Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 149 (30.10.1930)
- Date
- 1930-10-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 149 - 30. Oktober 1930 DIE STIMME Seite 11 Etter aior / Kunst / Theater Schalom Asch — 50 Jahre alt Der hervorragende Schriftsteller Schalom Asch, Präsident des jiddischen Pen-Olitbs, feiert am 1. November d. J. seinen 56. Geburtstag. Schalom Asch weilt jetzt in Wien, wo er Gast des Österreichischen -Pen-Clubs ist Wir gratulieren Herrn Asch herzlichst zu seinem 50. Geburtstag , und werden in der nächsten Nummer der „Stimme“ die Persönlichkeit und das Schaffen des Dichters eingehend würdigen. Die Wilnaer Truppe Die «Pusste Kretsclune* von Perez Hirschbein. HArSchbdins «Pusste Kretschme» (Verödete Schenke) gehört sdt Jahren zum eisernen Fonds des jiddischen Repertoires. Mit Berechtigung: das Stück hat Kraft, dramatischen Aufbau und gute Rollen. Es ist ein Volksstück mit ejnem Einschlag phantastischer Dämonie; eine schaurige Geschichte im Rahmen des Folklore; ein wirkungsvolles Schauspiel, wenn es auch nicht an die Glut eines «Dybyk» oder an die echte Tragik des «Tag und Nacht» heranreicht , Das Stück von wilder Ljebe eines urwüchsigen jüdischen Dorf jungen und brennender Haßliebe seiner Auserwählten wurde von den Wilnaem, wie es scheint, ohne genügende Vorbereitung aufgeführt An vielen Stellen haperte es mit der Regie. Einige Male löste eine mlßiüngene «tragische» Stlmr mme beim Publikum Heiterkeitserfolge aus. Ist das nur die Schuld eines ungezogenen Publikums? Hat nicht die Regie io manchen Punkten die Grenze zwischen der Tragik und der Groteske überschritten? Wir lieben das jüdische Theater, wir sehen in ihm einen wichtigen Kulturfaktor. Wir wünschen, daß es den Kreis seiner Anhänger vergrößere. Aber gerade deshalb Ist es unsere Pflicht, die jetzt in Wien gastierende Wilnaer Truppe aufmerksam zu machen: es geht nicht an, daß man eine schlecht vorbereitete Premiere dem jüdischen Publikum darbiete. Die Wilnaer haben eine große Tradition. Die Wilnaer haben erst vor kurzem durch die Aufführung des «Sabbatai Zwi» bewiesen, daß sie ihre alte Tradition würdig forfzusetzen verstehen. Tradition verpflichtet! Die Schauspieler haben sich redlich bemüht, einen Erfolg herbeizuführen, Alex Stein war in der Rolle des finsteren Gesellen diesmal wirklich hervorragend. Dorab war leider eine Fehlbesetzung: er paßte nicht in die Rolle. Die Massenszenen ließen im Gegensatz zu denen bei «Sabbatai Zwi» sehr viel zu wünschen übrig. s.w. Repertoire der Wilnaer Truppe Wegen des großen Erfolges bleibt das Volksstück «Die Pusste Kretschme» von Perez Hirschbein in der Preipicrcnbesetzung von Freitag, den 31. Oktober bis Sonntag, den 2. November auf dem Spielplan. Als nächste Premiere gelangt Montag, den 3. November «Der Schatz», Komödie in drei Akten von David Pinski, zur Aufführung. In diesem Stück ist das ganze Ensemble der Wilnaer Truppe beschäftigt. Die Regie führt ■diesmal Adam Domb. Beginn sämtlicher Vorstellungen pünktlich H9 Uhr. „Zehn Jahre WizoÄ Anläßlich der Zehnjahrfeier der «Wizo» erschien soeben ein Buch «Zehn Jahre Wizo», herausgegeben von Dr. Martha Hoffmann im Aufträge der Weltorganisation zionistischer Frauen, London. Aus dem Inhalt: Botschaften von Dr. Chaim Weizmann, Lady Samuel, Kanin Michaelis, Dr. Alice Masaryle, Blanche C. Pugdale, Lady John Simon. Werden und Werk der Weltorganisation. Das zehnte Jahr der «Wizo» (Zum Geleit); Gruß der Hadassah, von Zip. Szold; Mrs. Rebecca Sieff: Die «Wizo» und ihre Gründerinnen; Mrs, Romana Goodman: Die Entwicklung der «Wizo», usw.; Mrs. M. Marks und V. Weidmann: Die finanzielle Entwicklung der «Wizo». Das «Wizo»-Werk in Palästina- Hauswirtschaftliche Erziehung von «Wizo»-pa!