Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 150 (6.11.1930)
- Date
- 1930-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3053859-3053903--2003-3057400- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Serte 6 DIE STIMME Nr. 150 — 6. November 1930 t $ t :|! V!■* ( >■ ■* '..-il- Grabsteine Friedländer & Deutsch Wien, 1., Seltenstettengasse Sr. 2 Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem t. Tor, Tel. ü 18-0-86 In dieser schweren Stunde gilt es, mutig und stolz zu bleiben. Auch hier in Oesterreich tut das not. Der Redner nerichtet nun über den Erfolg der Intervention des Präsidiums der Kultusgemeinde beim Bundeskanzler und dem Minister des Aeußern in Angelegenheit einer antisemitischen Rede des Justizministers Dr. Hueber und erklärt, daß das Präsidium der Kultusgemeinde immer bereit war, mutig und entschlossen für die Rechte und die Ehre der jüdischen Bevölkerung einzutreten. Nunmehr gilt es, mutig und unerschrocken den Kampf um das jüdische Palästina aufzunehmen, und wir werden der ganzen Welt einen Kampf führen, um die öffentliche Meinung zu gewinnen. Für diesen Kampf brauchen wir eine starke, geeinte und disziplinierte Organisation. Ein einiges jüdisches Volk, eine geeinte zionistische Organisation — und Palästina ist unser. Unsere Feinde im jüdischen Lager sollen nicht frohlocken: Wir sind nicht verzweifelt, sondern entrüstet Für uns alle gilt heute mehr als je unser heiliger Spruch: «Im eschkachejch Jeroschalajlm tischkach jemim.» (Langanhaltender, stürmischer Beifall.) Hierauf hält im Namen des Hitachduth Frau Dr. Martha Hoffmann eine Ansprache, in der sie u. a. ausführt: «Die heutige englische Regierung ist wie ein Zauberlehrling, der die Geister nicht loswerden kann, die ein anderer, ein Größerer, gerufen hrt. Mit Dankbarkeit denken wir heute an den großen Engländer Lord Balfour, der vor 13 Jahren eine Zauberformel aussprach. Heute will man unser Werk hemmen, aber was lebendig ist, kann nicht gehemmt werden. Leider wissen sehr wenige Engländer, was die Partnerschaft Englands jm Palästinaaufbau bedeutet. Nur wenige verstehen uns. Eines steht fest: Keine Formel kann uns Palästina wegnehmen, und wenn auch jetzt draußen eine harte, zugefrorene Welt ist, so werden wir dennoch auch andere Zeiten erleben. Ich vertraue auf die jüdische Jugend.» (Beifall.) Als letzter Redner betritt der Vertreter der Poale Zion, Mendel Singer das Podium. Er sagte u. a.: Eine Arbeiterregierung hat uns jetzt einen mächtigen Schlag versetzt. Nie wurde uns noch von seiten der Sozialisten ein derart großes Unrecht zugefügt. Unsere Arbeit im Lande ist gegen niemanden gerichtet. Die Araber profitieren in jeder Hinsicht von unserer Aufbautätigkeit. Aus dem jüdischen Palästina haben die Araber Nutzen gezogen. Wenn heute die Engländer behaupten, daß sie die Araber schützen wollen, indem sie den Zionismus bekämpfen, tun sie gerade das Gegenteil von dem, was sie angeblich tun wollen. Heute wollen wir nicht nur zwischen der englischen Regierung und dem englischen Volke, sondern auch zwischen der englischen Regierung und der Läbour-Party einen dicken Strich ziehen. Die englische Re- 'gierung hat sich eines Wortbruches nicht nur uns, sondern [auch ihrer eigenen Partei und dem Sozialismus der ganzen IWelt gegenüber schuldig gemacht (Beifall.) England ist verpflichtet, uns beim Aufbau unserer Heimstätte behilflich zu sein. Diese Verpflichtung hat es nicht erfüllt, dagegen verlangt es jetzt von uns, daß wir den Arabern Arbeit und Boden geben. Warum hat England in Palästina keine Agrarreform durchgeführt, die es ermöglicht hätte, landlose Fellachen in Besitz von Boden zu bringen? Das Weißbuch verstößt nicht nur gegen primitivste »olitische. Anständigkeit, sondern auch gegen Bekundungen prominenter sozialistischer Führer. Gegen diese Arbeiterregierung werden war nach wie vor den schärfsten Kampf [führen* Aber mit Protesten ist uns nicht geholfen. Was sollenwirtun? Seien wir ehrlich: Unser Zionismus war in allzu großem Maße ein Deklarationszionismus. Wissen wir denn nicht, daß nur jene Verträge eingehalten werden, die durch Taten bekräftigt worden sind? Wissen wir es nicht, daß Verträge, hinter denen keine Taten stehen, nur ein Fetzen Papier sind, den man in den Korb werfen kann? Wir haben keine Bajonette, um die mit uns geschlossenen Verträge zu schützen, aber wir haben eine große Macht, und diese Macht - heißt: das arbeitende Palästina. Es gilt nun, die Zeit des jetzt kommenden politischen Rückstoßes auszunützen, indem