Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 150 (6.11.1930)
- Date
- 1930-11-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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?e'te 8 OIE STIMME Nr. 150 — 6. November 1930 Aus affet Wett Die „Subbotnik!“ in Amerika Vor ungefähr einem Jahrhundert entstand in Rußland unter den Christen eine Sekte, die das Mißfallen der russischen Regierung erregte. Manche diese Sektierer bezeichnten sich noch als Christen, sie wurden «Molokaiie» oder Milchleute genannt, weil sie Speck und Schinken verschmähten und sich hauptsächlich von Milch ernährten. Andere wieder behaupteten, sie seien Juden, und da ihnen die russische Regierung nicht erlaubte, Rabbiner mit der Seelsorge Ond dem Unterricht zu betrauert, wählten sie sich ihre Priester selbst. Viele Milchleute nahmen schließlich den Namen «Subbotniki», Sabatleute, an, Die russische Regierung machte kurzen Prozeß; sie verbannte die Milch- und Sabbatleute nach Transkaukasieh, das damals noch nicht pazifiziert war. Schon auf dem langen Wege gingen viele Sektierer zugrunde. In ihrer neuen Heimat litten die übrigen unter den Ueberfällen tatarischer und tscherkessischer Männer. In Transkaukasien gab es noch eine dritte Sekte, die sogenannten Dukobors. Dieser Sekte erwirkte Graf Leo Tolstoij gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Erlaubnis, nach Kanada auszuwandern. Die Subbotniki wanderten nun ebenfalls in kleineren Gruppen aus und siedelten sich in Kalifornien an, wo sie sich offiziell zum Judentum bekannten. In Los Angeles gibt es nun eine Gemeinde der Subbotniki, die ein dürftiges Leben führt. In «The American Hebrew» berichtet Albert Parry über einen Besuch bei den Subbotniki: Sie führen noch ihre russischen Familiennamen. Ihre Sehnsucht ist Palästina, und sie bedauern, nicht dorthin, sondern nach Kalifornien ausgewandert zu sein. Sie zeigten dem Interviewer Bücher über Palästina in russischer Sprache und Brief von Mitgliedern ihrer Sekte, die schon in Palästina wohnen. In Los Angeles wohnen vierzig Familien dieser Sekte, aber niemand von ihnen versteht Hebräisch. Sie beten in russischer Sprache aus Gebetbüchern, die den hebräischen Text mit russischer Uebersetzung enthalten. Der Berichterstatter nahm an einem Mittagessen teil, das nur aus Milchspeisen bestand. Der Hausherr sprach vor dem Essen ein hebräisches Gebet in russischer Uebersetzung. Die Männer hatten das Haupt bedeckt, die Frauen lauschten andächtig. i Die Subbotniki sprechen nicht Jiddisch, jedoch einige verstehen es. Die orthodoxen Juden von Los Angeles sind schwer davon zu überzeugen, daß es die Subbotniki mit ihrem Judentum ernst meinen, obwohl., sie die jüdischen Gebote beobachten und die jüdischen Feste feiern. Die . Sgbbotniki besuchen selten die Synagogen der Stadt, weil sie die hebräischen Gebete nicht verstehen. An den hohen Feiertagen versammeln sie sich in einem Privathause und beten die hebräischen Gebete in russischer Sprache. Ein Subbotnik fungiert dann als Vorbeter. Für Hochzeiten, Begräbnisse und Beschneidungen nehmen sie die Dienste von Rabbinern bezw. Beschneidern in Anspruch. Wenn sie Fleisch genießen, muß das betreffende Tier von einem Schochet geschlachtet worden sein. Es haben sich viele alte Geschichten unter dieser merkwürdigen Sekte erhalten. Eine hat folgeijcren Inhalt: «Unsere Großväter und Großmütter wurden als Sklaven in die sibirischen Bergwerke geschickt. Unsere Väter wurden zu den Soldaten gepreßt, um gegen die wilden Stämme zu kämpfen, weil es dem Zaren so beliebte. Viele von uns leben noch, die auf Befehl der Popen von der Polizei geschlagen und gemartert worden sind. Auf dem jüdischen Friedhof in Los Angeles liegt Großmütterchen Andrejewa begraben. Zu ihr kamen, als sie noch in Rußland wohnte, die Priester und Soldaten des Zaren und sagten zu ihr: „Andrejewa, lass’ ab vom jüdischen Glauben oder wir nehmen dir deine Kinder weg und du wirst sie nie mehr sehen.” Die