ästina~ exekutive; Ghana Meisel-Schochat: Nahalal; Ada Fjshman: Nes$ Zloneb; Ben Barak*. Afuleh; Erziehung durch Schulgärten; Henriette Irwell: Neun Jahre Säuglingsfürsorge der «Wizo»; Dr, Th. Zloci$t|: Das Jemenitencsntr«. Frauenprobleme aus Palästina« Rose Ginsberg: Die rechtliche Stellung der Frau in Palästina; Helene Hanna Thon: Mutter und Kind in Erez Israel. Die Innere Entwicklung der «Wizo». Dr. Nadja Stein: Aus unseren Anfängen; Hanna Steiner: Neue Solidarität; Dr. Mirjam Scheuer; Neue Propaganda; Nani Margulies: Harmonie in Werbung und Arbeit. Die jüdische Frau und die nationale Kultur. Die jüdische Frau und das Kunstgewerbe: a) von Else Hofmann, Wien, b) von Lotte Hänemann, Jerusalem; Die jüdische Musik und die Rolle der Frau, von Alice Jacob- Loewenson, Berlin; Märchen aus dem Galil, von Irma Singer, Daganjä. Das Buch ist zum Preise von RM 1.— durch die Weltorganisation der «Wizo», London, 75, Great Russell Street, sowie durch die österreichische Föderation der «Wizo*, per Adresse: Frau Sophie Löwenherz, Wien, IX., Nußdorferstraße 42, zu beziehen. Die junge Dänin, Engel Ltmd, in Rekjawik auf Island geboren, eine Sängerin, die letztens mit großem Erfolge eine Reihe von Konzerten in größeren Städten Deutschlands und Frankreichs absolvierte, wird am 6. November d. J. im Kleinen Konzerthaussaal ein Liederkonzert geben. Es wird unsere Leser besonders interessieren, zu erfahren, daß Frau Lund u. a. auch jiddische Lieder bei diesem Konzert singen wird. Engel Lund singt in vielen Sprachen. Eine besondere Vorliebe aber hat sie für Jüdische Melodien und jiddische Texte. Wie wir von ihrem Begleiter, Herrn Kapellmeister Ferdinand Rauter, erfahren, lernt Frau Lund jetzt Hebräisch und will demnächst in ihr Programm auch lebräische und palästinensische Lieder aufnehmen. In der Jüdischen Bühne (Hotel Stephanie), II., Taborstraße 12) gelangte vorige Woche die Komödie «Eine Kaie zu verkaufen» zur Aufführung und hatte einen großen Erfolg zu verzeichnen. Die Darsteller verstanden es, durch den echten jüdischen Humor und gute Darstellungskunst das Publikum mitzureißen. Auf vielfaches Verlangen wird das Stück auch Donnerstag, den 30. d. M., gespielt. Sonntag, 3 Uhr, Nachmittagsvör6tellung bei ermäßigten Preisen. Der Direktion gelang es, das bekannte Lustspiel von Kälich «Die jüdische Zigeunerin» zu erwerben. Das Stück gelangt vom 31. Oktober bis 6. November mit Frau Erwest in der Titelrolle zur Aufführung. «Neues Jüdsches Theater» (praterstraße 60). Ab Freitag, den 31. Oktober, gelangt täglich zur Aufführung W7 Schwarz’s: «Papas Töchterlein*, musikalische Komödie in sechs Bildern. Die Aufführung wird zur Gänze durch die berühmte «Siegler-Truppe* mit Sevilla Pastor ah der Spitze bestritten. Nach der bewährten Regie Mischa Fischsohns, Vogl New Yorker «Lyrik»-Theater. Premiere Im Apollo. Montag, den 27. Oktober, fand in? Apoflotheater die Uraufführung des Filmes «Die singende Stadt» mit Jan Kiepura und Brigitte Helm in den Haupt«- rollen statt. Es ist der erste Tonfilm dieser beiden hervorragenden Schauspieler. Jan Kiepura hat in diesem seinen Filmdebut einen großen sowohl sängerischen wie auch schauspielerischen Erfolg errungen. Brigitte Helm Ist noch entzückender als sonst. Es gibt viele herrliche Naturaufnahmen aus Neapel und der Umgebung dieser Stadt; mar hört einige italienische Lieder, die bestimmt bald ihren Weg machen werden, man sieht gute Ausstattung und eine besonders gute Photographie. Die Prenüere war ein großer Erfolg. Großer Erfolg der Habimah in Stockholm. Das hebräische Theater Habimah, dessen Gastspiele in Dänemark und Norwegen einen künstlerischen Siegeszug bedeuteten, gastiert gegenwärtig in Stockholm. Die