Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 150 (6.11.1930)
- Date
- 1930-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE STIMME Seite» Nr. 150 — 6. November 1930 Hässenhnndgcbnnü der Wiener Inden gegen Englands Wortbruch Jüdische Massen Wiens — es waren wirklich Massen — versammelten sich Samstag, den 1. November’ in den Sophiensäten, nnr gegen den englischen Wort- und Treubruch zu protestieren. Dem Rufe des Zionistischen Landeskomitees folgend, kamen viele tausende Wierief Juden aller zionistischen Partei- und Fraktionsschattierungen, uni zu hören, was ihnen in dieser schweren Stunde ihre Führer zu sagen hätten; um neuen Mut zur Arbeit und neue Hoffnung für die Zukunft zu schöpferi; um mit dfem Proteststurm, der jetzt die ganze jüdische Welt durchbräust, auch die empörte Stimme der Wiener Juden zu vereinen. Es War eine imposante und würdige Kundgebung, wie wir sie' in Wien schon seit langer Zeit nicht gesehen haben. Auch die Organisation der Versammlung ließ nichts zu wünschen übrig. Sie lag in den bewährten Händen des Jugendvereines Erez Israel. Den Ordnerdienst versahen in vorbildlicher Weise Mitglieder des Bundes jüdischer Jungwanderer und des Zircnu.. Nachstehend der Versammlungsbericht. * . Dr. Oskar Grünbaum eröffnet im Namen des Landeskomitees die Versammlung. Wenn sich Juden in großen Massen versammeln — beginnt der Vorsitzende —r geschieht es fast immer aus einem traurigen Anlaß. Auch diesmal ist das der Fall: Ein schweres Unrecht wurde dem jüdischen Volke zugefügt; ein Anschlag wird gegen das jüdische Palästina geführt, den wir alle wie ein Mann abwehreri wollen. Unser Recht auf Palästina, kann uns keine Macht der Welt nehmen. Wenn wir einig und geschlossen sind, werden wir auch diesen Schlag überleben. Das Unrecht wurde uns von der englischen Regierung, nicht aber von der britischen Nation zugefügt. In Lord Passfield ist uns ein neuer Haman eistanden; aber Lord Passfield ist nicht mit dem englischen Volke identisch. Unsere nationale Heimstätte, die in den Augen der Besten aller Nationen höchste Anerkennung gefunden hat, muß und wird aufgebaut werden. (Beifall.) Sodann spricht Rabb. Dr. Feuchtwang Der Redner führt u. a. aus: Schweigen heißt zustimmen. Wir können und dürfen nicht schweigen. Wir sind daran gewöhnt, Unrecht zu leiden, wie jede Minorität, die nicht nur das Beste für sich, sondern für die Welt und die Menschheit will. Man hat aus dieser Tatsache des Leidens die geschichtliche. Lüge von der Schuld des judenturhs und die religiös-fömantisbhe Lüge von der Schuld des «Ewigen Juden» erdichtet. Wir sind an diese Stellungnahme der'Welt uns gegenüber gewöhnt von AbraT harn bis heute. Mit einem Protest gegen die Umwelt traten wir ins historische Dasein ein. Die jüdischen Ideale für Judentum und Welt zu verwirklichen, war eine unserer freiwillig übernommenen Pflichten in der klassischen Zeit unserer Geschichte in Palästina und wir nahmen sie mit uns auf den ungeheueren Weg des Leidens in allen Ländern der Diaspora. In keiner Stunde des Lebens des jüdischen Volkes, in allen Ländern der europäischen und außereuropäischen Kulturwelt, ist unser Blick von Palästina qbgewendet gewesen, und in keinem Augenblick haben wir anfgehört, jüdisches Volk zu sein —- wir werden es auch .n aller Zukunft bleiben. Als während des Weltkrieges in der Balfour-Deklaration klar und deutlich im Namen der englischen Regierung und später des Völkerbundes den Juden der Welt die Gründung einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina verheißen wurde, war es kein chiliastischer Taumel und keine Erlöserschwärmerei, mit der das jüdische Volk in der Welt .diese große Botschaft aufnahm, sondern es