gottesfürchtige Andrejewa aber blieb standhaft und sagte: „Kinder sind ein Geschenk Gottes; wenn ich meine Kinder verliere, wird mir Gott vielleicht andere schenken. . Aber es gibt nur einen Glauben, und den darf ich nicht ver- I lieren.” Da nahmen ihr die Schergen des Zaren die Kinder weg, und als wir nach Kalifornien gingen, war Andrejewa allein. Ihr Herz war gebrochen, aber ihren Glauben hielt sie hoch. Aber nun geschah das Wunder. Es gelang ihren Kindern, den Priestern des Zaren zu entfliehen und sich mit der Mutter in Los Angeles zu vereinigen. Großmütterchen Andrejewa beschloß ihr Leben in Glück und Frieden und nun liegt sie auf dem jüdischen Friedhof in Los Angeles begraben.» Eine andere Geschichte lautet: «Gegen Ende des 15. Jahrhunderts verbreitete sich in Rußlands Städten die Häresie der Judaisierenden. Die Bewegung ging von Nowgorod aus, wo sie von einem Juden namens Sacharja Skara aus Kiew propagiert wurde. Viele Priester und Adelige schlossen sich ihm an, unter ihnen Helena, die Schwiegertochter des Großfürsten Johann III. Die orthodoxe Kirche ging aber zum Gegenangriff über — die Ketzer wurden enthauptet oder verbrannt. Dreißig Jahre währte der Kampf der orthodoxen Kirche gegen die Häretiker, bevor ihre Ausrottung offiziell verlautbart werden konnte. Aber noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es ganze Dörfer in Rußland, die Schweinefleisch verschmähten, die Göttlichkeit Christi leugneten und statt des Sonntags den Samstag heilig hielten. Die Bauern bezeichneten sich als Juden und sprachen von einem Juden namens Skaria (Sacharja Skara), der ihr Lehrer sei. Und die Gendarmen und Spitzel des Zaren suchten rastlos, aber erfolglos den mysteriösen Juden Skaria. ■ Denn „Skaria” war ja schon seit dreihundert Jahren tot.» Der jüdische Fürst ron Naxos Ein Buch von kulturhistorischem Wert für Forscher und Laien ist kürzlich in Athen erschienen. Es stammt aus der Feder des bekannten griechischen Professors für Archäologie an der Universität Athen, M. Chassazoglu, und heißt «Josef Nasi, der jüdische Prinz der griechischen Inselm. Inhaltlich setzt das Buch mit den türkisch-venezianischen Kriegen des 14. Jahrhunderts ein, mit der Zeit also, da die Dogen von Venedig als Scjiiffahrer und Piraten Naxos unter ihre Herrschaft brachten und die Insel an den Signor Sanoida verkauften, der das Fürstentum Naxos begründete, dessen Dynastie aber von den Türken inmitten schwerster Wirren gestürzt wurde. Selim III. setzte im Jahre 1556 seinen Freund Josef Nasi als Fürsten des Reiches Naxos für Lebensdauer ein. Der junge Josef Nasi, Prinz von Naxos, war Sprößling einer alten, reichen portugiesischen Familie, dem die Eltern, große Ueberseekaufleute, eine Erbschaft hinterließen, die es ihm ermöglichte, der Bankier Europas zu werden. Sein Vetter eröffnete gemeinsam mit seiner schönen Tochter Grazia ein großes Bankhaus in Amsterdam und verlieh ganze Fässer Goldes an die Regierungen von Holland und England. Auf dem Höhepunkt seines Aufstieges traf Josef Nasi die grausame Hand der portugiesischen Inquisition, die ihn zwingen wollte, seinem Glauben abzuschwören oder sein ganzes Vermögen herzugeben. Josef Nasi ließ sein Hab und Gut verfallen, griff zum Wanderstab und wanderte nach Holland, das damals alle von der Inquisition verfolgten Juden gastfreundlich aufnahm. Das Glück war ihm hold. Er nahm Aufenthalt in Amsterdam, wurde n.. .h Verkauf der ihm noch gebliebenen Handelsschiffe Kompagnon seines Vetters, des größten Bankiers. Seine hervorragende diplomatische Begabung befähigte ihn, in der europäischen Politik, allerdings hinter den Kulissen, eine entscheidende Rolle zu spielen. Auch sein finanzielles Ansehen wuchs. Es gelang ihm, vom türkischen Sultan Selim III. eine gewaltige Summe Geldes geliehen zu bekommen, die er unter günstigen Bedingungen an den König von Frankreich weitergab. Als Günstling des französischen Hofes baute er in Venedig eine große Handelsflotte und heiratete