Anwesenheit der Habimah in Schwedens Hauptstadt hat sich zu einem großen Ereignis für die Judenhelt dieser Stadt und die schwedischen Theaferkreise gestaltet. Bei seiner Ankunft an» Bahnhof wurde das Habimah-Ensemble durch eine Ehrendelegation und einen Gesangschor begrüßt. Die erste Vorstellung, die auch vom König besucht war, gestaltete sich zu einem «Dybuk»; der König wohnte der Vorstellung von Anfang bis zum Ende bei und folgte mit angespanntem Interesse den Darbietungen des berühmten Ensembles. Nach der Vorstellung war die Habimah Gast des Oberrabbiners Dr. Markus Ehrenpreis, der bekanntlich der Kritiker der modernen hebräischen Literatur ist. Die Zionisten Schwedens gaben zu Ehren der Habimah ein Bankett im Hause des Stockholmer dramatischen Klubs. Die schwedische Presse würdigt in zahlreichen Artikeln die Leistung der Habimah und stellt fest, daß die Wirkung auf das schwedische Publikum ungeheuer stark war und das Theaterleben hier befruchtet hat. Von Rabbiner Dr. A. Kaminka ist soeben (in hebräischer Sprache) ein neuer wissenschaftlicher Kommentar zu Schir hasch irim erschienen, der auch eine ausführliche Einleitung zu diesem Buche und Besprechung aller neueren Hypothesen darüber enthält, wobei die «Wazf- Hypothese» und Grätz' Vermutung über Beziehungen zu Theokrit widerlegt werden. Der Kommentar bildet einen Teil des Bandes «Fünf Megillot» in der Reihe der vpti Abr. Kahana in Tel-Aviv im Verein mit mehreren europäischen Gelehrten herausgegebenen wissenschaftlichen Kommentare zur Bibel. Von Schir haschirim wurde eine ganz kleine Anzahl von Separatabdriicken veranstaltet und einige Exemplare befinden sich bei den Buchhandlungen Schlesinger und Belf. Jtus alter Drs Ephraim Palais verschwindet Berlin besitzt zwei Bauten aus der Rokokozeit, die zum Köstlichsten jener Bauperiode gehören: Schlüters Loge in der Dpfotheenstraße und das unter dem Namen «Ephraim- Palais» bekannte Eckhaus Poststraße am Mühlendamm. Die allgemeine, in den letzten Jahren immer größer werdende Notwendigkeit zur Verkehrsregulierung bedroht nun auch diesen letzten Bau, der nach dem Beschlüsse der städtischen Behörden zur Erweiterung des Wasserweges geopfert werden soll. Hiemit würde auch ein nicht nur für Berlin überhaupt wichtiger, sondern insbesondere für die jüdische Geschichte Berlins bedeutungsvoller Bau verschwinden. Proteste in den Zeitungen, vor allen Dingen ein flammender Aufruf von Dr. Max Osborn in der «Vossischen Zeitung», versuchen das Uebel noch abzuwenden. Ob dies endgültig gelingen wird, muß aber zur Stunde noch dahingestellt bleiben. Der entzückende Bau verdankt seine Initiative dem bekannten Münzpächter Veite! Heine Ephraim, der nach dem 1748 erfolgten Tode seines Vaters Oberältester der Berliner Judenschaft wurde. 1761 erhielt er als ein besonderes Zeichen königlicher Gnade von Friedrich dem Großen das Niederlassungsrecht in Berlin und erwarb kurz darauf von der Familie Tönnenbinder das in der Poststraße 16 gelegene arg baufällige Haus, zugleich aber auch das danebenliegende Grundstück am Mühlendamm. Der Baumeister Dietrich errichtete nun in den Jahren 1762/66 unter Einbeziehung des alten Baues den heute noch bestehenden Neubau, vor allem die berühmt gewordene Eckfassade, die mit ihren acht korinthischen Säulen und den entzückenden Eisenbalkongittern ein Schmuckstück Berlins wurde. Im ersten Obergeschoß entstand das berühmte Chinesische Zimmer, ein in prunkvollster Weise ausgeführtes Gemach. In der Geschichte Berlins hören wir öfters von diesem Hause. Einst im Brennpunkte des Verkehrs gelegen, befanden sich den Parterreräumen verschiedene Läden, so die eines Kammachers, eines Hutmachers und das heute in der Leipziger Straße noch