei, unter diesen Umständen eine eigene Politik zu betreiben und sich von Angehörigen einer fremden Organisation sein Vorgehen diktieren zu lassen, mag vielleicht, soweit es eich um Wahlpolitik bandelt, zutreffen. Will man diesen Zustand nicht wie bisher als eine unvermeidliche Besonderheit in dem auch sonst abnormalen jüdischen Leben in der Galuth hinnehmen, so darf man hiefür nicht die im Landesverbands organisierten Sozialdemokraten, sondern eher die Art der Landespolitik, wie sie bisher betrieben wurde, verantwortlich machen. Sie hat uns nichts anderes als Streit und Hader, Zerrissenheit, Verfall und überflüssige Feindschaft gebracht. Bedurfte es f noch eines Beweises dafür, daß diese Politik für ' den Zionismus schädlich ist, so mußte der Antrag der Radikalen auch dem Gleichgültigsten die Augen hiefür öffnen, wohin dieser Weg führt. Die Vorteile, die mit der eventuellen Erreichung von Mandaten zu den Vertretungskörpereehaften des Staates und der Gemeinde angeblich verbunden sind, stehen in gar keinem Verhältnis zu dem Schaden, den der Zionismus durch den Ausschluß von Hunderten bewährter Zionisten erleiden würde. Nicht diese Zionisten, sondern die Wahlpolitik wäre also aus der zionistischen Organisation zu verbannen. In dieeer schicksalsschweren, Zeit, in der das Judentum und der Zionismus in einer Welt voll Haß und Mißgunst von allen Seiten von Feinden umringt, um ihre nackte Existenz kämpfen, wäre es eine nicht zu verantwortende Sünde an unserer Idee, gerade jetzt unsere Reihen zu schwächen. Es gibt keinen sachrlleben Grund, der so wichtig wäre, daß er uns zu diesem Harakiri zwingen würde. Im Gegenteil: Zionisten, die sozialdemokratisch organisiert sind, die also Juden nahestehen, an die wir eonst nicht herankommen können, haben die besondere Aufgabe, den Zionismus in die jüdischen Kreise der Sozialdemokratie hineinzutragen, für ihn neue Anhänger zu werben, um so die tiefe Kuft, die unnötigerweise zwischen Zionismus und Sozialdemokratie in Oesterreich «schaffen wurde, zu über* rücken. Eine große Anzahl von Zionisten in den sozialdemokratischen Reihen würde auch . diese Partei dazu zwingen, ihre bisherige feindliche Stellung zum Zionismus zu r e v i d i e r e n. Sie könnte dann unserem Gedanken ebenso mlthelfond beistehen, wie es seitens ihrer Bxuiderparteien in Belgien, Frankreich oder Deutschland der Fall ist, was vom internationalen und weltpolitischen Standpunkt für uns sicherlich nicht ohne Bedeutung wäre. Nicht Gesinnungsschnüffelei, nicht die Jagd nach „Verrätern“, nicht Ketzerverbrennung, sondern das Streben, ein neues großes jüdische« Menschenreservoir für den Zionismus zu erobern, nicht Verminderung, sondern Vermehrung unserer Reihen, Ist das Gebot der Stunde. (Ein zweiter Artikel cUndespoÜtik und Kultusgtmelnds» .wird toter