Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 148 (23.10.1930)
- Date
- 1930-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 w DIE STIMME Aus affet Wett Das Ghetto von Rom Unter dein Hiigel des Kapitols, rund um das Theater AlarceHs, hat die ewige Stadt bis heute ihr Ghetto. Es ist der älteste Stadtteil Roms; durch die Schminke eines mittelalterlichen Städtebaues schauen die Reste der Ahtike und in den Höhlen der Erdgeschoße wuchten die Quader; die einst Bausteine zu Tempeln und Palästen waren. Hier leben die Juden Roms. East bis an den Tiber geht ihr Gebiet, und hier schließt die romantische Insel mit ihren hochgesCfiachtelten, übertürniten Bauten das Bild. In den nur wenige Meter brerten Gassen steht die Luft, gesättigt von den Dünsten der offehen Küchen, durchlärmt von den Geräuschen der Werkstätten; vor den Tiiren sitzen die Mütter, arbeitend, plaudernd und überwachen die Kinder, die eine Partie Fußball spielen, dä, wo nicht einmal der kleinste Wagen Platz zum Passieren hat. Laden schließt sich an Werkstatt, Werkstatt an Laden; hier wohnen bekannte Schuhmacher, die sich noch mit ihrem Gewerbefleiß mühsam gegen die Industrie verteidigen, auch Schreiner und ein paar Schmiede haben sich noch erhalten können — trotzdem die Juden in Italien wie in anderen Ländern vom Gewerbe ausgeschlossen, aus den Innungen verdrängt und auf den reinen Handel, mGst einen regelrechten Trödel- und Altkramhandel, zurückgedrängt wurden. Wenn sie bei diesem Gewerbe nicht im gleichen' Maße verarmten wie die russischen Brüder, so deshalb, weil die reiche Kultur und alte Zivilisation gerade im Althandel den römischen Juden Werte in die Hand spielte, die fachgemäß ausgewertet einen blühenden Antiquariatshandel erwachsen ließen. Freilich: Unkenntnis, Armut und Unbildung hinderten auch hier meist ein Vorwärtskommen; die Trödler des Ghetto wußten meist nicht, welche Werte sie in der Hand hatten; so waren die wirklich Verdienenden immer wieder diejenigen, die dank besserer Vermögensverhältnisse aus dem Ghetto herausgewachsen waren. Erst nach dem Kriege, als eine Hausse in den Renaissance- und Barockbrokaten und -samten einsetzte, bemerkten die Händler, daß sie dank der immer noch unerschöpflichen Quellen an Vorräten den Markt in Händen hatten, und aus dem Wochenmärkt von Cämpro dei Fiori, einem* bisher verachteten Sammelpunkt sämtlicher Trödler, wurde ein wichtiger Platz, auf dem Köstlichkeiten auch als Köstlichkeiten gehandelt wurden, und dessen Bedeutung so wuchs, daß die Antiquare der ganzen Welt ihn zum Einkauf aufsuchten. Campo dei Fiori, für alle Reisenden ein letztes Stück echtesten Folklore; hier wird noch jene Abart des römischen Dialekts gesprochen, geschrien, gelacht und geweint, welche Hie Juden Roms durch Jahrhunderte im Ghetto ausgebildet haben. Hier strömen aus all den Höhlen und Löchern der frühmittelalterlichen Häuser und Palastreste die Ghettofamilien zusammen, Väter, Mütter, Söhne, Töchter: alle arbeiten In schöner patriarchalischer Art zusammen; sie bauen ihre Stände mit künstlerischem Geschmack, sie sorgen an jedem Mittwoch für eine neue Auslese von köstlichen Stoffen, von antikem? Silber, von Kunstschmiedewaren, alten Büchern und manchem schönen Möbel. Wenn die Sonne auf Campo dei Fiori glüht,, wenn zwischen den langen Budenreihen die Menge der Römer und Fremden kaufend, handelnd, gaffend auf- und abwogt, wenn die Händler mit großen Gobelins über dem Arm preisend den Kunden verfolgen und die Preise von einer phantastischen Höhe bis auf ein normales Maß heruntergehen, dann ist ein päpstliches, mittelalterliches Rom noch einmal aufgestanden, das nur zu bald verschwinden wird. Elend sind die Wohnungen; jene finsteren