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Die Stimme · 1930-10-23 · Heft 148 (23.10.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 148 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. 148 0fE STIMME Seite 5 Bialik zu Gegenwartsfragen*) Wir und die Araber Welches sind unsere Beziehungen zu den Arabern? Wir haben nicht die Absicht, sie in die Wüste zu vertreiben, wie Hagar und Ismael von unserem Urvater Abraham vertrieben wurden, aber wir wollen die Wüste in diesem Volke aufheben, wenn es mit uns in Frieden und Ruhe leben will. Erez Israel wird durch das Licht unseres Lebens und unserer Kolonisation erleuchtet werden und ftir die Wüste wird kein Raum1 übrig bleiben. Wir wünschen den Arabern, die im Lande wohnen, nichts Böses, aber gegen den Geist der Wüste und der Zerstörung werden wir einen entschiedenen Kampf führen. Es wäre besser, wenn sic unserer Renaissance und der Wicdcrerwachung des Landes zustimmen würden, und wir in Freundschaft mit ihnen leben könnten, — wenn sie aber auch ihr eigenes Wohl nicht verstehen und sich unserem Werke widersetzen, werden sie doch den Weg unseres Schicksals nicht ändern können. Wir und England Sollen wir an England verzweifeln? Sollen wir annehmen, daß unsere gegenseitigen Beziehungen aufgehört haben, weil dieser oder jener Beamte eine politische Kombination der Kriegsjahre bereut? Nein. England kann sich nicht lossagen, auch wenn cs die jetzigen Machthaber wünschen sollten. Die Geschichte beherrscht die Völker und nicht irgendwelche Personen. Vielleicht sahen selbst viele der Engländer die Balfoür-Deklaratiön als eine gewöhnliche Kombination an. Sie ist aber in Wahrheit keine vorübergehende Maßnahme. Der Geist des englischen Volkes gab sich in dieser politischen Tat kund. Durch Befriedigung eines zufälligen Instinktes, wenn auch einer reinen Absicht bar, schafft die Natur manchmal ewige Werte, die eine unendliche Fortsetzung in der Kette des Geschehens finden. Die englische Politik dem jüdischen Nationalheim gegenüber kann nicht als das' Resultat einer zeitweiligen politischen Kombination betrachtet werden. Tiefe Instinkte des englischen Volkes offenbaren sich in dieser Tat. Jahrhunderte lang haben englische Dichter und Träumer die Notwendigkeit verkündet, den Juden zur Rückkehr in ihr Land zu verhelfen. Ihre Worte (unterließen tiefe Spuren in der Literatur und bezeugen, daß es nicht ein gewöhnlicher Schacher war, der mit der Balfotir-Dcklaration abgeschlossen wurde. Die hebräische Kultur Palästinas und die hebräische Kultur der Galuth Hehräische Kultur in Palästina bedeutet die gesamte jüdische Tätigkeit in Palästina, sowohl die Verfertigung vpn Schuhen als Früchte der Geistesarbeit. Es gibt keine hebräische Kultur in der Galuth, sondern nur eine Atmosphäre um das alte oder neue Bethaus. In Palästina gestalten wir frei und aus eigenen Kräften unser eigenes Leben und das bedeutet Kultur, dieuns als Menschen erhebt. Das Tier genießt die Früchte der Natur, der Mensch schafft selbst seine physische und geistige Nahrung. Im Lande schaffen und gemessen wir. In. .der Galuth schaffen wir im Dienste anderer als minderwertige Partner, obzwar wir manchmal mehr arbeiten und uns abmühen als die Herren selbst. In Palästina schaffen, wir. für uns selbst und auf eigene Rechnung, und die Früchte unserer Arbeit bereichern uns nicht nur an nationalem Gut, sondern auch an nationalen Fähigkeiten auf Ge- . *) Aus einem Gespräch des Dichters, der jetzt in Europa weilt, mit einem Berichterstatter der «Davar». Meten, auf denen die jüdische Schöpferkraft bisher gelähmt