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Die Stimme · 1930-11-06 · Heft 150 (6.11.1930) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 150 (6.11.1930)
Date
1930-11-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 150 — 6. November 1Ö80 DIE STIMME Seite 7 ®rie/necfisel xnistfken Welxmann und (fassfield Hofrat Dr. Adolf Schwarz Zum 7 5. Lehrsemester des Rektors der Wiener Israelitisch-theologischen Lehranstalt. Mit der Eröffnung der diesjährigen Winter- Vorlesungen am Wiener Rabbinerseminar feierte der von der wissenschaftlichen Welt als größter moderner Talmudkenner anerkannte Hofrat Professor Schwarz sein 75. Lehrsemester. Adolf Schwarz wurde am 15. Juli 1846 in Adaaz* Ti/wel, Ungarn, geboren. Schon in frühester Jugend genoß er gediegenen jüdischen Unterricht. Nach Abr solvjerung seiner Gymnasialstudien in Papa?Qg Schwarz nach Wien, wo er an der Universität Philosophie inskribierte. Zugleich besuchte er die Vor* lesungen Jellineks und J. H. Weiß’ am Wiener Bethha- Midrasch. 1867 trat er ins jüdi$ch*th@ologische Seminar zu Breslau ein; auch setzte er seine philosophischen Studien an der dortigen Universität fort. 1870, bezw. 1872, also im Alter von 24 Jahren, veröffentlichte Schwarz seine ersten zwei Preisarbeiten «Ueber Jakobis oppositionelle Steilung zu Kant, Fichte und Schelling» und «Ueber das jüdische Kalenderwesen*. Nach Beendigung seiner Studien in Breslau er war ein Schüler Zacharias Frankls wurde er als Prp* fessor an die Budapester Landesrabbinerschule be* rufen. Da sich aber die Eröffnung dieses Instituts verzögerte, nahm Schwarz die Einladung an, als «Stadt- und Konferenzrabbiner» in der Gemeinde Karlsruhe tätig zu sein. Achtzehn Jahre lang wirkte er dort In vorbildlicher Weise als Rabbiner und hervorragender Prediger — seine meisterhaften Homolien sind in mehreren Bänden im Druck erschienen -r-r bis er im Jahre 1893 als Rektor der neugegründeten israelitischtheologischen Lehranstalt nach Wjen berufen wurde. Hier wirkt Rektor Schwarz für die Ausbildung junger Rabbiner und Lehrer. Urwüchsige traditionelle Liebe und Begeisterung für den Ideengehalt des Judentums, gepaart mit streng wissenschaftlicher Methode machen ihn insbesondere auf dem Gebiete des Talmudstudiums zum einzigartigen Bahnbrecher jüdischen Geisteslebens. Durch seine wissenschaftlichhermeneutischen Forschungen ist Schwarz der «Baal- Higajon», der Logiker katliexochcn. Seine Verdienste um die wissenschaftliche Beleuchtung der 13 Interpretationsregeln des Rabbi Ismael haben epochale Perspektiven geschaffen, vermittels welcher wir so manche Unklarheiten alter Exegeten beheben können. Auch das induktive Schließen ist nach Schwarz ein spezifisches Merkmal jüdischen Denkens, worin uns neuestens die Engländer nahestehen. Endlich kommt Schwarz auch durch seine logischen Untersuchungen zur religionsphilosophischen Erkenntnis der jüdischen Gottesidee. Vom geschichtlichen Standpunkt betrachtet Schwarz den großen Spinoza als einen Mann, der praktisch seiner eigenen Theorie zuwidergehandelt hat. Wenn dieser in seinem theologisch-politischen Traktat die Aufgabe des Menschen in der Zügelung seiner Leidenschaften sieht, so sei er gar nicht mit gutem Beispiel vorangegangen. Er habe vielmehr mit ^echt-jüdischem" Temperament seinem Volke heinigezahlt, was es Ihm angetan hatte. Als leuchtendes Vorbild jüdischer Genialität erscheint dem Wiener Rektor Uber alle Massen Maimojiides, der große Synthefiker altjüdischer Tradition mit größter Bildung seiner Zeit. Insbesondere für den „Mischne-Thorä“, jepe grandios angelegte Systematik, schwärmt der exakte