Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 149 (30.10.1930)
- Date
- 1930-10-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3053859-3053902--1991-3057387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 149 - 30. Oktober 1930 ME STIMME Sette 1 aus einem Memorandum der Histadruth an die Shaw» Kommission ein Passus zitiert, in dem festgestellt wird, daß eie einen entscheidenden Einfluß auf die zionistische Jugend in der Diaspora ausübt, die sie mit dem zionistischen Ideal und dem der Setbstarbeit erfüllen will, und daß die Chaluzorganisätionen, die das hauptsächliche Menschenmaterial für das zionistische Palästina-Werk bilden, organisch verbunden sind mit der Histadruth, die ihr Erziehungswerk kontrolliert. Ein einwandernder Chaluz werde automatisch Mitglied der Histadruth, sobald er ln Palästina ankommt. Als weiterer Beweis wird eine Klage der Agudath Israel wegen Nicht* berücksichtigung ihrer Arbeiter angeführt Nunmehr wird die Technik der Zertifikat-Erteilung an die Jewish Agency geschildert und verlangt, daß wieder wie ifrüher einmal Beamte der Mandatarmacht an Punkten wie Warschau eine Kontrolle vornehmen. «Jüdische Arbeit — der Grundstein des Jüdisch-Nationalen Heimes», so überschreibt Simpson den nächsten Absatz und zitiert aus einem Brief Arlosoroffs eine Reihe von Stellen, in denen etwa ausgesprochen wird, der Aufbau des Natiöna!h6ime6 bedeute nicht nur die Rückkehr eines heimatlosen Volkes zum Boden, sondern gleichzeitig die Rückkehr eines Volkes, das jahrhundertlang von allen Quellen produktiver Tätigkeit entfernt war, zu einem heben voll Arbeit, dem Leben einer sich selbst erhaltenden Qemofnsehaft. Aehnljehe Zitate, auch aus einem Briefe der Histadruth selbst, werden reichlich gebracht, und Simpson fährt dann fort: «Die Histadruth führt eine Politik, die die Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung in sich schließt, basiert auf Gemeinschaftssiedlungen und dem Prinzip der Selbstarbeit. Wo"5elbstarbeit unmöglich ist, besteht sie zum mindesten auf der Beschäftigung von ausschließlich jüdischen Arbeitern durch alje jüdischen Arbeitgeber ... 46 der zionistischen Kolonien sind auf dem Prinzip der Gemeanschaftssiedlung aufgebaut.» Der Bericht faßt seine Konklusionen folgendermaßen zusammen: «Die Histadruth fährt fort, zu Lasten der Großzügigkeit der Weltjudenheit ein soziales und ökonomisches Experiment von großem Interesse, aber fraglichem Wert durchzuführen. Die Jewish Agency billigt entweder dieses Experiment oder ist unfähig, es zu unterdrücken.» Nachdem über die Hauptberkunftsländer der Immigranten und die Gründe für ihre Auswanderung einiges gesagt worden ist, geht Simpson auf die Frage «Einwanderung und Arbeitslosigkeit» ein. Die Araber glauben, daß die Arbeitslosigkeit in ihren Reihen auf die jüdische Einwanderung und die Konkurrenz der jüdischen Arbeit zurückzuführen ist. Soweit jüdische Arbeit gebraucht wird, In Unternehmungen, die nur mit einfließendem jüdischem Kapital unterhalten werden, ist keine Grundlage für einen solchen Glauben vorhanden, aber aus der Tatsache der steigenden Beschäftigung jüdischer Arbeiter in dem Departement für öffentliche Arbeiten, Eisenbahnen, Bauunternehmungen, die nicht ausschließlich durch jüdisches Kapital erhalten werden, kann man die Folgerung ziehen, daß mehr jüdische Arbeiter Ins Land gebracht worden sind, als für rein jüdische Zwecke notwendig gewesen wäre. Andererseits kann es nicht zweifelhaft sein, daß die der jüdischen Einwanderung folgende Entwicklung des Landes während der letzten neun Jahre neue Möglichkeiten für arabische Arbeiter geschaffen hat. Die Konkurrenz der elngewandarten jüdischen Arbeiter Ist also durch diese wachsenden Arbeitsmögljchkelten ausgeglichen worden. Immerhin kommt Simpson zu dem Schluß, daß die Arbeitslosigkeit bei den Arabern eine ernste Frage iim heutigen ökonomischen Leben Palästinas geworden ist