war. Hebräisch und Jiddisch Wir freuen uns nicht des Unterganges der jiddischen Sprache, dieser ist aber ein Urteil des Schicksals. Es bestehen eiserne Gesetze der Entwurzelung und Pflanzung. Wenn auch große Schöpfungen in dieser Sprache geschaffen wurden, wenn ihr auch große Dichter und Schriftsteller erstanden sind, ihr Schicksal ist besiegelt. Der Untergang ist eine historische Kategorie. Die Sprache ist ans Land gebunden. Die hebräsche Sprache rettete sich durch Verwurzelung inr eigenen Boden. Eine Abordnung der slovaklschen Judenheit beim Präsidenten Masaryk Prag, 16. Oktober. (J. T. A.) Präsident Masaryk, der einige Tage in Bratislava geweilt hat, empfing ddrt als die Vertreter der slovakischen Judenheit Dr. Leo Sipos, sowie für die orthodoxe Bratislavaer Gemeinde den Oberrabbiner Schreiber und den Rabbiner Koloman Weber aus Piestan. Auf die Ansprache des Präsidenten der neologen Gemeinde, Dr. Stein, entgegnete Masaryk: Sie haben gesagt, daß Sie im Stillen leiden, daß Sie aber Geduld haben. Geduld ist notwendig, Leiden ist aber heute nicht nötig. Sie sollen nicht leiden, ebenso wenig wie irgendein anderer Staatsbürger, öb er dieser oder jener Nationalität angehört. Hier ist eine demokratische Republik, die die Freiheit der Ueberzeugung und die Freiheit der Arbeit gewährleistet, GroOfleischhauerel SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u. A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für -HS^-Fieisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autoseustellung kostenlos IX, Berggasse 1*> XVIII, Währingerstraße 97 und ich wünsche nur, daß wir alle zusartinien uns bemühen, das zu erreichen, was wir alle erstreben: Ein anständiges Leben in Freiheit. In Beantwortung der Ansprache, die im Namen der jüdischen Bevölkerung Bratislavas der Vertreter der Jüdischen Partei, Dr. Leo Sipos, an den Präsidenten der Republik richtete, erwiderte Masaryk: «Ich danke Ihnen und allen Mitbürgern .Ihres Glaubens. Ue.ber mein Verhältnis zu Ihnen ist oft gesprochen worden. Ich bin ein Mensch der Arbeit, und Sie wissen, daß ich für Sie getan habe, was sich tun ließ. Ich bin den Grundsätzen treu geblieben, die ich immer befolgt habe, und seien Sie versichert, daß es in der demokratischen Republik auch ihnen gut gehen wird.» In seiner Ansprache an die Deputationen der Deutschen, Ungarn und Juden führte Präsident Mäsaryk u. a. noch aus: Es ist wichtig, gerade hier in der Slowakei, daß alle Nationalitäten und Glaubensbekenntnisse nach Einheit und gemeinsanier Arbeit streben. Prag ist nicht nur die Stadt der Tschechen, sondern die Stadt aller Nationen der Republik. Ich sehe keinen Unterschied zwischen den Staatsbürgern — ich spreche als Präsident , der Staat ist dazu da, um die Aufgaben der Völker zu erfüllen; Staat und Volk sind nicht ein und dasselbe, der Staat soll mit dem Volk mitarbeiten. E. Donnerstag den 16. Oktober abends erschien der König Inajatullah von Afghanistan in dem unserem Leserkreise bekannten Restaurant «M i r a b e 11», Hans Mayer, Wien, I., Habsburgerg a s's c 6, wo auch eine vorzügliche orientalische Küche geführt wird, mit seiner Gemahlin, Sohn und Dolmetsch zum Nachtmahl. Der König selbst war in einem dunkelbraunen Anzug, die Königin in einem hellgrünen langen Kleid, darüber einen prachtvollen silbergrau gefärbten Hermelinmantel. Als Vorspeise wählte der König Patlagele, Viniti (Melanzani), nachher eine zweite Vorspeise, lkra (Fischroggen mit Mayonnaise). Als Fleischspeise wurde dann je ein Frigarui mit Paprika gewählt. Das ist ein Lungenbraten, welcher am Spieß zubereitet