betrachtete, dieselbe als einen Ausfluß historischer Gerechtigkeit seitens Englands und der. verbündeten Mächte. Keine Umdeutung und künstliche Interpretation der feierlichen Deklaration und der daran oft geknüpften Erklärungen der englischen Regierung vermag deren Verpflichtung zu schmälern oder zu schwächen. Man pflegt zu sagen, die Weltgeschichte sei das Weltgericht. Im abstrakten Sinne des Wortes mag das richtig sein; nur fragt es sich, wie die Weltenrichter gegenüber bestimmten Tatsachen und Erlebnissen der Gegenwart beschaffen sind. Wie es Justizirrtümer im Leben des einzelnen gibt, so gibt es sie Im Leben der Völker. Es ist eine schwere Versündigung am Geiste der geschichtlichen Wahrheit und Gerechtigkeit und — wenn es so etwas gibt — der politischen Moral, die dem jüdischen Volke gegebenen Zusagen in Abrede zu stellen. Ich kann auch nicht, daran glauben, daß England diese Absicht hat, weil ich nicht daran glaube, daß die edelste Frucht des Weltkriegs, die Balfour-Deklaration, von Haus aus wurmstichig gewesen sein könnte oder in der Gegenwart der Fäulnis preisgegeben werden sollte. Wir appellieren an das Weltgewissen, appellieren im Namen der Wahrheit an das Gewissen der Völker und m erster Reihe an das Gewissen des englischen Volkes. . Wir appellieren aber auch an alle Juden der Welt, ob sie Zionisten oder Nichtzionisten sind. Es gibt kein anderes Programm' als das der uhentwegten .Arbeit und Mitarbeit. Das,* was in- Palästina bisher geschaffen wurde, wird erhalten werden und mit vertausendfachter Kraft wird ein Tausendfaches hinzugefügt werden. Bauen wollen wir mit der ganzen Kraft unserer Liebe zu Erez Israel am geistigen und’materiellen Wohl dieses vielumstrittenen Landes unserer Väter. Nur aus Schmerzen wird ein neues, lebendiges Wesen geboren. Wer wagt es, an die Neuschöpfung, die wir in Palästina ins Leben setzen, frevlerisch Hand anzulegen? Wir werden solches nicht dulden und, wie eine Mutter ihr neugeborenes Kind, so werden wir unser Werk schützen und verteidigen mit Hingabe unseres Lebens. (Beifall.) Ein Schreiben von Schalom Asch Df. Oskar Grünbaum verliest dann folgenden, mit Beifall aufgenommenen Brief des großen jüdischen Dichters und Mitgliedes der Jewish Agency, Schalom Asch: Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Ich bedaure sehr, daß ich verhindert bin, heute mit Euch allen zusammen zu sein und daß ich meiner Entrüstung über den Wortbruch der englischen Regierung nicht persönlich Ausdruck geben kann. Ich vereinige mich aber mit der jüdischen Allgemeinheit und fühle schmerzvoll die Größe der Ungerechtigkeit, die uns zugefügt worden ist. Ich beschuldige nicht das englische Volk — das englische Volk trägt keine Verantwortung für die Sünden seiner Staatsmänner. Im Gegenteil — ich appelliere an das englische Volk gegen die Ungerechtigkeit, die uns angetan worden ist. Als aufrichtiger' Demokrat bedauere ich von ganzem Herzen, daß dieses Unrecht uns seitens einer sozialistischen Regierung zugefügt wurde. Aber ich warne davor, daß das Vertrauen, das wiir Juden immer zur Demokratie hatten, durch die Tat der britischen sozialistischen Regierung jetzt verloren gehe. Die Pflicht der englischen Regierung wäre gewesen, ein Einverständnis zwischen Juden und Arabern, die doch im Lande, zusammen leben müssen, herbeizuführen. Die britische Regierung hat aber gerade das Gegenteil getan und durch ihre letzte Tat dies Einverständnis erschwert. Wir haben keine Angst, zu gestehen, daß wir uns nach einem ehrlichen Frieden und aufrichtigem Ver- Sei 5Md)tnersen , ■ iterböfeit, rljcuntatifdjen linb gicfjtifcfjen @d)tner5en fjabeu ftdj £ogat=£af>letten; fjerborragenö betoäfjrt, JEBenn SCaujenbe. bon .Sterben