Logiker Schwarz geradezu in seinem anläßlich des sjebenhundertjährigen Todestage? Maimunjs, 1905, veröffentlichten gleichnamigen Werke. Groß ist die Zahl der Jünger Prof. Schwarz’, die bereits auf ein segensreiches Wirken zurückblicken können. So sind Prof. Dr. Aptowitzer (Wien), Doktor J. H. Landau (Johannesburg), Prof. Pr. Schorr (Warschau), Harry Torczyner (Berlin) u. v. a. Schüler der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt. Oberrabbiner Prof. Dr. Z. P. Chajes s. A. war einer der besten Und geliebtesten Schüler des Hofrates Schwarz. Noch erinnert sich da« jüdische Wien seiner herzergreifenden Rede an der Bahre dieses unvergeßlichen Jüngers. —■ Ina Jahre 1917 wurde der hervorragende Rektor anläßlich seines 70. Geburtstages seitens der Regierung mit dem Hofratstitel ausgezeichnet; zugleich erschien damals eine ihm gewidmete Festschrift, an der die bedeutendsten Wissenschaftler der gegenwärtigen jüdischen Literatur mitgearbeitet haben. Schwarz bekennt sich irn kulturellen Sinne zur jüdischen Renaissancebewegung. Er sieht im künftigen Erez Israel das religiöse Kulturzentrum für die vollkommene Wiederbelebung jüdischen Geisteslebens. Ein zukünftiges Synhedrion im Lande unserer Väter wäre nach seinem heißen Streben jene ersehnte Instanz, die wieder zum Lebensregulator jüdischer Wirklichkeit werden sollte. Seine zahlreichen Schüler und Hörer und mit ihnen die große jüdische Oeffentlichkeit gratulieren dem „Wiener Gaon“ Hofrat Prof. Dr. Adolf Schwarz zu seinem 75. Lehrsemester. Möge uns seine für Judentum und Judeniieit überaus ersprießliche Arbeit recht viele, Jangc Jahre erhalten bleiben und jene Früchte zeitigen, die er zu schaffen bestrebt ist. fosef Bobatl. Das Weißtnufk bedeutet nidkt eine 'Vewmteituntt des zioni~ sti&dken Jiufbauwvetftes ln Beantwortung des Briefes Dr. Weizmanns, in dem dieser dem Kolonialministerium seine Demission als Präsident dar Zionistischen Organisation und der Jewish Agency zum Protest gegen die Politik dfss neuen Weißbuchs bekannt gab, hat Lord Passfield namens des Kolonialministeriums folgenden Brief an Dr. Weizmann gerichtet: «Ich muß zunächst mein aufrichtiges Bedauern darüber aussprechen, daß Sie es für nötig befunden haben, nach so vielen Jahrein hingebungsvoller, mühsamer Arbeit auf Ihre Stellung als Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency zu verzichten. Ich bedauere dies umsorpehr, als ich das Empfinden habe, daß Ihr Schritt trotz unserer früheren Unterredungen auf eine: unvollkommene Wertung des Standpunktes und der Absichten der Regierung zurückzufühfen ist. Die Regierung Sr. Majestät hat es nicht verabsäumt, bei verschiedenen Anlässen ihrer Bewunderung über die unter Ihrer Führung geleistete Arbeit für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims Ausdruck zu verleihen, und die Tatsache, daß sie sich veranlaßt gesehen hat, in dem neuen Weißbuch in mancher Hinsicht schwerwiegende Kritik za üben, darf nicht als allgemeine Verurteilung Ihrer gesamten bisherigen Arbeit gewertet werden. Ich halte es auch nickt für richtig, daß die Sache so hingestellt wird, als legten die jetzt getroffenen Entscheidungen Ihrer zukünftigen Arbeit schwere Hindernisse in den Weg oder als bestünde die Absicht, die Entwicklung des Jüdischein Meine unvergessliche Gattin und unsere liebe Mutter, Krau Regine Offenberger gcb. Laxer ist uns am .27. Oktober 1930 nach kurzem Leiden im 57. Lebensjahre entrissen worden. Das Begräbnis hat Mittwoch den 29 d. M. um halb i2 Uhr vormittags auf dem Zentraliriedhofe (Ul. Tor) stattgefunden Sebasiyan Offenberger als Gatte Dr. Wilhelm