Die Zahl der einwandernden jüdischen Arbeiter darf nicht abhängen von dem Umfang der jüdischen Arbeitslosigkeit sondern die Gesamtarbeitslosigkedt in Palästina muß zugrunde gelegt werden. «Es Ist falsch, daß ein Jude aus Polen, Litauen oder dem Jemen eingelassen wird, uro Ghetto Von Bianca Gronner «Söide, ich will euch etwas fragen — aber seid «rieht böse, wenn Ich etwas Unerlaubtes getan habe. Wir sind auf die Mauer geklettert heute und haben hinübergeschaut. Wir wollten einmal wissen, wie Cs drüben aussieht — dort, wo wir nicht hingehen dürfen. Seide, es war so seltsam — die Menschen sehen dort ganz anders aus als bei uns. Sie haben blondes, glattes Haar, und die Frauen sehen alle aus wie — ich weiß nicht — vielleicht sind Engel so, öder — ja, ich weiß schon, Prinzessinnen müssen so aussehen. Die Frauen jenseits der Mauer sehen wie Prinzessinnen aus. Und die Männer tragen keinen ' Kaftan, sondern ganz komische Gewänder aus Samt, rot, violett und dunkelgrün, mit weißen Spitzenkragen und Manschetten. Wunderschön. Und sie tragen Degen an der Seite. Und das merkwürdigste Ist, daß sie spazierengingen, an einem Arbeitstag spazierengingen, so, als hätten sie gar nichts zu tun. Molsche hat gesagt, dort drüben wäre heute Schabbes — aber das kann doch nicht sein, nicht wahr? Schabbes war doch schon gestern Abend zu Ende. — Seide, was sind das für Menschen, die dort leben, und warum sind sie denn anders als wir? Und warum dürfen wir nicht zu ihnen gehen und mit ihnen sprechen?» «Das kannst du jetzt noch nicht verstehen. Wenn du erst älter bist, wirst du es schon erfahren, Du kanst gar nicht mit den Menschen dort drüben sprechen, sie würden dein Jiddisch nicht verstehen.» «Aber ich kann doch auch schon etwas Hebräisch sprechen!» «Sie verstehen auch nicht Hebräisch.» «Gibt es denn noch andere Sprachen?» eine freiwerdende Steile auszufüllen, während in Palästina schon Arbeiter vorhanden sind, die diese Stelle ausfüllen könnten, aber keine Beschäftigung finden.» Es wird aber festgestellt, daß das jüdische Kapital eben zu dem Zweck in das Land einfließt, damit dort jüdische Arbeiter angesiedelt werden können, und deshalb macht der Bericht eine besondere Ausnahme. In solchen Unternehmungen, die ausschließlich von einfließendem jüdischem Kapital erhalten werden, ist das Prinzip der jüdischen Arbeit gerechtfertigt. Es kann nicht im Interesse der Araber liegen, daß jüdisches Kapital gehindert wird, ins Land einzufließen, und seine Position wird nicht verschlechtert, wenn hier jüdische Arbeit verwendet wird. Die unter Juden verbreitete Meinung, daß die Wiedereröffnung der Grenzen für Arbeiter- Einwanderung das Vertrauen des Kapitals wieder hersteilen würde, ist nicht ohne Begründung. Vom rein ökonomischen Standpunkt allerdings muß gesagt werden, daß die Rücknahme der Suspension ein Risiko bedeutet, das bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage nicht gerechtfertigt wäre. Die Jewish AgenCy und das Immigrationsdepartement mögen gemeinsam die Arbeiter-Scheduie aufstellen, eventuell könnte man unabhängige Wirtschaftler, etwa von Barclays Bank und der Angl» Palestine Co., hinzuziehen. Simpson kommt noch zu folgenden Konklusionen: Es hat sich klar ergeben, daß zur gegenwärtigen Zeit und mit den gegenwärtigen Methoden der arabischen Kultivierung kein Land mehr verfügbar ist für neue Immigranten, mit Ausnahme solcher noch nicht entwickelter Ländereien, die die jüdischen Gesellschaften in Reserve haben. Die Bedingungen, unter denen der Jüdische Nationalfonds R^.SOOV DlANAßAD 3B;o6NAU4tU.93 sein Land kauft und verpachtet, sind anfechtbar und müssen von Grund auf geändert werden. Es ist die Pflicht der Verwaltung aus dem Mandat, Sicherheiten zu schaffen, daß die Lage der Araber durch jüdische Einwanderung keinen Schaden leidet. Es ist ebenso ihre Verpflichtung aus dem Mandat, geschlossene Ansiedlungen von Juden auf dem Lande zu