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Die Stimme · 1930-11-13 · Heft 151 (13.11.1930) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 151 (13.11.1930)
Date
1930-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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t um frmnie Nr. 151 — 13. NftwmVr 1930 irr >" iii.w—ihw■» «I.f.i imn\ < Die Woche Nach den Wahlen Oesterreichs neues Gesicht sieht lange nicht so schlecht aus, wie es die Pessimisten glauben wollten. Die Putschgefahr scheint beseitigt zu sein, die Reaktion wurde geschlagen. Der Heimwehr-Faschismus erlitt eine Niederlage und die Politik Vaugoin-Starhemberg ist bankrott. Der Heimatblock kann von Glück reden, daß ihm ein Üfundmandat zufiel und daß er dadurch die phantastische Summe von sieben Reststimmenmandaten erreichte. Mit diesem «Erfolge» der Heimwehrbewegung haben die Christiichsozialen selbst am wenigsten Grund, zufrieden zu sein. Sie mußten nicht weniger als sieben Mandate einbüßen, wobei zu bemerken ist, daß von den 66 christiichsozialen Mandataren einige, der Gesinnung der Inhaber zufolge, wahrscheinlich dem Heimatblock sich anschließen werden. Die 19 Mandate des Schober-Blocks sind dazu geschaffen, in der Zukunft das Zünglein an der Wage zu sein. Ceterum censemus: Das Wahlresultat konnte ärger ausfalten, als es ausgefallen ist, und der Sieg des demokratischen Gedankens ist das wichtigste Ergebnis des 9. November. Man darf wohl hoffen, daß für die nächste Zeit wenigstens die Putschgefahr beseitigt worden ist . Wenn auch die Reaktion aus den Wahlen geschwächt herVorging, muß andererseits festgestellt werden: Die antisemitische Front in Oesterreich Ist stärker geworden. Die Nationalsozialisten haben zwar kein Mandat erobert, aber Ober 100.000 Stimmen, und somit dreimal soviel als im Jahre 1927 zusammengebracht. Wenn diese Ziffer auch propörtionell nicht an dje bei den letzten deutschen Wahlen von den Hitlerianem eroberten Stimmen heranreicht so ist dennoch nicht gestattet — insbesondere vom jüdischen Standpunkt —, darüber zur Tagesordnung zu gehen. Es erregt Besorgnis, daß der judenfresserische Faschismus nicht nur in Deutschland, sondern, wie der 9. November bewies, auch in Oesterreich an Zugkraft gewinnt Daß die acht Heimatblockmänner, wie auch die 66 Christlichsozialen, grundsätzlich antisemitisch eingestellt sind, kann wohl nicht bezweifelt werden. Die vielen Reden der Herren Hueber und Starhemberg sind der beste Beweis hierfür. Auch der Schober-Block — für die Juden vom Momente seines Entstehens eine Enttäuschung — ist wenigstens wenn es sich um seine stärkste Gruppe, die Großdeutschen, handelt, sogar pfogrammäßig antisemitisch. Darüber hilft auch nicht die unbestrittene Tatsache hinweg, daß dem Dr. Schober selbst jedes rassenpoiitische Vorurteil fremd ist Unter dem Eindrücke des Sieges der Demokratie bei dem letzten Wahlgang darf man die gestärkte antisemitische Front nicht vergessen, die, wenn auch augenblicklich nicht bedrohlich, in der Zukunft unheilvoll werden kann. Passfields Rückzug Kaum drei Wochen sind seit der Veröffentlichung des schmachvollen Weißbuches vergangen, das Judentum der ganzen Welt ist noch immer vom Gefühl der berechtigten Empörung beherrscht, und schon häufen sich die Anzeichen, daß die Herren vom britischen Kolohiaiamt einsehen, sich weit verrannt zu haben, und daß sie sich einen Weg zum Rückzug zu bahnen versuchen. Diq Nachrichten, die in den letzten Tagen aus England gelangen, klingen durchwegs optimistisch. Lord Passfield bemüht sich in jeder