Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 150 (6.11.1930)
- Date
- 1930-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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?e;te 4 PIE, STIMME Nr. 150 — ß. November 1050 Das Präsidium der Kultusgemeinde beim Bundeskanzler und Außenminister Amtlich wird verlautbart: „In den letzten Tagen sprachen Generaloberstabsarzt Prof. Or. Pick, Dr. Ornstein, Pr. Löwenherz und Regierungsrat Fuchsgelb bei Bundeskanzler Vaugoin und Außenminister l)r. Seipel vor. Sic erhoben namens der österreichischen Judenschaft Protest gegen eine Rede des Justizministers Pr. Htieber, die wenigstens in der von einigen Zeitungen wiedergegebenen Fassung von den Juden als ihr Ehrgefühl verletzend empfunden werde. Bei dieser Aussprache wurde nach Fühlungnahme mit Justizminister Dr. Hnebcr vor allem festgestellt, daß die ihm in einigen Zeitungen zugeschriebenen Acußerungen teils unrichtig wiedergegeben, teils mißverstanden worden seien . Auf eine formelle Berichtigung hatte er deswegen kein Gewicht gelegt, weil ein Vergleich mit den in anderen Zeitungen enthaltenen Berichten über seine Rede ohnehin Mißverständnisse auszuschließen schien. Der Bundeskanzler und Außenminister erklärten den Vertretern der Kultusgemeinde, daß die Regierung selbstverständlich für die volle Wahrung der gesetzlichen Gleichberechtigung der Staatsbürger jüdischen Glaubens mit den anderen Staatsbürgern eintrete und daß sie Acußerungen, die das religiöse Empfinden oder das Ehrgefühl der Juden verletzen könnten, mißbillige.“ Wir nehmen unsererseits die durch den Bundeskanzler Vaugoin und Außenminister Dr. Seipel ausgesprochene Mißbilligung der unverantwortlichen Aeußerung des Herrn Doktor Hueber mit Genugtuung zur Kenntnis und freuen uns, bei dieser Gelegenheit feststellen zu können, daß unsere offiziellen demokratisch gewählten Vertreter vor maßgebenden Faktoren mit Mannesmut die jüdische Ehre zu verteidigen verstehen. Es ist wohl in der Geschichte der Regierungen ein selten vorkommender Fall, daß Mitglieder des Kabinetts eine Aeußerung eines anderen Mitgliedes mißbilligen. Die Wiener Judenheit kann sich darauf verlassen, daß ihre Interessen von der Leitung ihrer Gemeinde bestens gewahrt werden, wie es namentlich in diesem Falle war, als es dieser Leitung gelang, bei der Regierung zu erwirken, daß diese eine antisemitische — sagen wir — Entgleisung eines ihrer Minister mißbilligte. Eine Proklamation des Misrachi Die Misrachi-Organisation hat an die palästinensische Judenheit und die jüdische Orthodoxie in allen Ländern nachstehende Proklamation erlassen : Die durch die Tradition mit ihren Vorfahren veroundenen Zionisten sind sich dessen bewußt, daß das Schicksal des Zionismus nicht von Maßnahmen einer zeitlich begrenzten Regierung abhängt. In treuer Anhänglichkeit an ihre Vergangenheit verwerfen die Juden die schädlichen Regierungserlässe, die darauf abzielen, die Bemühungen des jüdischen Volkes um den Wiederaufbau des Landes ihrer Väter zunichte zu machen. In festem Zusammenschluß muß der jischuw alle inneren Schwierigkeiten überwinden, die jüdische Tätigkeit in allen Teilen des Landes verstärken, jüdische Industrie und landwirtschaftliche Produktion festigen und die Energien für den Aufbau verdoppeln. Wir fordern die Juden aller Länder auf, herzukommen, um hier zu pflanzen und zu bauen. RabbiKook Jerusalem, 28. Oktober. (J. T. A.) Oberrabbinet Kook hat eine Botschaft an das jüdische Volk gerichtet, in der die Juden ermahnt werden, Ruhe zu bewahren und ihr heiliges Werk nicht im Stiche zu lassen, wenn sie auch durch den Verrat der Mandatsmacht tief getroffen seien. Kein fremdes Volk, sondern nur die Hand des Gottes Israels, dessen Wort allein dauernde Gelang habe, werde die Juden bei der Wiederbesiedluilg des Heiligen Landes stützen. TELEPHON U-22-3-59 elzhaus GEBRÜDER BRAININ WIEN, I. auemmorftl 2 a Drei Worte von ehedem ... Dunkel und verschwommen steigen Kriegserinnerungen in mir auf. Ich entsinne mich schmaler, länglicher Plakate, mit denen die Mauern und Bretterwände Wiens verklebt waren — „Gott strafe England!