unterstützen, wobei immer die früher erwähnten Bedingungen einzuhalten sind. Nur durch eine aktive Politik der Entwicklung des Landbaues, die zu ihrem Inhalt die Schaffung geschlossener Siedlungen und intensive Kultivierung derselben sowohl durch Araber wie durch Juden zum Inhalt hat, Ist es möglich, diese offensichtlich konkurrierenden Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Zu diesem Zwecke macht Simpson den Vorschlag, ein Institut?u schaffen, das die Um- und Ansiedlung dirigiert. Was die Juden betrifft, so stellt er fest, daß vorläufig noch eine genügende Bodenreserve Im Besitz der jüdischen Gesellschaften sei. Die Aufnahmefähigkeit des Landes für neue jüdische landwirtschaftliche Einwanderer schätzt er auf mindestens 20.000 Familien. Er geht dabei von der auch einmal von Dr. Ruppin genannten Zahl von etwa 54.000 Familien aus, die neu angesiedelt werden können, bringt aber hiervon mehr a)s 30.000 Familien landloser Araber in Abzug, die ebenfalls angesiedelt werden müssen. Als Ansiedlungsbehörde schlägt er eine Development Commission vor, die mit den nötigen Vollmachten ausgestattet ist, einen Engländer als Vorsitzenden und je einen Araber und Juden als Mitglieder hat. Die Kommission hätte nicht nur die Entwicklung der Ländereien durchzuführen, sondern wäre auch verantwortlich für die Kolonisation von Arabern und Juden. Die den Ansiedlern zur Verfügung zu stellenden Mittel wären für alle die gleichen, die Zuschüsse, die die Juden bei «Es gibt sehr viele andere. Wenn du älter bist, wirst du manchmal mit ihnen sprechen müssen, dann wirst du auch ihre Sprache lernen. Aber dann werden sie dir nicht mehr gefallen, diese Menschen dort drüben . . > «Warum nicht, Seide?» «Weil sie nicht gut sein werden zu dir.» «Sie sind sicher gut *— sie müssen gut sein, sie sind so schön und licht . . .» «Du wirst schön sehen, wenn du älter bist.» «Wann, Seide? Wenn ich Barmizwah bin? Das sind doch noch 6 Jahre bis dahin!» «Es wird noch länger dauern als 6 Jahre . . .» «Noch länger?»- Benjamins ganze Kindheit war erfüllt von der Sehnsucht nach den lichten, s*hönen Menschen, die «da drüben» wohnten. Warum nur durfte man nicht zu ihnen? Sie mußten sicher gut und freundlich sein, diese blonden Männer und Frauen. Oft saß er auf der Mauer, die das Ghettoviertel abtrennte von der heiteren Stadt am Rheine und verzehrte sich ln Sehnsucht nach «drüben». Und minier, wenn einer der Großen von draußen kam, heftete er sich tagelang an dessen Fersen, um etwas von draußen zü erfahren. Aber es war merkwürdig — immer, wenn die Männer zurückkamen, schien es, als hätten sie das Sprechen verlernt. Sie waren dann auffallend ernet, bedrückt und schwermütig. Man hörte ja ohnehin selten ein Lachen im Ghetto alles war hier ernst und düster. Aber wenn die Männer von draußen kamen, waren sie noch schwermütiger als sonst. Die Frauen gingen niemals hinaus. Als Benjamin 15 Jahre alt geworden war, nahm Ihn sein Vater zum ersten Male mit auf die Wanderschaft Er hatte es vorher nicht gewußt, daß er diesihrem relativ höheren Standard of life benötigen, hätten sic sich von anderer Seite zu beschaffen. Die Kandidaten, die für die Ansiedlung in Betracht kommen, wären bei den Juden durch die Jewish Agency, bei den Arabern durch die Distriktskommissionäre zu benennen. Eine Zusammenarbeit zwischen den jüdischen Ansiedlungsgesellschaften und der Development Commission ist anzustreben. Notwendig ist dies vor allem bei den Bodenkäufen, hier muß die Regierung ein Vorkaufsrecht für alle auf den Markt kommenden Böden haben und sie für den Zweck der Verteilung und der Intensivierung nutzbar machen. Wenn dagegen die Development Commdssion nicht willens oder nicht imstande ist, die Böden zu kaufen, können sie im privaten Wege zum Verkauf gelangen, wobei Vorkehrungen gegen eine Preistreiberei getroffen werden müssen. Die gegenwärtigen Bodenpreise, die zu hoch sind, müssen abgebaut