wird; die Paprika werden ebenfalls am Rost geröstet und verlieren dadurch die ganze Schärfe. Hierauf erhielten die Herrschaften eine Balkan-Platte, d. s. alle herrlichen orientalischen Spezialitäten auf einer Platte wundervoll arrangiert, u. a. Hammelfleisch, Leber, Euter etc., alles am Rost zubereitet. Als Nachspeise wurden noch zwei Paar Kibab mit serbischem Reis, das ist faschiertes Fleisch am Rost in Form von. Würsten, und ein rumänischer Schafkäse serviert. Tee und türkischer Kaffee haben das Diner, welches vom König selbst zusammengestellt «war und das ihn aus ausgesprochenen Gourmand kennzeichnet, abgeschlossen. Als richtige Orientalen haben die Herrschaften keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen. Um zehn Uhr entfernten sich die königlichen Gäste, wobei der Söhn des Königs, welcher ein vorzügliches Deutsch spricht, dem Inhaber des Restaurants mitteilte, daß der König mit der Zubereitung seiner heimatlichen Küche außerordentlich zufrieden war. KOLPORTEURE zum Straßenverkauf 4er „Stimme" werden auf genommen Vorzustellen zwischen 9 bis 1 Uhr In der Adm. der „Stimme", I., Rauhensteing. 1 Die tote Mutter Von Ludwig Berger. Jisgadal wejiskadasch scheme rabu . . . Kaum acht Jahre zählte Chanina, als man an einem Regenmorgen seine Mutter forttrug. Wehklagen erfüllte das Haus, dessen Türen weit offen standen. Männer kamen und gingen und manch mitleidiger Blick strich über den blonden Scheitel des blassen Knaben, der mit fragenden Augen auf das blickte, was hier geschah. Er sah, daß alle weinten; der Vater, den er nie weinen gesehen, die Geschwister, die sich eng aneinanderdrängten, und das Kindermädchen. Er weinte nicht. Er verstand nicht. Wohl hatte er gehört, sie sei tot, gestorben, für immer fort von ihnen, aber er konnte nicht verstehen, warum. «Es war Gottes Wille», der Vater küßte ihn weinend. Oh nein, Mutter selbst hatte fort wollen. Sic war so müde gewesen, es hatte ihr nicht mehr gefallen, Tag und Nacht zu arbeiten, sich mit den Kindern zu ärgern und ihr ewiges Geschrei zu beschwichtigen. Er hatte sie oft in ihre blaue Schürze weinen gesehen. Darum war sie fort. Aber er — Chanina — hatte sie doch nie geärgert. Er war immer ruhig gewesen, und sie hatte ihn so lieb gehabt. Er war doch ihr kleines, goldiges Schäfchen gewesen, zehnmal des Tages hatte sie ihn geherzt und geküßt. Zu ihm mußte sie doch zurückkommen! Alles in seiner kleinen Brust lehnte sich auf, gegen das Schicksal, da es ihn zum erstenmale packte. Und auf einmal wußte er es: Sie würde zu ihm zurückkommen. Nur zu ihm. Aengstlich betrachtete er den Vater, die weinenden Geschwister, ob niemand sein Geheimnis erraten hätte. Er hatte ein Geheimnis. Fremd, schloß er sich gegen die weinenden Menschen um ihn ab. Sie würde nur zu ihm zurückkommen. Und er frohlockte. Gleichgültig wiederholte er die Worte des Kadisch, die der Vater ihm mit gebrochener Stimme vorsagte: Jisgadal wejiskadasch scheme rabu...; . Und dann, kamen viele fremde Menschen und die Verwandten. Sie weinten und sprachen immerfort von seiner Mutter, sie küßten ihn, tranken Schnaps und gingen, die Taschentücher in den Händen, wieder fort. Und er mußte Schiwe sitzen, ohne Schuhe, auf dem Bügelbrett, das man auf zwei Töpfe gelegt hatte und immer wieder kamen Menschen und gingen. Er saß geduldig und wartete, wartete auf seine Mutter. Seine schöne Mutter, deren linde Hände immer allen Schmerz von ihm genommen hatten, wenn er krank war. Und immer hatte ein leises Rot ihre blassen Wangen gefärbt, wenn sie ihren kleinen Chanina auf den Arm genommen und ihn zärtlich auf