Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 151 (13.11.1930)
- Date
- 1930-11-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 151 — 13. November 1990 OIE STIMME Seit« 5 Pflichten ruhig und in einem Geiste der Tolerant and des gegenseitigen Verständnisses zu erföHeni nötiger als heute. Dem Werke des Keren Hajessod, der der Lebensnerv aller unserer Unternehmungen ist, der das Bestehen der Jewish Agency und den Fortbestand unseres historischen Werkes ermöglicht und dem sich unsere Brüder in allen Teilen der Welt widmen — diesem Werke, so hoffen wir, werden die Juden aller Ueberzeugungen und an allen Orten mit ganzer Kraft ihre Unterstützung leihen. Oskar Wassermann Der Keren Hajessod — Grundlage und Symbol der Aufbauarbeit Zehnjähriges Jubiläum des Keren Hajessod! Welch gewaltiges Vertrauen, welch tiefer Glaube muß jene Konferenz im Jahre 1920 bewegt haben, die den Beschluß faßte, durch freiwillige Spenden für einen zentralen Fonds dem jüdischen Kolonisationswerk in Palästina seine materielieGrund- 1 a g e zu geben. Sonst kolonisieren Staaten mit ihren Machtmitteln; für uns Juden war der Keren Hajessod Grundlage und Symbol für die Neubesiedlung unseres alten Stammlandes. Dem Fonds gab man den Namen Keren Hajessod, das heißt: Fonds für das Fundament. Wie wir mit Freude die verheißungsvollen Namen unserer ältesten Sied- Den vielfachen Wünschen aus dem Leserkreise entsprechend, eröffnen wir mit diesem Artikel eine Diskussion über das Thema: Landespolitik. Dis soeben in Oesterreich stattgefundenen Nationalratswahlen und die aus diesem Anlasse in, unserer Landesorganisation aufgetauchten heftigen Meinungsverschiedenheiten haben auch den Wankenden oder Gleichgültigen zur Genüge die Dringlichkeit * und Unerläßlichkeit einer Entscheidung in der Frage der Landespolitik bewiesen. Der, Umstand, daß dem Landes-, verband auch Personen an gehören, die außerdem M itglieder einer anderen: politischen Organisation sind, spielte bekanntlich hierbei eine bedeutsame Rolle. Aus diesem Grunde und auch weil diese Frage bei einem demnächst einzuberufenden außerordentlichen Delegierten tag voraussichtlich wieder Gegenstand der Beratung ©ein wird, ist es unumgänglich notwendig, auf den von den Radikalen Zionisten bei dem im Juni dieses Jahres stattgefundenen Zionistentage eingebrachten, auf den Ausschluß solcher Zionisten abzielenden Antrag zurüokzukommen. Dieser Antrag lautet: «Die Mitglieder der zionistischen Organisation Oesterreichs dürfen einer anderen politischen Organisation weder angehören, noch irgend welche Dienste politischer Art leisten. Ein Vers.toß gegendiesen Grundsatz bedingt das Ausscheiden ausderzionistisehen Organisation». Laut Statut der zionistischen Weltorganisation umfaßt diese „alle Juden, die das zionistische Programm anerkennen und den Schekel entrichten“. Was unter „zionistisches Programm“ zu verstehen ist, besagt bekanntlich das sogenannte Basler Programm: „deT Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“. Es unterliegt daher keinem Zweifel, daß niemandem f o r m e 11 das Recht zusteht, einen Juden, der sich das Baseler Programm zu eigen macht und den Schekel entrichtet, aus der zionistischen Organisation auszuschließen, selbst wenn er einer anderen politischen Organisation angehört. Weit wichtiger ist jedoch die ideelleund praktische Seite der Frage. Da wir von Zionisten nicht annehmen können, daß sie den in Oesterreich bestehenden, durchwegs antisemitischen bürgerlichen Parteien angehören, so handelt es sich zugegebenermaßen, von der bedeutungslosen „Demokratischen Mittelpartei“ abgesehen, in Wirklichkeit um Gesinnungsgenossen, die in der sozialdemokratischen Partei organisiert sind, gegen die mit diesem Anträge Sturm gelaufen wird. Es soll nun gar nicht bestritten werden, daß es in Wien viele'Zionisten gibt, die auch sozialdemokratisch organisiert sind. Darf man den für die Wahlen zum letzten Delegiertentag edngereichten, ad hoc #) Siehe die Ausführungen desselben Autors in. der «Stimme» Nr. 128 vom 29. Mai 1930. lungen als Zeichen für das Gelingen unseres Werkes empfinden: Petach Tikwah, das Tor der Hoffnung, Rosch Ptnah, den Eckstein, so trägt das Wort Kereh Hajessod für uns und sicherlich noch mehr in ferner Zukunft die Kraft einer Zauberformel in sich. Die vor zehn Jahren ausgegebene Parole