Weise, den schlechten Eindruck, den seine Deklaration in der ganzen und nicht nur in der jüdischen Welt hervorgerufen hatte, zu verwischen. Zuerst versuchte er in verschiedenen Interviews den Juden einzureden, daß sie das Weißbuch mißverstanden hätten. Als das nicht genügte, und die Protestwelle nicht verebben wollte, mußte Passfield einsehen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als einen regelrechten Rückzug anzutreten. Die Nachricht von der Aufhebung der Einwanderungssperre ist als erster Schritt zu diesem Rückzug, zu betrachten. Ferner soll Passfield den letzten Meldungen zufolge in dem „Times“ erklärt haben, daß ein großer Teil der Regierungsböden der Jewish Agency für Köldnisationszwecke zur Verfügung gestellt werden wird und daß die Regierung den Juden bei der Kolonisierung der brachliegenden Ländereien keine Schwierigkeiten bereiten werde. Abgesehen von den für das nächste Halbjahr bewilligten 1500 Chäluzlm- Zertiflkaten (an und für sich eine minimale Zahl, insbesondere, wenn man bedenkt, daß Jetzt monatelang d|e Elinwanderung gestoppt war) sind all das nur Worte. Allerdings Worte, die in ausgesprochenem Gegensatz zu den Ausführungen des Weißbuches stehen. Dem Weißbuche nach sollte eine Arbeitereinwanderung nicht gestattet sein, „solange es im Lande arbeitslose Araber gibt“. Jetzt werden neue Zertifikate bewilligt, ohne daß zuvor eine Registrierung der arbeitslosen Fellachen durchgeführt worden wäre. Der Simpson-Bericht stellte fest, daß die Regierung nicht im Besitze großer Bodenkomplexe sei, die sie der jüdischen Kolonisation zur Verfügung stellen «ILSE BRIKETTS" Sparsam I» Verbrauch Kohle und Hol« zu haben XX,, Nordwestbahnhof Frei« Zustellung in» Haus Telephon A 41-1*68 könnte. Jetzt verspricht Passfield, daß man einen großen Teil der Regierungsböden der Jewish Agency schenken werde. Was soll das bedeuten? Haben wir wirklich das Weißbuch mißverstanden? Haben wir in das Weißbuch Dinge hineinkommentiert, an die die Autoren nicht dachten? Nein. Wahrscheinlicher ist die Annahme, daß der auf England ausgeübte Druck seine Wirkung nicht Verfehlt hat. Das Judentum dei ganzen Welt erhob Sich wie ein Mann gegen den brutalen Treübruch Englands; der langjährige, verdienstvolle Präsident der Zionistischen Organisation, Prof. Welzmann, dessen Loyalität England gegenüber außer Zweifel steht, demissionierte zum Zeichen seines Protestes; Gerüchte mehrten sich, wonach Amerika das Palästinapröblem studiere und die Möglichkeit in Erwägung ziehe, diplomatische Schritte In London zu unternehmen; eine neue Schlappe in Genf stand für Engfand in Aussicht; und last but not least begann auch das Gespenst des Haager Schiedsgerichtshofes den bisher intransigenten Lord Passfield zu schrecken* Es hat sich gezeigt, daß wir nicht ganz machtlos und verlassen sind. Daraus zog Lord Passfield seine Konsequenzen Und Schritt für Schritt trat er den Rückzug an. Verhängnisvoll wäre es aber, zu glauben, daß wir bereits gesiegt haben. Wir dürfen uns nicht in Hoff* hungSn ‘wiegen, daß nun wieder alles gut werden wird, solange den Worten des englischen Staats* mannes keine Taten folgen. Wir haben gar keine Veranlassung, diesen Worten zu glauben, denn die Gelinter außerordentlich starker Beteiligung der Aktjönskomiteemitglieder aus allen Ländern wurde am 4. November in London die Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees eröffnet. Außer den Mitgliedern des Aktionskomitees nimmt auch Richter Julian W. Mack als Gast mit beratender Stimme an d£n Sitzungen teil. Dr. Weizmann