Offenberger Dr. Kurt Oftenberger Olga Offenberger Musia Olfenbeiger als Kinder Ron Kondolenzbesuchen bitten wir abznseben Nationalheims auf der jetzt erreichten Stufe erstarren zu lassen. So wird z. B. im Weißbuch ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Tätigkeit der jüdischen Organisationen ohne Unterbrechung fortgeführt werden könne, während gleichzeitig allgemeine Maßnahmen zur Entwicklung des Landes im Interesse von Juden und Arabern getroffen werden sollen. Weizmanns Antwort: Dfbs Weißbudfo. ist unvereinbar mH dem Deist* des yfäandats Dr, Weizmann hat dgn Brief Lord Passfielda in folgender Weise beantwortet: «Den freundlichen Ausdruck lhrfa Bedauerns über meine Demission nehme ich gerne kur Kenntnis. Es war ein harter Schlag für mich, mich nach 12 Jahren Kooperation mit der Regierung $r, Majestät plötzlich in eine Lage versetzt zu sehen, in der ich, dem jüdischen Volke erklären mußte, daß ich meine Arbeit im Hinblick auf die im Weißbuch vom 2f. Oktober angekündigte Politik nicht weiter fartsetzen könne. Ich wünschte, der Wortlaut des Weißbuches ließe jene „unvollständige Wertung" der Absichten der Regierung Sr. Majestät zu, die ich Ihrer Ansicht hach vorgenommen habe. Ich glaube, dies nicht getan zu haben, und sehe, daß meine Anschauung von jenen Männern geteilt wird, die in den Jahren 1017 bis 1929 die englische Palästina-Politik gestaltet haben. Auf Seite 7 des Weißbuches wird fest gelegt, daß „bei der Beurteilung der Aufnahmefähigkeit Palästinas und der Bestimmung der jeweiligen Einwanderungsquote auf die Arbeitslosigkeit unter den Arabern ebenso wie auf die unter den Juden Rücksicht genommen werden muß.” Im Gegensatz zu den im Weißbuch von 1922 ausgesprochenen Grundsätzen soll nunmehr die jüdische Einwanderung eingeschränkt werden, nicht etwa nur, wenn durch sie Arbeitslosigkeit verursacht wird, sondern solange überhaupt eine Arbeitslosigkeit unter den Arabern vorhanden ist. Diese Aenderung bedeutet mehr als eine neue und nicht zu rechtfertigende Begrenzung jüdischer Einwanderung. Jüdisches Kapital wird in erster Linie zu dem Zweck nach Palästina gebracht, um jüdischen Einwanderern Beschäftigung zu geben. Um arbeitslose Araber zu beschäftigen, wird jüdisches Kapital nicht ins Land kommen. Sir John Hope Simpson hat diese Zusammenhänge und ihre Auswirkung auf die Arbeitslosigkeit unter den Arabern erkannt, in dem Weißbuch aber bleibt folgende Feststellung Sir John Hope Simpsons unberücksichtigt: „Es könnte selbstverständlich nicht von Vorteil für die arbeitslosen Araber sein, wenn das Einströmen jüdischen Kapitals nach Palästina verhindert werden sollte. Die Lage der arbeitslosen Araber wird durch die Einwanderung jüdischer Arbeiter, für deren Beschäftigung gleichzeitig jüdisches Kapital ins Land gebracht wird, nicht verschlechtert. Sie wird im Gegenteil dadurch verbessert werden, daß die Verausgabung dieses Kapitals in Form von Löhnen an jüdische Arbeiter letzten Endes auch Nachfrage nach arabischer Arbeit hervorrufen wird." Sir John Hope Simpson warnt weiters vor der Möglichkeit, aus der Frage der arabischen Arbeitslosigkeit ein Politikum zu machen, und erklärt: „Die arabischen Politiker sind schlau genug, um zu erkennen, daß ihnen hier unter Umständen eine bequeme Methode zur Blockierung der ihnen verhaßten jüdischen Einwanderung zur Verfügung stünde. Es könnten Versuche gemacht werden — und sie werden auch vermutlich gemacht werden — Namen auf die arabische Arbeitslösenliste zu setzen, die nicht hingehören” Aber das Weißbuch enthebt diese Politiker der Notwendigkeit einer künstlichen Vergrößerung