seine Cousine Grazia. Nachdem die freie Republik unter verschiedenen Vorwänden seine Handelsflotte mit Beschlag belegt hatte, rettete er sich selbst durch die Flucht in die Türkei. Hier, in einem prächtigen Palast am Ufer des Bosporus, ergriff den jungen heldenhaften Josef Nasi, den Märtyrer seines Glaubens, eine mächtige Idee: die Wiederaufrichtung eines neuen Staates Zion! Er bekam, tatkräftig, wie er sich für seine Idee einsetzte, als Geschenk vom Sultan Stadt und Land Tiberias und begann sogleich, die Stadt auszubauen und die Felder urbar zu machen. Diese Taten begleitete ein Manifest an seine Brüder in Europa. Es blieb, wie all seine angestrengten Bemühungen um die; Errichtung ums Zustandekommen, erfolglos, wenn es auch die Judenheit eine Zeitlang intensiv beschäftigte. Aus Dankbarkeit für große Dienste machte ihn der Sultan zum Fürsten von Naxos Josef Nasi regierte 13 Jahre und die Dokumente, die der Verfasser des 'Nasi-Werkes durchforscht hat, beweisen die Liebe, die das von ihm regierte christliche. Volk und seine jüdischen Brüder in der Welt ihm entgegenbrachten. Diese Liebe und Verehrung hatte ihren Grund in den von ihm geschaffenen demokratischen Einrichtungen, in der Weisheit seiner Rechtsprechung und in der von den Christen bewunderten und gerühmten Glaubensrreue, von der seine Hofhaltung erfüllt war. Im Jahre lt>69 starb Josef Nasi, der Bankier! und Diplomat Europas, der einzige jüdische Fürst eines griechisch-katholischen Staates. Rothschild als Bottler In Pariser Künstlerkreisen wird heute noch aus dem Leben Baron James Rothschilds eine hübsche Anekdote erzählt. Der berühmte Maler Delacroix veranstaltete eine Ausstellung seiner Werke und lud dazu auch Baron Rothschild ein. Als Delacroix ihn eindringlich fixierte, fragte ihn Rothschild, weshalb er ihn so beobachte. «Herr Baron, Sie haben den Kopf, den ich schon längst suche.» «Was heißt ...?» «Ich meine/ Sie haben einen prachtvollen Bettlerkopf! Wenn man Sie noch in Lumpen einhüllte, wären Sie ein wunderbares Modell, und wenn Sie einverstanden sind, mir Modell zu sitzen, wäre ich imstande, ein großes Kunstwerk zu schaffen.» Den Baron amüsierte dieses Angebot, und nach einigen Minuten war er, der reichste Mensch Frankreichs, einverstanden, Modell als Bettler zu stehen. Delacroix war entzückt, als der Baron sein Wort hielt und tatsächlich in sein Atelier kam. Er gab ihm ein Bettlergewand und begann seine Arbeit. Als er tief darin versunken war, kam einer seiner Schüler, ein armer, junger Mann, in das Atelier, und als er den Bettler sah, krampfte sich ihm das Herz zusammen und Tränen kamen ihm über diesen elenden Bettler in die Augen. Er nahm aus seinem Beutel die letzten Centimes und legte sie dem vermeintlichen Bettler hin, worauf er sich ebenso still wieder zurückzog, als er gekommen. Rothschild wurde von der Gutherzigkeit des jungen Malers sehr gerührt, er ließ sich seine Adresse geben und schickte ihm einen Scheck auf 10.000 Francs. Noch lange Zeit nachher unterstützte Baron Rothschild seinen «Gönner» und ermöglichte ihm die Beendigung seines Studiums, bis er ein anerkannter Künstler wurde. „Wir haben Pharao vergessen und werden auch Passfield vergessen“ London, 28. Oktober. (J. T. A.) Am 27. Oktober fand im Pavillon-Theater zu London eine zionistische Massenversammlung zum Proteste statt. Der Andrang zur Versammlung war so stark, daß bereits lange vor deren Eröffnung der über 4000 Personen fassende Saal überfüllt war. Viele Hunderte konnten keinen Einlaß mehr finden. Polizei mußte die imnrer wieder heranflutende Menge zurückdrängen. Als die zionistischen Führer das mit blauweißem Flaggentuch drapierte Podium betraten, brachte ihnen die Versammlung eine minutenlange stürmische Ovation dar. Professor Weizmann sagte u. a.: «Wir haben Pharao vergessen und werden auch Passfield vergessen.» Wir werden unsere Arbeit nicht darum einstellen, weil Passfield sich einbildet, er allein könne das jüdisch-arabische