Verließe, unter deren gewölbter Decke ganze Familien ,'jhausen, gleichen Höhlen. Jeder Winkel birgt eine Lagerstatt, in allen Ecken gibt es Verschlage, hinter denen die Vorräte aufbewahrt sind. Die vielen Kinder, die Verwandten, alte Müttefchen, der^arbeitende Mann, die schon tätigen Söhne, alle hausen sie in dem einzigen Raum. Wenn die Menschen trotz dieser unwürdigen Unterkunft gesund bHeben, so verdanken sie es dem italienischen Klima, das einen ständigen Aufenthalt auf der Straße oder zunr mindesten vor der Tür ermöglicht. Dieses ebenso kleine wie bevölkerte Viertel bewirkt aber, daß die Juden Roms eine starke Gemeinschaft wurden, fest Umrissen in ihren guten und schlechten Eigenschaften, zäh und tüchtig: sie blieben gute Juden, auch wenn sie, da sie unter den Architraven mit den antiken Inschriften aufwuchsen, gute Römer geworden sind. Aber das Ghetto verschwindet. Das römische Governaturat hat einen Stadtbauplan ausgearbeitet, der eine vollkommene Regulierung der alten Zone vorsieht. Ganze Straßenzüge sollen beseitigt werden; viele Häuserblocks fielen schon, und das Rom des 11. und 12. Jahrhunderts, in das die Juden einst verbannt wurden, wird in wenigen Jahren nicht mehr existieren. Diejenigen, die ihre alten Häuser bereits verlassen mußten, werden in guten und gesunden Neubauten untergebracht. Die neu entstehenden Stadtviertel, in denen naturgemäß Mangel an Geschäften, Werkstätten usw. ist, bieten neue Erwerbsmöglichkeiten, und man hofft, so endlich die ersten Stufen zu einem sozialen Aufstieg, der bisher so gut wie unmöglich war, erreicht zu haben, g. r. Ein jüdischer Schiffskapitän «Tribüne de Geneve» bringt Artikel von Josue Jehouda Aber seine jüngste Palästinareise. Ueber den Kommandanten des Schiffes, das von Triest nach Tel Aviv fährt, plaudert Jähouda u. a.: «Wissen Sie, daß unser Kapitän Jude ist?» fragt mich jemand. «Nein, ich wußte es nicht.» Einige Minuten später machte ich die Bekanntschaft des Kommandanten, Umberto Steinler, des jüngsten Kapitäns der Compagnie. Er ist umgänglich. Die Passagiere bestürmen ihn mit tausend Fragen; es scheint, man kann alles von ihm haben. Aber er weiß, was er will. Er kommandiert, ohne daß man es merkt. Er überwacht das Meer, aber auch seine Passagiere. Es ist jetzt das zweite Jahr, daß die Gesellschaft auf Empfehlung unseres Kapitäns die direkte Linie Triest— Palästina eingerichtet hat. Und jetzt bringt diese Linie mehr ' ein dis alle anderen; die Gesellschaft ist zufrieden. Das sieht man auf den Gesichtern der Besatzuhg, auch wenn die Kundschaft gdn2 besonders schwierig ist — die jüdischen Passagiere. «Es ist iihmer lustig auf meinem Schiff,» flüstert mir der Kapitän zu. «Meine Passagiere sind sehr angenehm, denn sie sind gescheit.» Er erzählt auch von sich. Er stammt aus Triest. Italiener, ist er doch stolz auf sein Judentum. Auf der Tür seiner Kabine ist eine Mesusa angebracht. Auch ein Sefer Thora hat er bei sich, das er sorgsam im Schrank eingeschlossen hat. «Es ist für den Gottesdienst meiner Passagiere. Jeden Samstag morgen holt man es bei mir ab, und nach dem Gottesdienst bringt man es zurück.» Die Bruderschaft der Glaubensbekenntnisse feiert Rösch Haschanah Zum erstenmal wurde heuer zum Zeichen der Wertschätzung der luden das jüdische Neujahr durch Vertreter anderer Glaubensbekenntnisse gefeiert. Dieses einzigartige Ereignis ging am 23. September d. J. in der großen Episkopalkirche, Broadway, 10. Street, in Gegenwart einer großen Menge von Juden und Nichtjuden vor sich, nachdem eine Einberufung durch die «Bruderschäft der Glaubensbekenntnisse» erlassen worden war. Ansprachen hielten für den christlichen Glauben Rev. Rüssel J. Clinciiy .und Rev. Leon