beide Augen geküßt hatte. Er wartete. Und als er abends mit brennenden Augen in sein Bettchen fiel, da murmelten seine schmalen Lippen von selbst die Worte des Kadisch. Sie kam. Und da wußte er: Jisgadal wejiskadasch scheine rabu — das waren die Zauberworte. Sic kam mit strahlendem Lächeln und so jung, wie er sie aus seinen ersten Lebensjahren in Erinnerung hatte. Sie nahm ihn sanft am Händchen und führte ihn aus dem Hause, durch einen Wald, in dem dunkle, große Bäume standen, auf weißen Wegen zu einer Wiese, auf der Blumen und Schmetterlinge in der Sonne badeten. Und sie setzten sich ins Gras und sie herzte und küßte ihn wie früher und sprach: «Ich bin gar nicht tot.» Nur diese Worte sagte sie. Und die Bäume und die Blumen, die Schmetterlinge und die Sonne wiederholten: Sie ist gar nicht tot. Und er jauchzte: Ich habe es gewußt, du bist gar nicht tot. Sie lebte, er empfand es süß, lebte mitten unter den Blumen, auf der Wiese. Lange saßen sie so, bis sie aufstand und ihn in sein Bettchen zurückführte. Monate vergingen. Die Tage waren ihm lästig, er wollte nicht essen, nicht trinken, er sprach nicht und mied seine Geschwister. Sein kleiner Körper verfiel zusehends, seine Wangen wurden hohl, seine kleinen Händchen wurden fahrig und unruhig. Nervosität, meinte der ekelhafte Doktor mit dem blonden Vollbart, an welchem immer Speisereste klebten. Chanina haßte den Doktor. Und dann kam er aufs Land. Es wurde nicht besser. Seine großen, dunklen Augen brannten-aus einem fahlen, altklugen Gesicht, sein Benehmen wurde immer scheuer, er wurde immer unzugänglicher. Erst wenn sein vom Warten geschwächter I Körper abends einschlief, erwachte seine kleine Seele, ] und mit zitternden, trockenen Lippen flüsterte er seine 1 Zauberworte. Und Nacht für Nacht verbrachte er herrliche Stunden mit seiner Mutter, die gar nicht tot war, fühlte er ihre Wärme, auf jener traumhaft schönen Wiese und die Bäume und die Blumen, die Schmetterlinge und die Sonne wiederholten immer von neuem: Sie ist gar nicht tot. Er wurde krank, schwer krank. Professoren kamen an sein Lager und schüttelten die weißbärtigen Köpfe. Er sah sie nicht. Und die Sehnsucht nach der Nacht fraß tagsüber am Lebensmark des Kindes. Der Vater fuhr mit ihm ans Meer. Aus den tosenden Wellen hörte der Knabe nur seine Zauberworte: Jisgadal wejiskadasch scheine rabu ... Er wurde immer schwächer, sein elender Körper nahm keine Nahrung auf. Kaum, daß er an milden Tagen sein Lager verlassen konnte. Die traurigen Augen seines Vaters verstand er nicht, er wartete nur auf die Nacht. Und wieder einmal war ein Tag dem Ende nahe. Auf dem Meere draußen heulte der Sturm. Unheimlich war das Toben der Elemente ins Zimmer des Knaben gedrungen. Chanina lag mit fiebernder Stirne int Bettchen und harrte der Abendschatten, die ihm erlaubten,' die Zauberworte zu gebrauchen. Der Vater saß an seinem Bettchen. Als es dunkelte, hieß Chanina mit müder und fremder Stimme den Vater hinausgehen, und weihend ließ ihn dieser allein. Und die Nacht kam und die Mutter. Heute in wallendem, zauberweißem Gewände, mit bleichem Antlitz und zitternden Lippen. Ihre braunen Augen blickten lange todtraurig auf ihr kleines, goldiges Schäfchen — und sie nahm ihren kleinen Knaben zögernd an der Hand und führte ihn . fort, weit fort ... Und als ein grauer, unfreundlicher Morgen noch schläfrig zum Fenster hereinkroch, lag eine kleine Leiche im Bett, ein wunderseliges, glückliches Lächeln, in'dem eingefallenen Gesichtchen. Jisgadal wejiskadasch scheine rabu . . .

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