führte in der Eröffnungssitzung aus: Am 5. September d. J. hatten Dr. Brodetsky und Herr Namier ihre erste Unterredung mit Lord Pass- Treilpil jei Mieo im CaK „altes Rathaus" (Cafetier Leo Löwy) Größere und kleine Klubtokale 1. Bez., Wipplingerstraße 24 Tel. U 27-4-84, U 2Ö-2-74 ooooocxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx; field. Schon aus dieser Unterredung empfingen Sie den Eindruck, daß der Entwurf zum Weißbuch von schwerwiegender Bedeutung sei. Die Jewish Agency bemühte sich nach der Richtung, daß man sie weiter zu Rate ziehe, und in einem Brief vom t9. September ersuchte ür. Weizmann u. a. um eine Unterredung mit Lord Passfield. Dieser antwortete, er wolle Dr. Weizmann am 1. Oktober empfangen. Bei Gelegenheit dieses Empfanges sprachen Passfield und Weizmann zum erstenmal miteinander Über den Simpson-Bericht. Der Bericht selbst lag allerdings nicht vor. Im Verlauf des Gesprächs gab Lord Passfield einen allgemeinen Ueberblick Über den Inhalt des Simpson-Berichtes Und warf hiebei zum erstenmal das Problem der Bödenknappheit und der von der jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas befolgten Politik auf. Dr. Weizmann entgegnete, er wolle vor Einsichtnahme in den Bericht keinerlei Meinung Uber dessen Inhalt äußern. Weizmann hatte den Eindruck, daß Lord Passfield den Zionismus als eine Angelegenheit von geringer Bedeutung betrachte. Lord Passfield führte aus, der Im Simpson-Bericht enthaltene Passus Über die Möglichkeit der Ansiedlung von weiteren 20.000 jüdischen Familien ln Palästina spiegle bloß Sir John Hope Simpsons persönliche Meinung wider, denn auf Grund von Simpsons Darstellung bestehe auch nicht für einen einzigen Einwanderer die Möglichkeit, vor einer vollständigen Umgestaltung der palästinensischen Wirtschaftsverhältnisse ins Land zu kommen. Dr. Weizmann entgegnete, Lord passfield müsse als erfahrener Wirtschaftler einsehen, daß gerade durch die Einwanderung von 20.000 jüdischen Familien die ökonomischen Aussichten im Lande sich vollständig, und zwar zum besseren, ändern würden. Sodann wurde im Gespräch zwischen Weizmann und Passfield der im Simpson-Bericht entworfene Landentwicklungeplan erörtert. Lord Passfield gab zu, daß die Frage der Landentwicklungskommisslon in diesem schichte der letzten Zeit hat uns oft und bitter gelehrt, daß man die den Juden gegebenen Versprechen rücksichtslos beiseite schiebt, wenn andere Interessen im Spiele sind. Wir wurden in der letzten Zeit allzu oft bitter enttäuscht, um uns den Luxus erlauben zu dürfen, ins Extrem des Optimismus zu fallen, und dann eine noch schwerere Enttäuschung zu erleben. Die einzige Tat des britischen Kolonialamtes, die Bewilligung von 1500 Zertifikaten, ist an und für sich noch lange nicht genügend, um den berechtigten Groll der jüdischen Oeffentllchkeit aus der Welt 2U schaffen. Sie ist bestimmt nichts anderes, als der Versuch, die „aufgeregten Zionisten" mit einer Kleinigkeit abzuspeisen und Ihnen den Mund zu stopfen. Wachsamkeit tut gerade jetzt mehr not als sonst. Es ist uns gelungen, eine Hochspannung der Kräfte und der Nerven zu erreichen. Die Schicksalsschläge, die auf uns im letzten Jahre niedersausten und deren stärkster das Weißbuch vom 21. Oktober d. J. ist, haben unsere Widerstandskraft gestählt. Jetzt dürfen wir es nicht erlauben, daß unsere innere Spannkraft nachlasse, und wehe uns, wenn wir den Passfield-Interviews allzu großen Glauben schenken. Worauf wir warten, sind nicht beschwichtigende Worte, Erklärungen und Zelturtgsartlkel. W1 r w a r t e n