Rösser Land, für den Hinduglaüben Kedar Nath Das Gupta, für die Moslems Said Hussein und für die Shik-Religion Dr. Baghad Singh Thind. Für die Juden, antwortete Rabbi Israel Goldstern von der Vereinigung. Bnai Jeschurun. Er führte u. a. aus: «Diese Versammlung ist eine. wicHtige Etappe auf dein Wege zur Freundschaft und, ein Zeichen des guten Willens. Gegenr seitige Achtung ist die höchste l ugend der menschlichen Gesellschaft. Das Jdeal der Humanität wird nie ein Schmelztiegel sein, sondern ein harmonisches Zusammenwirken. Was an diesem Abend gesagt und getan wurde, ist keine nutzlose Demonstration. Dieser Tag ist der Markstein der Bruderschaft der Nationen.» Die Bruderschaft .der Glaubensbekenntnisse hat schon christliche,, mohammedanische und buddhisqhe Feiertage gefeiert. Sie ist ein Teil der Bewegung, zu. der die Liga des Ostens und Westens und die Liga der Nachbarn gehören. Ihre Hauptquartiere ,befinden sich.in New. York, und in London. ' Jüdische Millionäre Daniel Guggenheim, der .kürzlich verstorbene Kupferkönig und Wohltäter, hat nach seinem Tode die Presse viel beschäftigt. Guggenheira. war Mitglied des Emanuel-Tempcls in New. York, dessen Präsident Louis Marshall gewesen ist. Als Guggenheim im Jahre 1925 mit 3,000.000 Dollars seine große Studienstiftung für Männer und Frauen jeder Rasse und jedes Glaubens machte, da wurde diese Stiftung mit der Rockefeller-Stiftung verglichen. Damals wurden jedoch schon kritische Stimmen laut, weil Guggenheim keine große Stiftung für ausgesprochen jüdische Zwecke machte. Was hätten diese 3,000.000 Dollars für die Universität in Jerusalem oder für den Bodenankauf in Erez Israel bedeutet! Guggenheim scherte sich, aber nicht , um seine jüdischen Kritiker. Schon ein Jahr später stiftete er 2,000.000 Dollars für eine «Guggenheim-Stiftung zur Förderung der Luftschiffahrt». Und im vergangenen Jahre spendete er noch der amerikanischen Kongreßbibtjothek 140.000 Dollars zur Anschaffung von Büchern über Aeronautik. Der Tod Guggenheims veranlaßte den Londoner «Evening - Standard», Betrachtungen darüber anzustellen, warum es in England weniger jüdische Millionäre gäbe als in Amerika. Die Zeitung gelangte zu dem Ergebnis, daß unter den 120 Millionären,, die es in England in der Zeit vom Jahre 1892 bis 1911 gab, auf fünf Millionäre ein Jude entfiel, während in den Nachkriegsjahren 1920 bis 1929 eine Abnahme der Zahl jüdischer Millionäre zu verzeichnen ist. War das Vorkriegsverhältnis 1:5, so ist es jetzt 1 :9. Die amerikanische Statistik dagegen zeigt in der Nachkriegszeit eine Zunahme der Zahl der jüdischen Millionäre. So interessant diese Statistik auch sein mag, sie hilft nicht darüber hinweg, daß unsere großen Massen im Osten im Elend leben, während unsere jüdischen Millionäre für alle möglichen, seiten aber für jüdische Zwecke gebefreudig sind. „Es trifft nur Juden und Chinesen“ Der mexikanische Gesandte in Washington empfing den Vertreter einer amerikanisch-jüdischen Zeitung, die Mexiko deswegen angegriffen hatte, weil es neue, scheinbar nur gegen jüdische Einwanderung gerichtete Emigrationsbestimmungen erlassen hatte. Der Journalist befragte den Gesandten, ob es wahr sei, daß das neue Einwanderungsgesetz in der Absicht erlassen wurde, die jüdische Einwanderung zu drosseln. Der Gesandte stellte das entschieden in Abrede. Als der Journalist aber dann eine Tabelle vorzeigte, als der klar hervorging, i daß -sich das Gesetz gegen die Juden, auswirken müsse, erwiderte der Gesandte: »1t. 1« «O nein, da sind Sie im Irrtum. Es geht auch gegen die Chinesen 1» «Also gegen Juden und Chinesen — das geben Sie selbst zu?» fragte der Journalist. «Ja,» sagte der Gesandte, «aber im allgemeinen herrscht