der Arbeitslosenlisten. Zum Zwecke der „Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden Volksstämmen” soll nunmehr die jüdische Einwanderung so lange eingeschränkt werden, als „die arabische Bevölkerung den Verdacht hegt und sie hegt ihn in der Tat — daß die ökonomische Krise, unter der sie zweifellos gegenwärtig leidet, weitgehend auf eine übergroße jüdische Einwanderung zurückzuführen ist, und solange es durch irgendwelche Umstände plausibel gemacht werden kann, daß dieser Verdacht begründet ist.” Aüf diese Weise werden jüdische Rechte von bloßen arabischen Meinungen, sofern sie nur „plausibel gemacht werden", abhängig gemacht. Das Weißbuch akzeptiert ohne Vorbehalt die Schätzung Sir John Hope Simpsons, die im Vergleich zu früheren offiziellen Schätzungen den kulturfähigen Boden Palästinas um mehr als ein Drittel kleiner angibt, eine Schätzung, die ihn zu dem Schlüsse veranlaßt, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen kein Land für weitere Ansiedlung von Juden vorhanden ist. Ich kann diese Feststellungen sogar in der Form, wie sie im Berichte gemacht werden, wo sie von bedeutsamen Erläuterungen begleitet erscheinen, nicht ak*■ zeptieren. Artikel 6 des Mandates gibt den Jaden unter gewissen Bedingungen einen bevorzugten Anspruch auf Ansiedlung auf jenen Staatsländereien, die für Öffentliche Zwecke nicht benötigt werden. Dieser Anspruch wird in nachstehendem Absatz des Weißbuches zunichte gemacht: „Selbst wenn der Anspruch der Regierung auf diese Komplexe zurecht bestehen sollte, könnten die betreffenden Ländereien der jüdischen Ansiedlung nicht zur Verfügung gestellt werden, da sie von arabischen Landwirten besetzt sind und für die gegenwärtige landlose Bevölkerung Boden zur Verfügung gestellt werden muß." Hier wird ausgesprochen, daß der gesamte freie Staatsboden nicht, wie es das Mandat vorschr^ibt, mit Juden besiedelt, sondern für die landlosen arabischen Bauern reserviert werden soll. Dieser Grundsatz führt folgerichtig zu dem allgemeinen, äuf alle Arten von Böden anzuwendenden Prinzip, daß jeder landlose Fellache, auch wenn er niemals Land besessen und niemals solches infolge der jüdischen Kolonisation verloren hat, den Anspruch besitzt, als Bauer angesiedelt zu werden, bevor den Juden der Bodenerwerb für geschlossene Siedlung gestattet wird. Während jedoch das Weißbuch diesen Grundsatz verkündet, vermeldet es sorgfältig Anweisungen an die Palästina-Regierung, entsprechende Maßnahmen im Interesse der Fellathen zu treffen. Dieser revolutionäre Qrtindsatz verfolgt offensichtlich nur den Zweck, das Verbot weiteren Bodenerwerbes durch Juden zu rechtfertigen. Sie sind so liebenswürdig, zu erklären, daß auf Grund von Vorstellungen von meiner Seite Aenderungen der Textierung des Weißbuches vorgenommen wurden. Meine Vorstellungen beim Kolonialamt trugen einen ganz allgemeinen Charakter und konnten sich nicht mit der Fassung der Regierungserklärung über ihre künftige Palästina-Politik beschäftigen, von deren Inhalt ich damals keine Kenntnis hatte. Rückblickend bedaure ich mehr denn je, daß Sie mein letztes, Sonnabend, den 18. Oktober, gestelltes Ersuchen um eine Unterredung mit dem Bemerken abgelehnt haben, Sie seien nicht in der Lage, den Wortlaut des Statements irgendwie abzuändern. Konkrete Vorschläge von meiner Seite hätten die Kenntnis des Inhalts dieses Dokuments vorausgesetzt, und ich kann infolgedessen Ihrer in Ihrem letzten Briefe geäußerten Ansicht, daß vor Veröffentlichung des Weißbuches mein Rat eingeholt worden sei, nicht beipflichten.

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