werden. Feststellung der Exekutive der Weltorganisation zionistischer Flauen Wir jüdischen Frauen, die wir in der Weltorganisation zionistischer Frauen vereint sind, betrachten die Erklärung, die die britische Regierung herausgegeben hat, als eine Mißachtung internationaler Verpflichtungen, die sich Großbritannien auferlegte, als es auf der Basis, ein jüdisch-nationales Heim zu schaffen, das Mandat für Palästina übernahm. Im vollen Vertrauen und im Glauben an die Versprechungen und Zusicherungen des britischen Volkes haben wir in den letzten zehn Jahren alle unsere Kräfte und unseren ganzen Enthusiasmus für die selbstgestellte Aufgabe eingesetzt: den Frauen Palästinas so beizustehen, daß sie imstande wären, ihren vollen Anteil an der schöpferischen Arbeit für das Land zu leisten. Mit diesem Ziel vor Augen haben wir eine landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Schule für Frauen und landwirtschaftliche Mädchenfarmen im ganzen Lande errichtet, die das Land mit beträchtlichen Mengen von Gemüsen und Früchten versehen. Wir haben ferner auf sozialem Gebiet mitgearbeitet, indem wir nach den modernsten Methoden eine große Anzahl von Säuglingsfürsorgestellen und eine Mutterschule und diätetische Klinik errichteten, die dazu beigetragen haben, den Gesundheitsstandard des Landes beträchtlich zu heben. Wir haben in zehn Jahren unermüdlicher Arbeit erkannt, wieviel getan werden kann, das Gedeihen und die Produktivität Palästinas zu steigern. Wir wünschen nicht mehr, als in unserer Arbeit ungehemmt zu bleiben und nicht durch Einschränkungen und Verbote, die niemandem von Nutzen sind, entmutigt zu werden. Wir vertrauen auf die Loyalität und den Gerechtigkeitssinn, die im britischen Volke wurzeln, und weisen es von uns, dieses übereilt verfaßte Weißbuch als das endgültige Urteil des britischen Volkes anzusehen. Wir werden uns durch keinen Staatsbericht davon abhalten lassen, auch weiterhin eine Aufgabe zu erfüllen, die wir uns selbst gestellt haben, und unsere einzige Antwort auf diese Erklärung ist: Verdopplung unserer Anstrengungen für den Aufbau unserer Heimstätte, unerschütterliches Vertrauen zu der Zukunft, zu unseren eigenen Kräften und unserer inneren Begeisterung! mal mitgenommen werden würde, sonst hätte er wohl seit Wochen nicht schlafen können vor freudiger Erwartung. Rahel, Benjamins Spielgefährtin, kam. um ihm Lebewohl zu sagen. Abei er achtete rieht auf sie, kaum ein freundliches Wort fand er — zitterte doch alles in ihm in fieberhafter Spannung. Endlich, endlich würde seine Sennsucht sich erfüllen! — Rahel sah ihn traurig an und reichte ihm die Hand zum Abschied: «Vergiß nach n<cM!» Er berührte flüchtig ihre Fingerspitzen und eilte ung^uldig zum Vater. «Seid Ihr noch nicht bereit, Vater?» fragte er. «Es wird noch früh genug werden für dich, mein Sohn», entgegnete der Vater ernsthaft und schnallie ihm ein Ränzel auf den Rücken, «bieh\ ich bürde dir jetzt eine Last auf — viei schwerer aber ist die Last, die dich draußen erwartet.» Und dann gingen sie. Benjamin konnte nicht genug schauen. Die Welt kam ihm hier draußen viel lichter und schöner vor — die Sonne schien strahlender und der Himmel heller zu sein. Viel zu rasch schritt der Vater aus — Benjamin hätte so gerne stehen und sich umsehen mögen! Nein, so viel Schönes hätte er sich doch niemals träumen lassen 1 Diese herlichen, großen Häuser — da gab es ja welche, in denen drei Stockwerke aufeinandergetürmt waren — und die breiten Straßen — und die Fuhrwerke, mit schönen Pferden bespannt! Und hier — ein Reiter auf einem stolzen Rosse — wie hell das wieherte! Aber plötzlich bemerkte er noch etwas anderes. «Vater, warum lachen die Menschen alle, wenn sie uns sehen? Warum laufen uns die Kinder nach? Und was rufen sie da? Ich verstehe sie nicht . . .» «Die Menschen lachen immer, wenn sie uns sehen. Und die Kinder rufen, daß wir schmutzige Juden wären.»