wir Geld, Menschen, Arbeitskräfte sammeln. Wir müssen heute auch unsere Fehler einsehen: Mit unseren arabischen Nachbarn haben wir nicht gesprochen; die arabische nationale Bewegung haben wir nicht ernst genommen. So darf es nicht weitergehen. Darauf darf nicht weniger Gewicht gelegt werden, als auf die Arbeit in London oder Genf. Wir haben auch wenig Respekt vor unserem organisierten Willen, vor unserer eigenen Organisation gehabt Solange wir aber keinen Respekt vor unseren höchsten Instanzen haben, können wir uns auch nicht in der Hoffnung wiegen, daß uns die nichtzäonistische jüdische Welt als eine Einheit betrachtet. Das Gelingen unseres Werkes und unsere ganze Zukunft hängt davon ab, ob das jüdische Volk verstehen wird, daß man alle Energien konzentrieren und alles Trennende zurückstellen muß. Ueber das Weißbuch 1930 wird die Geschichte hin- Wfggehen. Reale Taten werden k .mimen, Ausdruck unseres jüdischen Willens, die der beste Protest sein werden. Unser Volk hat jetzt eine schwere Probe zu bestehen. Wird es sie aoer bestehen, dann ist es uns um unsere Zukunft nicht bange. (Beifall.) Der Vorsitzende liest sodann folgende Resolutionen vor: Die am 1. November 1930 in den Sophiensälen tagende Massenversammlung der Juden Wiens erhebt schärfsten Protest gegen die Erklärung der englischen Regierung, welche die Grundlagen des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina aufs schwerste gefährdet Das sogenannte «Weißbuch» bildet eine eklatante Vertetzung der dem jüdischen Volke durch die Balfour-Dekläration und die internationalen Verträge aller im Völkerbundrate vertretenen Regierungen und der Vereinigten Staaten garantierten Rechte auf Schaffung einer nationalen jüdischen Heimstätte ln Palästina. Die Versammelten geloben, daß sie diese wortbrüchige Erklärung der Labour-Regierung nie und nimmer anerkennen werden und sie mit allen zu Gebote stehenden gesetzlichen und moralischen Mitteln auf das schärfste bekämpfen werden. Sie richten an die ganze zivilisierte Welt und insbesondere an den Völkerbundrat als den legitimen Hüter und Vertreter der völkerrechtlich garantierten Rechte des jüdischen Volkes den Appell, diese unverbrüchlichen Rechte des jüdischen Volkes auf Palästina zu schützen. Die Versammelten stellen mit Bedauern fest, daß gerade eine Arbeiterregierung sich durch ihre letzten Erklärungen in Widerspruch zu den Beschlüssen der letzten Kongresse der Labour-Party und den Weisungen der Mandatskommission des Völkerbundes an den Prinzipien der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit aufs schwerste versündigt hat. Die Versammelten rufen die organisierte Arbeiterschaft der Welt dazu auf, gegen die eklatante Verletzung der Rechte des jüdischen Volkes seitens der Arbeiter- Regierung Protest zu erheben und den Aufbau des jüdischnationalen Heimes in Palästina, an dem die jüdische Arbeiterschaft hervorragenden Anteil nimmt, zu unterstützen. Sie fordern schließlich alle zionistischen Gruppen und Fraktionen auf, im Augenblick der nationalen Gefahr alle trennenden Differenzen zurückzustellen. Es ist die Pflicht alter, die geeinte Kraft in den Dienst des Aufbauwerkes in Palästina zu stellen, und in engster Verbundenheit mit dem Jlschuw in Erez Israel die Arbeit für die Fonds und Institutionen der zionistischen Weltbewegung und der Jewish Agency mit erhöhter Energie fortzusetzen. Die Resolutionen werden mit großem Beifall durch Akklamation angenommen. Mit dem Habikwah-Ljede schloß diese denkwürdige, imposante Kundgebung. Dje Resolutionen wurden der zionistischen Exekutive und dem britischen Kolonialamte in London zugeschickt. Protestversammlung in Linz Am Donnerstag, den 30. d. M., versammelten sich die Linzer Zionisten, um gegen die neue englische Politik zu protestieren. Nachstehende Resolution wurde gefaßt: 1. Dje zionistische Ortsgruppe Linz schließt sich den Protesten der gesamten Judenheit an gegen die ungerechte und unverständliche Entscheidung der Mandatsregierung über die Politik, welche diese in Palästina weiterhin einzuschlagen gedenkt. 2. Die Versammlung begrüßt den Jischuw in Erez Israel und bittet ihn, weiter als Vorposten des jüdischen Volkes auszuharren. 3. Dje Versammlung erwartet von den zionistischen Führern, daß sie über die natürlichen Gegensätze hinweg, angesichts der drohenden Gefahr, eine gemeinsame Plattform finden werden, um das zionistische Werk unversehrt zu erhalten und erfolgreich fortsetzen zu können. 