“ stand auf ihnen. Zu jener Zeit, als alle Welt voll des Jammers war, kam es kaum irgend jemandem zum Bewußtsein, weshalb sich gerade gegen England all der Groll und Haß richtete — hatten die Mittelmächte doch so viele Feinde! Aber der dies Wort geprägt, ahnte, von welcher Seite die höchste Bedrückung ihren Ausgang hatte, — so wie wir es jetzt wahrnehmen können, daß Unterdrückung der Schwachen eine Spezialität englischer Politik ist. Einst, als der Krieg draußen wütete, war politische Heuchelei auch für die englische Regierung Raison, und sie nannte sich die Beglückerin der Juden und ihre Befreierin von 2000jähriger Heimatlosigkeit. Das Judentum horchte auf und in ihm erwachte seine ewige Sehnsucht nach Freiheit. Eine idealbegeisterte Jugend begann in Palästina ihr Aufbauwerk, schut unvergängliche Kulturwerte und verlieh einem verfallenen Stück Asiens europäische Zivilisatiöti. Und nachdem man es zehn Jahre lang gütgeheißen, jüdisches Gut und Blut nach Palästina zu tragen, kommt plötzlich ein Stimmungsumschwung. Es ist nun zweckmäßiger, sich mit den Arabern gut zu stellen — also wird die BaJfour-Deklaratlon interpretiert! Diese Interpretation der Palästinapolitik sieht aber einem politischen Meuchelmord verdammt ähnlich! Aller menschlichen Redlichkeit und Noblesse wird in unverblümtester Weise Hohn gesprochen, wenn eine ZumHPreis 11 wird noch ein Rest von ca. 1000 Stück jüdij 9; sehen u. hebräischen Schallplatten aber auch |I! moderne Schlager, die nicht mehr in den ,1! neuen Katalogen enthalten sind, abgegeben, jl Nur solange der Vorrat reicht. I| Wer früher kommt, kauft besser. ,8 Musikhaus 1 EXCELSIOR 11 ' ■ v> b' - W1FN W5KS* * I i Richard Herzog HILII 11.. Ki.Pfarcg.se Tel. A-41.0-24 I mächtige Regierung ein schwaches, unterdrücktes Volk solcherart auszunützen und zu düpieren vermag.' Aber auch die Araber Werden letzten Endes die Gefahren, die Englands Freundschaft in sich birgt, kennenlernen. England hat nur eine Liebe, nur eine Freundschaft — sein Business. Auch für die gegenwärtigen Schützlinge der englischen Regierung wird der Tag kommen, da sie Englands Freundschaft richtig einzuschätzen wissen.^ ’ Wir Juden sind vom naiven Glauben an Englands Hilfsbereitschaft und Güte gründlich geheilt. Unwillkürlich erinnern wir uns heute an drei Worte von ehedem ... ' O 11 i 1 i e G r ö b 1. Weizmann dementiert die Nachricht über seine Parlamentskandidatur London. (J. T.-A.) ' Durch den Tod des Abgeordneten von Whitechapel, Harry Gosling, der Mitglied der Arbeiterpartei war, ist eine Nachwahl in diesem hauptsächlich von Juden bewohnten Wahlkreis notwendig geworden. In Whitechapel sind Gerüchte im Umlauf,’ daß Professor Chaim Weizmann sich um das freigewordene Abgeordnetenmandat bewerben werde, um die Möglichkeit zu erlangen, von der Tribüne des Parlaments aus für. den Zionismus zu kämpfen. Auf eine Anfrage der Jüdischen Telegraphen-Agentur hat Professor Weizmann erklärt, daß *er nicht beabsichtige, seine Kandidatur bei dieser Nachwahl anzumelden. Führer des Jischuw reisen nach London Jerusalem, 28. Oktober. (J. T. A ) Das Mitglied der Zionistischen Exekutive Colonel Kisch hat sich nach London zu Beratungen mit der zionistischen Leitung begeben. Am Mittwoch, den 29. Oktober, reiste auch das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Professor Maurice B. Hexter, nach London ab. Dringende Berufung Ussischkins nach Amerika Jerusalem. (J. T.-A.) Üer Direktor des Keren Kajemeth, M. M. Ussischkin, erhielt ein Telegramm von dir Zionistischen Organisation Amerikas, in dem er ersucht wird, im Hinblick auf die politische Lage seine Abreise nach Amerika zu beschleunigen* Flammender Aufruf des Weltverbandes des „Hechaluz“ In einem flammenden Aufruf protestiert der Weltverband Hechaluz gegen die neue Politik Englands in Palästina, die als Verrat am jüdischen Volk bezeichnet wird. In dem Aufruf heißt es u. a.: Angesichts der Tatsache, daß die Tore Palästinas vor der jüdischen Einwanderung geschlossen werden, daß Mittel gesucht Werden, die Alijah von solchen Einwanderern zu «reinigen», die als Touristen ins Land gekommen