natürlich bei uns kein Antisemitismus!» Das nun dem Gesandten zu glauben, fällt allerdings etwas schwer , . . Ein Denkmal für Dr. Zamenhof Die Esperanto-Gesellschaft in Bialystok, der Geburtsstadt des Schöpfers des Esperanto, Dr. Ludwig Zamenhof, hat beschlossen, Dr. Zamenhof in Bialystok ein Denkmal zu setzen. Die Stadtverwaltung von Bialystok hat bereits einen entsprechenden Platz zur Verfügung gestellt. Das Denkmal soll im August 1931 aus Anlaß des kommenden Esperanto- Weltkongresses, der in Krakau beginnen und in Bialystok fortgesetzt werden wird, enthüllt werden. Ungeheure Spenden amerikanischer Juden im Jahre 5690 Die jüdische Zeitung «The Buffalo Jewish Review» rechnet aus, daß im Jahre 5690 von amerikanischen Juden genau 32,601.610 Llollar in Einzelbeträgen von mehr als 50.000 Dollar für jüdische und nichtjüdische Zwecke gespendet wurden. Davon, und das ist bezeichnend, waren nur 5,689.610 Dollar für jüdische Zwecke bestimmt. Unter den von der genannten Zeitung aufgezählten Spenden von mehr als 50.000 Dollar gibt cs nur eine Spende für den Keren Kajeineth, und zwar 75.000 Dollar, und eine Spende von 150.000 Dollar für die hebräische Universität in Jerusalem, eine Reihe von größeren Spenden für die Jewish Allicd Campaign und zahlreiche Spenden für die verschiedensten Zwecke. Die größte Spende betrug 10,000.000 Dollar, die Maurice Falk für die Wohlfahrtsinstitutionen der Stadt Pittsburg stiftete. Die nächste ist eine 6,000.000-Dollar-Stiftung des verstorbenen Conrad Aubert für jüdische, katholische und protestantische Wohltätigkeitsinstitutionell. An dritter Stelle die 5,000.000-Dollar-Stiftung von Louis Bamberger für ein Institut für höhere Bildung. Ansonsten gibt es viele Juden, die offenbar annehmen, daß die jüdische Wohltätigkeit saturiert ist. So schenkte Daniel Guggenheim der Kongreßbibliothek 140.000 Dollar zur Anschaffung von Büchern über Aviatik und ein gewisser Max Epstein in Chicago stiftete 50.000 Dollar zur Errichtung eines Negerspitales. Dabei muß man feststellen, daß das humanitäre Wirken der amerikanischen Juden für christliche Zwecke fast kein Echo bei Stiftungen christlicher Amerikaner findet. Jedenfalls gäbe es trotz der Krise.reiche Möglichkeiten, aus Amerika Geld für zionistische Zwecke zu holen, wenn die Arbeit nur richtig angepackt würde. Radioprogramm der Woche Donnerstag: 19.35 Operettenaufführung: «Venus im Grünen». Anschließend: Volkstümliches Konzert des Orchesters Josef Holzer. 21.50 Kammerabend Erich Wolfgang Korngold. Anschließend: Schallplattenkonzert. Freitag: 19.35 Unterhaltungskonzert des Orchesters Max , Geiger. 20.30 Das Problem der Industrialisierung Indiens. 21.00 Lieder und Arien: Kammersängerin Berta Kiurina. 21.35 Die Violinsonaten Mozarts: Violine Dr. Oskar Adler, Klavier Prof. Franz Schmidt. Anschließend: Abendkonzert des Orchesters Eduard Pfleger. Samstag: 19.30 Uebertragung aus der Staatsoper: «Die Zauberflöte». Anschließend: Schallplattenkonzert. Sonntag: 19.00 Adalbert Stifter. Zu seinem 125. Geburtstag. 19.40 Unterhaltungskonzert des Orchesters Fritz Recktenwald. RADIO aoicooH^^DlANApAP;^^ 20.35 Trio. (Lustspiel in drei Akten von Leo Lenz.) Anschließend: Abendkonzert der Jazzkapelle Hans R. Korngold. Montag: Konzertabend Mariano Stabile. 21.00 Orchesterkonzert der Wiener Philharmoniker. Anschließend: Abendkonzert. Dienstag: 19.35 Uebertragung aus dem Theater an der Wien: «Das Land des Lächelns». Mittwoch: 19.35 Unterhaltungskonzert. 20.30 Schattenbilaer: I. Silhouetten. II. August von Goethe. III. Die falsche Braut. 20.00 Kammermusik. Anschließend: Schallplattenkonzert. Zigaretten wöchentlich weniger geraucht und Sie haben das Abonnement für die „Stimme“ bezahlt