4. Die zionistische Ortsgruppe in Linz richtet Insbesondere an alle jene Kreise in Oesterreich, welchen der Zionismus wirklich ernst ist, die Mahnung, ln dieser Stunde die Würde der Bewegung zu wahren und alle Kräfte zu konsolidieren, damit auch die österreichischen Juden ln dieser ernsten Zeit eine verläßliche und erprobte Kampftruppe für Zion darstellen. Was sagen Sie triumphieren Die arabische Zeitung „F a I a s t i n“ fordert die arabische Bevölkerung auf, mit der englischen Rer glerung zusammen zu arbeiten und die Einsetzung des Legislative Council zu akzeptieren, die trotz der Wetgerung der Juden, sich an den Wahlen zu beteiligen, erfolgen werde, da die Regierung entschlossen sei, jeden Widerstand niederzuringen. Obwohl der Council sich faktisch von dem im Jahre 1922 in Vorschlag gebrachten nicht unterscheide, bestehe für die Araber angesichts der radikal zu ihren Gunsten geänderten britischen Haltung kein Qrund, Wahlabstinenz zu üben. Es sei unwahrscheinlich, daß die vom High Commlssioner zu ernennenden Mitglieder des Councils aus dem englischen Beamtenstand eine judenfreundliche Stellung einnehmen würden. „Falastin“ weist sodann mit Behagen auf die Ver* Stimmung hin, die die Regierungserklärung bei den Juden hervorgerufen habe, und schreibt, von der Balfour-Erklärung sei nichts übrig geblieben außer dem bloßen Naipen. Das Weißbuch, welches kein einziges für die Juden günstiges Wort enthalte, bedeute einep glorreichen Triumph der Araber. „Jamea el Arabia“, das Organ des Großmufti, erklärt dagegen, die Niederlage der Juden sei njeht unbedingt als Triumph der Araber anzusehem Die neue Politik befriedige nicht alle Ansprüche der Araber, sie ziele nur darauf ab, einen Teil des Unrechtes, das der arabischen Bevölkerung seit der britischen Okkupation zugefügt worden sei, zu beseitigen. Aber Boden wollen sie verkaufen Jerusalem (J. T. A.). Eine sorgfältige Sondierung der Stimmung in arabischen Kreisen durch Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur hat ergeben, daß der Großmufti und seine Anhänger dahin neigen, das Angebot auf Einsetzung eines Legislative Council zurückzuweisen, während die gemäßigteren Elemente unter Führung des Bürgermeisters von Jerusalem, Ragheb Bey Nashashibi, der sich stets für Kooperation mit der die Araber? Regierung ausgesprochen hat, bereit sind, dieses Angebot anzunehmen. In einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter erklärte ein führendes christliches Mitglied der Arabischen Exekutive, er bedauere tief den Beschluß der Juden, den Legislative Council zu boykottieren, der eine Plattform für gemeinsame Arbeit an der Beseitigung der wirtschaftlichen und sozialen Mißstände im Lande darstelle. Die Juden müßten gemeinsam mit den Arabern an der Verbesserung der Lage der arabischen bäuerlichen Bevölkerung arbeiten und so zur Lösung des schwierigsten palästinensischen Problems beitragen. Eine gesetzliche Behinderung von Bodentransaktionen würde zweifellos eine Reihe von Mitgliedern der Arabischen Exekutive und des Obersten Moslemitischen Rates, die zu den größten Grundbesitzern des Landes gehören, schwer treffen. Einige Latifundienbesitzer seien jetzt bemüht, Boden zu jedem Preis vor Inkrafttreten des Bodenverkaufsverbotes loszuschlagen. Sollten die Juden ihre weitere Tätigkeit Im Lande einstellen, so würde dieses in den trostlosen Zustand der Vorkriegszeit zurücksinken. Der von den arabischen Extremisten eingenommene Standpunkt eines unaufrichtigen Beharrens auf der unerreichbaren Förderung nach völliger Unabhängigkeit Palästinas sei zu mißbilligen. Die einsichtsvolleren Telle der arabischen Bevölkerung seien geneigt, Vereinbarungen mit den Juden zu treffen, durch die die Bahn für eine künftige Zusammenarbeit der beiden Völker, sei es mit oder ohne Hilfe Englands, geebnet werden könnte. Stellungnahme der arabischen Exekutive Jerusalem, 28. Oktober (J. T. A.). In einer Sitzung der palästinensisch-arabischen Exekutive* in der die durch das neue englische Weißbuch geschaffene politische Lage erörtert wurde, erklärte Muza Kazim Pascha, die Balfour-Deklaration sei jetzt, nachdem den Juden der Bodenerwerb unmöglich gemacht wurde, wertlos geworden. Auch die übrigen Mitglieder der arabischen Exekutive äußerten ihre Befriedigung über den Inhalt der englischen Regierungserklärung. ])tr „Vlaad Ecutni“, Jerusalem, hatte den Balfour-Tag, d. i. der 2. jloVember, zum Tag der jtiaftensatnraltittg für in Kern Xajnsetli mm Juden, beteiligt Euch auch jetzt an dieser Antwort auf den Angriff unserer feinde anf den Koren Kajetnefh! >