bte[e§ SRitteLöeiotbnen, föntten audj «Sie $ bertrauenSboU laufen! fragen ©te S^ren-Sttji — Sn öUen‘ Slpotfjefen. — © 2.40. ständnds mit unseren arabischen Brüdern sehnen; daß wir nicht nach Palästina kommen, um dort zu herrschen, sondern nur um unsere Liebe und unsere Ergebenheit an das Land produktiv zu machen. Das jüdische Volk hat seit jeher seine Existenz mit dem Empfinden für Gerechtigkeit und Bruderliebe verbunden. Wir haben nie andere Wege oder andere Mittel benützt — unsere Existenz war immer an unseren Glauben, an die Gerechtigkeit gebunden. Wir können und wir wollen dies unser histqrisches Lebensprinzip, das die. einzige Garantie für unser Leben in den Diäsporaländern ist, in Palästina nicht ändern. Gleichzeitig mit unserem erbitterten Protest wollen wir heute kundgeben: Wir haben keine anderne Absichten in Palästina, als eine Möglichkeit zu finden, uns meinschlich und jüdisch ausleben zu können und unseren Idealismus, unsere Fähigkeiten und unsere Arbeitskraft zur Geltung zu bringen. Ich gebe meiner Hoffnung Ausdruck, daß man unsere gerechten Absichten schließlich doch verstehen wird und unsere heilige Sache endlich siegen wird. Rede des Dr. Joset Löwenherz Mit stürmischem Beifall begrüßt, betritt nun Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, . das Rednerpodium. «Gott schütze mich vor meinen Freunden — vor meinen Feinden werde ich mich selbst zu schützen wissen.» Mit diesem Sprichwort, das auf, die jetzige englische Regierung in ihrem Verhältnis zum Zionismus so gut Anwendung finden kann, beginnt der Redner seine großangelegte und formvollendete Rede. Als die Balfour-Deklaration erlassen wurde, waren Konservative am Ruder. Der heutige Ministerpräsident Macdonald ging damals nach Palästina. Er girierte sich als Freund des Zionismus, lobte unser Werk bei jeder Gelegenheit, verfaßte eine Broschüre, deren jedes Wort Bewunderung für unser. Aufbauwerk atmet. Herr Macdonald wird heute diese Broschüre nicht verleugnen können. Das Weißbuch ist eia schwarzer Fleck auf der Ehre der britischen Regierung. Das Weißbuch und den Simpson-Bericht zu widerlegen, hieße jedes Wort nnd jeden Satz als Gehässigkeit nnd als Entstellung demaskieren. . Einige Beispiele seien angeführt: Das Weißbuchspricht vom landlosen arabischen Volk; unwahr ist aber, daß die 29 Prozent landloser Fellachen früher Land besaßen. Mit welchem Rechte will man sie heute auf Kosten des jüdischen Volkes besserstellen? Das Weißbuch behauptet, kein neues Land sei vorhanden und erwähnt nichts von den 3,000.000 Dunam im Berscheba- Distrikte. Die Verfasser des Weißbuches behaupten, jede arabische Fellachenfamifie brauche 130 Dunam. Wir haben bewiesen, daß für die Ernährung einer jüdischen Familie 8 bis 10 Dunam, ja bei intensiver Bewirtschaftung bloß 2Vi Dunam genügen. Ist es nun gerecht, wenn man von uns verlangt, daß wir auf diesen Boden verzichten? Weiter: England will angeblich Frieden zwischen Juden und Arabern stiften. In schönen Phrasen spricht es von der gleichmäßigen Behandlung der in Palästina wohnenden zwei Völker. Demgegenüber müssen wir mit allem Nachdruck feststellen, daß die Balfour-Deklaration Palästina nicht nur den dort wohnenden Juden, sondern dem ganzen jüdischen Volke, das in der ganzen Welt zerstreut ist, als nationales Heim versprochen hatte. Unsere Siedlungen in Palästina sind keine exotischen Treibhauspflanzen, wir wollen aus Palästina kein Schauobjekt für Journalisten und Touristen machen, sondern dorthin die jüdische Kultur verpflanzen, die die Verbundenheit des ganzen jüdischen Volkes mit Palästina auf ewige Zeiten bekunden wird. (Großer Beifall.) Die britische Regierung schickte einen Beamten nach Palästina, der gewöhnt