bestellende Geschäft der Firma W. Wplffenstain. Die von den Geschäften angebrachten Firmenschilder, offenen Auslagen und Verkaufsstände verunzierten den an sich festlichen Bau und gaben zu mehrfachen Beschwerden Anlaß. Nachdem Ephraim 1775 gestorben war, richteten seine Erben in dem Hause eine Tabakfabrikation ein, bis es im Jahre 1843 vom Fiskus übernommen wurde. Heute befinden sich in dem Hause städtische Behörden. Bas Kaddischgebet als Jalirzeitgebet Das Kaddischgebet bedeutet für viele Juden die letzte Bindung an den Glauben ihrer Väter. Tausende Juden besuchen den Gottesdienst nur zur Jahrzeit nach ihren verstorbenen Eltern und Kindern, sagen das Kaddischgebet und wissen nicht, wieso gerade dieses Gebet zum Gebet für die Toten bestimmt wurde. Erst seit zirka 80 Jahren ist das Kaddischgebet als Jahrzeltgebet eingebürgert. Wir finden die erste Nachricht über diesen Jahrzeitgebrauch in den Schriften des Rabbi Isaak von Wien, der 1180 bis 1250 gelebt hat. Bei den spanischen und orientalischen Juden fand das Kaddischgebet erst im 16. Jahrhundert durch den Kabbalisten Luria Eingang. Von dem sephardischen Rabbiner David de Sola Pool ist kürzlich eine historische Untersuchung über das Kaddischgebet erschienen. Der Autor vertritt die Meinung, daß das Jahrzeit-Kaddisch in der Zeit der Judenmassakers der Kreuzfahrer am Rhein seinen Ursprung hat. So wie in vielen jüdischen Gemeinden sich der Brauch erhielt, zum Andenken an Gefahren, welche die Gemeinde überstanden hatte, lokale Purimfeiern zu veranstalten, so bürgerte sich in den Gemeinden am Rhein die Sitte ein, die Gedächtnisfeier der Märtyrer am Jahrestage ihrer Ermordung feierlich zu begehen. In der Folge bürgerte sich dann die «Jährzeit» für den einzelnen Juden ein, der durch das Kaddischgebet seiner verstorbenen Lieben gedenkt Zehn einfache Fragen Wir beantworten heute die in unserer letzten Nummer gestellten Fragen. 1. Was bedeutet der Ruf «Hep, hep»? — Anfangsbuchstaben von Hierosolama est perdita (Jerusalem ist verloren). 2. Wie war David mit Saul verwandt? — Saul war Davids Schwiegervater. 3. Wie lange wohnte Jakob in Aegypten? — 17 Jahre, 4. Wieviel Talmude haben wir? — Zwei — den babylonischen und den jerusalemischen Talmud. 5. Welche beiden großen Geister und späteren Freunde wurden im Jahre 1729 geboren? — Lessing und Mendelssohn. 6. Wie hieß die Gattin des Königs Ahab? — IsebeL 7. Wer war der Vorgänger des Propheten Samuel? — EU. 8. Was bedeutet das Wort «Maschiach» (Messias)? — Gesalbter. 9. Wie hieß der Vater des Königs David? — Isai. 10. Welcher Prophet hat die Worte geprägt: «Haben wir nicht alle einen Vater, hat ein Gott uns nicht alle geschaffen?» Der letzte der sogenannten kleinen Propheten, Maleachi. Zehn neue Fragen 1. Wo wurde Mendelssohn geboren? 2. Wo wurde Moses beerdigt? 3. Wo lebte Moses Montefiore? 4. Wo lebte Theodor Herzl? 5. Wo wurde der erste Zionistenkongreß abgehalteM 6. Wo leben die letzten Samariter? 7. Wo steht die hebräische Universität in Jerusalem* 8. Wo residierte König David? 9. Wo ist eine Synagoge mit einem Glockenturm? 10. Wo ist die berühmte portugiesische Synagoge aut dem europäischen Kontinent? Wir fordern unsere Leser und Leserinnen auf, uns Antworten auf die zehn Fragen zu senden. Den Antworten ist der Coupon (siehe Seite 1) beizufügen. Die Namen der Einsender, die alle Fragen richtig beantwortet haben, werden wir in unserer zweitnächsten Nummer veröffentlichen. Für die richtige Beantwortung aller zehn Fragen setzen wir einen Preis aus, u. zw. das Buch «Juden in Ketten» von Joseph Delmon* Wenn meh-^re Einsende' die Fragen richtig beantworten, entscheidet unter ihnen das Lo6. Letzter Binsendetermin 8. November 1930, 12 Uhr mittags.