ist von den Juden gehört worden. In der ersten Begeisterung gaben die dem Gedanken der Erneuerung des jüdischen Volkes in Palästina verbundenen zionistischen Kreise, was sie geben konnten. Aber so wenig der Palästinagedanke Parteisache ist, so wenig blieb der Keren Hajessod auf Beiträge der Parteigänger beschränkt In rasch Wachsendem Maße warb er sich Freunde unter den nichtzionistischen Juden überall. Besonders in den östlichen Ländern wetteiferten alle Schichten der Bevölkerung miteinander an Opferwilligkeit Jeder wollte nach seinen Kräften zur Erfüllung alter Hoffnungen beitragen. Es galt, den elementaren Strom jüdischer Begeisterung zu organisieren und für die Dauer nutzbar zu machen. Nach zehn Jahren dürfen wir sagen, daß die Keren Hajessod-Parole ihre nachhaltige Wirkung bewahrt hat In unermüdlicher Arbeit wurden von Jahr zu Jahr neue Freunde gewonnen, und die Werbung war um so schwerer, als sie nicht immer von frohen und glücklichen Nachrichten aus Palästina begleitet wurde. Der Keren Hajessod hatte die Aufgabe, dann am stärksten zu sein, wenn die Lage in Palästina besonders schwer erschien. Die Garantie für seine Unerschütterlichkeit erblickt er in der ursprünglichen und ungebrochenen Zionsiiebe der jüdischen Gemeinschaft, die gewohnt war, schwerste Schicksale zu erdulden, ohne jemals den Glanz ihrer Zukunftshoffnungen sich verdunkeln zu lassen. zusammenges teilten Mitgliedsverzeiclinissen sowie den Schätzungen verschiedener Kenner der Verhältnisse Glauben schenken, so kann von vielen Hunderten gesprochen werden. Sogar die Radikalen und Revisionisten sind — diesen Mitgliedslisten zufolge — von dieser „Seuche“ nicht verschont geblieben. Auch in der österreichischen Provinz gibt es viele sozialdemokratisch organisierte Zionisten, ja sogar führende Mandatare der Sozaldemokratie, die gleichzeitig in der zionistischen Organisation in leitenden Stellungen tätig sind. Dieser Zustand besteht jedoch nicht erst seit heute und nicht seit gestern; die Zahl solcher Zionisten ist jedenfalls seit der Zeit, in welcher die heutigen Antragsteller selbst die Geschicke unseres Landesverbandes 'bestimmten, weder in Wien noch in der Provinz größer geworden. Es ist also unerklärlich, warum gerade jetzt der Ausschluß verlangt wird. Wir wollen auch nichts beschönigen, sondern ganz offen über die Sache sprechen. Man kann sich selbstverständlich bei näherer Betrachtung der Frage nicht der Tatsache verschließen, daß es unter diesen Zionisten auch solche gibt, die aus einem persönlichen, reinmateriellen Interesse der sozialdemokratischen Partei beigetreten sind. Es haben sich bekanntlich viele Juden sozialdemokratisch organisieren lassen, weil sie die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen wollten, andere wieder, um eine Wohnung oder Werkstätte in einem Gemeindehaus beziehen zu können, Aerzte, um eine Krankenkasse zu bekommen, Lehrer, um eine Anstellung zu finden, oder Gewerbetreibende, die dadurch für sich und ihre Angestellten Arbeit zu erhalten hofften. Es fällt uns natürlich nicht ein, diese Vorgangsweise verteidigen odergar entschuldigen zu wollen. Aber wer die tatsächlichen Verhält nh-äse kennt, der weiß es, daß es nun einmal im heutigen Oesterreich so ist, daß nicht Fähigkeiten und Kenntnisse oder unparteilicher Gerechtigkeitssinn, sondern einzig und allein p e rsönliche oder politische Beziehungen auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens, bei jeder Stellenverleihung und Lieferungsvergebung ausschlaggebend sind. Die politischen Parteien verteilen unter sich die Professuren an den Hochschulen, die Stellen in den Gerichten und die Beamtenposten bei den Verwaltungsbehörden. Wo sie die Macht haben, schließen sie Andersdenkende von jeder Abstellung, Krediterteilung und Lieferung rücksichtslos aus. Ist es nicht menschlich begreiflich, daß der Jude, der in dieser schweren Zeit eine Anstellung sucht, um sich und seine Familie kümmerlich ernähren zu können, der Wohnungslose, der ein Dach über dem Kopf erlangen will, der. „Staatsfremde“, der, ausgewiesen und verfolgt, durch die Zuständigkeit endlich Ruhe und Bewegungsfreiheit zu finden hofft, oder der jüdische Gewerbetreibende, dem die Sorgen über den Kopf wachsen und der glaubt, hiedurch sich aus seiner verzweifelten Lage zu retten, unter dem fürchterlichen Zwange