Problem lösen. Der Jiischuw ist fest zum Ausharren entschlossen. Es werden bessere Zeiten kommen, auch neue Menschen werden kommen, die über unser segensreiches Werk ganz anders urteilen werden. Die Mandatskommission hat der britischen Regierung vorgeworfen, sie habe weder für die Juden noch für die Arbeite? etwas getan. Die englische Regierung hat sich aber diese Ermahnung kaum zur Hälfte zu Herzen genommen; geht sie doch jetzt daran, ein arabisches Nationalheim auf dem Rücken der Juden zu errichten. Hätten die Juden arabische Arbeiter verwendet, dann hätte vermutlich das englische Weißbuch erklärt, die Juden seien Ausbeuter. Was immer die Juden auch tun mögen, stets wird man erklären, sie hätten Unrecht getan. Der Keren Kajemeth, der schon vor der Balfour-Deklaration bestanden habe, werde noch bestehen, wenn das jetzt veröffentlichte Weißbuch längst vergessen sein werde. Es sei bemerkenswert, daß die Regierung früher die Tätigkeit des Keren Kajemeth nicht nur nicht ungünstig beurteilt, sondern sogar — erst vor vier Jahren — erklärt habe, der Keren Kajemeth sei das wichtigste Instrument für den Aufbau Palästinas. Jetzt aber unterziehe sie die Arbeit des Nationalfonds einer scharfen Kritik. Hätte die britische Regierung den Arabern gesagt, daß die Juden ein Recht auf Palästina haben, so wären ernste Unruhen verhindert worden. Wenn aber jetzt die Regierung den Arabern sagt, die Juden könnten unter Umständen eine Gefahr für sie werden, so treffe sie nunmehr die volle Verantwortung für jede Störung des Friedens in Palästina. Antienglisclie Demonstrationen in Warschau, Lodz und Lemberg Warschau, 28. Oktober. (J. T. A.) Chaluzim veranstalteten neuerdings vor dem Gebäude der englischen Gesandtschaft in Warschau eine Demonstration. Etwa 300 Chaluzim sammelten sich auf der dem Gesandtschaftsgebäude gegenüberliegenden Straßenseite an und demonstrierten durch englandfeindliche Rufe und das Absingen der Hatikwah. Polizei zerstreute die Demonstranten. Zur selben Zeit demonstrierten ungefähr 300 Mitglieder der Rechten Poale Zion, des Hechaluz und des Haschorrrer Hazair vor dem englischen Konsulat. Einige der Demonstranten warfen Steine gegen das Konsulatsgebäude. Mittels Lastautos eingetroffene starke Polizeiabteilungen trieben die Demonstranten auseinander und verhafteten vier derselben. In Lodz formierte sich nach Schluß eines von der Hitachduth einberufenen Protestmeetings gegen die englische Regierungserklärung ein Zug von etwa 1000 Personen, der sich unter fortwährenden Protestrufen gegen England nach dem englischen Konsulat zu bewegte. Der Zug wurde auf seinem Wege von der Polizei aufgehalten und in die Nebengassen abgedrängt, wobei fünf Verhaftungen vorgenommen wurden. Besonders eindrucksvoll verlief eine in Lemberg unter freiem Himmel abgehaltene Protestkundgebung, an der über 15.000 Personen teilnahmen. Nachdem mehrere Redner die politische Bedeutung des neuen englischen Weißbuches beleuchtet hatten, wurde eine Reihe scharfer Protestresolutionen gefaßt. Große Straßendemonstrationen in Tel-Aviv Jerusalem. (J. T. A.) Nach einer am 25. Oktober in Tej- Aviv abgehaltenen Protestversammlung der Revisionisten gegen das neue Weißbuch der englischen Regierung kam es in den Straßen von Tel-Aviv zu heftigen Kundgebungen einer mehr als 6000köpfigen Menge. Unter Rufen wie «Nieder mit Passfield!», «Es lebe die Balfour-Deklaration!», «Es lebe die Mandatskommission!», «Hoch Van Rees!», «Hoch die freie Einwanderung!» durchzogen die Demonstranten in geschlossenem Zuge mit einer zionistischen Fahne die Stadt. Es kam zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, die unter dem Kommando des Polizeioffiziers Schiff die Menge zu zerstreuen versuchte. Polizeioffizier Schiff wurde von den Demonstranten ausgepfiffen und vom Pferde geworfen. Bei dem Zusammenstoß wurde ein zwölfjähriger Knabe verletzt, drei Leute wurden verhaftet. w Rieht ansdrüchlich abbestellte Abonnements gelten als Verlängert! n