war, nur mit Natives umzugehen. Er konnte den großen Idealismus unserer Pioniere nicht begreifen und betrachtete sie als fremdartiges, merkwürdiges Element. Kleine Geister beurteilen gewöhnlich auch große Probleme von ihrem kleinlichen Gesichtspunkte. Herr Simpson «entdeckte» in Palästina zuviel Touristen und empfiehlt Maßnahmen, durch die diese Touristen, denen das Land gefiel und die sich in ihm ansäßig gemacht haben, entfernt werden sollen. Gegen diesen kleinlichen und gehässigen Geist seines Berichtes rufen wir die Judenheit der ganzen Welt zum Proteste auf. Die der Jewish Agency im Mandate feierlich versprochenen Prärogativen werden im neuen Weißbuche stark geschmälert. Die Kontrolle über die Immigranten soll in Zukunft nicht mehr der Jewish Agency, sondern kleinlichen englischen Beamten unterstehen. Im Namen der Chaluzim, dieser 60.000 jungen jüdischen Menschen, die bereit sind, aus purem Idealismus nach Palästina zu gehen und dort unter schwersten Bedingungen zu arbeiten, rufen wir die ganze Welt zum Proteste gegen diese Maßnahme der britischen Regierung auf. Wie Hohn klingt die Behauptung des Weißbuches, daß die Sperre der Einwanderung ein gutes Einvernehmen zwischen Juden und Arabern herstellen werde. Man will uns zu einer dauernden Minorität in Palästina herabdrücken and die Schaffung einer jüdischen nationalen Heimstätte unmöglich machen. 30,000.000 Pfund wurden von den Juden nach Palästina gebracht. Ein sehr bedeutender Teil dieser Riesensumme floß in arabische Taschen. Araber sind die Nutznießer jüdischen Geldes, jüdischer Arbeit, jüdischen Geistes. Jetzt will man dem jüdischen Menschen den Weg nach Palästina verstellen. Dem jüdischen Kapital will mau allerdings gnädigst gestatten, auch weiterhin nach Palästina zu fließen — unter der Voraussetzung, daß es nicht den Juden zugute komme. Darauf antworten wir: Unsere Taschen werden auch weiterhin offenstehen, wir wollen Opfer bringen — aber nur für das jüdische Erez IsraeL (Beifall.) Eine sozialistische Regierung hat den traurigen Mut gehabt, das Werk der jüdischen Arbeiter in Palästina zu verunglimpfen. (Pfuirufe.) Eine sozialistische Regierung hat einen Strich zwischen den Pica-Kolonien und denen des Keren Hajessod gemacht. England weiß, daß unsere zionistischen Kolonien das Um und Auf unserer ganzen Arbeit sind; England versucht, einen Keil zwischen die jüdische Arbeiterschaft und die zionistische Organisation einzutreiben. Aber wir bürgerlichen Zionisten sind immer Hand in Hand mit der palästinensischen Arbeiterorganisation gegangen, wir haben nichts gegen das System der Kwuzoth einzuwenden und werden das Werk unserer Arbeiterschaft auch gegen die sozialistischen Minister der Arbeiterregierung verteidigen. jeder weiß, was die blaue Büchse für uns bedeutet. Auf den Keren Kajemeth, auf seine Erwerbungen, auf seine ßodenreserve sind wir stolz. Auch gegen den Keren Kajemeth hat das Weißbuch einen starken Anschlag verübt. Wir rufen laut: Hände weg vom Keren Kajemeth! Wir wollen keine Bodenspekulanten in Palästina haben! Wir wollen jüdischen Boden als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes! (Stürmischer Beifall.) Ich könnte noch so fortfahren und jedes Wort, jeden Satz des Weißbuches bekämpfen. Wir wollen heute aber auch mit Verehrung derjenigen gedenken, die uns in dieset schweren Stunde treu beistehen. Wir wollen des Generals Smuts, des Churchill, Baldwin und anderer gedenken, die in Kundgebungen und parlamentarischen Interventionen gegen die Abschwenkung von der feierlich abgegebenen Bai* four-Deklaration protestieren. Nicht das englische Volk, mit dem wir uns Immer verstanden haben, klagen wir an, sondern Macdonald und seine Regierung!