der Selbsterhaltung und in der Furcht, sonst wirtschaftlich zermalmt zu werden, formell einer Partei bei tritt, die die Macht besitzt, jedoch nur unter dieser Bedingung gewillt ist, sein primitivstes Recht gelten zu lassen? Es ist ein politisches Maranüentum, das sich vor unseren Augen abspielt, aber wäre es uns, auch vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, lieber, wenn alle diese kleinen Leute nrt ihren Familien als politische Märtyrer verhungern würden? Tragen diese Juden daran die Schuld und nicht vielmehr unsere korrupten politischen Verhältnisse, die Menschen in eine solche Zwangslage versetzen und zu Heuchelei und politischer Maskerade zwingen? Es ist auch nicht ganz verständlich, warum gerade wir diese Bedauernswerten so heftig bekämpfen sollen. Wenn jemand hier als der politisch Geschädigte auftreten kann, so ist es nur die sozialdemokratische Partei, die gegen diese Leute den Vorwurf erheben müßte, daß sie sich ohne innere Ueberzeugung in ihre Reihen eingeschlichen haben, um persönliche Vorteile für sich herauszuschlagen. Nicht die zionistische Organisation, sondern diese Partei hätte da eigentlich ein Recht, von „politischer Unanständigkeit“ zu sprechen und solche Personen auszüschließen, woran sie offenbar aber gar nicht denkt. Bei uns sind diese Zionisten aus innerer Ueberzeugung, ohne jeden Zwang, trotz allem weiter geblieben oder nachher zu uns gekommen, nicht wir sind also die politisch Verratenen, die sich durch Ausschluß dagegen wehren müssen. Welcher Partei aber diese Juden „Dienste politischer Art“ in Wirklichkeit leisten, kann nur vermutet werden. Die Zahl solcher Zionisten ist jedoch glücklicherweise verschwindend klein, nichtsdestoweniger mußte über sie, der .Vollständigkeit - halber, gesprochen werden. Jeder, der sich diie berufliche Zusammensetzung, ökonomische Schichtung und soziale Differenzierung der österreichischen Juden in der Nachkriegszeit vor Augen hält, muß zugeben, daß wegen ihrer gegensätzlichen und einander widerstrebenden Interessen die Aufstellung, geschweige denn die Durchführung eines einheitlichen wirtschaftlichen Programmes für alle Juden unmöglich ist. Wenn überhaupt, so kann daher der zionistische Mandatar im Namen der jüdischen Gemeinschaft nur dann sprechen und wirken, wenn er sich ausschließlich auf kulturelle und nationale Fragen beschränkt. Er setzt sich sonst dem berechtigten Vorwurf aus, nur eine jüdische Schichte oder Klasse zu repräsentieren und nicht der Vertreter des jüdischen Volkes zu ©ein. Wenn also die Juden in der zionistischen Organisation keine Vertretung ihrer verschiedenartigen wirtschaftlichen Interessen haben können, warum soll es ihnen verboten sein, ihr© ökonomischen Forderungen und Wünsche einer politisch-wirtschaftlichen Partei anzuvertrauen? Heißt es nicht, sich selbst zum Staatsbürger zweiter Klasse zu degradieren, wenn es Juden verwehrt wird, ihre wirtschaftlichen Interessen in einer im demokratischen Staate einzig möglichen Weise, durch Eintritt in eine ihnen nahestehende politischwirtschaftliche Partei zu verteidigen.? Die Anhänger der bisherigen Landespolitdk erklären zwar, „für den Schutz der wirtschaftlich Schwachen und der Opfer der ökonomischen Krisen, welcher Klasse sie auch angeboren mögen“, eintreten zu wollen. Sie verlangen, daß der Jude „in jeder Lebenslage und auf allen Gebieten von der zionistischen Organisation, geführt und vertreten werden soll“. Will man aber nicht, daß alle diese Forderungen und Gebote als inhaltslose Wahlversprechen gewertet werden sollen, so müßte konsequenterweise der zionistische Landesverband eigene Unternehmerorganisationen u nd Gewerkschaften, Kredit-, Produktiv- und Verkaufsgenossenschaften gründen, um den Juden konstruktive Hilfe zu leisten, jüdische Mieter-, Kleinrentner-, Kriegsbeschädigten- und Arbeitslosenorganisationen, ja sogar Hauebesitzervereine organisieren, an den Wahlen zu den Handels- und Gewerbekümmern, zur Arbeiterkammer, Krankenkassen, Gewerbegenossenschaften und Steuerkommissionen teilnehmen usw. Wirtschaftspolitik muß eben, um diesen Namen verdienen zu können und Erfolg zu haben, das ganze Jahr hindurch Tag für Tag betrieben werden. Aber woher die hierzu nötigen Sollen sozialdemokratische Zionisten ans unserem Landesverbände ausgeschlossen werden?** Von Dr. Michael Steinberg