a u f T a t e n. Wepn England wirklich geneigt ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen,' wenn es wirklich einsieht, daß Fehler, begangen und den Juden ein gräßliches Unrecht zugefügt hat, wenn es seine Ehre retten will, dann gibt es dafür nqr einCn eifrigen Weg: Zurücknahme des Weißbuches und' eine dem wahren Sinne der Autoren entsprechende Verwirklichung der Balfour- Dektaratton. Augenblick noch nicht Gegenstand einer Diskussion sein könne. Er versprach, den Simpson-Bericht und das Weißbuch der Regierung so bald als möglich Dr. Weizmann zu übermitteln. Am 15. Oktober fand eine zweite Unterredung zwischen Weizmann und Lord Passfield statt, ln der abermals Über den Landentwicklungsplan, gesprochen wurde. Auf die Frage Dr. Weizmanns, wo man das Geld für die Durchführung der vorgesehenen Landentwicklung hernehmen wolle, erklärte Lord Passfield, diesbezüglich beständen große Schwierigkeiten. Der äußere Verlauf der Unterredung konnte den Eindruck erwecken, daß Bodenkäufe des Nationalfonds, insofern sie nicht dem Landentwicklungsplan zuwiderlaufen, nicht grundsätzlich verhindert werden würden. Dbch blieb bei Dr. Weizmann die Empfindung zurück, daß Ernsteres in der Luft läge als das, was Lord Passfield angedeutet hatte. Am 17. Oktober wurden die authentischen Texte der Regierungserklärung und des Simpson-Berichtes Dr. Weizmann zugesandt. Da mit Rücksicht auf das Wochenende nur sehr wenig Zeit zu Beratungen vor der Veröffentlichung dieser Dokumente zur Verfügung stand, ersuchte Dr. Weizmann Lord Passfield am Sonnabend, abends, er möge Ihn auf seinem Landsitz Passfield Corner empfangen. Lord Passfield beantwortete dieses Ersuchen mit der Erklärung, daß es ihm im gegenwärtigen Stadium nicht mehr möglich sei, irgendwelche Aenderungen am Weißbuch vorzuiiehmen. Am Sonnabend nachmittags sprach der Vizepräsident der Weltunion der Zionisten-Revisionisten, Herr Meer Großman, bei Dr. Weizmann vor. Großman erklärte, er habe gehört, daß der Simpson-Bericht bereits in Weizmanns Händen sei, er biete angesichts der schwierigen Situation seine Hilfe zür Ueberwindung der Krise an. Er spraeh ferner den Wunsch aus, in das Weißbuch Einsicht nehmen zu dürfen, da ßle Revisionisten beabsichtigen, die Oeffentllchkelt zu informieren und eine Mitteilung ap die Presse auf Grund der ihm, Großman, bereits bekannten Einzelheiten Verlegenheiten schaffen könnte. Am Montag nachmittags erschien Auch wirklich ein von den Revisionisten herausgegebenes CommuniquS, das einen ungünstigen Eindruck von dem Simpson-Bericht vermittelte. Dies geschah trotz alter Bemühung und eines noch in letzter Stunde an die Revisionisten gerichteten Appells Dr. Weizmanns, ihr Statement nicht zu veröffentlichen, da noch Hoffnung bestehe, daß die englische Regierungserklärung geändert und ihre Veröffentlichimg verschoben werden würde, um der Jewish Agency Gelegenheit zu weiterer Stellungnahme zu gfben. Dr. Weizmann besprach sodann den Wechsel, der sich in der Haltung der allgemeinen Presse gegenüber dem Weißbuch vollzogen habe. Unmittelbar nach Veröffentlichung der Regierungserklärung sei fast die gesamte Presse dem Weißbuch entweder neutral odefreundlich gegenübergestanden, bald habe siqh über ein Wandel In dieser Hinsicht bemerkbar gemacht Es bestehe, fuhr Dr. Weizmann in seinem Bericht fort die Möglichkeit einer Erörterung der Frage Im Die Tagung des Aktionskomitees in London Die Entstehungsgeschtchte des Weißbuches — Yemrteilung der revisionistischen Taktik \

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