sind, angesichts der Tatsache, daß in Palästina zaristische Bodengesetze eingeführt werden sollen, die jedermann den Bodenerwerb gestatten außer den Juden, daß sogenannte Fachleute jede Perspektive auf Erhöhung der Aufnahmefähigkeit des Landes zerstören, daß die Mandatarmacht nicht in der Schaffung neuer Arbeits- und Kolonisationsmöglichkeiten, sondern nur in der Sorge für die Sicherung der Arbeit der gegenwärtigen Landesbevölkerung ihre oberste Aufgabe erblickt, schließlich angesichts der böswilligen Insinuationen gegen den Keren Kajemeth kann die Versicherung des englischen Weißbuchs, daß die Balfnur- Deklaration auch weiterhin in Kraft bleiben soll, nur als zynische Verspottung des jüdischen Volkes aufgefaßt werden. Aber keinerlei politische Schwierigkeiten sind imstande, den Willen des jüdischen Volkes zum Aufbau seines Heimatlandes zu erschüttern. Der Zionismus ist die Antwort auf die historische Judennot. Er bedeutet für die breiten Massen der jüdischen Arbeiterschaft und der jüdischen Jugend den einzigen Weg zu einem Leben produktiver Arbeit, den einzigen Ausdruck seiner nationalen und sozialen Erlösung. Unsere Arbeit für all das, was unsere Macht und unsere Positionen in Palästina festigen kann, wird nicht hur nicht eingestellt, sondern im Gegenteil verstärkt werden. Die Arbeiterpositionen und Arbeiterwirtschaften in Palästina werden gefestigt, Tausende neue Arbeiterfamilien auf den Bodenreserven des Nationalfönds angesiedelt werden. Die Hachscharah- Zentren und chaluzischen Kibbuzim werden ausgebaut und vermehrt werden. Auch in Zukunft wird «Hechaluz» Mittel und Wege finden, die Mauern, die um Palästina auf gerichtet werden, zu durchbrechen. Die Chätuzim wollen in der Massenprotestbewegung gegen die englische Politik den Vortrupp bilden. Sie werden ihre in harter Arbeit erprobte Kraft auch im Kampf um das Recht des jüdischen Volkes bewähren. Zwischen den Zeilen Die antisemitische «Madame Ravag» Wir meinen nicht die Hansi Niese, die in einem gleichnamigen Theaterstück spielte, sondern die Wiener Radiogesellschaft, wie sie leibt, lebt und sendet. Sie lebt gut, sogar ausgezeichnet, sendet dagegen ... Nicht unsere Sache ist es aber, an dieser Stelle das künstlerische Programm der Ravag zu kritisieren. Unsere Sache ist es jedoch, festzustellen: Madame Ravag ignoriert seit jeher die Wünsche ihrer jüdischen Abonnenten. Sie läßt sich von Juden zum großen Teile aushalten — warum auch nicht? Aber sonst ist sie von Kopf bis Fuß und vom Rosenhügel bis in die Johannesgasse auf Antisemitismus eingestellt. Von Zeit zu Zeit passiert der reichen Madame allerdings ein Lapsus. Sie vergißt, daß es ihr Prinzip ist, von Juden Geld zu nehmen, ohne ihnen irgendetwas jüdisches dafür zu leisten. Das kann passieren; das passierte ihr vorigen Dienstag, als sie die Londoner Einstein-Rede übertragen hatte. Was folgt, ist ein Entrüstungsschrei in der Wiener judenfeindlichen Presse. Und was wieder darauf folgt, ist eine Entschuldigung der Ravag. Jawohl, die Madame aus der Johannesgasse hat sich entschuldigt, weil sie — gleich anderen mitteleuropäischen Sendestationen — die Dreistigkeit besaß, die in London gehaltene Rede eines großen Gelehrten, der ein aufrechter Jude ist, zu übertragen. Daß für die «Dötz» Prof. Einstein eine «relative Größe» ist, interessiert uns nicht. Relativ sind ganz bestimmt vor allem die kulturellen Belange der «Deutschösterreichischen Tageszeitung». Absolut dagegen ist das unqualifizierbare Vorgehen der Ravag, die erstens in ihr Programm nie Sendungen jüdischen Inhaltes aufnimmt, und zweitens, wenn es ihr einmal doch versehentlich passiert,prompt bei den Antisemiten um Verzeihung bittet. Wie lange noch werden sich die jüdischen Abonnenten derartige Zustände gefallen lassen? Sem. GroBneischhauerel SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX. Berggasse 19, Tel. A17-3-99 u. A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilunoejMöi^jg^FJeijQh unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinat» der israelitischen Kultusgemeinde Wien atUoiustellung koalenlos IX, Berggasse 15 XVlIi, WähringerstraBc 97